Endstand
6:1
2:1, 4:0
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Rangnick: "Mir graust es zu sagen: Habe keine Rose für dich"

Der ÖFB-Teamchef ist in die glückliche Lage geraten, sich schon jetzt über Luxusprobleme bei der Nominierung seines EURO-Kaders Gedanken machen zu müssen.

Rangnick: Foto: © GEPA

72 Tage hat Ralf Rangnick noch Zeit, bis er der UEFA seinen finalen ÖFB-Kader für die EURO 2024 nennen muss.

Es werden 72 Tage mit viel Kopfzerbrechen und dem ein oder anderen schwierigen Telefonat für den Deutschen werden. Denn keine drei Monate vor EM-Beginn lässt sich sagen: Der Teamchef der österreichischen Fußball-Nationalmannschaft hat ein Luxusproblem - und er ist sich diesem bewusst:

"Es wurde mir durch diesen Lehrgang sicherlich nicht leichter gemacht, weil es haben einige Spieler sehr auf sich aufmerksam gemacht."

Der 65-Jährige spricht diese Worte auf einer Pressekonferenz im Anschluss an eine Partie, in der seine Mannschaft mit 6:1 über die Türkei hinweggefegt ist (Spielbericht>>>), nachdem sie vier Tage zuvor glanzlos, aber souverän mit 2:0 in der Slowakei gewonnen hat.

Freilich, es waren nur Testspiele. Aber es waren Testspiele gegen EURO-Teilnehmer, Testspiele, die das ÖFB-Team mit enormer Reife sowie dank eines tollen Mannschaftsgefüges für sich entscheiden konnte.

"Absolute Willensleistung"

Sowohl gegen die Slowakei als auch gegen die Türkei startete das ÖFB-Team jeweils mit einem Blitztor ins Spiel, verlor jeweils im Verlauf der ersten Halbzeit aber den Faden. In Bratislava blieb dies noch unbestraft, in Wien kam die Türkei in ihrer stärksten Phase zum Ausgleich.

Dass sich das ÖFB-Team von diesem Gegentreffer, dem ersten seit 418 Spielminuten, nicht aus der Fassung bringen ließ, war für Rangnick der Schlüssel zum Erfolg: "Es war eine absolute Willensleistung der Mannschaft, sich dagegen zu wehren, sich dagegen zu stemmen."

Zwar sei das 2:1 kurz vor der Pause zu einem für seine Mannschaft "psychologisch wichtigem Zeitpunkt gefallen", selbstverständlich sei es aber nicht, wie das ÖFB-Team anschließend aus der Kabine kam.

"Die zweite Halbzeit war annähernd perfekt, besser kannst du das nicht spielen", sagt Rangnick im "ORF". Und auf der Pressekonferenz schwärmt er: "In der zweiten Halbzeit war es schon richtig gut, was wir gespielt haben. Vor allem gegen den Ball. Von den sechs Toren fielen vier nach Gegenpressing-Situationen, bei denen wir jedes Mal den Ball im letzten Drittel erobert haben. Es war schon eindrucksvoll, was wir über weite Strecken gegen den Ball gespielt haben."

Und ein solches Pressing funktioniert eben nur, wenn jeder einzelne Akteur auf dem Feld mitzieht. Deshalb traut sich Rangnick an diesem Abend nicht, einen einzelnen Spieler herauszuheben: "Das war heute eine bärenstarke Mannschafts- und Willensleistung. Vor allem, weil es 20 Minuten in der ersten Halbzeit gab, wo es wirklich mühsam war."

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Lieber die Qual der Wahl als ein sich selbst nominierender Kader

Mühsam, aber im positiven Sinne, wird es für den Teamchef auch, seinen EURO-Kader bis zur Deadline Anfang Juni zu finden. Anders als vor drei Jahren, als Corona-bedingt 26 Kicker nominiert werden durften, sind es heuer wie gewohnt nur 23.

"Das wird sicherlich keine leichte Aufgabe. Auf der anderen Seite ist es mir so rum lieber, als wenn wir nicht allzu viel nachdenken müssen", so Rangnick, der gleichzeitig hofft, dass ihm die Wahl mit der Rückkehr von aktuell verletzten Spielern wie Marko Arnautovic, Philipp Lienhart, Gernot Trauner, Manprit Sarkaria und womöglich sogar David Alaba noch qualvoller gemacht wird.

Um schlussendlich die richtige Entscheidung zu treffen, werden sich er und sein Trainerteam in den kommenden Wochen "so viele Spiele wie möglich" anschauen. Gleichzeitig werde ein enger, aber nicht zu enger Kontakt mit allen möglichen Kandidaten gesucht:

"Wir wollen es auch nicht übertreiben. Es ist nicht so, dass es bei wie in der Waldorfschule zugeht, dass wir einen Stuhlkreis nach dem anderen machen. Aber es ist natürlich jetzt nochmal wichtig, so viele Eindrücke wie möglich zu bekommen."

Am 21. Mai wird Rangnick seinen Großkader für die EM-Vorbereitung, die ab 29. Mai in Windischgarsten beginnt, nennen. Wie groß dieser Großkader schlussendlich tatsächlich sein wird, steht momentan noch in den Sternen.

Der ÖFB-Fahrplan bis zur EURO>>>

Rangnick will nicht zum Bachelor werden

Laut Rangnick gäbe es die Überlegung, sogar nur die 20 bei der EURO erlaubten Feldspieler für Windischgarsten zu nominieren. Damit sollen herzzerbrechende Gespräche umgangen werden.

"Wovor es mir ehrlich ein bisschen graust ist, am 7. Juni, wenn zu dem Zeitpunkt alle fit sind und wir 23 Feldspieler nach Windischgarsten eingeladen haben, zu sagen: 'Ich habe keine Rose für dich'. Das wäre nicht unbedingt vergnügungssteuerpflichtig", spielt der Teamchef auf die Reality-TV-Sendung "Der Bachelor" an, in welcher geschassten Bewerberinnen vom "Bachelor" eine Rose verwehrt wird.

Solche Sorgen hätten die meisten von Rangnicks Teamchef-Vorgänger in der Vergangenheit gerne gehabt. Speziell beim Sieg über die Türkei wurde einmal mehr offenkundig, dass das ÖFB-Team momentan über einen sehr breiten Kader verfügt. Die Spielanlage funktionierte auch in der Abwesenheit von absoluten Schlüsselspielern wie Alaba, Arnautovic oder Sabitzer ausgezeichnet.

"Heute haben schon einige nicht nur Stamm-, sondern Führungsspieler gefehlt. Trotzdem hat jeder auf dem Platz Verantwortung übernommen, das war heute entscheidend", ist Rangnick froh über diese Entwicklung.

"Nicht mit dem Olympischen Motto bei der EURO"

"Wir haben uns nicht für die EURO nach dem Olympischen Motto, dabei sein ist alles, qualifiziert."

Ralf Rangnick

Bei der EURO sei es das Ziel, jene Mannschaft zu sein, "gegen die es am schwierigsten ist, Tore zu erzielen oder auch nur Torchancen herauszuspielen. Und da war es heute schon ein guter Schritt, gegen so eine spielstarke Mannschaft verhältnismäßig so wenig zuzulassen und so viel herauszuspielen. Das gibt der Mannschaft schon ein Gefühl, wozu sie imstande ist".

Der entscheidende Nachsatz: "Aber wir müssen es erstmal schaffen, auf dem gleichen Niveau wie heute oder gegen Deutschland bei der EURO zu spielen."

Mit Frankreich, Niederlande und Polen hat das ÖFB-Team eine der namhaftesten Gruppen der ganzen Europameisterschaft ausgefasst. Dennoch wäre ein Gruppen-Aus für Rangnick eine herbe Enttäuschung.

Das sagt Rangnick zum dritten Gruppengegner aus Polen>>>

"Wir haben uns nicht für die EURO nach dem Olympischen Motto, dabei sein ist alles, qualifiziert, sondern wir wollen die Leistungen wie heute, gegen Deutschland oder auch gegen Schweden auch dann auf den Platz bringen", hat Rangnick in seinem Heimatland Großes vor.

Am Dienstag lieferte sein Team einmal mehr den Beweis, dass in Deutschland tatsächlich auch Großes passieren könnte.


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