Max Wöber: "Es gab keinen ruhigen Moment"

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Max Wöber hat einen unglaublichen Oktober hinter sich. Startelf-Debüt für Ajax Amsterdam, erstes Tor, Premiere im ÖFB-Team, Stammplatz beim Klub.

"Jetzt kehrt Alltag ein", atmet der 19-Jährige im LAOLA1-Interview durch. Seit seinem Transfer von Rapid in die Niederlande, der rund 7,5 Millionen Euro bewegt haben soll, hat sich im Leben des Innenverteidigers alles geändert.

"Es geht steil bergauf", grinst der Wiener. Er erzählt über Abende auf der Couch, seinen Führerschein, Aggressivität im Training und Verrückte in Rotterdam.

LAOLA1: Es ist kurios, du wirst nach deinem Debüt für das A-Team dein U21-Debüt geben.

Max Wöber: Ich glaube, da hat es in Österreich noch nicht viele gegeben. Ein Debüt fühlt sich immer gut an. Ich war ja schon fast eineinhalb Jahre im Kader dabei, musste zuletzt aber wegen einer Verletzung passen. Ich freue mich auf das erste Spiel für die U21. Aber natürlich will man sich auch im A-Team zeigen, wenn ein neuer Teamchef da ist. Das Spiel gegen Serbien ist aber wichtig und ich bin total motiviert.

LAOLA1: Hattest du schon Kontakt zu Franco Foda?

Wöber: Ja, wir haben telefoniert. Er hat mir Bescheid gegeben, dass es diese Absprache mit U21-Teamchef Werner Gregoritsch gibt und der mich unbedingt haben möchte. Mir persönlich bringt ein U21-Quali-Spiel mehr als ein Testspiel gegen Uruguay, wo ich vielleicht auf der Bank sitze oder nur eine Halbzeit spiele.

"Ich glaube, ich habe in den ersten drei Tagen 200 verschiedene neue Leute kennengelernt und mir keinen einzigen Namen gemerkt"

LAOLA1: Wie war der letzte Monat?

Wöber: Es ist sehr viel passiert. Es hat alles mit dem Startelf-Debüt gegen Heerenveen begonnen, habe mein erstes Tor, dann die ersten zwei Spiele im Nationalteam und seitdem jede Partie für Ajax gemacht. Ich habe immer wirklich gute Leistungen gezeigt, bin auch im Team des Monats gewesen. Es geht steil bergauf. Ich habe derzeit extrem viel Selbstbewusstsein.

LAOLA1: Gibt es Momente, in denen du auf der Couch sitzt und denkst: "Arg, was da alles passiert."

Wöber: Ich bin alleine in Amsterdam und noch nicht so integriert wie ich es bei Rapid war. Es gibt am Abend also Momente, in denen ich alleine auf der Couch liege und Zeit zum Nachdenken habe. Da wird mir dann klar, was in den letzten Monaten passiert ist, wie schnell das alles gegangen ist und welche Chance ich da eigentlich ergriffen habe.

LAOLA1: Die ersten Wochen beim neuen Klub waren sicher stressig. Bist du jetzt wieder im Alltag angekommen?

Wöber: Wenn man zu einem neuen Verein kommt – oder auch zum A-Team –, lernt man neue Leute kennen und muss sich mit den Abläufen zurechtfinden. Das ist schwierig. In meinem Fall waren es auch noch ein neues Land, eine neue Stadt, eine neue Sprache. Es war irrsinnig viel zu tun, zu organisieren. Da ist man dann schon froh, wenn man sich mal um 20 Uhr ins Bett legen kann, weil man so fertig ist. Ich glaube, ich habe in den ersten drei Tagen 200 verschiedene neue Leute kennengelernt und mir keinen einzigen Namen gemerkt. Das ist für den Kopf so viel, dass man das nicht wirklich verarbeiten kann. Es gab keinen ruhigen Moment zum Runterkommen, alles war so aufregend. Jetzt kehrt der Alltag ein. Ich habe seit einem Monat meine Wohnung, fast alles fertig eingerichtet. Der Führerschein steht noch an…

VIDEO: Generationswechsel im ÖFB-Team

(Interview wird unter dem Video fortgesetzt)


LAOLA1: Wie geht es damit voran?

Wöber: Ich muss 200 Seiten Theorie neu lernen. Mal schauen, wie schnell das geht. Aber die Matura ist noch nicht so lange her, ich bin noch im Lernrhythmus. Hoffentlich ist das in ein, zwei Wochen erledigt und ich kann die Straßen unsicher machen.

LAOLA1: Machst du die theoretische Prüfung schon auf Holländisch?

Wöber: (lacht) Das geht sich noch nicht aus. Mehr als im Restaurant zu bestellen, Bitte, Danke und die Fußballbegriffe habe ich noch nicht drauf. Wenn wir in einem halben Jahr nochmal miteinander reden, können wir das Interview dann schon auf Holländisch machen.

LAOLA1: Ich fürchte, das geht sich für mich nicht aus. Wie sieht es in der Mannschaft aus? Wird da Holländisch gesprochen?

Wöber: Es sind so viele Nationen vertreten, deswegen wird hauptsächlich Englisch gesprochen. Das Training ist zweisprachig – der Hauptteil auf Holländisch, dann aber auch eine englische Übersetzung. Es gibt vom Verein aus die Möglichkeit, einen Sprachkurs zu machen, aber dafür hatte ich noch keinen Kopf. Ich gehe das dann nach dem Führerschein an.

"Wenn du nicht lieferst, kommt der Nächste dran"
Foto: © GEPA

LAOLA1: Darf ich dich Stamm-Innenverteidiger nennen?

Wöber: Im Moment sieht es so aus. Mal sehen, wie sich das entwickelt. Ich denke, ich habe bisher gute Leistungen gezeigt und will daran anknüpfen. Bei Ajax kann man nicht wirklich sagen, dass man einen Stammplatz hat. Die Qualität ist so hoch, dass es auf jeder Position zwei, drei Spieler gibt, die ohne weiteres zum Einsatz kommen können. Wenn du eine Woche nicht lieferst, kommt der Nächste dran.

LAOLA1: Wie sehr unterscheiden sich der Spielstil und deine Aufgaben zu dem, was du bei Rapid zu tun hattest?

Wöber: Bei Ajax wird immer flach rausgespielt. Auch in Drucksituationen, wo ich vielleicht früher hoch nach vorne geschossen hätte, wird die spielerische Lösung gesucht. Die Qualität von den Mitspielern ist eine andere, da will ich meine Ex-Kollegen von Rapid gar nicht schlechtreden, das ist einfach eine Tatsache. Für mich als Verteidiger war das Risiko in der Restfeld-Sicherung neu: Bei Rapid wollten wir, wenn wir im Angriff waren, immer mit zumindest ein, zwei Mann Überzahl auf der Mittellinie stehen, um gegen Konter abgesichert zu sein. Bei Ajax stehst du Eins-gegen-Eins, teilweise sogar in Unterzahl. Da musst du voll konzentriert sein, darfst dir keinen Fehler erlauben.

"Bei Rapid gab es Steffen Hofmann ganz oben – wenn er etwas gesagt hat, hat das gezählt, da gab es keine andere Meinung"

LAOLA1: Matthijs de Ligt ist 18 Jahre alt, du 19. In der österreichischen Bundesliga ist es fast unvorstellbar, dass ein Trainer so eine Innenverteidigung aufstellt.

Wöber: In Österreich ist es nicht so üblich, einen 18-Jährigen in die Innenverteidigung zu stellen. Vielleicht kriegt ein Stürmer ein paar Minuten, aber ein so junges Duo, das von Anfang an Innenverteidigung spielt… Man sieht bei Ajax aber, dass es gut funktioniert. Wir beide verstehen uns auch extrem gut. Man sagt oft, dass Innenverteidiger mit 26, 27 Jahren in ihr bestes Alter kommen, weil sie dann erfahrener werden, aber das gibt es bei Ajax nicht. Da wird kein Wert auf Alter oder Namen gelegt, es zählt nur die Leistung. Das kann für die österreichische Bundesliga ein Vorbild sein. Wenn man Jungen eine Chance gibt, liefern die genauso wie die Alten.

LAOLA1: Was bedeutet das für eine Hierarchie in der Mannschaft, wenn so viele junge Spieler dabei sind?

Wöber: Es sind alle ziemlich gleich. Mit Klaas-Jan Huntelaar, Lasse Schöne und Joel Veltman gibt es natürlich auch erfahrene Spieler. Huntelaar hat eine Welt-Karriere hinter sich. Die drei sind die Papas der Mannschaft, helfen uns, geben uns Tipps. Bei Rapid gab es Steffen Hofmann ganz oben – wenn er etwas gesagt hat, hat das gezählt, da gab es keine andere Meinung. Bei Ajax ist es ausgeglichener, jeder kann mitreden, jeder hat seine Meinung, es geschieht mehr auf Augenhöhe.

LAOLA1: Du hast unlängst in einem Interview gesagt, dass du im Spiel aggressiver werden willst.

Wöber: Das habe ich mit den Trainern auch schon besprochen. Sie verlangen von mir, dass ich in Zweikämpfen aggressiver werde, vor allem in Kopfballduellen. Zweikämpfe sind eigentlich meine Stärke, ich habe in den letzten Spielen aber ein, zwei wichtige Duelle verloren. Fehler werden nicht akzeptiert, daran will man sofort arbeiten, es wird Perfektion angestrebt.

"Die Stimmung ist anders als bei Rapid"
Foto: © GEPA

LAOLA1: Wie trainiert man, aggressiver in einen Zweikampf zu gehen?

Wöber: Es ist eine Einstellungssache. Oft ist es so, dass du eher locker in ein Training gehst, dass die Anspannung, die du vor einem Match hast, fehlt. Dann fehlen zwei, drei Prozent Aggressivität. Natürlich auch, weil es dein eigener Mitspieler ist, den du nicht verletzen willst. Freilich will ich auch keinen Gegenspieler absichtlich verletzen, aber im Match kommt es öfter vor, dass man da mal einen zusammenschneidet. Es heißt auch im Training: Augen zu und durch, ohne Rücksicht auf Verluste mal härter einsteigen. Wenn man das konsequent in jedem Training macht, wird das auch im Match so weitergehen.

LAOLA1: Du wirst in den nächsten Wochen also nicht beliebter werden.

Wöber: (schmunzelt) Ich bin bei Rapid dafür bekannt gewesen, dass ich auch im Training mal durchfahre, vor allem, wenn es nicht so gut läuft und ich sauer werde, kommt mir schon mal das eine oder andere Tackling aus.

LAOLA1: Ihr habt bei Ajax einen Zuschauerschnitt von rund 50.000. Ist das nochmal eine andere Welt als bei Rapid?

Wöber: Wenn du die Stiegen aufläufst und in so eine Kulisse blickst, ist das sehr beeindruckend. Die Stimmung ist anders als bei Rapid. Es gibt zwar auch einen harten Kern, aber das sind nicht so viele Leute wie bei Rapid, wo 8.000 Verrückte 90 Minuten lang durchsingen, egal, was passiert. In Amsterdam sind es 4.000, die singen, aber wenn es gut läuft, kommt das ganze Stadion dazu – wenn dann 50.000 singen, ist es unglaublich. Ich habe es aber auch in die andere Richtung erlebt. Wir waren gegen Vitesse zur Pause 0:2 hinten, da hat ab der zehnten Minute das ganze Stadion gepfiffen. Es ist sehr extrem, die Fans sind erfolgsverwöhnt. Man ist es gewohnt, zu gewinnen, alles andere wird nicht akzeptiert. Es ist wichtig, sich als Spieler davon nicht einschüchtern zu lassen. Ein Ajax-Spieler steht immer unter Zugzwang, er muss jedesmal liefern.

"50.000 wirklich Verrückte, die 90 Minuten lang durchsingen und uns beschimpfen – das war irrsinnig geil"

LAOLA1: Wie war das Spiel gegen Feyenoord?

Wöber: Einzigartig! Das war bisher das größte Spiel meiner Karriere. Als wir vom Trainingszentrum weggefahren sind, haben uns 3.000 Fans mit bengalischen Feuern verabschiedet, beim Abschlusstraining waren fast 4.000 Zuschauer, die die gesamte Zeit gesungen haben. So etwas habe ich noch nie erlebt. Und dann hast du in Rotterdam 50.000 wirklich Verrückte, die 90 Minuten lang durchsingen und uns beschimpfen – das war irrsinnig geil und hat extrem motiviert. Dieses Spiel 4:1 zu gewinnen, werde ich so schnell nicht vergessen.

LAOLA1: Wie gefällt dir eigentlich die Stadt Amsterdam?

Wöber: Sie ist wunderschön! Es gibt so viel zu sehen, all die Museen, man kann gut einkaufen, es gibt super Restaurants. Was mich stört, sind die Touristen-Massen. In Wien kannst du an einem Montag-Vormittag ungestört durch die Straßen schlendern, in Amsterdam ist das unmöglich.

LAOLA1: Hast du schon ein Fahrrad?

Wöber: In meinem Haus gibt es einen Fahrrad-Verleih, wo ich mir ab und zu eines ausborge. Ich brauche mit dem Rad nur zehn Minuten in die Innenstadt, das hat schon seinen eigenen Flair, durch die Grachten zu gondeln.

Textquelle: © LAOLA1.at

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