NEWS

Wer im Fall Tyler Lewington wirklich Recht sprach...

Zwischen den Fällen Lewington/Viveiros und Erne/Vela/Kraus etc. gibt es gewichtige Unterschiede. LAOLA1-Scout Bernd Freimüller mit dem Versuch einer Erklärung:

Wer im Fall Tyler Lewington wirklich Recht sprach... Foto: © GEPA

Es war eine wilde Woche in der win2day ICE Hockey League und sie ist noch nicht zu Ende.

Sperren gegen Spieler und Coaches, die Gründe dafür reichten von Ellbogenchecks bis zu Mittelfingern. Jeder hatte eine Meinung dazu, doch zwischen den Fällen Lewington/Viveiros und Erne/Vela/Kraus etc. gab es doch gewichtige Unterschiede.

LAOLA1-Scout Bernd Freimüller mit dem Versuch einer Erklärung:

Das ICE-Gamebook ist ein sperriges Konvulut und geht nicht als leichte Lektüre durch. Aber es ist öffentlich zugänglich und erklärt doch einige Hintergründe.

In diesem Fall geht es um das Kapitel I - "Disciliplinary Measures". Natürlich ist die Anwaltssprache oft umständlich und scheinbar widersprüchlich, aber ein Punkt wird schnell klar: Tyler Lewingtons Salut an die Fans in Graz wurde von einem ganz anderen Gremium behandelt als die Fouls dieser Woche.

Die zwei ICE-Strafgerichte

test

DOPS ("Department of Player Safety") ist nur eines von zwei Teilen des ICE-Disziplinarsystems. Es befasst sich grundsätzlich mit Regelverstößen von Spielern und Spieloffiziellen, die im Rahmen der Spiele stattfinden.

Lyle Seitz ist als Director of Hockey Operations der Chairman des DOPS. Er bereitet mit seinen Mitarbeitern Clips von Vergehen auf, die dann an die vier bis sechs Mitglieder (je nach Verfügbarkeit) des "Player Safety Committees" (PSC) rausgehen.

Diese müssen innerhalb von Stunden darüber befinden, ob eine Sperre anzuraten ist und - wenn ja - in welcher Kategorie (Careless/Reckless/Intentional).

Danach gibt es eine ungefähre Durchschnittsnote, die die Kategorie endgültig festhält. Dabei kann es sich z.B. um einen hohen oder niedrigen Wert in der Kategorie 1 handeln, auf dessen Basis die Strafe festgehalten wird.

Wichtig dabei: Die Teams legen jedes Jahr selbst fest, ob die Strafen pro Kategorie in Ordnung, zu niedrig oder zu hoch sind.

Die Aufschreie von Vereinsvertretern, dass höhere Strafen angemessen wären (immer nur bei Attacken gegen die eigenen Spieler), gehen daher ins Leere, es gibt nie Einwände bei den Sommer-Meetings oder schriftliche Einbringungen davor.

Teams können weiterhin Clips an das DOPS schicken, diese müssen automatisch vom PSC beurteilt werden.

Zuständig im Fall Lewington

Abgesehen von seiner automatischen Sperre wegen seines zweiten Fights hatte der Fall Lewington mit dem DOPS nur wenig zu tun. Der wurde nämlich von der zweiten ICE-Exekutive behandelt, nämlich dem "Justice Committee".

Das behandelt vor allem Fälle abseits des Eises (z. B. Strafverifizierungen, Spielabsagen), aber auch - etwas gestelzt und in Englisch - "Persons who violate the good order of ice hockey or bring it into disrepute".

Das Justice Comittee besteht aus drei Rechtsanwälten (aus Österreich und Südtirol), die zwar von der Liga bestellt werden, ihr aber nicht direkt angehören. Auch hier können die Teams jeden Sommer Leute abwählen oder neu bestellen.

"ICE-HL Covered Parties shall not act in a manner likely to damage the ICE-HL's reputation or bring ice hockey into disrepute."

Aus dem ICE-Ethikkodex

Lewingtons Ausdruckstanz verstieß nicht nur gegen die angeführten Gründe, sondern auch gegen den ICE-Ethikkodex, der von jedem Spieler vor der Saison unterschrieben wird.

Darin finde sich etwa der Satz: "ICE-HL Covered Parties shall not act in a manner likely to damage the ICE-HL's reputation or bring ice hockey into disrepute."

Zugegen, offen für Interpretationen, aber dass Lewingtons Zwei-Finger-Geste - sogar in den Spielhighlights zu sehen - darunter fiel, sollte unbestreitbar sein.

Warum dauerte das Urteil einige Tage?

Im Gegensatz zu DOPS-Urteilen, die von Liga-Mitarbeitern aufbereitet werden, werden die Justice-Committee-Urteile eben von Außenstehenden gefällt, die hier nicht hauptberuflich tätig sind. Auch die Tatsache, dass sie als Anwälte natürlich rechtlich auf Nummer sicher gehen wollen, kann solche Urteile hinauszögern.

Sie sind aber angehalten, darüber zu befinden, ob eine Sperre folgen wird, schließlich liegen zwischen Spielen oft nur 24 oder 48 Stunden. Daher bei Lewington zunächst auch nachzulesen: "Has been suspended indefinitely".

Das endgültige Urteil folgte dann am Dienstag. Der Austausch der drei Anwälte dürfte auch den schon länger vorliegenden Fall von Salzburg-Coach Manny Viveiros behandelt haben.

In seinem Fall war eine Sperre nie ein Thema, daher lag der Fall auch längere Zeit auf Halde.

Zwei verschiedene Richter also

Vereinfacht ausgedrückt: Fouls werden vom PSC beurteilt, dann vom DOPS geahndet, grobe Unsportlichkeiten vom Justice Committee. Diese also gegeneinander aufzurechnen, ist zwar verlockend, ergibt aber nicht unbedingt Sinn.

Sollten die Teams - Salzburg lehnte sich hier aus dem Fenster - der Meinung sein, dass körperliche Attacken während des Spiels gröber zu bestrafen wären als Gesten bzw. Äußerungen, können sie dies jeden Sommer gegenüber Lyle Seitz oder Liga-Chef Christian Feichtinger vorbringen und bei Übereinstimmung leicht ändern.

test
Director of Hockey Operations Lyle Seitz
Foto: ©GEPA

Nur ein Bruchteil der Urteile des Justice Committees über die Jahre wurden publik gemacht, es handelt sich auch oft um Sachen wie Probleme mit einer schlecht funktionierenden Spieluhr oder einem nicht funktionierenden Videosystem. Grundsätzlich gilt: Was von den Fans zu sehen ist, wird publik gemacht, der Rest nur den Teams mitgeteilt.

Urteile der beiden "Gerichte" zu vergleichen, ist nicht unbedingt zielführend. Nur ein Vergleich: Im Fußball urteilen zwei ligaininterne Instanzen über die jeweilige Lizenzerteilung. Das liga-externe Schiedsgericht hat diese Urteile schon öfters außer Kraft gesetzt.

Eine kuriose Parallele zur NHL

Gerade dieser Tage machte auch dort ein ausgestreckter Mittelfinger Headlines: Maple-Leafs-Star William Nylander hatte als Verletzter in einer Loge nichts Besseres zu tun, als diesen in die Kamera zu halten.

Er erhielt dafür die Maximalstrafe von 5.000 Dollar, mehr lässt die Spielergewerkschaft nicht zu. Das geschah aber eben auch nicht während eines Spiels.

Einer der Gründe für die wesentlich drastischere Strafe für Lewington (5 Spiele und 2.400 Euro): Er löste mit seinem Salut natürlich Reaktionen beim Grazer Publikum aus, das mit Wurfgeschoßen reagierte. Etwas, dass die ICE schon seit Jahren bekämpft, vor allem weil Flaschen, Münzen oder Feuerzeuge sehr wohl auch andere Zuschauer verletzen können.

Anlässlich des Nylander-Falls kam nun auch ans Tageslicht, dass das dortige DOPS nun nicht nur Fouls, sondern auch solche Fälle behandelt. Bisher war das dem 72-jährigen Liga-Mitarbeiter Colin Campbell vorbehalten.

Sicher auch eine Überlegung für die ICE, alleine um die nicht leicht zu verstehende Begriffsflut von "DOPS", "PSC", "Justice Committee", "Disciplinary Senate" oder "Sports Board" etwas einzudämmen. Auch zu korrigieren: Der Zusatz "Off-Ice" im Klammern beim "Justice Committee".

Campbell - eine äußerst umstrittene Persönlichkeit - hatte jedenfalls immer eine größere Entscheidungsgewalt als sein ICE-Gegenstück Lyle Seitz.

Späte Strafe für Lewington

Auch wenn man die Strafe für Lewington immer noch als zu hoch betrachtet - es trifft keinen Unschuldigen.

In der die ICE seit Jahren domierenden Bullen-Truppe haben Cracks wie er, Peter Hochkofler (jetzt verletzt), Niki Kraus oder früher Andrew MacWilliam spezielle Rollen und die sind sicher nicht spielerischer Natur.

Vor Jahren etwa stellte sich Lewington - als Defender - zu einem Faceoff auf, ließ die Scheibe Scheibe sein und schlug wie von Sinnen auf Bozens Luca Frigo ein. Er kam damals - für mich viel unverständlicher als das jetzige Urteil - ohne Strafe davon.

Die jetzige Sperre hat etwas von Karma an sich...

Die Highlights inklusive Lewingtons Aussetzer (ab Min. 05:38):

Kommentare