So zieht die NHL die Europäer über den Tisch

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Der Frieden in der NHL ist bis September 2022 gesichert, das CBA (Collective Bargaining Agreement - HIER gibt es noch einmal alle Infos>>>) wurde nicht storniert.

Völlig unbeachtet von der Öffentlichkeit muss jedoch ein weiterer Vertrag ausgehandelt werden, der vor allem Europa betrifft.

LAOLA1-Experte Bernd Freimüller wirft einen Blick auf das Transfer-Abkommen zwischen NHL und den europäischen Verbänden bzw. Ligen und erklärt, dass bei weitem nicht so viel Geld fließt, wie angebracht wäre - und es häufig nicht einmal bei den richtigen Adressen ankommt:

Worum geht es?

Das Transfer-Abkommen zwischen der NHL und der einzelnen Verbände der IIHF regelt die Transfers von Europa nach Übersee. Der aktuelle Vertrag wurde 2013 unterzeichnet und läuft mit der Saison 2019/20 aus. Ohne einen solchen Vertrag müsste jeder Transfer nach Übersee extra verhandelt werden, eine Situation, die es für einige Jahre auch gab, ehe beide Seiten wieder aufeinander zukamen.

Wer ist in Europa Teil des Abkommens?

Eigentlich alle großen und mittelgroßen Eishockey-Nationen, von Schweden, Finnland über Dänemark, Norwegen bis zu "Ice Hockey UK". Zwei (gewichtige) Ausnahmen gibt es jedoch: Russland und die Schweiz gehören nicht dazu, für sie gilt das Transfer-Abkommen nicht.

Was sind die wichtigsten Punkte dieses Vertrags?

Zum einen die Deadlines. Dabei ist geregelt, bis wann Spieler von Europa nach Übersee wechseln können, um so den Teams eine gewisse Sicherheit in der Planung zu geben. Vereinfacht gesagt: Europäische Spieler sollten spätestens am 15. Juni einen NHL-Vertrag unterschreiben, im jeweiligen Jahr gedraftete Spieler am 15. Juli oder gegen ein Pönale von 100.000 Dollar am 15. August (passiert so gut wie nie). Für Spieler ohne Vertrag gelten diese Deadlines jedoch nicht.

Noch viel wichtiger: Auch die Transfer-Summen sind geregelt. Derzeit gültig: Für die Spieler 1 bis 10, die von einem Verband nach Übersee wechseln, muss die NHL 260.000 US-Dollar berappen, darüber hinaus pro Spieler 350.000. Letztere Zahl betrifft vor allem Verbände, die jedes Jahr sehr viele Spieler an die NHL verlieren, also Schweden oder Finnland. Die Gesamtsumme wird dann anteilsmäßig an die abgebenden Klubs aufgeteilt oder - bei weniger Transfers - direkt ausbezahlt.

Ebenfalls geregelt: "Indirekte" Transfers - Spieler, die vor ihrem 17. Geburtstag ins Ausland wechseln und von dort gedraftet werden, sind mit 30.000 Dollar abzugelten.

Welche Teams bekommen dieses Geld?

Da wird die Vereinbarung schon nebulöser. Es gibt nämlich ein altes Neben-Abkommen, das noch aus einer Zeit datiert, als die IIHF direkt mit der NHL verhandelte und nicht die einzelnen Verbände. Darin steht, dass jene Teams davon profitieren, für die der Spieler in den vier Jahren vor der Vertragsunterzeichnung zuletzt spielte. 25 Prozent pro Saison, also könnten theoretisch vier Teams davon profitieren.

Die NHL hat mit dieser Abmachung nichts zu tun, ihr ist es völlig egal, was in Europa mit dem Geld passiert. Nur: Dieses Abkommen wurde in den letzten Jahren immer mehr durchlöchert, vor allem aus Schweden. Ist ein Spieler etwa innerhalb von Schweden gewechselt - alles ok, der schwedische Verband teilt das Geld an die Teams auf.

Aber: Wenn ein Spieler aus dem Ausland kommt, wird alles anders. Im Falle des Deutschen Dominik Bokk etwa, der vor seiner Draft-Saison 2017/18 nach Växjö übersiedelte und 2018 auch bei den St. Louis Blues unterschrieb, bekam Växjö ein Viertel der Transfersumme. Die anderen drei Viertel krallte sich der schwedische Verband, Köln ging bis auf die 30.000 Dollar für den indirekten Transfer leer aus...

Wie geht es also weiter?

Schweden möchte wie 2013 wieder stellvertretend für alle Verbände die Verhandlungen führen. Sie fühlen sich dazu berufen, da sie jährlich die meisten Spieler an die NHL verlieren. Immerhin konnten sie bei den letzten Verhandlungen den Passus herausschlagen, dass Spieler unter 22 Jahren (mit Ausnahme der Erstrunden-Picks), die es nicht in die NHL schaffen, an ihre europäischen Stammvereine angeboten werden müssen.

Ob die anderen Nationen die Schweden wieder als Klassensprecher akzeptieren, ist zur Stunde noch unklar. Wohlgemerkt, das Neben-Abkommen hat mit den eigentlichen Transfer-Agreement nichts zu tun, hinterließ aber vor allem bei Norwegen und Dänemark, die eine Unzahl an Spielern nach Schweden verlieren, an den Transfersummen aber nicht profitieren, einen schalen Nachgeschmack.

Russland, die aus Nationalstolz mit der NHL direkt verhandeln wollen und die Schweiz, die mit ihren üppigen Gehältern so manchen Spieler von einem potentiellen AHL-Schicksal abhalten können, dürften wieder nicht mit von der Partie sein.

Was gilt es neu auszuverhandeln?

In erster Linioe einmal höhere Transfer-Summen, aber vielleicht auch noch klarere Deadlines.

Ausgerechnet ein EBEL-Team musste ja mit einem kleinen Gaunerstückerl von Seiten der NHL fertig werden. Thomas Raffl stand im Sommer 2015 unter Vertrag bei Red Bull Salzburg. Er befand sich Ende August natürlich schon in der Saison-Vorbereitung bei seinem Klub. Die Winnipeg Jets wollten ihn aber zum Camp einladen und erst danach über einen eventuellen Vertrag befinden. Völlig gegen die Transfer-Regeln, Raffl hätte nur bis 15. Juni einen NHL-Vertrag unterschreiben dürfen. Winnipegs Ansuchen war ein klassischer Fall von "Tampering" (=Abwerben), Raffls Agenten drückten bei Salzburg auf die Tränendrüse, die ihn schließlich aus dem Vertrag entließen. Der Transfer von Libor Sulak (der zweiter EBEL-Spieler, der in die NHL wechselte) lief dagegen formgemäß ab.

Die SCL Tigers mussten DiDoemnico (r.) abgeben
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Ein noch krasserer Fall als Raffl - auch wenn er mit der Schweiz ein Land betraf, das nicht Teil des Transfer-Abkommens ist - spielte sich rund um einen italienisch stämmigen Kanadier ab: Chris DiDomenico wechselte bei laufendem Spielbetrieb und nach Ablauf der IIHF-Trading Deadline Ende Februar 2017 von den SCL Tigers, die zähneknirschend die Freigabe erteilten, zu den Ottawa Senators.

Unnachgiebigere Deadlines – NHL-Teams sollten ja zwischen Juni und August über Spieler keine neuen Erkenntnisse erlangen – wären nur eines der aktuellen Themen. Höhere Transfer-Summen (vor allem auch bei indirekten Transfers) und die Möglichkeit, dass europäische Klubs ihre Spieler doch noch länger behalten können und diese nicht in der AHL gebunkert werden, wären für mich weitere Kernpunkte des neuen Abkommens.

Das grobe Missverhältnis:

Im Gegensatz zum CBA, dessen Verhandlungen immer sehr öffentlich ausfallen, wurde das Transfer-Abkommen zwischen der NHL und Europa immer unter dem Siegel der Verschwiegenheit ausverhandelt. Die Ergebnisse der nicht unwichtigen Vereinbarung kennen nur absolute Branchen-Insider. Auch der neue Vertrag dürfte für die NHL wieder eine Mezzie - also ein preiswertes Angebot - werden, da direkte Verhandlungen mit den Teams weiter ausgeschlossen sind und daher von einem freien Markt mit Millionen-Ablösen wie im Fußball nur zu träumen ist.

Die Zahlen sprechen für sich: Wenn man die Starting-Goalies, Top-4-Verteidiger und die ersten drei Sturmlinien heranzieht, macht der europäische Spieleranteil in der NHL fast 40 Prozent aus. Jeden Sommer wandern 60 bis 80 Spieler aus Europa nach Übersee ab. Die jährlichen Kosten für die NHL betragen mit 15 bis 20 Millionen Dollar, also nicht einmal 0,5 Prozent der Liga-Einnahmen von etwa fünf Milliarden Dollar.

Selbst eine zu erwartende geringfügige Anhebung wird an diesem Missverhältnis rein gar nichts ändern…

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Textquelle: © LAOLA1.at

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