Jonas Pamperl: Ja, das würde mich jedenfalls nicht überraschen - wobei leere Stadien wie auch schwarze Bildschirme mit der Geldgier zusammenhängen.
Über die teils horrenden Ticketpreise wurde schon genügend diskutiert, das aktuelle Image der USA ebenso. Klar ist: Eine wirklich unproblematische WM gab es länger nicht und wird es lange nicht geben - konkret 20 Jahre lang, von 2014 (Brasilien) bis 2034 (Saudi-Arabien).
Doch der Fußballfan kann viel "aushalten" und lässt sich zumindest die großen Partien trotz unzähliger Boykott-Forderungen nicht entgehen. Das wird auch bei der anstehenden Endrunde nicht anders sein.
Was die Zuschauer vor Ort angeht, sieht die Sache anders aus. Selbst für die USA sind die Ticketpreise extrem. Wenn dann noch Kracherduelle wie DR Kongo gegen Usbekistan dazukommen, ist die Zuschauer-Schmach perfekt.
Florian Gabriel: Die USA haben sich mit dieser WM sportlich wie wirtschaftlich weit aus dem Fenster gelehnt. Die Ticketpreise sind in vielen Kategorien überzogen, der erwartete Andrang dürfte sich bei einigen Spielen in Grenzen halten. Dazu kommt, dass Fußball in den USA trotz MLS-Boom noch immer nicht die kulturelle Durchdringung hat wie in klassischen Fußballländern.
Nichtsdestotrotz teile ich den Punkt meines Kollegen: Der ganz große TV-Boykott wird ausbleiben. Fußballfans sind längst an das Chaos rund um die FIFA, wilde WM-Vergaben und ähnliche Debatten gewöhnt. Boykott-Diskussionen begleiten jedes große Turnier – am Ende schalten die meisten trotzdem ein.
Unterm Strich gilt deshalb: Kein TV-Desaster, aber möglicherweise ein Turnier mit auffälligen Lücken auf den Rängen. Auch da bin ich bei meinem Kollegen.
Hier wird sich dann aber auch zeigen, ob das Geschäftsmodell der FIFA in der Praxis wirklich aufgeht.
These 2: Die Hitze in Amerika ist nicht zu unterschätzen. Speziell Teams aus Südamerika werden diesen Vorteil für sich zu nützen wissen und Europäer werden straucheln.
Florian Gabriel: Die Hitze wird bei dieser WM zweifellos ein Faktor sein. Genauso wie die hohe Luftfeuchtigkeit, die großen Höhenunterschiede und die enormen Distanzen zwischen den Spielorten. Wer glaubt, die Bedingungen würden keine Rolle spielen, macht es sich zu einfach.
Genauso einfach ist allerdings die Annahme, dass davon automatisch die Südamerikaner profitieren werden. Die meisten Stars aus Brasilien, Argentinien oder Uruguay verbringen den Großteil des Jahres in Europa und sind dieselben klimatischen Bedingungen gewohnt wie ihre Gegner. Der entscheidende Unterschied wird daher nicht die Herkunft sein.
Viel spannender ist die Frage, wer die Belastungen des Rekord-Turniers mit 104 Spielen am besten managen kann. Regeneration, Rotation und Kadertiefe könnten wichtiger werden als jede Gewöhnung an Hitze oder Luftfeuchtigkeit.
Deshalb sehe ich die Herausforderung weniger als ein Problem für Europa, sondern als einen Härtetest für alle. Die WM 2026 wird nicht die Mannschaft gewinnen, die am besten mit 35 Grad umgehen kann. Sondern jene, die über acht Spiele hinweg die wenigsten Körner verliert.
Jonas Pamperl: Mein Kollege hat mit seinen Aussagen schon Recht. Ich möchte das aber um ein paar Faktoren ergänzen.
Einerseits könnte es durchaus so kommen, dass viele (europäische) Topnationen Probleme kriegen. Das würde aber weniger an den Bedingungen liegen als an der hohen Belastung in den Monaten zuvor. Auch bei der brasilianischen Liga ist dies der Fall.
Was ich auch für möglich halte: Dass die Belastung für kleinere Nationen, auch wenn sie die Hitze gewohnt sind, zu hoch werden kann. Top-Spieler verfügen eben auch über eine bessere Kondition als schwächere Spieler.
Abschließend wird es für alle Teams wichtig, sich während der Matches auch Pausen zu verschaffen - also nicht ständig anzupressen, sondern auch mal für einige Minuten im tiefen Block zu verharren. Genau das könnte zum Problem für den ÖFB werden ...
These 3: Niemand hat bei der WM mehr zu gewinnen als Cristiano Ronaldo. Holt er mit Portugal den WM-Titel, stößt er die Tür in der GOAT-Debatte wieder weit auf.
Jonas Pamperl: So deutlich hab' ich noch selten auf eine These geantwortet, aber: Auf gar keinen Fall!
Selbst für alle CR7-Fans (zumindest für jene, die die Augen vor der Realität nicht verschließen) ist die GOAT-Debatte seit 2022 entschieden. Sollte Ronaldo vier Jahre später tatsächlich nachziehen, wovon ich nicht ausgehe, dann in einer anderen Rolle als sein ewiger Kontrahent in Katar.
Messi war nämlich noch der beste Spieler von Argentinien - der Mann, für den die ganze Nation den Titel holen wollte und für den die ganze Mannschaft arbeitete. Zumindest letzteres trifft auf Ronaldo zu, alles andere aber nicht.
Allein mit Vitinha, Joao Neves und Bruno Fernandes hat Portugal im Mittelfeld drei Spieler, die in der Gegenwart über CR7 zu stellen sind.
Dass der Superstar wie schon 2022 während der WM sogar auf die Bank muss, kann ich mir zwar nicht vorstellen. Nichtsdestotrotz wirkt es fast schon so, als wäre Ronaldo ein Klotz am Bein der Portugiesen.
Florian Gabriel: Grundsätzlich bin ich bei meinem Kollegen. Wer Portugal heute analysiert, kommt kaum zum Schluss, dass Cristiano Ronaldo noch der entscheidende Unterschiedsspieler dieser Mannschaft ist.
Deshalb halte ich auch wenig von der These, dass bei dieser WM niemand mehr zu gewinnen hat als CR7. Die GOAT-Debatte wurde bereits 2022 entschieden, als Lionel Messi Argentinien zum Titel führte und dabei einer der dominierenden Spieler des Turniers war.
Allerdings gibt es ein Szenario, das die Diskussion zwangsläufig wieder öffnen würde: Sollte Ronaldo Portugal wider Erwarten tatsächlich mit seinen Toren zum WM-Titel schießen und dabei noch einmal zum prägenden Spieler des Turniers werden, wäre es unmöglich, diesen Erfolg in der historischen Einordnung auszublenden.
Für dieses Szenario müssten aber einige Dinge passieren, die derzeit nicht besonders wahrscheinlich erscheinen.
These 4: Miroslav Kloses WM-Torrekord wird nicht mal die Gruppenphase überleben.
Florian Gabriel: Lionel Messi fehlen vor Turnierstart drei Tore auf die deutsche Stürmer-Legende, Kylian Mbappe sogar vier.
Dass der Tor-Rekord von Miroslav Klose allerdings nicht mal die Gruppenphase überlebt, halte ich für unwahrscheinlich. Dafür sind drei Spiele zu wenig, die Dynamik eines Turniers zu unberechenbar und selbst absolute Ausnahmespieler zu sehr von Spielverläufen abhängig.
Im späteren Verlauf der WM sieht das Bild anders aus. Messi und Mbappe waren bereits 2022 in Katar die prägenden Figuren des Turniers: Der eine krönte seine Karriere mit sieben Toren und dem WM-Titel, der andere wurde mit acht Treffern Torschützenkönig, inklusive Final-Hattrick und Vize-Weltmeisterschaft.
Bleiben beide verletzungsfrei und setzen ihre Nationalteams ihren Weg fort, spricht vieles dafür, dass Klose nach der WM 2026 nur noch die Nummer drei in der ewigen WM-Torjägerliste ist. Die Frage ist also nicht, ob, sondern wann dieser Moment kommt.
Jonas Pamperl: Hier will ich meinem Kollegen sogar widersprechen. Denn einem Mbappe ist bei einer Weltmeisterschaft alles zuzutrauen.
Mit Senegal, Irak und Norwegen hat Frankreich zwar nicht die einfachste Gruppe, der Niveau-Unterschied ist bei der kommenden Endrunde dennoch gigantisch.
Senegal ist nicht unbedingt ein Bollwerk (u.a. 2:3 gegen USA) und Mbappe ist allein neun Mal so viel wert wie der gesamte irakische Kader. Einen 7:0-Sieg, wie ihn Portugal 2010 gegen Nordkorea feierte, sehe ich heuer realistisch - auch für Frankreich.
Drei Tore in der Gruppenphase traue ich Messi nicht unbedingt zu, überraschen würde es mich aber nicht.