Ex-Teamchef Sauber: "Sehe F1-Zukunft kritisch"

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Aus einem kleinen Sportwagenteam der 1970er-Jahre machte der frühere Sportwagenpilot die Sauber Motorsport AG in Hinwil, brachte Mercedes Ende der 1980er in den Motorsport zurück, gewann Le Mans und stieg 1993 in die Formel 1 (übrigens mit Karl Wendlinger und J.J. Lehto als erste Fahrer) ein.

Von 1995 bis 2004 war Peter Saubers Miteigentümer Dietrich Mateschitz. 2016 verkaufte der heute 77-Jährige das F1-Team an die Investmentgruppe Longbow, die sich später mit Alfa Romeo auf ein Sponsoring und einen neuen Teamnamen einigte. Auch 2021 wird die Partnerschaft fortbestehen (Alle Infos>>>), mit Oldie Kimi Räikkönen und Antonio Giovinazzi bleiben auch die gewohnten Fahrer an Bord (Alle Infos>>>).

Obwohl der Hinwiler beim Team nicht mehr die Fäden zieht, hat er das Interesse am Rennsport nicht verloren.

Im Interview mit LAOLA1-Kolumnist Gerhard Kuntschik spricht Sauber über die Zukunft der Formel 1, welche Fehler in der Vergangenheit begangen wurden, wie er sein Ex-Team Alfa Romeo-Sauber derzeit sieht und seine Beziehung zum einstigen Partner Dietrich Mateschitz.

LAOLA1: Herr Sauber, schauen Sie eigentlich noch Formel 1 im Fernsehen?

Peter Sauber: Ja. Ich bin ja seit gut vier Jahren weg von der Firma, habe auch keine Anteile mehr. Aber es ist schwierig, sich von dem zu trennen, bei dem man über Jahre mit dem Herz dabei war. Ich verfolge die Formel 1 intensiv am TV und habe die Detailzeiten und Daten des Formel-1-Managements auf dem Schirm. Wenn man das jahrelang gewohnt war, kann man sehr viel daraus lesen. Ich verfolge das, aber wenn ich einen wichtigen Anlass habe, dann auch einmal nicht.

LAOLA1: Was gefällt Ihnen derzeit an der Formel 1 und was missfällt Ihnen?

Sauber: Das ist schwierig zu beantworten. Ich bin fast 30 Jahre mit der F1 verbunden, und es hat immer ein Auf und Ab gegeben. Man wollte immer schon die Technik reduzieren, die Kosten senken, das Feld ausgleichen. In der Regel wurde es nach einer Änderung schlimmer als vorher. Wenn man etwas billiger machen wollte, wurde es teurer. Da wurden Fehler gemacht, muss man im Nachhinein sagen.

LAOLA1: Zum Beispiel?

Sauber: Die ganze Hybridaktion. Die hat eigentlich Renault angezettelt, Mercedes musste mitziehen, und heute wären alle froh, würde es diese Hybridmotoren in der Form nicht geben. Diese enormen Kosten, die mit der kommenden Budgetdeckelung nur teilweise runtergehen, sind ein Hauptproblem. Dass ein Traditionsteam wie Williams zwar nicht verschwindet, aber nicht mehr der Gründerfamilie gehört, das tut schon weh.

LAOLA1: Wird die Zukunft besser?

Sauber: Das ist schwer vorauszusagen. Ich sehe die Zukunft kritisch, auch wenn die Formel 1 schwierige Zeiten immer überlebte. Es geht um sehr viel Geld, und wenn es um viel Geld geht, wollen die Leute ihr Geschäft am Leben erhalten. Es ist jetzt eine schwierige Phase. Der Ausstieg von Honda vermutlich aus finanziellen Gründen zeigt die Problematik. Man weiß nicht, ob noch jemand folgt. Das Hauptproblem ist weiterhin die Verteilung der Gelder, auch nach der Reform. Die Kleinen bekommen immer noch zu wenig. In anderen Serien, z.B. in den USA, wird besser verteilt.

LAOLA1: Glauben Sie, dass die Dominanz von Mercedes in absehbarer Zeit gebrochen werden kann?

Sauber: Ich weiß nicht, was dafür passieren müsste. Ich gehe davon aus, dass der Red Bull vom Chassis her Mercedes ebenbürtig ist. Mit gleichem Motor kann Verstappen, den ich sehr hoch einschätze, aus eigener Kraft gewinnen. Ich bin gespannt, welche Entscheidung (Dietrich) Mateschitz jetzt trifft, ob er wirklich versucht, den Honda-Antrieb zu übernehmen und weiterzuentwickeln. Das wäre eine sehr große Aufgabe. Auch wenn das Geld dafür vorhanden wäre, muss man sich schon fragen, ob die Investition den Aufwand lohnt. Die Motoren heute sind technische Wunderwerke, was aber niemand realisiert. Es interessiert den Zuschauer nicht, ob da zwei Kraftwerke dabei sind, die Strom, erzeugen. Da würde sich Dietrich Mateschitz eine große Last aufladen, wenn alles selbst gemacht werden soll. Vor allem wegen der Elektronik.

LAOLA1: Wurde die Formel 1 unter Liberty-Management besser, als sie es unter Bernie Ecclestone war?

Sauber: Gute Frage. Sie wurde anders. Aus meiner Sicht wurde es verpasst, einen großen Schritt in die gute Richtung zu machen. Aber Liberty kann motorenseitig nichts selbst unternehmen, da braucht es den Konsens mit der FIA und den Motorenherstellern. Und dort sind wieder viele verschiedene Interessen im Spiel. Die Motorenhersteller haben nun eine gewisse Macht, damit ist man in Zwängen gefangen. Mit Ross Brawn (Sportmanager Liberty/F1-Management, Anm.) wüsste einer dank seiner langen Erfahrung, wie es ginge, aber der kann sich allein auch nicht durchsetzen.

LAOLA1: Wenn Sie auf Ihre Zeit als F1-Teamchef und Eigentümer zurückblicken, wie würde Ihr Fazit ausfallen? Alles richtig gemacht oder hätten Sie dies und das anders gelöst?

Sauber: Meine Karriere im Motorsport dauerte fast 50 Jahre. Im Nachhinein betrachtet würde man wohl vieles anders machen. Aber das kann man so nicht beurteilen. Darum würde ich heute sagen, ja, ich würde es wieder so machen, auch wenn Fehler passierten.

LAOLA1: Auch wenn das Team jetzt Alfa Romeo heißt, der Bewerber aber Sauber Motorsport ist – haben Sie noch Kontakte zu "Ihrem" Team?

Sauber: Ja, ich komme zu zwei, drei Rennen – heuer natürlich nicht –, bin bei der Weihnachtsfeier eingeladen, verfolge die Rennen am TV und drücke die Daumen.

LAOLA1: Was uns immer wunderte: Wieso gelang es einem Schweizer Team nicht, außer der Credit Suisse große Schweizer Sponsoren in diesem reichen Land zu gewinnen?

Sauber: Das ist eine berechtigte Frage. Die Schweizer haben zum Automobil ein gespaltenes Verhältnis. Sie finden nirgendwo so viele teure, luxuriöse und bestausgestattete Autos wie in der Schweiz. Der Schweizer liebt sein Auto. Aber wenn es darum geht, dazu zu stehen, setzt er sich nicht dafür ein. Vielleicht hat das einen Einfluss auf die Chefetagen der Firmen. Dass die Credit Suisse viele Jahre bei uns war, war nur Oswald Grübel zuzuschreiben (CEO 2003 bis 2007, Anm.). Sonst hätte es nie geklappt. Dass die UBS heute bei Mercedes ist, war auch wegen Oswald Grübel, der nach der Credit Suisse UBS-Chef wurde. Bei anderen großen Unternehmen wie ABB, dem nunmehrigen Titelsponsor der Formel E, war kein Interesse vorhanden, auch nicht bei der Privatbank Julius Bär, die sich ebenfalls in der FE engagiert. Der damalige Chef wäre gern zu uns gekommen, aber die Formel 1 war schlussendlich zu teuer.

LAOLA1: Hypothetische Frage: Wären Sie noch Teamchef, hätten auch Sie Kimi Räikkönen (eben 41 geworden, Anm.) für 2021 20 Jahre nach seinem Einstieg bei Sauber weiterverpflichtet?

Sauber: Ich denke schon. Kimi ist ein sicherer Wert. Wenn er eine Chance hat, etwas zu holen, ist er weiterhin ein Kämpfer und schnell. Er ist für das Team sehr wertvoll, das weiß ich von Mitarbeitern. Er strengt sich mit den Ingenieuren an, kommt auch ins Werk nach Hinwil.

LAOLA1: Wie kann Alfa Romeo-Sauber vorankommen? Fehlt es nur beim Ferrari-Motor?

Sauber: Vom Chassis her ist das Team auf dem Niveau von Ferrari. Leclerc ist ein Spitzenfahrer. Wenn er etwas weiter vorn steht, ist das der Fahrer und nicht der Ferrari. Im Vergleich ist der Haas, der eigentlich ein Ferrari ist, nicht mehr schneller. Das Handicap heuer ist der Motor. Es fehlt nicht so viel zum Mittelfeld mit AlphaTauri, McLaren, Renault. Mit 50 PS mehr ergäbe sich ein anderes Bild. Aber nichtsdestotrotz hat das Auto Verbesserungspotenzial.

LAOLA1: Auch die Schweiz wartet auf einen Formel-1-Fahrer. Sehen Sie da jemanden mit Potenzial?

Sauber: Momentan drängt sich niemand auf. Aber ich habe die Situation nicht so im Blickfeld. Ich suchte in der Vergangenheit nie nach Fahrern. Da Sauber immer ein angenehmes Team für junge Fahrer war, kamen die zu uns. Ich musste nur aussuchen, wie Frentzen, Wendlinger, Räikkönen, Massa, Kubica oder Pérez.

LAOLA1: Als ehemaliger Le-Mans-Gewinner: Wie sehen Sie die Langstrecken-WM? Hat sie eine Zukunft, sind Hypercars die Lösung?

Sauber: Ich habe diese Entwicklung nicht verfolgt, weil es mir zu kompliziert wurde. Es fehlen die großen Sportwagen. Le Mans habe ich mir jüngst angesehen, die LMP2-Klasse war sehr interessant. Aber die großen Prototypen mit Toyota, die gewinnen müssen, das ist nicht mehr so wie früher. Aber auch die Langstrecke unterliegt einer Wellenbewegung. So gut wie früher mit Sauber Mercedes, Jaguar, Porsche, Peugeot, Toyota, Mazda oder zuletzt Audi, Porsche und Toyota ist sie nicht mehr.

LAOLA1: Ist die Formel E die Formel für die Zukunft?

Sauber: Hätte man mich vor 15 oder 20 Jahren gefragt, wie die Zukunft der Formel 1 sein werde, hätte ich gesagt, elektrisch. Dann nämlich, wenn alle auf der Straße elektrisch fahren. Dass es eine Formel E neben der klassischen F1 gibt, damit hätte ich nie gerechnet. Ich muss ehrlich sagen, die FE interessiert mich nicht sehr. Das Rennen in Zürich sah ich mir an, aber richtig begeistert hat es mich doch nicht.

LAOLA1: Haben Sie noch Kontakt zu Ihrem einstigen Partner Dietrich Mateschitz?

Sauber: Leider nein. Das waren zehn ganz tolle Jahre, auf die ich gern zurückblicke. Wenn es einen Berührungspunkt gibt, habe ich Kontakt mit Thomas Überall (Red-Bull-Sportmanager, Anm.), der funktioniert sehr gut.

LAOLA1: Und zu Sebastian Vettel? Der wohnt ganz in Ihrer Nähe?

Sauber: Nein. Er schreibt mir jedes Jahr eine Weihnachtskarte, die ich gern beantworte. Mit Nick Heidfeld gibt es noch einen losen Kontakt. Zuletzt hat uns auch Heinz-Harald Frentzen besucht. Aber wenn ich zu einem Rennen komme, sind die Begegnungen herzlich, wie zum Beispiel mit Alesi, Herbert, Massa oder Kubica.

Textquelle: © LAOLA1.at

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