Vor ICE-Marathon: Die Dauerläufer und Nachhinker

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Fast zwei Monate hat es gedauert, bis ich alle Teams der ICE Hockey League live gesehen habe.

Das wäre unter normalen Umständen dilettantische Scouting-Arbeit, ist heuer aber durch die Pandemie und die dadurch entstandene Spielpause wohl entschuldigt.

Vor dem Start in den ICE-Marathon mit Spielen an jedem Tag bis 22.12. (alle Spiele im LIVE-Ticker bei LAOLA1) gibt es einen Blick auf Auffälligkeiten bei den elf Teams (gereiht nach Punkten pro Spiel):

HC Bozen (2,38 Punkte)

Wo es anderen Teams an offensiver Qualität mangelt, haben die Bozner fast schon zu viel davon. Beweis dafür: Coach Greg Ireland bietet derzeit drei komplette Powerplay-Blöcke auf!

Der HCB, der sich nicht nur in den Meisterjahren vor allem über seine Defensive definierte, bietet heuer sicher das talentierteste Team seiner Liga-Geschichte auf. Mit Nick Plastino, Ben Youds und Gleason Fournier (einer der Top-Skater der Liga) stehen Ireland etwa drei sehr gute Puckmover und Powerplay-Waffen an der blauen Linie zur Verfügung. Dazu kommen vier Linien, die fast beliebig rotiert werden können.

Allerdings: Jetzt drängt es fast alle Spieler nach vorne, vor Goalie Irving entstehen so oft riesige Löcher. Das wird nicht immer so gut ausgehen wie am Mittwoch gegen Bratislava, wo in der Schlussphase ein 3:5 noch zu einem 6:5 wurde. Mehr Hingabe zur Defensive ist verlangt, für Alex Trivellato (kehrt wohl bald nach Krefeld zurück, wo er allerdings seinem Geld nachjagen wird müssen) muss ein strikter Defensivverteidiger und Shotblocker her.

Graz99ers (2,15)

Doug Mason wäre nicht Doug Mason, wenn er es nicht geschafft hätte, zizerlweise auf die völlige Ausschöpfung des Legionärs-Kontingents zu drängen. Dazu kam auch noch Glück: Goalie Ben Bowns verletzte sich früh, sein Ersatz Olivier Rodrigue (soll auch bei NHL/AHL-Start bis zum Saisonende bleiben) ist ein ganz anderes Kaliber.

Dass die Offensive mit vier starken Linien die Trumpfkarte sein sollte, war schon vor Saisonbeginn und dem Zuzug von Michael Rasmussen absehbar. Wie Bozen kann auch Graz den Gegner outscoren, defensiv ist auch nach dem Zuzug von Rodrigue und dem Durchschnittsdefender Olle Alsing noch Luft nach oben.

Die vier Sturmlinien, die auch bei Verletzungen genügend Tiefe und Scoring-Qualität hergeben, sollten für einen Platz unter den Top-5 reichen.

Vienna Capitals (2,10)

Auch wenn Colin Campbell nach der Corona-Pause bis jetzt nicht so scorte wie zuvor (14 Punkte in zehn Spielen) – die Capitals sind tief genug besetzt, um auch dies zu überstehen. Coach Dave Cameron hat auch qua seiner Persönlichkeit den Wienern über die Jahre eine Grundaggressivität eingeimpft, die auch über schwächere Phasen hinweghelfen sollte.

Es bleibt interessant zu beobachten, ob die Caps Goalie Bernhard Starkbaum auch bis zum Saisonende als Einser bestätigen werden, Legionärs-Plätze sind noch zur Genüge offen. Von den Akademiespielern haben sich Defender Lukas Piff und Stürmer Fabio Artner festgespielt, der Rest sieht von der Tribüne aus zu.

Der Top-5-Platz sollte gesichert bleiben, im Gegensatz zu Graz müssen die Capitals die Gegner nicht outscoren.

Fehervar AV19 (1,85)

Selbst als die Ungarn von Corona geprügelt waren, nahmen sie einige Bonuspunkte (Auswärtssieg in Wien!) mit. Auch jetzt sind sie nicht in Top-Besetzung, trotzdem punkten sie mit ihren drei gutbesetzten Sturmlinien regelmäßig, Janos Hari ist und bleibt einer der überragenden ICE-Angreifer.

Wie Graz machte sich auch Fehervar die Verletzungs-/Krankheitspause ihres Stammtorhüters zunutze – Jaroslav Janus war zuletzt in der tschechischen Extraliga zwar bestenfalls Durchschnitt, ist aber dennoch über den alternden Michael Ouzas zu stellen. Auf der Goalie-Positionen haben die Ungarn bereits elf Punkte verbraten – welch ein Luxus!

Wenn noch der eine oder andere Legionär dazukommt – vor allem in der dünn besetzten Defensive – und Hari gesund bleibt, ist Fehervar sogar ein Top-5-Platz zuzutrauen, zumindest aber einige Bonuspunkte für eine etwaige Zwischenrunde.

KAC (1,83)

Der KAC schwankte zuletzt zwischen souveränen Heimauftritten (Fehervar, Salzburg) und Spielen, in denen Schmalhans oft offensiver Küchenmeister war. Doch die Saison stellt ohnehin die Nagelprobe für GM Oliver Pilloni dar: Wie sehen seine österreichischen Teamspieler gegen Legionäre bei anderen Teams aus, die oft nicht einmal die Hälfte verdienen? Von der Beantwortung dieser Frage wird auch die Transferpolitik im nächsten Sommer abhängen.

Frederik Eriksson wird wohl bald nach Straubing zurückkehren, dafür haben die Klagenfurter in einer tiefbesetzten Defensive (zehn Defender, Coach Petri Matikainen rotiert die Plätze vier bis sieben wild durch) irgendwann wieder David Fischer zur Verfügung. Dass Michael Kernberger als Stürmer aushelfen musste, überrascht in einer Organisation mit angeschlossenem Farmteam aber doch.

Der eine oder andere Legionärszugang im Laufe der Saison wäre keine Sensation, doch für die heimischen Spieler wird wohl nur eine Top-5-Platzierung – und die sollte es auch werden – für gut dotierte Anschlussverträge reichen.

(Text wird unter dem VIDEO fortgesetzt)

Red Bull Salzburg (1,63)

Vier Dreipunkter zu Saisonbeginn mit 21 erzielten Treffern, danach ein Punkt aus vier Spielen mit fünf erzielten Toren – ein frappierender Unterschied.

Eine mögliche Begründung dafür: Die hinteren Linien unterscheiden sich in ihre potenziellen Offensivproduktion ohnehin kaum mehr von denen etwa in Dornbirn. Und wenn dann von den Top-6-Stürmern einige total ausfallen (Thomas Raffl etwa kam überhaupt nie in die Gänge und hat seine jährliche Verletzungspause noch vor sich) oder jugendliche Aufs und Abs haben (Schütz und Peterka), wird die Suppe natürlich schnell dünn.

Kann Neuzugang Jack Skille wie letzte Saison in Nürnberg quasi aus dem Stand auftrumpfen? Kann J.P. Lamoureux wie in der Vorsaison viele knappe Spiele stehlen? Kommt das Powerplay wieder in die Form zu Beginn der Saison? Von der Beantwortung dieser Fragen hängt es ab, ob die Roten Bullen, die heuer wie nie zuvor auf ihre eigenen Akademieprodukte setzen (in Klagenfurt etwa neun im Lineup), die Rückkehr unter die Top-5 schaffen.

Dornbirner EC (1,31)

Keinem anderen Team tat die Corona-Pause so gut wie den Bulldogs, konnten sie doch den Rückstand aus der wie immer chaotischen Pre-Season einigermaßen aufholen. Und die Truppe von Kai Suikkanen kam auch sehr gut aus der Pause, vor allem weil ihm das volle Lineup zur Verfügung steht. Jetzt stimmt die Hierarchie und Linienzusammensetzung, keiner der Cracks muss – wie etwa in der Vorsaison – mit Eiszeit und Verantwortung über seinen Grenzen umgehen. Und Andrew Yogan ist natürlich eine offensive Auffrischungsimpfung, der aber auch von der unermüdlichen Arbeit seines Centers William Rapuzzi profitiert.

Auch wenn die Dornbirner – wie viele andere Teams – mit suboptimalen Goalieleistungen leben müssen, können sie doch mit einem Auge über den Strich lugen, allerdings nur wenn die Truppe gesund bleibt. Wie sein routinierter Kollege Dieter Knoll in Bozen musste auch Manager Alex Kutzer erst lernen, dass billige Coach-Lösungen während der Saison meist teuer kommen…

HC Innsbruck (1,08)

Neuer Coach, alte Probleme: Auch in dieser Saison müssen die Innsbrucker mit den Problemen eines dünnen Kaders und kaum ligatauglichen Einheimischen leben. Coach Mitch O'Keefe wechselt zwischen reinen Legionärs-Blöcken bzw. gemischten Formationen, ohne dass dies irgendeinen Einfluss auf die Ergebnisse hätte. Die neuen Legionärs-Angreifer (vor allem Christoffer, Ciampini und Herr) überzeugen weit mehr als ihre Defenderkollegen, die reihenweise Böcke schießen.

Hauptübel aber wieder einmal der Torhüter, offenbar lag es in Innsbruck nicht (nur) am Hurra-Hockey der letzten Jahre, das die Goalies oft schlecht aussehen ließ. Tom McCollum gab (zumindest) ein schlechtes Tor pro Spiel her und musste zuletzt sogar Rene Swette den Vortritt lassen.

Wie in den letzten Jahren kann Innsbruck durch das Offensivpotenzial seiner Legionäre ab und zu überraschen, hat aber bestenfalls Chancen auf den einen oder anderen Bonuspunkt für die Qualifikationsrunde.

Bratislava Capitals (1,00)

Der Liga-Neuling findet immer wieder Wege, Spiele zu verlieren, zuletzt etwa beim 5:6 in Bozen nach einer 5:3-Führung. Für mich überraschend, wie schwach sich die Defensive präsentiert – dass der oft übermotivierte Matt Finn nicht der große Rausreißer werden konnte, war aber klar. Schwach auch die Leistungen der beiden Goalies, vor allem Peter Hamerlik in seinen wenigen Einsätzen.

Immerhin: Mitch Hults entpuppte sich als spielstarker Center, ohne ihn und den ebenfalls kurzfristig verpflichteten Ex-Innsbrucker Sacha Guimond sähe es noch düsterer aus. Die Capitals verspielten den Vorteil einer langen Vorbereitung und müssen feststellen, dass nur wenige der einheimischen Kräfte mehr als Liga-Durchschnitt darstellen. Im Gegensatz zu vielen anderen Teams ist man allerdings schon am Punktelimit angekommen, hat sogar schon einen Wechsel (Finn für Nemcik) vorgenommen. Ein großer Leistungsaufschwung ist nicht zu erwarten…

Villacher SV (0,91)

Nicht nur für mich die große Enttäuschung der Saison. Selbst wenn man berücksichtigt, dass zu viele Häuptlinge zu wenigen Indianern gegenüberstehen – mehr sollte schon gehen. Allerdings: Erst schickte man Goalie Tyler Bereskowany nach bereits einem Spiel wieder fort, dann präsentierte sich Nachfolger Kristers Gudlevskis als um nichts besser. Auch wenn der Lette zuletzt etwa stabiler agierte – werden die Villacher zu einem ähnlichen Goalie-Friedhof wie Innsbruck?

Kohärent wirkten die Villacher zu keiner Zeit, meist spulte jeder Crack sein Pensum für sich herunter. Einzelleistungen zu kritisieren, verbietet sich fast, aber Sebastian Zauner und Julian Kornelli (dreht sich wie ein Öltanker) beweisen, dass nicht jeder im Ausland agierender Crack mit österreichischem Pass Liga-Reife mitbringt.

Ob mit oder ohne Michael Raffl – ich traue den Villachern immer noch zu, den einen oder anderen Tabellenplatz gutzumachen, mehr Qualität als etwa Linz oder Innsbruck sollten sie schon haben. Coach Dan Ceman könnte sonst blühen, was Todd Björkstrand in Graz widerfahren ist: Erfolg in niedrigeren Ligen, aber in der ICE bald Geschichte…

Black Wings 1992 (0,62)

Auch wenn es bei den beiden TV-Spielen am Wochenende von den Experten noch sehr höflich umschrieben wurde: Den (Ex-)Linzern fehlt es ganz einfach an der Qualität und das wird mit dieser Besetzung auch nicht mehr besser.

Von den neun neuen Legionären stellen vielleicht noch Will Pelletier und Charles-David Beaudoin (wohlmeinend) Durchschnitt da, der Rest nicht einmal das. Die Rückkehrer Piche, Dorion und Kozek wirken gegenüber ihrer Leistungsblüte so, als ob sie in eine Schreibmaschine eingespannt und als fünfte Blaupause herausgekommen wären, was mich aber nur bei Kozek überrascht. Sie spielen natürlich auch nur um einen Bruchteil ihrer früheren Gagen, aber dafür gibt es halt keine Bonuspunkte. Es fehlt an Skills, Körperspiel und Tempo, auch wenn natürlich niemand an den völlig unsäglichen Andrew Nielsen herankommt (Niklas Tikkinen arbeitet aber an diesem Unterfangen).

Lediglich Dragan Umicevic und Brian Lebler können Spiele für die Linzer knapp gestalten oder gar entscheiden, aber das halt auch nur alle paar Ewigkeiten. Beiden Goalies (Kickert und Gracnar) schlüpfen auch immer wieder Schüsse durch den Körper, doch die mangelnde Offensive ist viel eher das Hauptproblem. Ein Massenwechsel von Legionären würde das kleiner gewordene Budget wiederum belasten und auch keinen Erfolg garantieren, ebenso wenig ein Trainerwechsel. Der letzte Platz ist wohl mit Sicherheit einzementiert…

Textquelle: © LAOLA1.at

ICE: KAC-Trainer Matikainen und Vuori verpassen Bratislava-Spiel

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