Auftakt gelungen: Was aus Spielberg übrig bleibt

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Lange mussten wir warten. Lange mussten wir rätseln, ob das Experiment "Formel 1 in der Corona-Krise" tatsächlich funktioniert. Und es ist gelungen!

Unter hohen Sicherheits-Vorkehrungen hat Spielberg gleich zwei Rennen fehlerfrei über die Bühne gebracht. Natürlich gehen die Dinge noch nicht ihre üblichen Wege, das lässt sich nicht ganz ausblenden. Auf sportlicher Seite waren aber keinerlei Einschränkungen zu bemerken.

Zeit also, ein Fazit über die zwei Wochenenden zu ziehen, die sich nicht nur in die Geschichte der Formel 1, sondern auch des Sports in Österreich schreiben werden. Was ist aufgefallen - und was erwartet uns vor allem sportlich für den Rest der Saison?

LAOLA1 zählt eine Handvoll Brennpunkte auf:

Mercedes kann sich (vorerst) nur selbst schlagen

Wer auf einen breiten Kampf um die WM-Krone hoffte, muss seine Wünsche nach den ersten beiden Wochenenden erst einmal bremsen. Beim Grand Prix von Österreich war die Überlegenheit von Mercedes nicht drückend, die Weltmeister hatten mit Problemen zu kämpfen. Ein Doppelsieg wäre aber in Reichweite gewesen, hätten sich der Crash und die Strafe von Lewis Hamilton vermeiden lassen. Dass die schwarzen Silberpfeile besagte Probleme binnen weniger Tage lösen konnten und beim Steiermark-GP eine relativ ruhige Kugel schieben konnten, zeigt, wie gut dort gearbeitet wird, und wie verdient der Vorsprung ist. Dies macht aber wenig Hoffnung, dass es den ganz großen Stolperstein geben wird, der Hamilton und Valtteri Bottas entscheidend einbremst. Die Pace der anderen Teams war am Red Bull Ring jedenfalls bei weitem nicht ausreichend, um wirklich angreifen zu können. Die Siegchance von Alexander Albon - vor dessen Stelldichein mit Hamilton - war im ersten Rennen schließlich von einer Safety-Car-Phase gestützt. Im zweiten Grand Prix war von Siegfähigkeit keine Spur mehr.

(Text wird unterhalb fortgesetzt)

Valtteri Bottas ist zum Herausforderer gereift

Die gute Nachricht angesichts dessen: Vielleicht weckt 2020 Erinnerungen an 2016, als Nico Rosberg als bislang letzter Fahrer einen WM-Titel von Hamilton verhindern konnte. Und am Weg dahin im Stallduell für viel Drama sorgte. Eine Neuauflage mit derart viel Reibung werden die Mercedes-Bosse zwar zu verhindern wissen, die "ewige Nummer zwei" Valtteri Bottas scheint nach Jahren des Wasserträger-Daseins aber endlich zum potenziellen Herausforderer gereift zu sein. Der Finne spulte seinen Sieg am ersten Wochenende ähnlich kühl herunter, wie Hamilton den seinigen am zweiten. Und nach einem nicht ganz zufriedenstellenden Qualifying im Regen, bei dem nur Startplatz vier herausschaute, machte Bottas am Sonntag wieder vieles richtig und kochte auch Max Verstappen locker ab. Der bald 31-Jährige scheint seine Zeit gekommen zu sehen und geht vorerst einmal auch als WM-Leader in den Grand Prix von Ungarn. "Ich spüre die Fortschritte gegenüber letztem Jahr. Ich weiß, wozu ich fähig bin. Und mein Job ist es, immer besser zu werden" - das klingt nach einer Kampfansage.

Red Bull ist Nummer zwei - nicht mehr, nicht weniger

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Die große Frage aus Sicht von Red Bull war vor Saisonbeginn, ob das Team Ferrari angreifen kann. Nach selbstverschuldetem Wegfall der Scuderia darf sich man sogar über den klaren Status als Nummer zwei freuen. Ob es schon zu einem Angriff auf die Spitze reicht, darf angezweifelt werden, zu eklatant war die Schwäche gegenüber allen Mercedes-angetriebenen Teams auf den Geraden. Max Verstappen will um Siege kämpfen, ein früher Ausfall beim Grand Prix von Österreich verhinderte einen Einblick in die Möglichkeiten, beim Grand Prix der Steiermark war ein Triumph nicht in Reichweite. Alexander Albon zementierte die Rolle von Red Bull Racing als Vierter zwar ein, der Pace-Unterschied zum Teamkollegen war aber groß. Der Hungaroring ist durch sein Layout vielleicht die beste Möglichkeit für Red Bull und Honda, einen neuen Anlauf auf die Mercedes-Vormachtstellung zu starten, danach könnte es aber schwer werden, noch einen weiteren Satz nach vorn zu machen.

Ferraris letzte Erfolge waren dubios

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Dass Ferrari - mitsamt seinen Kunden-Teams Alfa Romeo und Haas - DIE große Verlierer-Abteilung des Auftakts war, ist unbestritten. Die Vorstellung der Scuderia in den ersten beiden Rennen samt zugehöriger Qualifyings lässt nicht nur ganz Übles für das erahnen, was da 2020 noch kommt - sondern wirft auch ein schiefes Licht auf die Erfolge des Vorjahres. Ruft man sich die Diskussionen um den wohl illegalen Ferrari-Motor des Vorjahres in Erinnerung, die verdächtig leise von der FIA abgehandelt wurden, scheint wohl klar: Hier mussten in Maranello Änderungen vorgenommen werden, die komplett gegen die Performance gingen. Die Fortschritte der letzten Saison scheinen einfach nicht auf legalem Wege zustande gekommen zu sein, sonst ist ein derartiger Abfall im direkten Vergleich mit der eigenen Leistung am Red Bull Ring vor einem Jahr nicht zu erklären. Findet Ferrari innerhalb der begrenzten Gestaltungsmöglichkeiten während einer Saison nicht schnell einen guten Ansatzpunkt, wird die Saison 2020 zur Peinlichkeit - und die Scuderia zu einem Mittelständler. Was sich Carlos Sainz wohl denkt?

Für Unterhaltung reicht ein Blick ins Mittelfeld

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Ganz vorn mag der Grand Prix der Steiermark nicht für übermäßige Action gesorgt zu haben, in den restlichen Punkterängen war aber reichlich los. Nicht nur während der letzten Runden, in denen sich Renault, McLaren und Racing Point um die Plätze bekriegten. Die Leistungsdichte hinter Mercedes und Red Bull scheint sehr eng zu sein, besonders, wenn Ferrari in diesem Feld auch noch ein Wort mitspricht bzw. mitsprechen muss. Auch auf politischer Ebene ist hier für genug Zündstoff gesorgt, schon jetzt gibt es protestierende Stimmen gegen Racing Point und den vermeintlich kopierten Vorjahres-Mercedes. Die Formel 1 ist nicht nur langweilig, der Blick muss sich lediglich weg von der Spitze bewegen.

Kinder an die Macht

2020 gibt es mit dem vergleichsweise erfahrenen Einsteiger Nicholas Latifi, der im Williams gezwungenermaßen am Ende des Feldes herumgurken muss, zwar nur einen waschechten "Rookie". Insgesamt zeigen die Fahrer mit überschaubarer Kilometerzahl in einem Formel-1-Auto und im Leben aber für viel Furore. Insbesondere Lando Norris, der sich nach einem dritten und einem fünften Rang - trotz einer Fahrt unter Schmerzmitteln! - nach den ersten beiden Rennen auf Rang drei der WM wiederfindet. Esteban Ocon geht seinem gestandenen Renault-Teamkollegen Daniel Ricciardo durchaus auf die Nerven, Carlos Sainz hat mit 25 auch noch einige Jahre in der Formel 1 vor sich. Alexander Albon hat noch Aufholbedarf gegenüber Red-Bull-Kollege Max Verstappen, spielt 2020 aber schon vorne mit. Über die Rolle von Verstappen selbst und Charles Leclerc, der mit begrenzten Möglichkeiten immerhin schon einen zweiten Platz zu Buche stehen hat, gibt es sowieso keine Erläuterungen mehr. Und ein zwölfter Startplatz im Regen-Qualifying des zweiten Wochenendes ist in einem Williams für George Russell auch als absolutes Erfolgserlebnis zu werten.

Geisterrennen machen mehr Spaß als Geisterspiele

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Die Corona-Einschränkungen drücken der Welt des Sports ihren Stempel auf, das ist in vielen Bereichen stark zu merken. Bei der Formel 1 war das zumindest für die Fernseh-Zuschauer gar nicht so eklatant zu registrieren. Klar, die beeindruckenden Bilder der Verstappen-Anhänger, die ganze Tribünen in Orange tauchen, haben diesmal gefehlt. Aber insgesamt hat die Königsklasse einen guten Job gemacht, die besonderen Umstände hinsichtlich der Präsentation nicht zu sehr in den Vordergrund kommen zu lassen. Wo die Stimmung der Fans beim Fußball fehlt, findet das Spektakel im Motorsport ohnehin ausschließlich am Haupt-Schauplatz statt. Zu laut für Eindrücke von außen. Für das Produkt selbst ist vorerst einmal zu verschmerzen, dass die Menschenmassen an der Strecke fehlen. Für die Veranstalter natürlich weniger.

Das Corona-Konzept funktioniert

Sorglosigkeit in der Corona-Prävention kann ganz schnell zu einer Katastrophe für die Reputation einer ganzen Sportart werden - man denke nur an die Adria-Tour im Tennis, das einige Spieler mit dem Coronavirus "beglückte". Trotz der hohen Aufwände im Hintergrund spulte die Formel 1 ihr Konzept in Spielberg aber völlig fehlerfrei und ohne einen einzigen positiven Test ab, obwohl tausende Menschen am Tross beteiligt sind. Natürlich bleibt abzuwarten, ob andere Länder im Kalender ähnlich positiv bilanzieren dürfen, wie die Veranstalter in der Steiermark (HIER nachlesen>>>). Vorerst darf sich die ganze Formel 1 aber auf die Schulter klopfen. Internationaler Spitzensport kann auch in der Corona-Krise funktionieren. Ein gutes Zeichen für die nahe Zukunft, möge es so bleiben.

Die Formel 1 lässt eine große Chance liegen

Die Formel 1 hat sich angesichts der logistischen Herausforderungen in der Corona-Krise dazu entschieden, zwei Rennen am gleichen Schauplatz abzuhalten. Nach Spielberg wird zumindest auch Silverstone diese Ehre zuteil, in Abu Dhabi und Bahrain laufen derartige Planungen ebenfalls. So weit, so gut. Nach fünf Trainings, zwei Qualifyings und 142 Rennrunden binnen neun Tagen auf ein und derselben Strecke muss aber festgehalten werden: Irgendwie muss Abwechslung her. Die Idee, unterschiedliche Reifenmischungen zuzulassen, ist nett - wie die Fahrer nach dem Steiermark-Rennen aber selbst zugaben, wird das kaum einen Unterschied machen. Auf fast allen Strecken dieser Welt kann mit unterschiedlichen Layouts experimentiert werden, warum nicht hier ansetzen? Den heiligen Gral einer Format-Änderung mit Sprintrennen wollte die Formel 1 nicht aufgreifen, aber eine bessere Gelegenheit für ein bisschen Mut wird es so schnell nicht mehr geben.

Textquelle: © LAOLA1.at

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