Denn nicht nur Sumann (der Franz Berger beerbte) ist neu in seiner Funktion. Bei den Männern gibt es mit Ludwig Gredler einen "neuen" Cheftrainer. Der frühere Weltcup-Athlet war zuvor lange Jahre als Co-Trainer aktiv und übernimmt nun erstmals die Gesamtverantwortung. Ob er langfristig bleibt, wird auch von den Ergebnissen und der Entwicklung in der anstehenden Saison abhängig sein.
Seine Bestellung war der naheliegendste Schluss: Gredler kennt das Team, die Strukturen und weiß, wo die Problemzonen liegen. Als Cheftrainer hat er nun die Möglichkeit, an zahlreichen Stellschrauben zu drehen, wenngleich seine Aufgabe keine leichte ist.
Ein zartes Licht der Hoffnung
Das Männer-Team durchschreitet seit den Karriereenden von Dominik Landertinger und Julian Eberhard ein tiefes Tal. Das erwünschte Licht am Horizont ist mehr ein zartes Flackern, denn ein gleißend heller Schein. Aber - und in der aktuellen Situation muss und soll man sich auch an Kleinigkeiten emporziehen - es ist vorhanden, mit dem Potenzial größer zu werden.
Das mag angesichts der Tatsache, dass Felix Leitner überraschend seine Karriere beendete, verwundern. Realistisch betrachtet, hätte man den 28-Jährigen aber auch heuer nicht per se zu den Leistungsträgern zählen dürfen. Dafür hinkte er den in ihn gesetzten Erwartungen in den letzten Jahren (leider!) viel zu sehr hinterher.
Dahinter aber entwickelt sich in Form einiger jüngerer Athleten ein zartes Pflänzchen, das es nun zu hegen und zu pflegen gilt.
"Papa" Eder und seine "Buben"
Insbesondere bei Fabian Müllauer darf man sich berechtigte Hoffnungen machen, dass in Zukunft wieder der eine oder andere Spitzenplatz herausschaut. Der 22-Jährige debütierte vergangene Saison im Weltcup und holte beim Saisonfinale in Oslo als 31. im Sprint erstmals Punkte in der Biathlon-Beletage.
Der verdiente Lohn ist das Aufrücken in den A-Kader zu den Routiniers David Komatz (34) und "Team-Papa" Simon Eder (42), der tatsächlich Müllauers Vater sein könnte.
Im A-Kader steht heuer erstmals auch Fredrik Mühlbacher. Der Spätberufene feierte vergangene Saison mit 26 sein Weltcup-Debüt. Er wurde damals ins kalte Wasser geworfen, das Schwimmen darin gilt es noch ein wenig zu üben. Bei der WM zeigte er aber mit den Rängen 34 (Einzel) und 40 (Verfolgung), dass sein Potenzial noch nicht ausgeschöpft ist.
Zurück im Team ist nach einjähriger gesundheitsbedingter Absenz auch Dominic Unterweger (26). Auch in ihm steckt noch Potenzial, speziell in der Loipe. Am Schießstand machte er bisweilen schon Simon Eder Konkurrenz.
Und wenn die Routiniers aufhören?
Neben Unterweger finden sich im B-Kader noch weitere Athleten, die künftig das Team nicht nur tragen sollen, sondern auch müssen. Denn Simon Eder wird seine Karriere nach dieser Saison beenden, das ist auch bei David Komatz durchaus möglich.
Patrick Jakob gelang im Vorjahr speziell läuferisch ein Sprung nach vorne, aber auch er ist mit 29 kein Talent mehr. Selbiges gilt für Magnus Oberhauser (27).
Das trifft viel mehr auf Youngsters wie Oliver Lienbacher (23), Raphael Steiner (23), David Neumayr (23), Stefan Dankl (22), Daniel Glasser (21), Thomas Marchl (20) und speziell Simon Hechenberger (18) zu.
Das ist das Aufgebot für den Weltcup-Auftakt in Östersund>>>
"Heuer wird von jedem Einzelnen mehr verlangt werden. Das ist auch nötig, um bei Olympia zumindest einigermaßen passabel abzuschneiden."
Langfristig lohnt sich auch ein Blick auf den aktuellen C-Kader, in dem viel Potenzial steckt. Hervorzuheben sind dabei neben Lukas Haslinger (22) und Mathias Prosser (20) vor allem die "Legenden-Söhne" Sami Mesotisch (21) und Matti Pinter (18).
Keine Ausreden erwünscht
Abseits des Personellen gilt es auch, die Material-Querelen in den Griff zu bekommen. Ausreden wird Sumann dahingehend keine mehr gelten lassen, wie er nach seiner Bestellung klar machte.
Sumann: "Wir müssen vor der eigenen Haustüre kehren">>>
"Die Köpfe müssen wieder raus aus dem Sand und wir müssen weniger jammern", stellte er damals klar. Man müsse zuerst bei sich selbst schauen, ehe man die Schuld auf andere Personen oder Umstände schiebt.
Heuer wird somit von jedem Einzelnen mehr verlangt werden. Das ist auch nötig, um bei Olympia zumindest einigermaßen passabel abzuschneiden. Speziell in der Loipe besteht Aufholbedarf und Sumann versprach, darauf ein großes Augenmerk zu legen. Man darf also durchaus gespannt auf die diesjährigen Laufzeiten blicken.
Weniger kann auch mehr sein
Im Vorjahr reichte es in der Nationenwertung nur zu Rang elf, wodurch man heuer in Sprint und Einzel nur vier Startplätze zur Verfügung hat. Begeistert ist davon natürlich niemand, aber wenn man dem etwas Positives abgewinnen will, dann wohl, dass der fehlende Startplatz den Konkurrenzkampf fördern wird.
Es ist schlichtweg schwerer, ins Weltcup-Aufgebot zu kommen, als in den Jahren davor. Auch das kann eine leistungssteigernde Wirkung haben, die man nicht unterschätzen darf.
Bitte keine Aufbruchstimmung
Zusammenfassend lässt sich damit sagen: Das Tal ist längst nicht durchschritten. Die Hoffnung, dass sich die Lage bessert, besteht aber zurecht. Jedenfalls mit Blick auf die Heim-WM 2028. Kurzfristig sind nur kleine Schritte möglich.
Wer als Fan also nun in Aufbruchstimmung auszubrechen gedenkt: Mit der Erwartung in die Saison zu gehen, dass schon heuer alles besser wird, wäre vermessen. Das ist zwar nicht völlig unmöglich, doch realistisch betrachtet wären schon etwas bessere Ergebnisse als in der Vorsaison (nur ein Top-10-Platz) ein klarer Fortschritt. Denn damit wäre zumindest der Abwärtstrend gestoppt.
Gleichzeitig sollte das aber auch das Mindestziel sein. Wer sich heuer aber auch nur annähernd Spitzenplätze erwartet, der läuft Gefahr, bitter enttäuscht zu werden. Das heißt aber natürlich nicht, dass das Team nicht das Zeug dazu hat und derlei nicht passieren kann. Man darf aber eben nicht davon ausgehen.
Frauen: Längst mehr als nur Hauser und Gandler
Deutlich rosiger sieht die Lage bei den Frauen aus. Lisa Hauser hat nach einjähriger Pause wieder Nationalteam-Status erlangt und damit quasi mit Anna Gandler die Plätze getauscht.
Gandler steht aufgrund der Vorsaison "nur" im A-Kader, was aber hauptsächlich gesundheitliche Gründe hat. Die 24-Jährige wurde letztes Jahr durchgehend von ihrem Körper ausgebremst.
Die diesjährige Vorbereitung verlief aber aus gesundheitlicher Sicht positiv, der Fokus lag vor allem darauf, sie wieder an ihre frühere Form heranzuführen. Doch das braucht nach einem Reset im Frühjahr einfach Zeit. Sprich: Jene Anna Gandler, die in der vorletzten Saison mitten in die Weltspitze lief, darf man (noch) nicht erwarten.
Einmal Edelmetall, bitte
Ein wenig anders sieht die Lage bei Lisa Hauser aus. Die Massenstart-Weltmeisterin von 2021, die sich wieder abseits des ÖSV mit dem Schweizer Team vorbereitete, musste im Sommer krankheitsbedingt zwei Trainingsblöcke auslassen. Mittlerweile ist Hauser aber längst wieder auf dem Damm, einer erfolgreichen Saison steht nichts im Weg.
"Eine Medaille ist mein Ziel."
Sie wird auch heuer wieder das Zugpferd im rot-weiß-roten Team sein, dem sie sich zur finalen Saisonvorbereitung in Obertilliach wieder anschloss. Auch im Winter wird Hauser voll im ÖSV-Verbund integriert sein.
Das große Ziel ist freilich Olympia. "Eines ist klar, ich fahre nicht zu Olympia, um bloß unter die Top 30 zu kommen, sondern um richtig gute Rennen zu machen. Eine Medaille ist mein Ziel", so Hauser. Aber auch im Weltcup will sie mitmischen und gute Ergebnisse liefern.
Youngsters, die nachdrängen
Hinter Hauser und Gandler verfügt Cheftrainer Reinhard Gösweiner mit Anna Andexer über ein Top-Talent. Die 22-Jährige geht in ihre erste volle Weltcup-Saison. Für sie wird es heuer darum gehen, sich dort weiter zu etablieren - und vielleicht auch die eine oder andere Überraschung zu liefern.
Vorerst darf man die Erwartungen an sie aber nicht in den Himmel wachsen lassen. Sollte sie das heurige Jahr noch zur Akklimatisierung brauchen, soll und wird man ihr das ÖSV-intern auch zugestehen. Das würde auch nichts daran ändern, dass sie das Aushängeschild der Zukunft werden kann.
Freuen dürfen sich die Fans auch auf Lara Wagner, der über den Sommer ein großer Sprung gelang und die beim "Loop-One-Festival" in München im Oktober mit dem Finaleinzug aufzeigen konnte - und dort im "Zweikampf" mit Karoline Knotten zwei Zähne verlor, dadurch etwas außer Tritt geriet.
Wie aus dem ÖSV zu vernehmen ist, sieht man sie gemeinsam mit Andexer in dieser Saison potenziell sogar als Nummer drei im Team hinter Hauser und Gandler. Daher ist die Beförderung in den A-Kader nur folgerichtig. Dieser wird von Lea Rothschopf und Tamara Steiner komplettiert.
Stark besetzter B-Kader
Aus dem B-Kader finden sich mit den bereits weltcuperfahrenen Anna Juppe, Kristina Oberthaler und Duja Zdouc weitere Kandidatinnen für die Weltcup-Mannschaft. Auch Lisa Osl und Wilma Anhaus könnten im Lauf der Saison Optionen werden. Ebenso wie Julia Leitinger (vorm. Schwaiger), die lange mit einer Eisenmangel-Anämie kämpfte und erstmals nach eineinhalb Jahren wieder im IBU-Cup dabei ist.
"Ist Glücksgöttin Fortuna heuer zur Abwechslung auf der Seite der krankheitsanfälligen Hauser und Gandler, kann das eine richtig erfreuliche Saison werden."
Unter ihnen ist Juppe wohl die heißeste Anwärterin auf einen Platz im Weltcup-Team. Sie ist auch beim Auftakt in Östersund Teil des Aufgebots.
Diese Frauen und Männer starten für den ÖSV>>>
Die 26-Jährige kämpft seit ihrem Umstieg aus dem Langlauf mit schwankenden Schieß-Leistungen. Bekommt sie in diese heuer mehr Stabilität, darf man auch bei ihr auf regelmäßige Weltcuppunkte hoffen.
Die schiere Anzahl an Kandidatinnen zeigt zwei wichtige Aspekte:
Der Konkurrenzkampf ist groß, was noch keinem Team geschadet hat. Wer ins Weltcup-Aufgebot will, muss noch mehr an sein Limit gehen, als in den Vorjahren.
Es drängen sich noch mehr Optionen für die Staffel auf, bei der wir nun schon seit einigen Jahren vom sehnlichst erhofften ersten Stockerl sprechen. Und Jahr für Jahr kommt man diesem ein Stückchen näher. Die diesjährige Ausgangslage gibt es her, dass auch der letzte kleine Schritt, der noch auf das Podest fehlt, getan werden kann.
Die große Anzahl an Anwärterinnen bereitet auch Cheftrainer Reinhard Gösweiner Kopfzerbrechen - freilich aber in seiner positivsten Form. "Die Auswahl des Weltcup-Teams war eine Herausforderung", so der 52-Jährige vor dem Auftakt in Östersund.
Fazit: Frauen nach oben, Männer nicht weiter nach unten
Das Frauen-Team befindet sich auf einem guten Weg. Und ist Glücksgöttin Fortuna heuer zur Abwechslung auf der Seite der krankheitsanfälligen Hauser und Gandler, kann das eine richtig erfreuliche Saison werden. Dahinter scharren Talente wie Wagner und Andexer mit den Hufen, denen ebenfalls Überraschungen zuzutrauen sind.
Und nur um dem gelernten Österreicher zu einer realistischen Einschätzung zu verhelfen: Das heißt nicht, dass die ÖSV-Loipenjägerinnen in der kommenden Saison laufend Spitzenplätze einfahren. Aber es ist alles angerichtet, um noch einen weiteren Schritt nach oben zu machen und zumindest die Anzahl an Top-10-Plätzen (im Vorjahr sechs) zu erhöhen. Auch Stockerlplätze sind zumindest für Lisa Hauser realistisch.
Auf uns wartet eine Saison, in der es bei Frauen und Männern vor allem um das Thema Entwicklung gehen wird, wenngleich sich die Geschlechter dabei auf unterschiedlichen Leveln bewegen.
Bei den Frauen ist die Saison dann ein Erfolg, wenn der allgemeine Aufwärtstrend fortgesetzt werden kann. Bei den Männern dagegen wäre es ein solcher schon, wenn der Abwärtstrend gestoppt würde und einige Top-20-Plätze herausspringen.