Büskens-Klartext: "Und ich weiß, wie weh es tut"

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Es waren alles andere als ruhige 100 Tage, die Neo-Trainer Mike Büskens seit seiner Anstellung beim SK Rapid erlebte.

Zuerst die Vorwürfe der "Freunderlwirtschaft" mit Andreas Müller, dann der Druck der Stadion-Eröffnung bis hin zum sportlichen Herantasten - der 48-jährige Deutsche hat schon einiges mitgemacht.

Alles in allem verläuft die neue Zusammenarbeit jedoch höchst erfolgreich. In der Bundesliga hat man zwar nach einem Senkrechtstart leicht nachgelassen, dafür fiebert man nun erneut der Gruppenphase der Europa League entgegen, die mit dem Heimspiel gegen KRC Genk eingeläutet wird.

Abseits des grünen Rasens musste der Chefbetreuer jedoch schon einige Entscheidungen treffen, personeller und strategischer Natur. Etwas, was dem Ex-Schalker alles andere als leicht fiel: "Ich weiß, wie weh das tut."

Im großen LAOLA1-Interview spricht Büskens Klartext, verrät, ob sich Rapid im Hinblick auf den Österreicher-Topf übernommen hat, warum Novota, Sonnleitner und Tomi Platz machen mussten und ob der Vorwurf von Ex-Coach Barisic, dass Rapid kalt geworden ist, nachvollziehbar ist. 

LAOLA1: Wie heiß sind Sie auf die Europa League und diesen internationalen Vergleich?

Mike Büskens: Davon habe ich schon als kleines Kind geträumt. Als Sechs-, Sieben-, Achtjähriger habe ich die Spiele von Borussia Mönchengladbach sehr intensiv verfolgt. Wer sich erinnert, weiß, dass sie damals sehr erfolgreich waren. Das sind so meine ersten Erinnerungen an die internationalen Spiele. Dann durfte ich auch als Spieler mitwirken, durfte den UEFA-Cup einmal gewinnen. Von daher ist das etwas, was dich fesselt, wofür du arbeitest und als Fußballer lebst. Diese Vergleiche auf einem noch höheren Niveau gegen Mannschaften mit außergewöhnlicher Qualität. Wir spielen zwar gegen Teams, die uns von den Marktwerten her überlegen sind, aber wir freuen uns auf den Wettbewerb.

LAOLA1: Inwieweit ist KRC Genk überlegen und was weiß man über den Auftaktgegner?

Büskens: Von den Marktwerten sind sie fast doppelt so hoch wie wir, das liegt aber auch am belgischen Markt, da dort Spieler zum zweistelligen Millionenbetrag ins Ausland transferiert werden. Genk hat robuste, gnadenlose Verteidiger in ihren Reihen, definiert sich aber darüber, guten Fußball spielen zu wollen.

LAOLA1: Trotz der schweren Gruppe haben sie betont, dass Platz zwei das Ziel sein muss.

Büskens: Natürlich muss man sich Ziele stecken. Wenn man sich mit drei Mannschaften konkurriert und die ersten Beiden kommen weiter, kann es nicht dein Anspruch sein, Dritter oder Vierter zu werden. Auch wenn wir unsere Situation realistisch einschätzen können, muss doch unser Ziel sein, Zweiter zu werden. Ob es dann klappt, keine Ahnung. Aber es muss doch unser Bestreben sein.


Diese Europacup-Erinnerungen kann Büskens keiner nehmen:


LAOLA1: Also ist die Gefahr der Orientierungslosigkeit bei nicht definierten Zielen zu groß?

Büskens: Genau und außerdem ist das Glas für mich immer halb voll und nicht halb leer. Was soll ich denn herumeiern? Ich durfte den UEFA-Cup 1997 gewinnen und wir waren alles andere als Favoriten. Wir haben gegen großartige Mannschaften gewonnen – ob es Sevilla, Trabzonspor, Brügge oder im Finale Inter Mailand war. Hätten wir damals gesagt: Lasst uns ein bisschen durch Europa reisen und dann kriegen wir überall den Arsch voll, hätten wir das Ding nie gewonnen. Deshalb sage ich, dass wir von den Marktwerten beileibe kein Favorit sind, aber wir möchten gerne in die K.o.-Phase. Darum fahren wir nach Belgien, Italien und nach Spanien.

LAOLA1: Weil es aktuell ein heißes Thema bei Rapid ist: Wie schwer fallen Ihnen Personal-Entscheidungen wie es zuletzt bei Jan Novota der Fall war?

Büskens: Es gehört dazu, aber man kann dabei gut nachempfinden, wie sich der andere fühlt. Ich war selbst in der Situation, am Ende meiner Karriere mal nicht zu spielen, vielleicht gar nicht im Kader zu sein oder Spiele nur von der Bank aus zu sehen. Und ich weiß, dass es weh tut. Man trainiert die ganz Woche dafür, um am Spieltag Präsenz zeigen zu dürfen. Natürlich gibt es da auch Enttäuschungen, das ist doch klar. Ich kann das durchaus nachvollziehen, muss aber trotzdem die Entscheidungen treffen.

LAOLA1: Wie teilen Sie das den Spielern mit – im persönlichen Vieraugen-Gespräch oder auf eine andere Art und Weise?

Büskens: Nicht immer, aber oftmals spricht man schon selbst mit dem Spieler, dass man diesmal die Entscheidung so und so getroffen hat, weil der Sachverhalt so oder so ist.

LAOLA1: Direkt gefragt: Hat sich Rapid im Hinblick auf den Österreicher-Topf übernommen?

Büskens: Nein, übernommen ist doch zu platt. Fakt ist, dass wir bei Jelic eine Diagnose bekommen haben, dass er drei, vier Monate ausfällt. Als Rapid bist du dann in der Verpflichtung, darauf zu reagieren. Das ist ganz klar, das ist ein Drittel der Saison, wofür ein Spieler, den du eingeplant hast, ausfällt. Du musst darauf reagieren. Dann ist die Frage: Was gibt der heimische Markt her? Welchen Stürmer hätten wir zum damaligen Zeitpunkt holen können? Also mussten wir uns Richtung Ausland orientieren und da haben wir mit Giorgi Kvilitaia einen Guten gefunden, von dem wir noch einiges erwarten. Aber es ist ja nicht so, dass wir jetzt alle Ausländer holen und dann schauen wir, wie wir damit klar kommen. Wir mussten einfach auf eine Situation reagieren.

LAOLA1: Prinzipiell will man auch den Konkurrenzkampf erhöhen. Aber ist das bei neun Ausländern, die um sechs Kaderplätze kämpfen müssen, noch fördernd?

Büskens: Genauso musst du manchmal einen Österreicher rauslassen, der es auch verdient hätte zu spielen und im Training auch gut performt hat. Man darf doch jetzt nicht differenzieren zwischen Österreicher-Topf oder nicht. Man muss das Allgemeine sehen und da gibt es immer wieder Entscheidungen zu treffen, die vielleicht für den anderen sprechen.

LAOLA1: Trotzdem hat Rapid in den letzten Jahren den Weg mit jungen, österreichischen Talenten eingeschlagen, den Sie auch forcieren wollten. Nun wurden mehrere Legionäre verpflichtet. Liegt die Wahrheit in der Mitte?

Büskens: Die kann doch nur in der Mitte liegen. Weil auf der einen Seite wollen wir junge Österreicher fördern, auf der anderen haben wir aber auch große Ziele, die du bei so einem großen Verein erfüllen musst. Dann musst du auch situativ Entscheidungen treffen, die auch einmal so ausgehen können, dass man mehr als sechs Ausländer im Kader hat. Wir haben mit Tamas Szanto einen Spieler sehr gefördert, der in diesen Österreicher-Topf reinfällt, das werden wir auch weiter versuchen. Bei uns hast du als Talent auch immer die Chance zu spielen, noch eher als bei anderen Klubs, die um die oberen Plätze mitspielen. Das wird auch weiterhin unser Weg bleiben. Aber es kann auch einmal so sein, dass man sagen muss: Pass‘ auf Jan, es tut mir leid, aber wir müssen aufgrund der Situation so reagieren.

LAOLA1: Was war bei Novota schlussendlich ausschlaggebend für die Entscheidung bzw. war der Zeitpunkt sogar günstig, da Strebinger zuletzt bereits einspringen musste?

Büskens: Er hat zwei Spiele ordentlich gemacht. Für uns war klar, dass „Richie“ im Tor bleibt. Auf einer Position, wo du im Spiel eigentlich sehr selten wechselst, außer es passiert etwas, hätten wir uns dann blockiert mit einem Platz, den Jan als Nicht-Österreicher einnimmt. Wir haben auch großes Vertrauen in Paul Gartler, der in Österreichs U19 spielt. Paul saß auf der Bank, Richie geht ins Tor – so können wir das für uns lösen. Jan hat die Entscheidung absolut nachvollziehen können und hat sogar gesagt: Wenn ich Trainer wäre, hätte ich in der Situation genauso entschieden. Von daher ist alles in Ordnung und vernünftig abgelaufen.


Ronaldo und Pepe im Allianz-Stadion? Dieser Traum soll nicht vernichtet werden:


LAOLA1: Sportdirektor Andreas Müller hat auch gemeint, dass Strebinger von den Anlagen her der Vielversprechendste für die Zukunft ist. Stimmen Sie ihm zu?

Büskens: Ja, Richard ist ein junger Torhüter, der wahnsinnig mutig in Bälle geht, der sehr gut im Eins-gegen-Eins ist. Aber er ist auch einer, der aufgrund seines Alters noch Luft und Entwicklungspotenzial in manchen Bereichen hat. Wir hoffen darauf, dass die Entwicklung so weitergeht, wie es in den letzten Wochen der Fall war. Dann ist er mit Sicherheit ein ganz ordentlicher Torhüter für Rapid.

LAOLA1: Das war aber nicht die einzige Personal-Entscheidung, auch Mario Sonnleitner kommt nicht mehr zum Zug. Sein Fall als ehemaliger Leistungsträger wird oft thematisiert. Sind die Gründe dafür wirklich nur sportlicher Natur?

Büskens: Welche andere Gründe denn? Ich kann nur sagen, dass ich zu „Sonni“ ein sehr offenes Verhältnis habe. Er kennt die Einschätzung von mir und dem Verein. Wir haben gerade auf der Position hohe Qualität. Dibon ist ein richtig guter, erfahrener Innenverteidiger, Schösswendter hat bei der Admira und auch schon hier bewiesen, wie torgefährlich er ist. Wir haben mit Max Hofmann noch einen, dem mit 23 Jahren noch die Zukunft gehört und der auch schon in vielen Spielen performt hat. Und mit Maximilian Wöber, gerade 19, haben wir ein sehr vielversprechendes Talent. Auf der Position herrscht ein Überangebot an guten, perspektivischen Spielern vor. Dann muss man als Verein eine Wahl treffen. Wir haben zwei Erfahrene, einen Jungen und einen ganz Jungen, die wir auch entwickeln wollen. Dann fallen Entscheidungen manchmal so aus. Aber Sie werden von mir nie etwas Schlechtes hören. Bis zum heutigen Tag hat sich „Sonni“ hervorragend verhalten, trainiert sehr gut und haut alles rein. Aber die Entscheidung ist jetzt einmal so gefallen. Vielleicht ändert sich das. Aber von der Trainingsleistung und dem Engagement kann ich ihm nichts vorwerfen. Das habe ich ihm auch so gesagt.

LAOLA1: Um konkreter zu werden: Also war es eher eine strategische Entscheidung für jüngere Spieler, die möglicherweise auch auf der Gehaltsliste nicht so weit oben angesiedelt sind und denen die Zukunft gehört?

Büskens: Ich beschäftige mich nicht mit Gehaltslisten. Wir haben Schösswendter geholt, damit wir in der Luft noch stärker werden, defensiv wie offensiv. Wir haben mit Dibon einen Haudegen, der schon viele Schlachten geschlagen hat. Und wir haben zwei richtig gute Jungs mit Perspektive. Unterm Strich haben wir auf der Position eine hohe Qualität und können nicht allen fünf Innenverteidigern gerecht werden. Wir können nicht in die Zukunft schauen, wir wissen nicht, was passiert.

LAOLA1: Bei Tomi ist es ein bisschen eine andere Geschichte. Obwohl man ihm mitgeteilt hat, dass man ohne ihn plant, ist er beim Verein geblieben. Wenn die Türe einmal zu ist, ist sie dann für immer zu, oder wie handhaben sie das?

Büskens: Dann wäre es ja unabhängig davon, ob wir ihn Tomi oder Sonnleitner nennen. Wir wissen nicht, wie es sich in den nächsten Wochen und Monaten entwickelt. Bei Tomi hat man noch die zusätzliche Problematik des Ausländer-Status. Aber er wusste sehr früh von unseren Gedanken. Fakt ist, dass er sich nicht verändert hat und auch ganz normal im Trainingsbetrieb dabei ist.

LAOLA1: Tomi hat man es ja direkt mitgeteilt, dass man ohne ihn plant. Sonnleitner ist einfach in der Rangordnung zurückgereiht worden. Oder war das anders?

Büskens: Ich weiß auch, dass es da Gespräche mit seinem Management gab. Aber das sind teilweise Entscheidungen, die sind vor meiner Zeit gefallen. Da müssen Sie eigentlich andere Leute zu der Thematik befragen.

LAOLA1: Wie wichtig ist es trotzdem als Trainer, individuell auf einzelne Spieler einzugehen und sie nicht als Nummern, was sicherlich auch im Fußball-Geschäft vorkommt, zu behandeln?

Büskens: Das ist nicht mein Anspruch, Spieler als Nummern zu behandeln. Deshalb versuche ich mich auch mit jedem vernünftig auseinanderzusetzen. Ich sage nicht umsonst: Meine Tür ist offen: Wenn ihr ein Problem habt, dann kommt. Wenn es für mich Nummern wären, dann würde mich das alles nicht tangieren und wir würden nicht lange über Sonnleitner und Tomi reden.


Tränen bei Jan Novota:


LAOLA1: Ex-Trainer Zoran Barisic hat nach dem Rauswurf in einem Krone-Interview behauptet: „Rapid wird kälter“. Wie kalt ist der Profi-Fußball mittlerweile oder ist das nur die Folge einer Professionalisierung?

Büskens: Wie soll ich das bei Rapid beurteilen, ich kenne nur die Zeit seit Juni. Grundsätzlich wird unsere Zeit immer schnelllebiger. Nicht nur die Zeit bei Rapid, sondern die in unserer Gesellschaft. Das werden auch andere in ihrem Arbeitsumfeld feststellen. Das ist auf der einen Seite bedauerlich, auf der anderen Seite ist die Zeit leider so. Ich habe es auch lieber, wenn es harmonisch, sehr offen und fair ist. Von daher kann ich nur feststellen, dass wir seit meiner Zeit bei Rapid sehr vernünftig miteinander umgehen. Ich weiß nicht, wie warm es früher war oder wie kalt es jetzt ist. Ich habe mit allen Beteiligten einen vernünftigen Austausch, das ist auch mein Anspruch. Wir werden zwar nicht immer einer Meinung sein, aber wir haben immer eine Diskussions-Grundlage.

LAOLA1: Vielleicht können Sie aber aus ihrer aktiven Karriere einen Vergleich ziehen, wie sich der Fußball gewandelt hat – auch im zwischenmenschlichen Bereich?

Büskens: Ich glaube, dass es früher auch nicht Friede, Freude, Eierkuchen war. Da hat kaum ein Trainer mit dir gesprochen, hat dir kaum einer erklärt, warum du nicht im Kader warst oder du nicht gespielt hast. Du musstest einfach funktionieren. Es hat dir auch keiner die Trainings-Einheiten erklärt. Da hat es geheißen: Wir laufen jetzt und wir hören erst auf, wenn ich gepfiffen habe. Das waren die Fakten. War das warm? Fand ich nicht. Daher glaube ich schon, dass die Kommunikation im Umfeld einer Mannschaft eigentlich viel mehr geworden ist. Nichtsdestotrotz spielt das Geld eine immer größere Rolle und die Kontinuität leidet darunter. Oftmals herrscht dann auch eine Phase der Entscheidungen, die vielleicht für den Außenstehenden nicht immer nachvollziehbar sind, aber, wenn man Hintergründe kennen würde, leichter zu verstehen wären.

LAOLA1: Das hat so geklungen, als würden Sie auf einen speziellen Trainer anspielen.

Büskens: Nein, gar nicht. Das ist doch allgemein so, egal wo man hinschaut. Pep Guardiola wird drei Mal Meister, zwei Mal DFB-Pokalsieger mit dem FC Bayern. Carlo Ancelotti kommt, alle verfluchen Pep und feiern Ancelotti als Messias. Es geht doch um Respekt in unserer Gesellschaft. Unabhängig von Fußball treten gewisse Werte immer mehr in den Hintergrund im Miteinander. Das haben wir überall - im Stadion, außerhalb und global gesehen. Das ist doch kein fußballspezifisches, sondern ein gesellschaftliches Problem.


Das Gespräch führte Alexander Karper

 

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