Der "steirische Eichi" des ÖHB-Teams

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Mit zwölf Toren wurde Nikola Bilyk offiziell zum Mann des ersten Spiels des ÖHB-Nationalteams bei der EURO 2020 gegen Tschechien, das die Österreicher in der Wiener Stadthalle mit 32:29 auf ihre Seite zogen.

Was der Kapitän vorne an Eindruck schinden konnte, tat ihm hinten ein unbekannterer Name gleich. Keeper Thomas Eichberger überzeugte mit einer Glanzleistung und hielt die Führung der Österreicher in entscheidenden Momenten fest.

Mit nur drei Länderspielen an Erfahrung ausgestattet, machte die Kulisse den 26-Jährigen nicht nervös. Noch vor Seitenwechsel für den glücklosen "Einser" Thomas Bauer eingesprungen, ließ "Eichi" starke neun der 25 Bälle auf sein Tor nicht passieren.

Dementsprechend angetan waren die Mitspieler von ihrem Rückhalt: "Er hat überragend gehalten. Die übliche Devise lautet: 'Torhüter hält, Mannschaft gewinnt'. Das ist passiert", meint Robert Weber.

Der Ruhepuls kommt vor 8.000

Mit 26 Jahren gehört Eichberger nicht mehr zu den absoluten Jungspunden, das Debüt im Nationalteam stieg trotzdem erst vor 15 Monaten. Schon beim damaligen Testspiel in Graz gegen Schweden konnte der Steirer vor eigenem Publikum - er hütet in der spusu LIGA das Tor der HSG Graz - durchaus überzeugen.

Wenig Erfahrung, geschweige denn internationale Eindrücke, um eine mit 8.000 Zuschauern gefüllte Wiener Stadthalle einfach so wegzustecken. "Auf der Fahrt zum Spiel ist mir ordentlich die Pumpe gegangen", gibt der Torhüter gegenüber LAOLA1 selbst zu.

Das war mit Beginn des Spiels aber merkbar vorbei. "Als ich aus dem Bus gestiegen bin, war ich ziemlich fokussiert. Ich habe gut trainiert, und gegen Deutschland waren auch schon viele Zuschauer in der Halle. Dann hatte ich richtig Spaß und habe es genossen."

Ein Momentum Changer

Weil die Bälle zu Beginn nicht zugunsten von "Einser" Thomas Bauer sprangen, entschied sich Ales Pajovic früh zum Wechsel. Und Eichberger kam mit richtig Momentum ins Spiel, hielt zwei der ersten vier Bälle.

"'Eichi' war auch schon früher da, hatte zwischendurch Verletzungspech. Er hat sich zurückgekämpft und ist ein echter Profi. Gegen Tschechien hat er die Chance genützt und ich finde das super."

Teamchef Ales Pajovic

"Das ist auf unserer Position leider so, deswegen haben wir zwei - damit einer in die Bresche springen kann, wenn es nicht so gut läuft", kommentiert der eingewechselte Mann.

Neid gäbe es zwischen dem Duo ohnehin nicht: "Wir ergänzen und verstehen uns gut. Es kann in der nächsten Partie gleich umgekehrt sein, dass er eine super Partie hat und ich nichts erwische. Unsere Stärke ist, dass wir uns sehr gut verstehen, uns gegenseitig Tipps geben, wenn es gerade hapert, den anderen aufbauen und versuchen, gemeinsam eine gute Leistung zu bringen."

"Er hat uns den Arsch gerettet"

Bauer, der seine Partie noch am Abend analysierte, findet selbst, dass der Torhüter-Wechsel "fällig" war: "Wenn ich am Anfang ein, zwei schwierige Bälle gefangen hätte, wäre ich anders ins Spiel gekommen. Aber 'Eichi' hat uns den Arsch gerettet, das kann man so sagen. Uns war in der Halbzeit klar: Welcher Torhüter anfängt, die Bälle zu halten, wird seine Mannschaft zum Sieg tragen."

Auch der Routinier des Goalie-Duos sieht das zu frühe Ende seiner persönlichen Partie gegen Tschechien pragmatisch: "Der auf der Bank ist, hat die Aufgabe, den anderen mental zu unterstützen und mit Flüssigkeit zu versorgen. Man hat gesehen, dass wir uns den Erfolg gönnen. Es ist auch ein Schlüssel, wenn man auf der Torhüter-Position zwei hat, die sich so gut verstehen. Das ist ein guter Rückhalt für das ganze Team."

Wie einst Thomas Bauer

Der Platz hinter Bauer war eine der großen Fragen des ÖHB-Kaders. Der im Vergleich zu Eichberger fast eineinhalb Jahre jüngere Kristian Pilipovic erklärte im Herbst seinen Team-Rücktritt, weil er sich bei den Kadetten Schaffhausen mehr auf den Verein und auf die Familie konzentrieren wollte und will.

Bauer und Marinovic 2010
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Nun befindet sich Eichberger kurioserweise in einer ähnlichen Situation, in der sich einst Bauer fand: Mit recht wenig Länderspiel-Erfahrung auf der großen Bühne einer Heim-EM. "2010 habe ich mir die Spiele vor dem Fernseher angesehen. Gegen Serbien hat 'Tommy' eine unglaubliche Partie mit acht Paraden hingelegt, das war schon Wahnsinn", erinnert sich der jüngere Keeper zurück - damals war er 16 Jahre alt.

Auch Bauer sieht bestimmte Parallelen: "Er übernimmt die Rolle, die ich sechs, sieben Jahre hinter Nikola Marinovic innehatte – eine Nummer zwei, die aber performt, wenn sei reinkommt. Darum ist er dabei und hat sich diesen Platz verdient. Für mich ist es wichtig zu wissen, dass da so einer ist, wenn ich mal eine Pause brauche oder es nicht so läuft."

Die gute Beziehung zwischen Eichberger und ihm könnte in seinen Augen gar den Ausschlag zugunsten des Steirers gegeben haben.

Lange Beziehung zum Teamchef

Apropos gute Beziehung: Bei Pajovic genießt "Eichi" gewissermaßen Heimvorteil, war der Slowene vor seiner Teamchef-Zeit doch vier Jahre Trainer und zeitweise Spieler der HSG Graz.

"Es wird uns auch in den weiteren Spielen beide brauchen. Überhaupt, wenn wir in die Hauptrunde kommen. Das wären sieben Spiele oder 420 Minuten - für die Belastung her für einen sowieso zu viel."

Thomas Bauer

"Ist es ein Vorteil? Teilweise ja, teilweise nein. Er kennt mich besser als die meisten anderen, weiß, wo meine Schwächen sind, die vielleicht mehr ins Gewicht fallen", relativiert Eichberger.

Eine Neuentdeckung ist der Torhüter für den ÖHB-Coach also keineswegs: "'Eichi' war auch schon früher da, hatte zwischendurch Verletzungspech. Er hat sich zurückgekämpft und ist ein echter Profi. Gegen Tschechien hat er die Chance genützt und ich finde das super."

Wie geht es jetzt weiter?

Bleibt noch die Frage, wie Pajovic das Luxusproblem mit einem erfahrenen und einem erfrischend unbeschwerten Torhüter im Laufe der EM handhabt. Dem Slowenen zufolge liegt diese Entscheidung ohnehin zum größeren Teil bei seinem Goalie-Trainer, Mattias Andersson.

"Tommy ist immer noch der erfahrenere Tormann. Ich habe gewechselt und 'Eichi' war gut drauf, aber ich brauche beide, sie arbeiten gut zusammen", meint Pajovic.

Eichberger stellt weder Ansprüche noch Erwartungen: "Das war mein viertes Länderspiel, 'Tommy' hat über 150. Ich bin da, wenn ich gebraucht werde, aber er hat unglaubliche internationale Erfahrung."

Und Bauer, dem nominellen "Einser", ist auch klar: "Es wird uns auch in den weiteren Spielen beide brauchen. Überhaupt, wenn wir in die Hauptrunde kommen. Das wären sieben Spiele oder 420 Minuten - für die Belastung her für einen sowieso zu viel."

Das nächste "Problem", das man im ÖHB-Team sicher gerne hätte. Mit einem Sieg über die Ukraine am Sonntag (18:15 Uhr) könnte es schon Realität werden.

Textquelle: © LAOLA1.at

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