Reportage

USA-Start in L.A.: Der Himmel hat ein Fegefeuer

Ein Stadion wie ein Fiebertraum mit einem ganz großen Haken, Fans wie man sie erwartet und ein teures Pflaster. LAOLA1-Chefredakteur Harald Prantl vor Ort:

USA-Start in L.A.: Der Himmel hat ein Fegefeuer

Wenn du dir irgendwann mal in Inglewood ein kleines Häuschen gekauft hast, kannst du dann auch mitnaschen, wenn sie dir zwei Straßen weiter eine 5-Milliarden-Dollar-Hütte hinstellen.

Das dachte sich zumindest der Anrainer, der einen Parkplatz in seiner Einfahrt für wohlfeile 80 Dollar anbot. Fair enough.

Und mir egal, weil ich für das Duell zwischen den USA und Paraguay (die Gastgeber gewinnen 4:1) in Los Angeles einen Presseparkplatz habe.

Gloryhunter und Auskenner erkennt man am Trikot

Dafür wäre es dann möglich gewesen, beim Trikotkauf zu sparen. Täuschend echt aussehende Dressen wurden um 40 Dollar angeboten.

Die Grenze zwischen us-amerikanischen Gloryhuntern und Auskennern verläuft auf der Trikotrückseite übrigens genau zwischen Pulisic und Dempsey bzw. Lalas.

Weil der Verdacht nahe lag, dass Nahrung in einem WM-Stadion ungefähr das Jahresbudget eines österreichischen Zweitligisten verschlingen würde, war ein Halt beim nächstgelegenen Fast-Food-Riesen naheliegend.

100 Chicken Fingers

Endlich mal wieder Hähnchen. "Raisin Cane's" hatte interessante Angebote. Die 100 Chicken Finger für 191 Dollar waren verlockend, dann aber doch ein bisschen zu viel. Wer ob des Preises Zweifel hatte, dem wurde aber sicherheitshalber ausgewiesen, dass weitere 100 Stück um 20 Dollar billiger wären. Na gut, dann trotzdem nicht.

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Ein unglaubliches Stadion
Foto: ©IMAGO / Anadolu Agency

Jetzt aber endlich ins Stadion. Das SoFi-Stadium hat eben nicht nur ein riesiges Vermögen gekostet, sondern in den vergangenen Jahren diverse Preise gewonnen. Und dennoch verzichtet diese bescheidene Hütte auf den Namen "Arena". Liebe Grüße nach Wien-Favoriten und Wals-Siezenheim.

Die Fotos und imposanten Zahlen im Internet bereiten dich nicht einmal annähernd auf den Moment vor, an dem du dieses unglaubliche Bauwerk dann wirklich vor dir hast. Auf den ersten Blick sind die neun Ränge auf den Längsseiten kaum zu erfassen, ich zähle über 80 Sitzreihen. Oben das Dach, unten das Spielfeld, du irgendwo dazwischen. Wie ein Gurkerl in einem richtig fetten, spektakulären Burger.

Mini-Teppiche unter tiefhängenden Pissoirs

Da fühlst du dich ganz, ganz klein. Abhilfe verschafft das Pissoir, das kurioserweise knapp unter Kniehöhe hängt – und einen kleinen Teppich vorgelegt hat. Nobel geht die Welt zugrunde.

Weit über dem Rasen schwebt ein Ding, dem der Name Videowürfel nicht im Ansatz gerecht wird. Es ist eine Video-Krone in der Größe des Feldes. Das Ding wiegt 1.000 Tonnen und hat 80 Millionen Pixel.

Nieder mit der Pressbox!

So weit, so atemberaubend. Doch dann folgt der ganz große Downer. Auf der Suche nach dem zugewiesenen Sitzplatz sind viele Aufzugfahrten vonnöten.

Und dann das! Die Pressbox ist in einem geschlossenen Raum, die Aussicht aufs Feld hinter Glas. Stimmung adé. Wenn das Stadion der Himmel ist, ist die Pressbox zumindest das Fegefeuer. So enttäuscht war ich zum letzten Mal mit acht Jahren, als mir klar wurde, dass es das Christkind gar nicht gibt, oder mit 14, als mir gedämmert ist, dass Pamela Anderson vermutlich nicht meine Frau wird.

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Katy Perry und ein Kind singen gemeinsam - sehr süß
Foto: ©IMAGO / NurPhoto

Also wieder raus aus der Pressbox auf die Tribüne. Diesmal über die Stufen, der ein oder andere US-Amerikaner ist ob dieser Routenwahl zumindest verdutzt, eher aber irritiert.

Du weißt, was du kriegst

Es folgt die Show.

Hymne, Jets, "USA, USA, USA!"-Rufe – ist alles genauso pathetisch, wie man sich das vorstellt. Aber gut, man weiß eben genau, was man bekommt.

Ist ja in Wien mit dem überteuerten Innenstadt-Schnitzel, in München mit den Besoffenen am Oktoberfest und auf Ibiza mit den Schickimickis auch nicht anders. Wirkt von außen seltsam, wenn man mittendrin ist, ist es dann doch irgendwie stimmig.

Halle Berry am Video-Ungetüm, Katy Perry am Mittelkreis, fehlt nur noch Abu. Aber der ist nicht in Los Angeles, sondern auf dem Weg nach Salzburg.

Wie nach einem anständigen Neocitran-Paracetamol-Cocktail

Aus arbeitstechnischen Gründen muss das Spiel dann aber doch in dieser vermaledeiten Pressbox verfolgt werden.

Beim 1:0 vibriert der ganze Raum. Aber sonst kommt das alles nur sehr gedämpft an, wie im Krankenbett nach einem anständigen Neocitran-Paracetamol-Cocktail. Fühlt sich geil an, aber irgendwie auch so, als wäre man gar nicht richtig dabei.

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Keine Ahnung
Foto: ©IMAGO / VCG

Die USA spielen jedenfalls groß auf. "De haum’s auf siaß", sagt man auf den Wiener Fußballplätzen zu dem, was die Gastgeber über weite Strecken mit den orientierungslosen Paraguayern veranstaltet haben.

Schnell aufs Klo, lieber kein Bier kaufen

Auffällig war während der gesamten Veranstaltung die Reaktionsschnelligkeit des US-Publikums.

Nach der Hymne, in den Trinkpausen, in der Pause – Amerikaner springen gerne von ihren Plätzen auf und sprinten zu Toiletten – auch das ist Dehydration.

Hydration wiederum ist ein kostspieliges Unterfangen. Coca Cola um 8 Dollar, importiertes Bier um läppische 21,5 Dollar.

Trump telefoniert

Donald Trump hätte sicher gratis getrunken, war aber gar nicht da - im Gegensatz zu 70.492 anderen. Er hat mit dem US-Team einige Stunden vor dem Spiel telefoniert.

Das ist in etwa so, als ob du die Mama am Muttertag nur anrufst, obwohl sie zwei Gassen weiter wohnt.

Das Verhältnis zwischen dem SoFi-Stadium und mir ist anders, ich muss nämlich bis nach Santa Barbara. Während New York die Stadt, die niemals schläft, ist, ist Los Angeles die Stadt, in der es immer staut. Zweieinhalb Stunden später ist der Ausflug dann vorbei.

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