Hintergrund

Als Könige des ruhenden Balls zum Premier-League-Titel?

Arsenals Erfolg in dieser Saison basiert auf Standardsituationen. Es ist ein Trend, der die ganze Liga ergreift.

Als Könige des ruhenden Balls zum Premier-League-Titel? Foto: © GETTY

Seit Jahren gilt die Premier League als beste Liga der Welt. Geht’s ums Optische, entspricht dieser Claim nicht mehr ganz der Wahrheit.

Sie hat sich verändert. Nicht zum Besseren. Viele teilen diese Ansicht.

Highspeed-Fußball, wahnsinnige Physis und etliche Strafraumszenen – das prägte die Liga in den letzten Jahren. Damit ist nun Schluss, zumindest zum Teil. Stattdessen hat sie sich zu einer Liga entwickelt, in der Standardsituationen der Weg zum Erfolg sind.

Besonders im Gedächtnis bleibt die harte Abrechnung von Liverpool-Trainer Arne Slot: "Mein Fußballherz mag es nicht. Wenn man mich nach Fußball fragt, denke ich an den FC Barcelona vor 10, 15 Jahren. Nun sind die meisten Premier-League-Spiele für mich keine Freude mehr."

Meister wird, wer die Standards beherrscht

Die Zahlen dazu sprechen eine klare Sprache, angefangen beim Spitzenreiter: Über 31 Prozent (21 von 67) aller Arsenal-Tore in der Liga fielen in dieser Saison nach Standardsituationen.

21 Treffer nach ruhenden Bällen, damit ist der Tabellenführer auch in dieser Statistik an oberster Stelle. Doch die "Gunners" sind bei weitem nicht die einzigen, die vermehrt auf Standards setzen.

Besonders pikant: Ausgerechnet Slots Liverpool ist seit Jahreswechsel der neue Standardkönig - nachdem dieser Aspekt Ende 2025 als eklatante Schwachstelle ausgemacht wurde.

Damals war Liverpool das schwächste Team der gesamten englischen Liga in dieser Hinsicht. Der zuständige Coach Aaron Briggs ging - und seither finden sich die "Reds" am anderen Ende dieser Statistik.

So viele Standard-Tore fielen in den letzten Saisons

Saison

Tore insgesamt

Standard-Tore

2020/21

1.024

197

2021/22

1.071

222

2022/23

1.084

221

2023/24

1.246

231

2024/25

1.091

225

2025/26 (nach 36. Runde)

964

243

Der Trend zieht sich durch die ganze Premier League. Schon zum aktuellen Zeitpunkt wurden die zweitmeisten Standard-Tore in der Ligageschichte erzielt. Mehr als 25 Prozent aller Treffer fallen nach oder durch Standards.

Vergleich gefällig? In der letzten Saison waren es etwas mehr als 20 Prozent.

Noch deutlicher wird der Unterschied, wenn man Freistöße aus der Rechnung entfernt. Diese führten im Gegensatz zu den letzten Saisons nämlich seltener zum Torerfolg.

Hingegen entstanden etwa 20 Prozent aller Premier-League-Tore aus Ecken oder langen Einwürfen. In den Spielzeiten zuvor lag der Wert im Schnitt bei nur 15 Prozent.

Umgekehrt werden die Tore aus dem Spiel weniger bedeutend: Nur die beiden Manchester-Klubs sowie Nottingham Forest konnten ihren xG-Wert aus dem offenen Spiel heraus im Vergleich zur Vorsaison marginal erhöhen, überall sonst ging der Wert runter.

Ecken als Arsenal-Spezialität

Arsenal knackte jüngst gar den Allzeit-Rekord an Eckball-Toren in einer Saison (17) - der alte Bestwert lag bei 16. Ecken sind überhaupt die Spezialität der "Gunners", kein anderes Premier-League-Team hat einen höheren xG-Wert nach dieser Standardsituation.

Das könnte im engen Zielsprint mit ManCity auch einen Unterschied machen: Mit West Ham United trafen die Nordlondoner zuletzt auf jenen Klub mit den meisten Gegentoren aus Eckbällen (15). Nun wartet Burnley, das Team mit dem höchsten xG-Wert nach Ecken.

Trend eins: Die "Fleischwand"

Wie kommt es also zu diesem krassen Anstieg?

Es gibt zwei Trends, die sich die englischen Oberhaus-Klubs in 2025/26 besonders zunutze machen. Der erste davon ist die sogenannte "Meat Wall" (dt. "Fleischwand").

Dabei wird der Fünfmeterraum mit Spielern "geflutet" - heißt: Drei oder sogar mehr Spieler der angreifenden Mannschaft befinden sich im Fünfer. Und zwar mit dem Ziel, den Torhüter möglichst zu blocken.

Also befinden sich gut und gerne zehn Leute direkt vor dem Tor - und damit auch rund um den Torhüter.

Das Ziel bei der Fleischwand: Den Goalie durch die Menge an Spielern daran zu hindern, an die Flanke heranzukommen, wenn die Flanke möglichst nah ans Tor - oder zumindest recht zentral in den Fünfmeterraum - geflankt wird.

Die altbekannte "englische Härte" unterstützt dabei: So wird in der Premier League auch etwas körperbetonteres Spiel gegen den Goalie seltener zurückgepfiffen. Trotz des Trends, mehr Spieler im Fünfer zu platzieren, werden statistisch kaum mehr Fouls in diesem Bereich gegeben.

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Beim Arsenal-Heimmatch gegen ManUnited war Senne Lammens von mindestens elf Spielern umzingelt
Foto: ©GETTY

Als "Erfinder" der Fleischwand gilt Arsenal selbst. Das Team von Mikel Arteta verwendet den Ansatz bereits seit der Saison 2023/24. Erst in dieser Spielzeit zog fast die gesamte Liga nach.

Waren es in den zwei abgelaufenen Saisons nur zwei Teams (Arsenal, Aston Villa), die über 60 Prozent ihrer Ecken in den Fünfer brachten, sind es heuer bis zu elf Teams. Neben den "Gunners" selbst ziehen Chelsea und Everton den Ansatz besonders konsequent durch. (Stand April 2026)

Ausnahmen bestätigen bekanntermaßen aber die Regel, und diese findet man ebenso: Manchester City, Wolverhampton, Leeds und Brentford visieren den Fünfer seltener (unter 50 %, Stand April 2026) an. Dafür prägte Brentford eine andere Standard-Variante.

Trend zwei: Die langen Einwürfe

Long Throw-Ins are back, aber so richtig. Und bei diesem Trend ist der Unterschied zu den Vorsaisonen noch gewaltiger als bei den Fleischwand-Ecken. Heuer gibt es fast vier lange Einwürfe pro Premier-League-Spiel, 2024/25 waren es nur 1,52.

Vergangene Saison forcierte nur Brentford weite Einwürfe (nicht am ganzen Feld, sondern nur relativ weit in der gegnerischen Hälfte) zu mehr als 50 Prozent. 2025/26 hat sich der Trend auf die halbe Liga ausgeweitet. Crystal Palace (knapp 90%) und Brentford selbst (mehr als 80%) werfen am häufigsten lang ein. (Stand: April 2026)

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Irre Statistik: Die Zeit, in der der Ball vor Einwürfen nicht im Spiel ist, beträgt pro Partie knapp elf Minuten. (Stand: April 2026)
Foto: ©GETTY

Premier-League-Teams, die auf lange Einwürfe gesetzt haben, gab es natürlich schon in der Vergangenheit. Gerade in der Championship und den Ligen darunter ist das Thema seit Jahren allgegenwärtig.

Wohl am bekanntesten dafür war Rory Delap in seiner Zeit bei Stoke City rund um 2010. Der Vater von Chelsea-Stürmer Liam Delap hatte eine unglaubliche Kraft in den Armen und katapultierte seine Einwürfe nur so in den Strafraum.

Besser als Delap

Trotz aller Wucht und Weite waren Delaps Einwürfe aber vor allem eines: ineffizient.

Weil der Mittelfeldmann so weit werfen konnte, behandelte Stoke die Outeinwürfe wie Freistöße. Heißt: Delap sollte mit seinem Einwurf direkt die Vorlage für einen Kopfball geben, eine Chancen-Art, die deutlich ungefährlicher ist als andere.

Und hier liegt der Unterschied zu Brentford und vielen anderen heutigen Teams der Premier League: Es wird versucht, durch den ersten Nachschuss oder das Chaos im Strafraum zum Erfolg zu kommen, nicht durch einen direkten Abschluss nach dem Einwurf.

Warum Freistöße nicht ausgereizt werden

Im Gegensatz zu langen Einwürfen und Ecken hat sich der Output bei Freistößen (ob direkt oder indirekt) sogar verringert.

Verantwortlich dafür dürfte ein Unterschied zwischen den drei Standardsituationen sein: Das Abseits spielt bei den beiden Erstgenannten nämlich keine Rolle.

Während das verteidigende Team bei Freistößen den Bereich bestimmen kann, in das die gegnerische Mannschaft vordringt, ist das bei Ecken und langen Einwürfen nicht der Fall.

Und, wie stoppt man das Ganze nun?

Taktische Revolution oder auch die sogenannte Meta im Fußball verhält sich in Zyklen. Funktionieren gewisse Dinge über einen Zeitraum besonders gut, finden andere Teams irgendwann Lösungen dafür.

So wurde für Arsenals Art, Ecken auszuführen, bereits ein "Konter" entdeckt: ManCity ließ bei Ecken der "Gunners“ einfach mehrere Spieler an der Mittellinie stehen. Das führte dazu, dass Arsenal den Fünferraum nicht mit so vielen Spielern besetzen konnte.

MMA-Training als Lösung

Manche Klubs setzen auch darauf, Feuer mit Feuer zu bekämpfen: Brighton-Coach Fabian Hürzeler ließ seinen Spielern von einem MMA-Kämpfer die richtige Zweikampf-Einstellung im Strafraum einimpfen.

Der dritte Weg wäre eine Anpassung des Regelwerks. Über die letzten Jahre hinweg wurden die Torhüter nämlich immer weniger geschützt, was zur Folge hat, dass sie im Fünfmeterraum von zahlreichen Gegenspielern geblockt oder blockiert werden können. Ist das nicht mehr erlaubt, müssten sich "Arsenal" und Co. zumindest einen neuen Weg einfallen lassen.

Und: Es gibt ja auch ein Gegenbeispiel mit intakten Meisterchancen. Manchester City findet sich in Sachen Standardtore nur im unteren Drittel der Premier League. Und das bei der heißesten Torausbeute der Liga - neben den "Gunners".

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