Marrafuschi verweist auf die Umstände: "Man versteht es vor dem Fernseher nicht so gut, aber Formel-1-Autos erzeugen viel mehr 'Spray' als vor 20 Jahren. Denn je mehr Aerodynamik du hast, desto größer wird dieses Problem."
Aus bloßer Reifensicht gelte außerdem: Mehr Wasser-Verdrängung bedeutet einen besseren Bodenkontakt, allerdings ebenso mehr Spray.
Und damit rückt die Grenze der Bedingungen, in denen noch gefahren werden kann, nach unten. Ist es für Intermediates zu nass, ist es (derzeit) zu nass für ein F1-Auto.
Pirelli sei zwar um Entwicklung bemüht, das nehme aber mehr Zeit in Anspruch - und Testzeit ist ein begrenztes Gut: "Es ist auch nicht so simpel, bei nassen Bedingungen zu testen, wie bei trockenen."
Ein Testlabor wie kein anderes
Genau damit beantwortet Marrafuschi auch die Frage, was eine Reifenmarke eigentlich von einer derartigen Präsenz an Nutzen zieht - speziell, wo kein Mitbewerb zu schlagen ist?
Die Formel 1 sei immer noch das beste Freiluftlabor der Welt, obwohl sich der Technologietransfer von dort auf die Straße nicht direkt gestaltet.
Dafür brauche es auch keinen Konkurrenten. "Früher war die Herausforderung, den Reifen auf ein bestimmtes Auto zuzuschneiden. Nun müssen die Hinterbänkler und Spitzenteams ein Produkt bekommen, das für elf Teams gleichermaßen funktioniert."
Digitalisierung dank der Formel 1
Wobei längst nicht mehr nur "Freiluft" entwickelt wird. Mit dem Formel-1-Wiedereinstieg hielt die digitale Produktentwicklung bei Pirelli Einzug, seither entsteht ein großer Teil jedes Reifens am Bildschirm.
Das gelte auch für die Straßenprodukte und markiere damit den größten Überschnitt mit dem "Tagesgeschäft": "Heutzutage ist so viel Technologie im Prozess dabei, dadurch läuft alles schneller und präziser", so Marrafuschi.
Die direkteste Verbindung zur Straße liegt in den Materialien - und den Entwicklungs- und Herstellungsprozessen. So hätten die digitalen Entwicklungswerkzeuge binnen vier Jahren dazu beigetragen, auch Straßenprodukte auf diesem Weg zu konstruieren.
"Wir verstehen nun Abrolleigenschaften, das Verhalten im Nassen, die Lärmentwicklung deutlich besser. Und das wurde durch die Challenge, die wir in der Formel 1 haben, definitiv beschleunigt", ist Marrafuschi überzeugt.
Denn nirgends wäre die Belastung für einen Reifen höher als hier. Bestehen Entwicklungsrichtungen diese "Feuerprobe", bestehen sie auch auf der öffentlichen Straße.
Die Zukunft ist kaum absehbar
Die Reifenbranche ist in den Details enorm schnelllebig. Die Frage danach, wie der Formel-1-Reifen in zehn Jahren aussehen werde, muss Pirellis Motorsportchef unbeantwortet lassen.
Nachhaltiger soll er sein, klar. "Wenn wir von Nachhaltigkeit sprechen, bezieht sich das vor allem auf Herstellungsprozesse", erklärt Marrafuschi.
Seit 2024 tragen Pirellis F1-Reifen das "FSC"-Zertifikat, das die Verwendung von Naturkautschuk nach ökologischen und sozialen Kriterien bescheinigt. Das gesamte Portfolio an Alltagsprodukten soll diesem Vorbild nach und nach folgen. In den europäischen Fabriken ist die Umstellung schon erfolgt.
Der F1-Reifen am Spielplatz
Bleibt noch die Frage der Entsorgung. Was passiert mit den verwendeten Formel-1-Reifen eigentlich?
"Zuerst sammeln wir alle wieder ein, weil wir natürlich nicht wollen, dass die Technologie da draußen frei kursiert", gibt der Italiener zu.
Details über den weiteren Verwertungsprozess und die Folgeprodukte bleiben geheim, aber grob erklärt: "Die Reifen werden zerstört, um wieder Rohmaterial zu gewinnen. Das findet sich dann etwa in Belägen von Spielplätzen. In zehn Jahren wird es sicher noch weitere Anwendungsfälle geben."
Gut möglich also, dass die Kinder nebenan gerade auf ehemaligen Formel-1-Reifen herumturnen.