Ist der Kader wirklich so breit aufgestellt?
Das ÖFB-Team ist in der Breite so gut aufgestellt, wie noch nie. Das war vor der WM die einhellige Meinung. Die bittere Erkenntnis nach dem Turnier: Das mag stimmen, wenn es darum geht, auf kontinentaler Ebene eine Quali zu schaffen. Wenn dann aber bei einer Endrunde gewisse Schlüsselspieler ausfallen, wird es qualitativ auf höchster Ebene schon schwierig.
Mit Christoph Baumgartner hat ein Mann gefehlt, der als Spielertyp nicht eins zu eins zu ersetzen ist. Doch es ist genau das Gesamtpaket, das er mitbringt, das das ÖFB-Team so dringend braucht. Pressingauslöser im Spiel gegen den Ball, Dynamik und Torgefahr im Spiel mit dem Ball. Ralf Rangnick hat es mit mehreren Lösungen (Konrad Laimer, Paul Wanner, Romano Schmid) probiert – so richtig aufgegangen ist keine.
Das große Dilemma: Laimer wäre als Pressingspieler auf dieser Position ideal, doch wenn der Gegner mit Weltklassespielern auf der offensiven Außenbahn aufwartet, traut der Teamchef offenbar keinem seiner Linksverteidiger zu, diese Aufgabe zu lösen, musste also Laimer als Außenverteidiger einsetzen.
Auch an vorderster Front gibt es im ÖFB-Umfeld aktuell keinen Stürmer, der mit Speed und Dynamik gegnerische Abwehrreihen beschäftigen kann. Andere Positionen wiederum – Innenverteidigung, seitliche Zehner – sind auch in der Tiefe hochklassig besetzt.
Passt dieser Spielstil noch?
Mit aggressivem Pressing den Gegner überrumpeln, Umschaltmomente eiskalt exekutieren – mit diesem Rezept hat das ÖFB-Team bis inklusive der EURO 2024 für Furore gesorgt, auch namhafte Gegner vor unlösbare Aufgaben gestellt. Doch davon war zuletzt nur noch wenig zu sehen.
"Wir haben in der Gruppenphase nicht unser Top-Spiel auf den Platz gebracht, was uns richtig stark macht", sagt Nicolas Seiwald. Irgendwo hat der Mut gefehlt, irgendwie hat dieser Pressing-Schwarm, der im Kollektiv eben nur funktioniert, wenn alle funktionieren, nie so richtig gegriffen.
Es ist ein extrem intensives, kraftraubendes Spiel, das den ÖFB stark macht, stark machen würde. Jene Spieler, die es seit Jahren praktizieren, werden älter, müssen dem hohen Tempo schneller mal Tribut zollen. Und es kommen gefühlt immer weniger nach, die diese Red-Bull-DNA wirklich in sich tragen.
Dem Trainerteam ist nicht vorzuwerfen, nicht schon lange an der Ballbesitzphase, an anderen Lösungen in der Offensive zu arbeiten. Doch gewissermaßen fehlt die Qualität, fehlen Unterschiedsspieler, die Eins-gegen-Eins-Situationen regelmäßig lösen können, fehlen echte Goalgetter.
Und genau deshalb war der Pressing-Ansatz auch grundsätzlich genau der richtige, um ein fußballerisch begabtes, aber in Summe sicher nicht hochbegabtes Team auf dieses Niveau zu bringen. Doch Zeiten ändern sich. Ein Dilemma.
Wie weit sind die Großen weg?
Die ganz Großen sind weit weg, das lässt sich nach den Duellen mit Argentinien und Spanien feststellen. Das waren aber immerhin der amtierende Weltmeister und der aktuelle Europameister. "Eine Nummer zu groß", nennt Michael Gregoritsch diese beiden Mannschaften.
Teams dieser Qualität gibt es nur noch zwei, drei andere. Und doch war das ÖFB-Team Sensationen schon näher als dieser Tage. Gregoritsch: "Es tut weh, gegen Gegner wie Argentinien und Spanien so weit weg zu sein, dass man am Ende sagen muss, man war chancenlos."
Der Stürmer hat auch eine gute Erklärung parat: "Uns fehlt die Erfahrung gegen solche Gegner. Uns fehlen die Nations-League-Spiele gegen diese Mannschaften, wo man sich diese Routine aneignen könnte. Die haben wir nicht, daran sind wir selbst schuld."
Braucht es einen Umbruch?
"Ob wir einen Umbruch brauchen, weiß ich nicht", sagt Rangnick.
Fakt ist: Wenn das WM-Finale abgepfiffen wird, hat ein Drittel des österreichischen Kaders den 30. Geburtstag hinter sich. Marko Arnautovic beendet seine ÖFB-Karriere, David Alaba lässt es Stand jetzt offen. Nur Carney Chukwuemeka und Paul Wanner sind jünger als 25 Jahre.
Auf einigen Positionen hat die Verjüngung gewissermaßen schon begonnen. Im Tor steht Florian Wiegele in den Startlöchern, in der Innenverteidigung David Affengruber und Michael Svoboda. Auf anderen Positionen sieht es schon eher eng aus. Vor allem im Sturm.
Rangnick gibt offen zu, dass er aktuell weit und breit keine Alternativen zu Michael Gregoritsch und Sasa Kalajdzic sieht. "Wenn nicht irgendwo in einem anderen Land einer mit österreichischen Vorfahren auftaucht, den wir bisher noch nicht kennen, werden wir in zwei Jahren noch mit den Spielern spielen, die wir jetzt haben. Ich schaue sehr viele Spiele in Österreich, auch die der U17, U19, U21 – ich sehe da niemanden, der in den nächsten zwei Jahren in die Fußstapfen treten könnte", so die klaren Worte des Teamchefs.
Erwarten wir einfach zu viel?
Ist für eine Nation wie Österreich – mit dieser Größe, dieser Einwohnerzahl, dieser Sport-Kultur und Sport-Infrastruktur überhaupt mehr möglich? Oder erwartet das Volk von seiner Nationalmannschaft einfach zu viel?
Dass es inzwischen über einen längeren Zeitraum hinweg bergauf geht, lässt sich nach drei EM-Teilnahmen in Folge und der ersten WM-Teilnahme seit 28 Jahren nicht von der Hand weisen. Dass die Aufstockung dieser Turniere dabei auch eine Rolle spielt, darf jedoch nicht verschwiegen werden.
Bei den vergangenen drei Turnieren wurde jeweils die Gruppenphase überstanden, war im ersten K.o.-Spiel aber Endstation. Allerdings einmal gegen den späteren Europameister Italien und diesmal gegen den amtierenden Europameister Spanien.
"Wir wollen und müssen den nächsten Schritt gehen", sagt Konrad Laimer. Rangnick definiert die Zielsetzung anders: "Das Ziel muss lauten, regelmäßig an Europa- und Weltmeisterschaften teilzunehmen." Das sollte nach der Entwicklung in der jüngeren Vergangenheit allerdings das Minimalziel sein, denn sonst sprächen wir von Stagnation.