Zwischen Gewalt und Hoffnung: Haitis besondere WM-Rückkehr
52 Jahre nach seiner bislang einzigen WM-Teilnahme kehrt Haiti auf die größte Fußballbühne der Welt zurück.
Haitis Rückkehr auf die WM-Bühne nach 52 Jahren steht unter ganz besonderen Vorzeichen. Das Leben im karibischen Inselstaat ist geprägt von Bandengewalt, Korruption, Hunger und politischer Instabilität, die sportliche Mission ist umso schwieriger.
Das beste Beispiel ist Mittelfeldakteur Jean-Ricner Bellegarde. Der in Frankreich geborene Wolverhampton-Legionär war noch nie in Haiti. "Es ist unmöglich, denn es ist zu gefährlich", sagte der 27-Jährige.
Dass Bellegarde noch keinen Fuß ins 12-Millionen-Einwohner-Land gesetzt hat, hat er mit Trainer Sebastien Migne gemeinsam. Der Franzose hat seinen Außenseitern Glauben, vor allem aber Disziplin und Zusammenhalt eingeimpft, und das mit Erfolg.
In 24 Spielen unter dem 53-Jährigen holte man im Schnitt 1,83 Punkte. Mit Blick auf die WM, wo zum Auftakt am Sonntag (3.00 Uhr MESZ im LIVE-Ticker >>>) Schottland wartet, hat Migne einen pragmatischen Ansatz: "In einem Spiel kann alles passieren. Wir wollen mit unseren Spielern eine neue Geschichte schreiben."
Weitere Gegner in Gruppe C sind Rekordweltmeister Brasilien und der 2022er-Halbfinalist Marokko.
Fußball als Ablenkung für geplagte Haitianer
Lediglich ein Spieler des 26-Mann-Kaders kickt in Haiti. Die Heimspiele der WM-Qualifikation wurden in Curacao ausgetragen, teilweise vor nur 500 Fans.
Seit Februar 2024 ist auch das Nationalstadion in Port-au-Prince geschlossen. Die Gegend um die Arena wird wie etwa 90 Prozent der Hauptstadt von Gangs kontrolliert. Der Fußball lenkt ab, gibt Hoffnung. "Gerade für die jungen Menschen, die in Haiti in der aktuellen Situation aufwachsen, gibt das Spiel Glauben", sagt Bellegarde.
Bei der WM könnte es ein ähnliches Bild wie in der Quali geben. Wegen eines Einreisestopps der USA dürfen Haitianer, die noch kein Visum haben, das Land nicht betreten.
Ob sie sich das überhaupt leisten könnten, ist eine andere Geschichte. Allein die Ticketpreise dürften auch für viele Exil-Haitianer in den USA unerschwinglich sein. Die zweite WM-Teilnahme nach 1974 werden sie wohl nur vor dem Fernseher verfolgen.
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Stürmer Nazon "flüchtete" aus dem Iran zur WM
Bei der bisher einzigen WM-Endrunde blieb Haiti in Deutschland ohne Punkt, immerhin jubelte man über zwei Tore. Für die soll diesmal u.a. Duckens Nazon sorgen.
Die WM-Anreise des bei Esteghlal im Iran spielenden Stürmers passt zur verworrenen Situation in der Heimat. Ende Februar wollte der 32-Jährige in Teheran einen Flieger nach Paris nehmen, um sich um sein WM-Visum zu kümmern. "Dann sagte uns der Steward, wir sollen raus aus dem Flugzeug, weil gerade der Krieg losgegangen ist", sagt Nazon.
"Auf einmal bist du nur noch im Überlebensmodus." Später schlug laut seinen Worten nur gut 100 Meter neben ihm eine Rakete ein. Er setzte sich ins Auto, nahm den Landweg zur Grenze. "Ich saß etwa 20 Stunden im Auto", berichtete Nazon.
Über Aserbaidschan gelang ihm schließlich mit einiger Verzögerung die Ausreise. Der Trip prägte ihn auch mit Blick auf die WM. "Wir haben vor niemandem Angst. Wir sind bescheiden, aber auch stolz, denn wir sind Haitianer", sagt Nazon und nennt sein persönliches Ziel: "Ich möchte bei der WM ein Tor schießen. Es ist mir völlig egal gegen wen."