Rogan schreibt Brief an Dominic Thiem

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Der letzte professionelle Sprung ins Becken von Markus Rogan ist schon einige Zeit her. Mittlerweile geht Österreichs erfolgreichster Schwimmer aller Zeiten seinen Karriere-Weg in Kalifornien, wo er als Psychotherapeut arbeitet.

An Dominic Thiem, der im zweiten Halbjahr 2017 eher mäßige Leistungen zeigte und dabei auch mentale Probleme an den Tag legte, hat der 35-Jährige nun einen offenen Brief geschrieben und dem "Standard" zukommen lassen.

"Lieber Dominic, als Sportler hat es mir wehgetan, Dir in deiner mentalen Formkrise zuzusehen. Ich habe keine Ahnung, wie es sich anfühlt, am Centre Court zu stehen und dabei zu spüren, dass der nächste Schlag um einiges schlechter sein wird als der, den ich gerade noch im Training so gut traf", beginnt Rogan seinen Brief.

"Aber ich weiß das eine oder andere über Selbstzweifel. Vielleicht denkst Du, dass der folgende Brief Blödsinn ist. Der obergscheite Rogan erzählt wieder mal irgendeinen Schaß. Aber vielleicht findest Du irgendetwas in diesen paar Sätzen, das Dir in der Suche nach mentaler Stärke hilft."

Der restliche Brief im Wortlaut:

"Zweifel an den eigenen Fähigkeiten ist menschlich. Und gesund. Ich selbst hätte wohl öfter die Notwendigkeit oder die Relevanz meiner Aussagen anzweifeln sollen. Wir alle sind die Nachkommen von ängstlichen Vorfahren. Diejenigen unserer Vorfahren, die keine Angst hatten und mit prahlender Selbstsicherheit durchs Leben gingen, wurden von Löwen überrascht und zerfleischt.

Heute müssen wir uns nicht vor Löwen fürchten, aber unser Gehirn funktioniert wie das unserer Vorfahren: Der Angstzustand aktiviert einen neuronalen Mechanismus im Gehirn, der rationales Denken ausschaltet und den Körper zunächst extrem sensibel, dann flucht- und kampfbereit und im Endzustand schockstarr werden lässt.

Manchmal können Selbstzweifel Oberhand bekommen und unsere Fähigkeiten dramatisch reduzieren. Vor allem wenn wir übersensibel auf diverse Warnsignale reagieren und unsere natürliche Angstreaktion verfrüht einleiten. Ein vereinfachtes Beispiel: Es ist relativ leicht auf einem Randstein zu balancieren. Wir können locker auf einem schmalen Streifen, der ein paar Zentimeter über der Straße liegt, entlanggehen.

Wenn es aber eine gleich breite Mauer ist, die drei oder gar zehn Meter hoch ist, wackeln wir herum, gehen unsicher oder trauen uns erst gar nicht, den ersten Schritt zu machen. Körperlich ist die Herausforderung exakt gleich. Mental ist sie grundverschieden. Unser Hirn ist drauf programmiert, aktuelle Warnsignale wahrzunehmen und den sichersten Weg zu wählen. Wenn wir auf einer schmalen, zehn Meter hohen Mauer balancieren und kurz hinunterschauen, sieht das Hirn nur den Abgrund.

Die Kunst der besten Performer ist es, sich auf leistungsrelevanten Input zu konzentrieren, zu verstehen, dass der Abgrund nicht dazugehört. Es geht darum, den aktuellen Moment (den Schritt, den wir gerade gehen, die Bewegung, die wir gerade ausführen) wahrzunehmen, zu beobachten und wertfrei zu erkennen. Wenn wir auf zukünftigen, noch nicht existierenden und in Wahrheit erfundenen Input ("Ich gehe auf einer hohen Mauer und werde hinunterfallen. Ich habe gerade ein Game verloren, also werde ich den Satz verlieren, oh nein, es passiert schon wieder...") reagieren, kreieren wir eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Im Hirn werden neuronale Bahnen aktiviert, die den Untergang visualisieren und dadurch den Körper zielgerichtet dorthin steuern.

Langes Gerede, kurzer Sinn: Die entscheidende mentale Stärke ist es, unter Druck das Jetzt von der Zukunft zu unterscheiden. Wir reagieren im Stress oft auf Dinge, die noch gar nicht passiert sind, und lassen somit den Moment und unsere Kraft, ihn zu beeinflussen, außer Acht. Lieber Dominic, was ich eigentlich sagen will: Ich wünsche Dir als Sportler alles erdenklich Gute. Und dass Du in Büchern wie 'The Inner Game of Tennis' von Tim Gallwey Wege findest, den Moment wertfrei zu beobachten und zu erleben – auch unter schwierigsten Umständen."

Textquelle: © LAOLA1.at

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