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Björndalen exklusiv: Warum Österreich nicht Norwegen sein kann

Der "König des Biathlon" spricht exklusiv bei LAOLA1 über Norwegens "Geheimrezept", die Nachwuchsarbeit, kulturelle Unterschiede und warum es nicht sinnvoll wäre, das Erfolgsmodell einfach zu kopieren.

Björndalen exklusiv: Warum Österreich nicht Norwegen sein kann Foto: © GEPA

Ole Einar Björndalen ist ein gefragter Mann. "Morgen bin ich sehr beschäftigt, da geht es leider nicht", sagt der erste Biathlon-Superstar, als ihn LAOLA1 telefonisch erreicht.

"Könnten wir das vielleicht jetzt gleich machen?", fragt er anschließend. Natürlich geht das. Für einen wie ihn ändert man gerne seine Pläne. Und Könige soll man ja bekanntlich nicht warten lassen.

In seiner 25 Jahre andauernden Karriere stand er unglaubliche 253 Mal auf einem Weltcup-Podest, holte acht Mal Gold bei Olympia und darf 45 (!) WM-Medaillen sein Eigen nennen.

LAOLA1 hat mit dem sympathischen 52-Jährigen über Norwegens Dominanz im Biathlon und das Erfolgsrezept dahinter gesprochen. Außerdem verrät Björndalen, welche seiner vielen Erfolge ihm am meisten bedeuten und warum er einst als Seiltänzer im TV aufgetreten ist.

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LAOLA1: Lieber Ole Einar, zunächst einmal vielen Dank, dass du dir die Zeit für LAOLA1 nimmst. Du hast 2018 deine Karriere beendet, aktuell bist du als Experte für das norwegische Fernsehen tätig. Wie eng bist du dem Biathlon-Sport noch verbunden?

Ole Einar Björndalen: Ich bin sehr eng mit den Athleten, Trainern und Betreuern. Ich bin aktuell nicht als Trainer tätig, versuche aber stetig, mich auch in dieser Hinsicht weiterzuentwickeln. Außerdem stehe ich vielen Athleten beratend zur Seite.

LAOLA1: Du hattest mit den Boe-Brüdern würdige Nachfolger. Was ist in Norwegen das Geheimrezept, um immer wieder solche Stars hervorzubringen?

Björndalen: Zunächst natürlich hartes Training. Wir haben eine Vielzahl an Athletinnen und Athleten und einen sehr starken Nachwuchs. Insbesondere bei den Männern sind viele Athleten sehr eigenständig. Natürlich haben sie Trainer, aber sie denken sehr wissenschaftlich und entwickeln sich daher auch eigenständig weiter.

"Er war ein sehr anständiger junger Mensch, der von vielen im Biathlonzirkus sehr geliebt wurde."

Björndalen über den verstorbenen Sivert Bakken

LAOLA1: Einer aus dieser Nachfolge-Generation war auch Sivert Bakken, dessen plötzlicher Tod Ende Dezember die Biathlon-Welt erschüttert hat. Was ging in dir vor, als du die Nachricht bekommen hast?

Björndalen: Für mich war das natürlich ein riesiger Schock. Es ist schwer zu glauben. Ich hätte nicht gedacht, dass es möglich ist, dass ein junger Athlet so plötzlich verstirbt.

LAOLA1: Du bist immer noch in engem Kontakt mit dem norwegischen Team. Wie schwer war es für das Team, nach diesem Ereignis wieder zu einem sportlichen Alltag zurückzufinden?

Björndalen: Für die Athleten war es extrem schwer, sie waren sehr eng mit Sivert. Ich selbst kannte ihn nicht ganz so gut wie sie, aber was ich sagen kann, ist: Er war ein sehr anständiger junger Mensch, der von vielen im Biathlonzirkus sehr geliebt wurde. Unter den Athleten geht jeder ein wenig anders damit um, aber es war für keinen leicht, wieder zum Alltag zurückzufinden.

LAOLA1: Johan-Olav Botn war auch ein enger Freund von Sivert. Er war einer derjenigen, die nach den Karriereenden der Boe-Brüder ins Weltcupteam aufgerückt sind. Er hat bis vor Kurzem sogar den Gesamtweltcup angeführt, generell sind die Norweger weiterhin ganz vorne zu finden. Hat dich diese Entwicklung überrascht?

Björndalen: Ich habe das durchaus erwartet und hätte sogar gedacht, dass sie noch dominanter sein werden. Sie haben, aufgrund dessen, was passiert ist, eine schwere Saison. Ich denke, dass sie noch stärker wiederkommen werden.

"Das System einfach nach Österreich zu kopieren, wäre schwierig. Jedes Land hat seine eigene Kultur."

Björndalen erklärt, warum Österreich Norwegens Erfolgsmodell nicht einfach kopieren kann

LAOLA1: Ein wichtiger Faktor dafür ist die norwegische Nachwuchsarbeit. Kannst du für unsere Leser erläutern, wie diese funktioniert und aufgebaut ist?

Björndalen: Biathlon ist bei uns eine Kultur. Die Klubs arbeiten sehr eng mit dem Verband zusammen. Ich war über die Weihnachtsfeiertage bei Nachwuchswettkämpfen in Norwegen, mittlerweile starten die Kinder schon mit acht oder neun Jahren in diesem Sport. Man sieht, welche Freude sie daran haben. Ein wichtiger Faktor sind auch die Eltern, die sich sehr viel Zeit für ihre Kinder und den Sport nehmen. Es ist nicht nur das Training wichtig, sondern auch der soziale Faktor. Man ist im Biathlon in Norwegen eine große Familie. Der Zusammenhalt ist sehr groß.

LAOLA1: Was könnte Österreich vom norwegischen Modell lernen?

Björndalen: Es gibt immer etwas, das man lernen kann. Aber das System einfach nach Österreich zu kopieren, wäre schwierig. Jedes Land hat seine eigene Kultur. Ich habe das bei meiner Arbeit als Trainer in China hautnah erlebt. Da waren viele der Meinung, es wäre kein Problem, das norwegische System in China zu etablieren. Aber das funktioniert so nicht. Man muss die Kultur und die Menschen kennenlernen, um zu verstehen, was in dem jeweiligen Land möglich ist. Wenn du das weißt, kannst du einige Dinge mitnehmen.

Was Österreich betrifft: Man müsste in den Schulen ansetzen und den Sport schon früh mit der Ausbildung kombinieren. Ich weiß, dass die Schule in Österreich sehr schwer ist, die Kinder müssen schon früh viel lernen. Deswegen ist es nur schwer mit dem Sport vereinbar.

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Foto: ©GEPA

LAOLA1: Um noch kurz bei Österreich zu bleiben: Gab es einen österreichischen Biathleten, der dich sportlich ganz besonders gefordert hat?

Björndalen: Da gab es viele, ich war ja von 1993 bis 2018 im Weltcup aktiv. Vor allem natürlich Dominik Landertinger und Christoph Sumann. Auch mit Ludwig Gredler hatte ich viele Duelle auf der Strecke. Zu Beginn meiner Karriere bin ich noch gegen Alfred Eder gelaufen, später gegen seinen Sohn Simon. Das waren alles großartige Biathleten. Österreich hat genügend Erfahrung und Expertise im Land und ich habe keine Zweifel, dass man in Zukunft wieder tolle Athleten hervorbringen wird.

"Mit zwölf Jahren habe ich entschieden, dass ich der beste Biathlet der Welt werden möchte."

Björndalen wusste schon sehr früh genau, was er will

LAOLA1: Du hast erwähnt, dass Biathlon in Norwegen ein Kulturgut ist. Wie bist du selbst als Kind zum Biathlon gekommen?

Björndalen: Ich bin durch meine Familie und meinen Klub zum Biathlon gekommen. Ich stamme von einem Bauernhof, wir waren fünf Kinder. Mein Bruder, der vier Jahre älter ist, hat viel Sport gemacht und ich habe ihm vieles nachgemacht. Ich habe als Kind viele Sportarten ausgeübt. Ich habe Leichtathletik, Speerwerfen, Radfahren, Ski Alpin, Skispringen, Langlaufen und alles Mögliche ausprobiert. Irgendwann habe ich erkannt, dass ich ein Ausdauertalent habe. Deswegen habe ich begonnen, in diese Richtung zu gehen. Es gab bei uns damals einen sehr guten Biathlon-Klub mit sehr guten Trainern. Mit zwölf Jahren habe ich dann entschieden, dass ich der beste Biathlet der Welt werden möchte.

LAOLA1: Ich denke, man kann dir gratulieren. Das ist dir eindrucksvoll gelungen.

Björndalen: Vielen Dank (lacht).

LAOLA1: Es gibt eine witzige Anekdote über dich: Du hast dich als Kind in einer Fernsehsendung auf einem Seil balancierend bis auf die Unterhose aus- und wieder angezogen. Ist das wahr? Und falls ja, wie kam es dazu?

Björndalen: Ja, das stimmt tatsächlich. Unser Sport war damals noch sehr klein und man konnte nicht davon leben. Der Verband hat sich überlegt, wie man mehr Aufmerksamkeit für Biathlon gewinnen könnte. Man ist dann mit allerhand kuriosen Ideen auf die Medien zugegangen. Koordination war damals eine Stärke von mir. So ist die Idee entstanden, dass ich mit dieser Nummer im Fernsehen auftrete. Nach und nach habe ich gelernt, wie Medien arbeiten und wie man für Sponsoren interessant wird. Das war wichtig, um von meinem Sport leben zu können. Ich hatte auch nie einen Manager und habe alle Sponsorenverträge selbst verhandelt.

LAOLA1: Du hast in deiner Karriere alles gewonnen, was man sich nur vorstellen kann. Gibt es einen Erfolg, der für dich eine ganz besondere Bedeutung hat?

Björndalen: Das waren die erste und die letzte Goldmedaille bei den Olympischen Spielen sowie der Weltcupsieg im Langlauf im Jahr 2006.

LAOLA1: Wer sind aus deiner Sicht die beste Biathletin und der beste Biathlet aller Zeiten?

Björndalen: Das kann man so nicht sagen. Es gab so viele tolle Athleten in den unterschiedlichen Epochen. Speziell zu meiner Zeit, konkret zwischen 1993 und 2010 gab es viele Nationen, die Weltklasseathleten hatten. Heute sind es nur noch drei oder vier, damals waren es um die zehn. Außerdem gab es zu Beginn meiner Karriere nur drei Bewerbe: Sprint, Einzel und Staffel. Heute sind es sieben. Auch der Weltcup hatte früher, im Vergleich zu Olympia und Weltmeisterschaften, eine geringere Bedeutung als heute. Deswegen kann man das nicht vergleichen.

LAOLA1: Vielen Dank für das Gespräch!

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