news

Bernd Wolf: "Ich gehe nicht wegen des Geldes nach Kloten"

Vielmehr hätten ihn die Entwicklungsmöglichkeiten überzeugt. Warum der Verteidiger seine beste Saison spielt und das ÖEHV-Team den nächsten Schritt machen muss.

Bernd Wolf: Foto: © GEPA

In Lugano lässt es sich schon leben.

Direkt vor der Haustür lädt im Sommer der Luganersee, welcher die Grenze zwischen der Schweiz und Italien bildet, zum einen oder anderen Badetag ein, wer lieber etwas Bergluft schnuppern will, packt die Wanderschuhe aus und genießt die Aussicht am Monte Bre, Monte San Salvatore oder dem Sighignola.

Und im Winter? Da lohnt sich unter anderem eine kurze Fahrt in den Norden der Stadt, wo die Corner Arena steht. Eine rund 8.000 Zuseher fassende Eissporthalle, in welcher der traditionsreiche HC Lugano beheimatet ist.

Seit der Einführung der Playoffs in der Schweizer National League zur Saison 1985/86 ging der Meistertitel sieben Mal an die Bianconeri, nur der SC Bern sowie der HC Davos können diese Anzahl egalisieren. Damit sind sie in diesem Zeitraum die erfolgreichsten Teams im Schweizer Eishockey.

Während Bern (2019) und Davos (2015) vor noch nicht allzu langer Zeit die Meisterschaft gewannen, ist dies in Lugano schon länger her - genauer gesagt wartet der 1941 gegründete Klub seit 2006 auf seinen achten Triumph. 2016 und 2018 war man knapp dran, scheiterte allerdings jeweils im Finale.

Seitdem kam Lugano bei vier Playoff-Antreten - 2019/20 wurde die Saison, wie auch in Österreich, wegen Corona vorzeitig abgebrochen - nie mehr über das Viertelfinale hinaus. Bei den letzten beiden Versuchen war neben dem inzwischen beim KAC engagierten Raphael Herburger auch Bernd Wolf mit dabei.

Der 26-jährige Defender, geboren in Wien, steht seit Sommer 2020 in Lugano unter Vertrag und visiert seine dritte Postseason-Teilnahme in Folge an, ehe es ihn nach Saisonende zum EHC Kloten ziehen wird - dazu später mehr.

"Es ist verdammt eng um den Strich"

Die Ausgangslage ist vielversprechend. 71 Punkte aus 46 Spielen bedeuten Rang sechs, der Vorsprung auf die Pre-Playoff-Plätze beträgt drei Zähler. Allerdings hat der HC Davos zwei Spiele weniger absolviert, konnte am Dienstag mit einem 6:3-Sieg über den Tabellen-Dritten EV Zug Boden gutmachen.

Erst am Samstag greift Wolf mit seinem Team wieder ins Geschehen ein, muss der Nationalteam-Defender auswärts in Zug ran. "Das ist gut, bis dorthin könnten ein, zwei Spieler zurückkommen, was uns helfen würde", erklärt Wolf gegenüber LAOLA1.

Der Linksschütze sieht die Frage, ob es von Vorteil sein kann, im Grunddurchgangsfinish nur mehr sechs Partien ausständig zu haben, während Davos noch acht Spiele absolvieren muss, zwiespältig: "Es ist immer die Frage: Wenn ein Team ausgeruhter ist, ist das wirklich besser? Wenn eine Mannschaft einen Lauf hat, ist es ihnen egal, wie viele Spiele sie haben. Aber es ist auch schön, wenn du etwas mehr Pause hast."

Das direkte Duell am 3. Februar konnte der Schweizer Rekordmeister (31 Titeln, Anm.) in Lugano denkbar knapp mit 1:0 für sich entscheiden. "Das war eine bittere Niederlage, wir haben in der letzten Minute das 0:1 kassiert", blickt Wolf wehmütig zurück.

Tags darauf wurde Schlusslicht HC Ajoie mit 5:2 bezwungen, nach zwei Niederlagen in Folge ein wichtiges Erfolgserlebnis, welches ein gutes Gefühl für die ausständigen Spiele gab. "Es ist verdammt eng um den Strich, die Liga ist auch so ausgeglichen, jeder kann gegen jeden gewinnen", betont der 80-fache Nationalspieler.

Das sei gleichermaßen stressig wie schön. "Du musst jeden Abend dein Bestes geben. Das macht dich als Spieler besser", zieht Wolf selbst einen Nutzen daraus.

Turnaround nach schwachem Start: "Wir vertrauen mehr in uns"

Dass Lugano zum aktuellen Zeitpunkt um die Playoffs spielt, geschweige denn in den Top 6 liegt, konnte nach den ersten Wochen der Spielzeit nicht erwartet werden.

Die Bianconeri holten aus den ersten elf Spielen lediglich vier Siege, einen davon nach Shootout im Tessiner Derby gegen den HC Ambri-Piotta. Den negativen Höhepunkt der frühen Misere bildete ein 0:4 in Davos.

Doch die Niederlage war zugleich ein Kickstarter, denn es folgte eine Serie von sechs Siegen am Stück. Gekrönt wurde diese mit einem 3:1-Erfolg beim Tabellenführer aus Zürich. Wie Lugano der Turnaround gelang? "Wir haben einfacher gespielt, mehr in uns vertraut", so Wolf. Simpel, aber effektiv.

"Es gibt immer Phasen, wo du vielleicht schlechter oder besser spielst, aber auf das gesamte Jahr gesehen, würde ich ja sagen."

Bernd Wolf auf die Frage, ob er seine beste Profi-Saison spielt

Manchmal brauche es eben etwas Zeit, damit etwas funktioniere. Doch immer wieder wird das Team von Verletzungen ausgebremst, nicht mehr als fünf Spieler konnten sämtliche 46 Partien bestreiten - Wolf zählt mit 40 Einsätzen nicht dazu. Aber: "Die jungen Spieler, die reinkommen, machen es sehr gut", lobt der Wiener die Youngsters.

Dennoch leidet unter den ständigen Ausfällen die Konstanz. Bestes Beispiel: Auf die Serie von sechs Siegen folgten drei Niederlagen, dann wieder drei Siege, darauf erneut zwei Pleiten - ein Erfolg bzw. eine Niederlage kommen also selten bis gar nicht allein.

"Wir haben oft zu weit vorausgedacht", glaubt der ehemalige VSV-Crack die Gründe, welche ein Stück weit in der Natur der Liga liegen würden, zu kennen. "Du gewinnst sechs Spiele, spielst gut, verlierst aber wieder drei Spiele, obwohl du weiterhin gut spielst."

Was die Mannschaft aber ausmache, "ist, dass wir stets einen kühlen Kopf bewahre. Das macht uns auch aus", stellt Wolf klar.

Die beste Saison der Profi-Karriere

Auf seine bisherigen Leistungen angesprochen, zeigt er sich zufrieden. "Ich habe wieder einen Schritt nach vorne gemacht, dieses Jahr auch mehr Vertrauen bekommen und versuche, mich jeden Tag zu verbessern, hart an mir zu arbeiten."

Die Professionalität und Einstellung zum Sport sieht Wolf als seine größte Stärke. "Ich weiß, dass mir das keiner nehmen kann, darauf baue ich auf - und alles darüber ist wie ein Extra."

Wie etwa seine schon jetzt punktbeste Saison in der National League, elf Torbeteiligungen aus 40 Spielen weist die Statistik auf. Daher sei die Frage, ob dies denn auch seine beste Spielzeit im Profi-Eishockey sei, berechtigt.

Wolf antwortet: "Es gibt immer Phasen, wo du vielleicht schlechter oder besser spielst, aber auf das gesamte Jahr gesehen, würde ich ja sagen." Er glaube an den Prozess und findet, "dass ich besser werde."

Besonderes Wochenende gegen den Ex-Klub

Das wird man besonders in Bern bestätigen können. Im Dress der "Mutzen" feierte Wolf 2017/18 sein NL-Debüt, seit 2011 spielte er sich von der U15 bis zu den Profis hoch. Dass er ausgerechnet in Back-to-Back-Duellen mit seinem Ex-Klub einen wahren Scoring-Ausbruch erlebte, ist dann wohl eine glückliche Fügung.

Im Gedächtnis haben sich der 19. und 20. Jänner aber offenbar nicht eingebrannt. Welche Erinnerungen er an diese Tage habe, wollte LAOLA1 wissen. "Das war wahrscheinlich das Wochenende gegen Bern, oder?", lacht Wolf, nachdem er lange überlegt hatte.

"Ja, das war geil. Da ist viel aufgegangen", meint der ÖEHV-Crack. Im ersten Duell in Bern bereitete Wolf das 2:0 von Michael Joly vor und zeichnete für den Gamewinner verantwortlich.

Einen Tag später, diesmal in Lugano, eröffnete er das Spiel mit dem 1:0 - zu diesem Zeitpunkt waren 17 Sekunden gespielt. Ein Assist und - wieder - das spielentscheidende Tor zum 5:4 sollten folgen. Macht fünf Torbeteiligungen aus zwei Spielen.

"Es ist ganz normal, dass solche Sachen gelingen, wenn ein Spieler mehr Eiszeit und Vertrauen bekommt", so der nüchterne Kommentar des Defenders, der in diesen Spielen 22:36 und 18:17 Minuten auf der Platte gestanden ist. Sein Saison-Schnitt liegt hingegen "nur" bei 15:17 Minuten.

Harte Zeit unter dem ehemaligen Coach, viel Lob für seinen Nachfolger

Einen integralen Part in der Entwicklung spielt sein Coach, Luca Gianinazzi.

Mit 31 Jahren ist der Schweizer der jüngste Trainer der National League. Gianinazzi ist ein Eigengewächs des Klubs, spielte selbst jahrelang im Nachwuchs der Bianconeri und leitete zwischen 2018 und 2022 das U20-Team, ehe er im Oktober 2022 als Nachfolger des 30 Jahre älteren Chris McSorley auserwählt wurde.

"Ich gehe nicht wegen des Geldes nach Kloten, sondern wegen der Möglichkeiten, die ich dort haben werde."

Zwei verschiedene Generationen bringen auch zwei verschiedene Coaching-Stile, wie Wolf festhält. "Luca Gianinazzi versucht, sich viel in den Spieler hineinzuversetzen, ein gutes Gefühl zu geben. Chris McSorley war eher der kältere Typ, sehr streng. Ich hatte unter ihm eine harte Zeit, es war nicht immer lustig."

Das hätte ihn aber mental stärker gemacht. Gianinazzi hält er außerdem zugute, dass er versuche, "unsere Stärken auszuspielen. Ihm ist das Teamgefüge sehr wichtig. Er muss - das weiß er wohl selbst - noch viel lernen, aber das müssen wir alle. Er ist sicherlich auf dem richtigen Weg", sagt Wolf seinem Trainer eine große Zukunft voraus.

Eine Entscheidung, die am ersten Blick schwer nachvollziehbar ist

Diese wird der 26-Jährige allerdings aus der Ferne betrachten, denn wie schon eingangs angemerkt, streift er ab Sommer das Kloten-Trikot über. Im Dezember wurde der Wechsel bekannt, der Österreicher mit Schweizer Lizenz unterschrieb einen Vertrag für die nächsten drei Jahre.

Auf den ersten Blick für manche sicher ein Schritt, der schwer nachvollziehbar ist. Das Team von Patrick Obrist und David Reinbacher hat allein 2023/24 schon zwei Trainer verbrannt, spielt gegen den Abstieg aus der National League. Zudem ist Lugano - ohne Widersprüche - das schönere Pflaster.

Doch Wolf bringt für seine Entscheidung legitime Gründe hervor: "Ich gehe nicht wegen des Geldes nach Kloten, sondern wegen der Möglichkeiten, die ich dort haben werde. Ich kann dort mehr Verantwortung übernehmen, außerdem mehr Eiszeit bekommen. Das war mir am wichtigsten."

Große Änderungen dürfte es in der Klotener Defensive nicht geben, Captain Steve Kellenberger, Leandro Profico, Rajan Sataric, Dario Sidler und Nicholas Steiner besitzen allesamt einen Vertrag über 2024 hinaus. Jene von Nathan Beaulieu und Matteo Nodari laufen aus, Reinbacher wird in Montreal nächste Saison wohl AHL oder NHL spielen.

Dadurch dürfte Wolf mehr als die Top-6-Rolle winken, womit er die nächsten Schritte in seiner Entwicklung gehen könnte. Er weiß: "Es steckt noch einiges in mir, das ich herauskitzeln möchte. Ich bin ein ehrgeiziger Typ, deshalb denke ich da etwas an die Zukunft. Nach dem Vertrag bin ich 30, das ist immer noch ein gutes Eishockey-Alter."

Die Angst, ausgetauscht zu werden

Unterbewusst wird wohl auch die derzeitige Legionärs-Regelung in der Schweiz eine Rolle gespielt haben.

Schon 2021 äußerte Wolf in einem Interview mit der "Kleinen Zeitung" seinen Unmut über eine mögliche Aufstockung von vier auf sechs ausländische Spielern, die schließlich 2022 umgesetzt wurde.

"Spieler wie ich haben es sich erarbeitet, über Jahre hier zu bestehen und als Lizenz-Schweizer zu gelten. Wenn das jetzt aus Kostengründen gelockert wird, hat man natürlich auch etwas Angst, irgendwann einfach ausgetauscht zu werden", meinte er damals.

Heute gibt der Abwehrspieler zu, dass die Liga dadurch besser geworden sei. Legionäre wie Valtteri Filppula, Sami Vatanen, Rudolfs Balcers oder Marcus Sörensen wären unglaublich. Aber: "Auf der anderen Seite merkst du, dass in den entscheidenden Spielmomenten nicht mehr viele Schweizer am Eis sind."

Die Änderung komme deshalb bei vielen nicht gut an, werde auch im Nationalteam immer wieder thematisiert. Dass er selbst nur aufgrund seiner Schweizer Lizenz nicht als Ausländer zähle, wisse er, "aber wenn ich es nur aus Sicht der Schweizer sehe, ist das für sie sicher nicht profitabel."

"Schön, dass wir ab und zu A-Nationen schlagen, aber..."

Wenn seine letzte Saison in Lugano vorbei ist, wartet auf Wolf noch ein Highlight.

Sofern der gebürtige Wiener fit ist, wird er mit Österreich in Prag seine dritte Eishockey-Weltmeisterschaft bestreiten. Sowohl 2022 als auch 2023 zählte der Linksschütze zum Aufgebot von Teamchef Roger Bader, der den Verteidiger zuletzt im LAOLA1-Interview als einen der Leistungsträger des ÖEHV-Teams bezeichnete. Hier nachlesen >>>

Bernd Wolf jubelt über den WM-Klassenerhalt
Foto: © GEPA

"Ich komme immer gerne zum Nationalteam, weil es eine gute Abwechslung ist", sagt Wolf, der 2023/24 bei allen drei Teamcamps dabei war. Obwohl er selbst erst 26 ist, versucht der Verteidiger, ein Vorbild für die jungen Spieler zu sein. "Ich bin trotzdem schon ein paar Jahre dabei, habe 80 Länderspiele am Buckel."

Deshalb lässt sich auch behaupten, dass er zu den Leadern zählt. Und als solcher fordert er: "Wir müssen langsam den nächsten Schritt machen. Es ist schön, dass wir ab und zu A-Nationen schlagen, aber es muss uns schön langsam öfter gelingen. Auch wie wir sie schlagen, in dem wir sie spielerisch viel mehr unter Druck setzen können."

Was es dafür braucht? "Es geht darum, das Team zusammenzuhalten. Du hast auf internationaler Ebene weniger Zeit, alle können so gut eislaufen. Du musst dich daran gewöhnen, die Scheibe schneller zu spielen, das Spiel einfach zu halten. Wenn du das machst, kommt der Spielwitz, sobald du dich gut fühlst, automatisch."

Kämpferisch könne sich die Mannschaft nichts vorwerfen, "sind wir immer gut dabei. Aber es geht einfach darum, dass wir spielerisch den nächsten Schritt machen."

Warum nicht schon in Prag?



Kommentare