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Potapova: Wunderkind, Burnout, jetzt Österreicherin

Die Neo-Österreicherin hat mit ihren 24 Lebensjahren schon einiges erlebt. Ein Rückblick auf ihren bisherigen Werdegang.

Potapova: Wunderkind, Burnout, jetzt Österreicherin Foto: © GETTY

Österreichs neue Nummer 1 im Frauen-Tennis - Anastasia Potapova - bestreitet in diesen Tagen bei den Australian Open in Melbourne ihr erstes Grand-Slam-Turnier unter rot-weiß-roter Flagge.

Der Auftakt verlief schon mal spektakulär: Nach einem 3:6, 1:5-Rückstand gegen die Niederländerin Suzan Lamens schaffte die frühere Russin den Sprung in die zweite Runde (Spielbericht>>>).

Seit dem 1. Jänner vertritt Potapova den ÖTV auf der WTA-Tour. Die Weltranglisten-54. ist zwar weiterhin im Besitz der russischen Staatsbürgerschaft, seit Ende vergangenen Jahres nun aber auch der österreichischen.

Start der Tennis-Karriere dank der Oma

Mit ihren 24 Jahren hat Potapova bereits einiges erlebt. Geboren in Saratow, einer Industriestadt an der Wolga, kam sie früh mit Tennis in Berührung.

Ihre Großmutter war Basketball-Trainerin in Moskau. "Ich war noch nicht mal fünf Jahre alt, da hat sie entschieden, mich zum Tennis zu bringen. Ich bin sehr glücklich, dass sie das getan hat", erzählte Potapova vor einigen Jahren dem "WTA Insider".

Das Racket gehörte im Familienalltag seitdem dazu. Schon als Kind galt sie als ehrgeizig, fast schon kompromisslos. Talent allein reicht im russischen Tennis-System nicht – Potapova lernte in der Tennis-Akademie in Khimki, in der Nähe von Moskau, früh, was Disziplin und Konkurrenzdruck bedeuten.

Der große Durchbruch kam 2016 mit dem Wimbledon-Sieg im Juniorinnen-Bewerb, wenig später wurde sie die Nummer eins der Junioren-Weltrangliste. In Russland galt sie zu diesem Zeitpunkt als eine der großen Hoffnungen für die Zeit nach Maria Sharapova - keine kleinen Fußstapfen, die sie damit auszufüllen hatte.

Der schwierige Schritt ins Profigeschäft

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Der Weg in den Erwachsenenbereich war nicht einfach
Foto: ©GETTY

Der Übergang von der Junioren- zur Profi-Tour verlief nicht einfach. Verletzungen, Formschwankungen, Trainerwechsel – der schnelle Aufstieg stockte. Während andere "Wunderkinder“ rasch in die Top 20 stürmen, pendelte Potapova lange zwischen Challenger-Erfolgen und frühen WTA-Niederlagen.

Rückblickend spricht sie offen über mentale Erschöpfung und Burnout-Tendenzen. Der Druck, Erwartungen zu erfüllen – von außen wie von sich selbst – wurde zeitweise zu groß.

Potapova zog die Reißleine, arbeitete bewusster, stellte ihr Umfeld um. Es war der Beginn eines langsameren, aber stabileren Weges.

Durchbruch auf Raten

Ab 2022 zahlte sich diese Geduld aus. Potapova gewann in Istanbul ihr erstes WTA-Turnier, arbeitete sich konstant nach oben und erreicht 2023 mit Platz 21 ihre bislang höchste Weltranglistenposition.

In diesem Jahr wird sie auch erstmals in Österreich bekannt, als sie beim WTA-Turnier in Linz ihren bislang größten Titel holte.

Sie etablierte sich als Spielerin, die an guten Tagen jede schlagen kann – aggressiv von der Grundlinie, mit hohem Tempo, aber auch fehleranfällig. Das macht sie gefährlich – und manchmal unberechenbar.

Dass sie mit allen Belägen zurechtkommt, zeigt auch, dass sie bereits bei allen vier Grand-Slam-Turnieren zumindest ein Mal die dritte Runde erreichte. Bei den French Open 2024 stand sie sogar im Achtelfinale.

Persönlichkeit abseits des Courts

Auch abseits des Platzes sucht Potapova nie die völlige Abschottung. Sie zeigt sich auf Social Media und gibt offen Einblicke in ihr Privatleben.

Besonders durch ihre kurze Ehe mit dem kasachischen Profi Alexander Shevchenko, die 2024 wieder geschieden wird, rückt sie ins Rampenlicht. Potapova nennt die Trennung später "schmerzhaft, aber notwendig".

Durch diese Beziehung lernte sie auch Österreich besser kennen. Der damals noch für die Ukraine spielende Shevchenko war viele Jahre Schützling von Günter Bresnik und hatte dementsprechend seine Trainingsbasis in der Südstadt aufgebaut.

Politische Grauzonen

2023 sorgte sie für Aufsehen, als sie beim WTA-1000-Turnier in Indian Wells mit einem Trikot von Spartak Moskau auf dem Trainingsplatz erschien.

In Zeiten des Ukraine-Kriegs wurde das international als politisch sensibel wahrgenommen. Die WTA sprach eine Verwarnung aus, Potapova betonte, sie sei immer schon Spartak-Fan gewesen.

Echte Konsequenzen gab es nicht, es blieb aber ein kleiner Nachgeschmack.

Kritik aus dem Heimatland

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Potapova kann bereits auf ein Grand-Slam-Achtelfinale zurückblicken
Foto: ©GETTY

Eines ist jedenfalls sicher: Durch ihre Entscheidung, künftig für Österreich zu spielen, machte sich die Russin in ihrer Heimat nicht viele Freunde.

Ehemalige Spieler wie Yevgeny Kafelnikov warfen ihr mangelnde Loyalität vor und kritisierten sie scharf. Potapova selbst spricht von einem "persönlichen Neuanfang" – und davon, sich endlich frei entfalten zu wollen.

Potapova: "Gebe mein Bestes für Österreich"

"Ich habe zum ersten Mal bei meinem Spiel eine österreichische Flagge gesehen. Das hat mir schon eine Gänsehaut gegeben", sagte Potapova nach ihrem Auftaktmatch in Melbourne im Interview mit "ServusTV".

"Es bedeutet mir viel, Ich versuche, mein Bestes für Österreich zu geben und soviel wie möglich zu erreichen."

In Melbourne hat es Potapova als erste ÖTV-Spielerin seit Yvonne Meusburger im Jahr 2014 in die zweite Runde geschafft. Um noch mehr zu erreichen, braucht es nun einen Sieg gegen die ehemalige US-Open-Siegerin Emma Raducanu (Mittwoch, 3. Spiel des Tages nach 1:00 Uhr MEZ - im LIVE-Ticker >>>).

Keine leichte Aufgabe, aber Potapova hat ohne Zweifel das Potenzial, auch diese Hürde zu nehmen.

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