Tite wirkte sechs Jahre bei der Selecao, die unter ihm einen Punkteschnitt von 2,42 Zähler pro Partie aufwies.
Sein Nachfolger Fernando Diniz entpuppte sich als Fehlbesetzung, er hatte unter anderem historische Niederlagen wie jene zuhause gegen Argentinien – die erste Heimpleite in Brasiliens WM-Quali-Geschichte – sowie die erste Pflichtspielniederlage in Kolumbien und eine Pleite in Uruguay zu verantworten.
"Es folgte ein Tiefpunkt nach dem anderen. 2024 kam dann Dorival Júnior, der der Aufgabe von Anfang an nicht gewachsen war und gar nicht ans Team ran kam. Brasilien hatte also über zwei Jahre lang Trainer, von denen keiner das Format eines Selecao-Trainers hatte. Dazu konnte die Mannschaft nie eine einheitliche Spielidee integrieren", sagt Skiba.
Parallel zur sportlichen Misere rumorte es im brasilianischen Verband. Es gab Korruptionsvorwürfe rund um Präsident Ednaldo Rodrigues, Eingriffe der Politik und ein Machtvakuum. "Es hat auf Verbandsebene absolutes Chaos geherrscht. Das konnte einem ohnehin instabilen Team keinen Halt geben, um beispielsweise etwas Druck von der Mannschaft zu nehmen", so der Deutsche.
Ancelotti als Heilsbringer?
Seit Mai 2025 ist mit Carlo Ancelotti nun ein Trainer von Weltformat bei den Brasilianern im Amt. Der 66-Jährige gewann fünf Mal die UEFA Champions League, trainierte zuvor vier Jahre lang Real Madrid.
In seine bisherige Amtszeit fielen zwar Niederlagen gegen Bolivien und Japan, insgesamt ist unter ihm aber ein Aufwärtstrend erkennbar. Insbesondere die Defensive konnte der Italiener stabilisieren, unter ihm spielte Brasilien in acht Spielen fünf Mal zu null.
"Zudem nimmt Ancelotti mit seiner Strahlkraft viel Druck vom Team. Das hilft allen Spielern. Auch das wohl größte Talent des Landes, Estêvão vom FC Chelsea, blüht richtig auf, hat in sieben Spielen unter dem neuen Coach fünf Mal getroffen. Es geht klar in die richtige Richtung", so Skiba.
Im Land hat die Verpflichtung der Trainerlegende eine Aufbruchsstimmung erzeugt. Die Ambitionen sind wieder hoch, die Erwartungen an Ancelotti ebenso.
"Das brasilianische, fußballerische Selbstverständnis geht jetzt mittlerweile wieder vom Titelgewinn aus. Diese Stimmung gibt es aber gefühlt vor jeder WM, egal wie es um die Nationalmannschaft tatsächlich steht. Brasilien dürstet nach einem Titel. Da halten sich die Fans an jedem Strohhalm fest, der Hoffnung geben kann. Die Verpflichtung von Ancelotti war so ein dringend benötigter Strohhalm", sagt er.
Fragezeichen Neymar
Ein weiterer Strohhalm könnte die von Fans, Politikern und Verantwortlichen immer wieder geforderte Rückkehr von Superstar Neymar ins Nationalteam sein.
Bisher verzichtete Carlo Ancelotti noch auf den 33-Jährigen, der seit Jänner 2025 wieder bei seinem Jugendklub FC Santos in Brasilien spielt, allerdings weiterhin mit Verletzungen kämpft und weit von seiner einstigen Weltklasse entfernt ist.
Mit Santos steckte er in der vergangenen Saison lange im Abstiegskampf der brasilianischen Serie A fest, führte den Klub auf den letzten Metern aber angeschlagen zum Klassenerhalt. Sein letztes Länderspiel bestritt der 128-fache Nationalspieler vor mehr als zwei Jahren: Am 18. Oktober 2023.
Wettlauf gegen die Zeit
Dass der einstige Barca-Kicker zur WM wieder Teil des Kaders wird, hält Skiba derzeit für kein sonderlich realistisches Szenario: "Neymar in seiner aktuellen Verfassung hat in der Selecao nichts zu suchen. Das muss man ganz klar so sagen. Es geht da nicht um seine unbestrittene Qualität und Genialität, sondern um seine körperliche Verfassung."
In der abgelaufenen Saison konnte der Offensivspieler keine acht Pflichtspiele in Folge absolvieren, im Dezember unterzog sich der 33-Jährige nun einer Knie-Operation und wird rund einen Monat ausfallen. Seine Teilnahme an der WM wird für ihn damit zum Rennen gegen die Zeit. Um in diesem Jahr wieder in Topform zu kommen, macht ihm nämlich auch das brasilianische Ligensystem einen Strich durch die Rechnung.
"Der Ligabetrieb geht für Neymar in Brasilien erst im April wieder los. Das heißt, er hat sehr schlechte Karten, um in Topform zu kommen. Selbst dann, wenn sein Körper hält. Eine Nominierung für die letzten Testländerspiele im März ist daher schon jetzt eher unwahrscheinlich – aber nicht unmöglich."
Die Chancen bei der WM 2026
Realistisch gesehen, zählt Brasilien rund ein halbes Jahr vor der WM auch mit Neymar nicht zum engeren Favoritenkreis.
Das sieht zwar auch Skiba so, aufgrund seiner Historie müsse man das Land laut ihm dennoch auf der Rechnung haben. "Es klingt platt, aber Brasilien ist Brasilien. Verglichen mit 2022 sehe ich die Selecao insgesamt viel schwächer, individuell, aber auch als Team. Ich denke, es wird der Mannschaft guttun, nicht als absoluter Topfavorit ins Turnier zu gehen", sagt der Südamerika-Experte.
Er traue der Nationalmannschaft "mit Glück" einen Halbfinaleinzug zu, alles weitere könne er sich aber "nur ganz schwer vorstellen". In der FIFA-Weltrangliste liegt Brasilien aktuell auf Rang fünf, hinter England, Frankreich, Argentinien und Spanien.
Das Ende des "Joga Bonitos"
Dass es für die Weltnation in den vergangenen Jahren nicht mehr läuft, liegt für Skiba auch an einer Identitätskrise des brasilianischen Fußballs. Man müsse sich laut ihm vom Gedanken verabschieden, die Selecao mit dem romantischen "Joga Bonito" gleichzusetzen. Die Fußballidentität des Landes gebe es in dieser Form nämlich nicht mehr.
"Der brasilianische Fußball ist in der Realität mittlerweile viel biederer, konservativer und auch europäischer, als man das als Fan vielleicht wahrhaben will", so Skiba.
Zwar habe es immer wieder Ansätze gegeben, eine eigene Fußballphilosophie zu kreieren, diese sind aber – unter anderem in der Ära Diniz – gescheitert. "Ich glaube, Brasilien hat es verlernt, etwas Eigenes zu schaffen und in gewisser Weise auch die eigenen Werte verraten", sagt der Deutsche.
Daher passe aber wiederum Ancelotti jetzt so gut zu dieser europäischen Spielweise der brasilianischen Nationalmannschaft.
"Es ist ein gutes Match, aber irgendwie auch ein trauriges. Weil es mit der Einsicht gleichzusetzen ist, dass es diesen romantischen, schwer definierbaren, brasilianischen Fußball – was auch immer das genau sein soll – so nicht mehr gibt", ergänzt er.
Ein halbes Jahr vor der WM 2026 in den USA, Mexiko und Kanada bleibt abzuwarten, in welcher Form sich Brasilien präsentieren wird. In Gruppe C trifft man auf Marokko, Schottland und Haiti, gilt als Favorit auf den Gruppensieg. Bis dahin fließt aber noch viel Wasser den Fluss hinunter, Formkurven können steigen oder fallen.
Sicher ist jedoch: Die Selecao bleibt ein Team, das man im Titelkampf immer auf der Rechnung haben muss. Denn Brasilien ist Brasilien.