Sebastian Prödl: Zeit nicht reif für einen Brexit

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Manchmal kann man - aus erfreulichem privaten Anlass - auch zu Galgenhumor greifen, um die eher unerfreuliche berufliche Situation zu beschreiben.

Das Einzige, grinst Sebastian Prödl, was sich für ihn seit dem letzten ÖFB-Lehrgang verändert habe, sei, dass er am 22. September erstmals Vater wurde.

"Der Lebensmittelpunkt hat sich verändert, das Lachen im Gesicht ist größer geworden. Das hat sich verändert. Sportlich hat sich nichts verändert. Die Situation bei Watford ist weiterhin die gleiche mit keiner Einsatzzeit. Daran hat sich nichts verändert und ich habe im Moment auch nicht das Gefühl, dass ich daran etwas ändern kann", erklärt der Steirer.

Warum Gedanken an einen "Brexit" noch keinen Sinn machen

Mit einem persönlichen "Brexit" im Winter, sprich einem Transfer, würde er sich dennoch noch nicht beschäftigen, sondern nach wie vor daran glauben, dass er "für die wichtigen Spiele geschont" werde - oder anders formuliert: "Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Situation, wie sie jetzt ist, in ein paar Monaten nicht mehr so sein wird."

"Ich habe nicht das Gefühl, dass es an mir liegt, warum ich nicht spiele. Das sind persönliche Präferenzen, wo der Trainer andere bevorzugt."

Sebastian Prödl

Deswegen würde er auch weiter Vollgas geben: "Man geht 100 Szenarien im Kopf durch, bricht es aber immer auf das Gleiche herunter: Warum soll man sich mit einem Brexit beschäftigen, wenn man überzeugt davon ist, dass man in dieser Mannschaft noch einen wichtigen Teil beitragen kann? Wenn ich mich jetzt schon mit einem Brexit beschäftigen würde, würde ich mir jetzt schon die Ausrede geben, zu sagen, im Winter ist es so oder so vorbei, ich gebe nicht mehr Gas, ich kann keine Wertigkeit mehr in der Nationalmannschaft darstellen. Außerdem würde ich meine Position verschlechtern, sollte es doch zu einem Brexit kommen, weil ich dann nicht fit und vorbereitet wäre. Deswegen beschäftige ich mich nur mit dem Hier und Jetzt und bin überzeugt, dass ich bei Watford weiter eine Rolle spielen werde."

Auch wenn aufgrund der letzten Wochen aktuell keine Besserung in Sicht sei, könne er so schnell, wie er rausgerutscht sei, auch wieder in die Elf rutschen. Das Verhältnis zu Coach Javi Gracia sei weiterhin in Ordnung:

"Wir kommunizieren. Aber wie gesagt: Ich habe nicht das Gefühl, dass es an mir liegt, warum ich nicht spiele. Das sind persönliche Präferenzen, wo der Trainer andere bevorzugt."

Es steht kein Sergio Ramos im Weg

Hoffnung gibt Prödl unter anderem, dass alle seine Konkurrenten um einen Platz in der Innenverteidigung schon länger bei Watford unter Vertrag stehen und er sich somit in der Vergangenheit bereits gegen jeden dieser Rivalen durchgesetzt hat:

"Genau das ist der springende Punkt. Ich sage einmal, wir haben im Sommer keinen Sergio Ramos verpflichtet, man ist also nicht völlig aussichtslos. Der Saison-Start war mit vier Siegen in den ersten vier Spielen brillant. Das hat denen, die gespielt haben, Ruhe und Sicherheit vom Trainer gegeben. Wenn von den Ergebnissen ein rauerer Wind aufkommt, ist man durchaus positiver, dass man in dieses Rad reinrutschen kann."

Prödl saß bei den letzten fünf Premier-League-Spielen ausnahmlos auf der Tribüne. Aus den letzten vier Partien holte Watford jedoch nur einen Punkt, konnte den Schwung vom Traumstart also nicht mitnehmen. Bei der 0:4-Heimpleite gegen Bournemouth am vergangenen Wochenende sah mit Christian Kabasele ein Innenverteidiger in der ersten Halbzeit Gelb-Rot.

Marktwert wird nicht geraubt

Prödl ist überzeugt, dass der Konkurrenzkampf nun "intensiver werden kann, vielleicht auch sollte und muss". Er habe sich in seinen ersten drei Jahren in der Premier League nicht das Standing aufgebaut, um in so einer Situation sein zu müssen.

"Ich bin 31, da sieht man die Situation schon anders als mit 23 oder 24. Ich bin nicht zufrieden, aber gelassener. Ich habe mir über zehn Jahre einen Marktwert aufgebaut, der mir in zwei Monaten seit dem Saison-Start nicht geraubt wird."

Sebastian Prödl

"Aber ich würde mich über die Situation wesentlich mehr ärgern, wenn ich das Gefühl hätte, ich tue nicht alles oder ich bin der Hauptverantwortliche für die Situation. Als ich gespielt habe, habe ich weder einen Fehler gemacht noch keine Leistung gezeigt. Daher bin ich in eine Situation gekommen, die für mich nicht abzusehen war, sonst hätte man ja früher reagieren können oder fast müssen", betont Prödl, dem seine Routine mehr Gelassenheit verschaffen würde:

"Ich bin 31, da sieht man die Situation schon anders als mit 23 oder 24. Ich bin nicht zufrieden, aber gelassener. Ich habe mir über zehn Jahre einen Marktwert aufgebaut, der mir in zwei Monaten seit dem Saison-Start nicht geraubt wird. Deswegen habe ich eine gewisse Ruhe in mir."

Prestige-Duell mit Watford-Rivalen

Im ÖFB-Team scheint Prödl bei Teamchef Franco Foda weiterhin gesetzt zu sein, somit kommt es am Freitag im Nations-League-Match mit Nordirland zum interessanten Prestige-Duell mit seinem Watford-Kollegen Craig Cathcart - einem jener Konkurrenten, die dem 71-fachen ÖFB-Teamspieler derzeit vorgezogen werden. Der 29-jährige Innenverteidiger stand bisher in jedem Saison-Spiel in der Startformation.

Bei aller vereinsinternen Rivalität ist Prödl voll des Lobes für Cathcart: "Ein guter Spieler! Er spielt anders als den britischen Stil, für den die Nordiren bekannt sind. Bei uns in Watford spielt er eine wichtige Rolle, ist auch ein Führungsspieler, was das Rundherum angeht - und diese Rolle nimmt er offensichtlich auch bei Nordirland ein. Er ist sicher eine der Säulen dieser Mannschaft."

Im ÖFB-Team ist Prödl eine der erfahrensten und meinungsstärksten Säulen. Ob dies auch bedeutet, für das Nordirland-Spiel zum Kapitän ernannt zu werden, wird sich weisen. Nach dem kolportierten Gegenwind für Marko Arnautovic durch einige ÖFB-Bosse ist er wohl der aussichtsreichste Kandidat, sollte sich Foda nicht noch einmal drübertrauen, Arnautovic erneut zum Ersatz für den verletzten Spielführer Julian Baumgartlinger zu bestimmen. Laut Prödl würden die Spieler jedoch noch nicht Bescheid wissen.

Frei nach Per Mertesacker

Wichtiger als die Schleife ist für den Abwehrchef wohl, mittelfristig wieder mit Spielpraxis zum Nationalteam zu reisen. "Natürlich, die Spiele fehlen, das steht außer Frage und ich spüre auch, dass mir die Spiele fehlen", gibt Prödl zu.

"Um es mit Per Mertesackers Worten zu sagen: Der Druck ist im Moment geringer. Ich bin in London, kann derzeit am Wochenende entspannen, weil ich nicht in den Kader berufen werde, habe zuletzt Zeit mit meiner Tochter und meiner Familie verbracht. Das gibt natürlich Zeit zum Nachdenken und um Schwung zu holen."

Sebastian Prödl

Noch sei jedoch nicht der Punkt erreicht, wo dies zum Problem geworden sei. Sollte er bei Watford weiterhin nicht zum Einsatz kommen, könne dieser Punkt kommen. Diesen illusionslosen Zugang vertrat der Steirer bereits beim letzten Lehrgang und bleibt bei dieser Meinung:

"Da bin ich ganz klar im Kopf, wie ich schon im September gesagt habe: Auf lange Sicht gibt es die Möglichkeit, dass es sich auswirkt, aber auf ein paar Wochen oder ein paar Spieltage bin ich mir sicher, dass ich das wettmachen kann."

Auch hier hilft die Erfahrung: "Um es mit Per Mertesackers Worten zu sagen: Der Druck ist im Moment geringer. Ich bin in London, kann derzeit am Wochenende entspannen, weil ich nicht in den Kader berufen werde, habe zuletzt Zeit mit meiner Tochter und meiner Familie verbracht. Das gibt natürlich Zeit zum Nachdenken und um Schwung zu holen. Man reflektiert mehr und merkt einfach, dass man auf die Routine bauen kann. Das gibt mir die Sicherheit, dass ich hierher anreise und direkt im Training präsent und optimistisch bin. Natürlich fehlen mir die Spiele, aber durch meine Erfahrung habe ich trotzdem Selbstvertrauen."

Textquelle: © LAOLA1.at

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