Florian Gabriel: Kaderwert Liverpool: über eine Milliarde Euro. Kaderwert Sporting: nicht einmal die Hälfte. Allein dieser Vergleich zeigt, wie vorsichtig man mit solchen Zuschreibungen sein sollte.
Liverpool steht trotz einer durchwachsenen Saison für internationale Erfahrung und Qualität. Drei Finals in den letzten sieben Jahren, der Titel 2019 – das ist kein Gegner, den man sich im Viertelfinale "wünscht". Von einem "leichten Los" zu sprechen, wäre schlicht respektlos.
Dennoch spricht die aktuelle Form klar gegen die "Reds". Während sich die Mannschaft von Arne Slot durch die Saison kämpft, kommt Paris Saint-Germain, wie schon im Vorjahr, genau zur entscheidenden Phase in Topform. Die 0:4-Niederlage im FA-Cup gegen Manchester City hat die Krise zuletzt noch einmal offengelegt.
Trotzdem: Selbst ein angeschlagenes Liverpool bringt mit Spielern wie Florian Wirtz, Dominik Szoboszlai und Virgil van Dijk eine Qualität mit, die jederzeit Spiele entscheiden kann.
Im Vergleich dazu wirkt Arsenals Gegner deutlich berechenbarer. PSG hat vielleicht nicht das schwerste Los gezogen, sicher aber auch nicht das leichteste.
Johannes Hofer: Ja klar, Liverpool hat einen Ast. Aber von einem leichten Los zu sprechen, ist schon sehr anmaßend.
Zwar waren die vergangenen beiden Partien ein Offenbarungseid. Und der 0:4-Rucksack vom FA-Cup-Aus gegen Manchester City lässt aus meiner Sicht zwei Szenarien zu: Selbstaufgabe oder Wiedergutmachung. Die Qualität hätte Arne Slots Kader allemal.
Zwar sehe ich PSG als klaren Favoriten, dennoch erwarte ich keinen gemütlichen Spaziergang an der Seine.
These 2: Einfach besser: Auch ohne Harry Kane ist Bayern München in dieser Saison klar über Real Madrid zu stellen.
Johannes Hofer: Die Liga kann Real nach dem 1:2-Stolperer gegen Abstiegskandidaten Mallorca schön langsam getrost abschreiben. Es heißt: Voller Fokus auf die Champions League!
Aber Kane hin oder her. Auch wenn die englische Tormaschine fit wäre, würde ich Real niemals abschreiben. Ich erinnere nur an die Ausgangslage vor dem Achtelfinale gegen ManCity. Da wurden die Madrilenen im Vorfeld schon beinahe totgeschrieben.
Aus meiner Sicht ist diese Begegnung das Highlight des Viertelfinals. Denn jetzt wird sich zeigen, wie stark die Bayern wirklich sind. In der Liga gegnerlos und in der Champions League bis auf das 1:3 gegen Arsenal unbefleckt – die größte Probe wartet jetzt.
In den vergangenen zehn Jahren holten die Madrilenen Europas begehrteste Trophäe fünf Mal. So ein Team abzuschreiben, wäre fahrlässig. Bayern hat seit dem Sieg 2020 ein Mal das Halbfinale erreicht. Endstation vor zwei Jahren: Der spätere Sieger Real Madrid.
Florian Gabriel: Ich kann meinem Kollegen da nur zustimmen. Harry Kane ist ohne Frage einer der absoluten Schlüsselspieler der Bayern. Dennoch hat sich Real Madrid in den letzten Jahren zu einem echten Angstgegner für den deutschen Branchenprimus entwickelt.
Die letzten vier K.o.-Duelle zwischen den beiden Teams entschieden immer die "Königlichen" für sich. Bayern setzte sich zuletzt 2012 gegen Real durch, damals im Halbfinale. Das "Finale Dahoam" ging schließlich gegen Chelsea verloren.
Trotz der Bilanz sind die Deutschen für mich der Favorit in diesem Duell. Bayern spielt gemeinsam mit PSG den schönsten Fußball in dieser Saison und besticht vor allem durch eine enorm hohe offensive Variabilität.
In der Liga marschiert die Kompany-Elf standesgemäß durch. Einzig gegen den FC Arsenal setzte es in der Ligaphase eine verdiente Niederlage. Real wird nun die große Prüfung auf dem Weg zum möglichen Triple. Im Bernabeu wird sich entscheiden, ob die Bayern bereit sind.
These 3: Drei Wochen Vorbereitungszeit, keine Liga-Ablenkungen: Für Oliver Glasner gibt es gegen Fiorentina im Falle eines Versagens keine Entschuldigungen.
Florian Gabriel: Im Falle einer Niederlage von Crystal Palace gegen Fiorentina gleich von Versagen zu sprechen, halte ich für völlig fehl am Platz.
Ja, das Team von Oliver Glasner geht als Favorit ins Duell – aber Fiorentina ist einer der unangenehmsten Gegner, die man in dieser Phase bekommen kann. Auch wenn der Klub in der Liga schwächelt, hat der Kader trotzdem die nötige individuelle Qualität.
Die lange Vorbereitungszeit spricht zwar für Palace - drei Wochen ohne Liga-Ablenkung sind ein klarer Vorteil -, allerdings hatte auch Fiorentina zuletzt kaum Belastung und konnte sich gezielt auf dieses Duell einstellen.
Dass Palace trotz des besten Kaders der gesamten Ligaphase nicht durch diesen Bewerb marschieren würde, war bereits früh ersichtlich.
Entscheidend wird daher nicht die Vorbereitung, sondern die Tagesform sein. Und genau darin liegt die Krux solcher K.o.-Spiele: Kleinigkeiten entscheiden.
Mit Glasner haben die Engländer aber einen Trainer an der Seitenlinie, der gerade in diesen Phasen seine Qualität mehrfach bewiesen hat. Ein Ausscheiden wäre enttäuschend – aber sicherlich kein Versagen.
Johannes Hofer: Die Verletzten wie Mateta oder Nketiah sind retour. Oliver Glasner kann erstmals seit Ewigkeiten personell aus dem Vollen schöpfen. Die Vorbereitung seit dem letzten Pflichtspiel am 19.3 war aber trotzdem nicht ganz ideal. Palace musste 15 Teamspieler abstellen. Mehr waren es nur bei PSG und ManCity.
In den bisherigen europäischen Spielen taten sich die Londoner gegen extrem tief stehende Gegner stets schwer. Die Hoffnung wird also sein, dass Fiorentina zumindest ein bisschen mitspielen will.
Bei den Italienern scheinen die akuten Abstiegssorgen erstmals seit Wochen gebannt. Aktuell beträgt der Vorsprung fünf Punkte. Spannend, wie Paolo Vanolis Team mit dieser neuen, ungewohnten Leichtigkeit auf europäischer Bühne umgehen wird.
Die Fiorentina war in den vergangenen drei Saisons der ungekrönte Krösus der Conference League. Zwei Finalteilnahmen und in der Vorsaison das unglückliche Aus gegen Real Betis im Semifinale – kein Team kennt diesen Bewerb besser als die Viola.
Für mich ist dieses Duell das vorgezogene Finale. Mit dem besseren Ende für die Eagles aus Südlondon. Denn da bin ich bei Flo: Glasner im K.o.-Modus ist historisch gesehen, schwer zu biegen.