Der Übergang von der Junioren- zur Profi-Tour verlief nicht einfach. Verletzungen, Formschwankungen, Trainerwechsel – der schnelle Aufstieg stockte. Während andere "Wunderkinder“ rasch in die Top 20 stürmen, pendelte Potapova lange zwischen Challenger-Erfolgen und frühen WTA-Niederlagen.
Rückblickend spricht sie offen über mentale Erschöpfung und Burnout-Tendenzen. Der Druck, Erwartungen zu erfüllen – von außen wie von sich selbst – wurde zeitweise zu groß.
Potapova zog die Reißleine, arbeitete bewusster, stellte ihr Umfeld um. Es war der Beginn eines langsameren, aber stabileren Weges.
Durchbruch auf Raten
Ab 2022 zahlte sich diese Geduld aus. Potapova gewann in Istanbul ihr erstes WTA-Turnier, arbeitete sich konstant nach oben und erreicht 2023 mit Platz 21 ihre bislang höchste Weltranglistenposition.
In diesem Jahr wird sie auch erstmals in Österreich bekannt, als sie beim WTA-Turnier in Linz ihren bislang größten Titel holte.
Sie etablierte sich als Spielerin, die an guten Tagen jede schlagen kann – aggressiv von der Grundlinie, mit hohem Tempo, aber auch fehleranfällig. Das macht sie gefährlich – und manchmal unberechenbar.
Dass sie mit allen Belägen zurechtkommt, zeigt auch, dass sie bereits bei allen vier Grand-Slam-Turnieren zumindest ein Mal die dritte Runde erreichte. Bei den French Open 2024 stand sie sogar im Achtelfinale.
Persönlichkeit abseits des Courts
Auch abseits des Platzes sucht Potapova nie die völlige Abschottung. Sie zeigt sich auf Social Media und gibt offen Einblicke in ihr Privatleben.
Besonders durch ihre kurze Ehe mit dem kasachischen Profi Alexander Shevchenko, die 2024 wieder geschieden wird, rückt sie ins Rampenlicht. Potapova nennt die Trennung später "schmerzhaft, aber notwendig".
Durch diese Beziehung lernte sie auch Österreich besser kennen. Der damals noch für die Ukraine spielende Shevchenko war viele Jahre Schützling von Günter Bresnik und hatte dementsprechend seine Trainingsbasis in der Südstadt aufgebaut.
Politische Grauzonen
2023 sorgte sie für Aufsehen, als sie beim WTA-1000-Turnier in Indian Wells mit einem Trikot von Spartak Moskau auf dem Trainingsplatz erschien.
In Zeiten des Ukraine-Kriegs wurde das international als politisch sensibel wahrgenommen. Die WTA sprach eine Verwarnung aus, Potapova betonte, sie sei immer schon Spartak-Fan gewesen.
Echte Konsequenzen gab es nicht, es blieb aber ein kleiner Nachgeschmack.
Kritik aus dem Heimatland
Eines ist jedenfalls sicher: Durch ihre Entscheidung, künftig für Österreich zu spielen, machte sich die Russin in ihrer Heimat nicht viele Freunde.
Ehemalige Spieler wie Yevgeny Kafelnikov warfen ihr mangelnde Loyalität vor und kritisierten sie scharf. Potapova selbst spricht von einem "persönlichen Neuanfang" – und davon, sich endlich frei entfalten zu wollen.
Potapova: "Gebe mein Bestes für Österreich"
"Ich habe zum ersten Mal bei meinem Spiel eine österreichische Flagge gesehen. Das hat mir schon eine Gänsehaut gegeben", sagte Potapova nach ihrem Auftaktmatch in Melbourne im Interview mit "ServusTV".
"Es bedeutet mir viel, Ich versuche, mein Bestes für Österreich zu geben und soviel wie möglich zu erreichen."
In Melbourne hat es Potapova als erste ÖTV-Spielerin seit Yvonne Meusburger im Jahr 2014 in die zweite Runde geschafft. Um noch mehr zu erreichen, braucht es nun einen Sieg gegen die ehemalige US-Open-Siegerin Emma Raducanu (Mittwoch, 3. Spiel des Tages nach 1:00 Uhr MEZ - im LIVE-Ticker >>>).
Keine leichte Aufgabe, aber Potapova hat ohne Zweifel das Potenzial, auch diese Hürde zu nehmen.