Fünf Schlüssel für den ÖHB-Aufstieg

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Der Tag der Entscheidung! Am Dienstagabend (18:15 Uhr) entscheidet sich für Österreichs Handball-Nationalteam gegen Nordmazedonien, ob das große Ziel der Hauptrunde bei der Heim-EURO 2020 erreicht wird.

Das ÖHB-Team kann sich theoretisch eine Niederlage mit drei Toren Unterschied erlauben, um auf jeden Fall unter die letzten zwölf Nationen zu kommen und weitere vier Spiele vor eigenem Publikum in der Wiener Stadthalle gegen Europameister Spanien, Deutschland, Kroatien und Weißrussland zelebrieren zu dürfen.

Nordmazedonien steht nach einem knappen Sieg über die Ukraine und einer Niederlage gegen Tschechien mit dem Rücken zur Wand und muss gewinnen - die nächste Nervenschlacht droht.

LAOLA1 hat mit den ÖHB-Spielern die fünf Schlüsselfaktoren des "Endspiels" analysiert:

1. Die Schlüsselspieler in den Griff bekommen

Nordmazedonien unterscheidet sich von den bisherigen Aufgaben in einem augenscheinlichen Aspekt: Sie haben einen Superstar in den Reihen - Kiril Lazarov.

Der 39-jährige Routinier hat im Rückraum über 200 Länderspiele in den Knochen und über 1.600 Tore in den Armen. Er übernimmt auch bei der EURO 2020 gewohnt viel Verantwortung und war der Mann des Siegtores in den letzten Sekunden beim 27:26 über die Ukraine. Mit elf Treffern gegen Tschechien machte sich der Frankreich-Legionär zum achtbesten Torschützen der EURO-Geschichte, drei weitere Treffer gegen Österreich würden ihm Rang sieben in dieser Liste bringen.

Kiril Lazarov
Foto: © GEPA

Lazarov nimmt die meisten Schüsse seines Teams, dazu ist er der ÖHB-Truppe aus vorherigen Duellen schon bekannt. Dementsprechend wird er besonderes Augenmerk bekommen, aber nicht ganz aus dem Spiel zu nehmen sein.

"Das Beeindruckendste: Dass er bei jedem Großereignis bester Torschütze ist und trotzdem unglaublich viele Assists hat. Er ist kein Ego-Zocker, der nur alleine aufs Tor geht. Wenn man rausstürmt, um ihn zu attackieren mit dem Kreisläufer, ist das auch kontraproduktiv", so Torhüter Thomas Bauer gegenüber LAOLA1.

Kreisläufer Fabian Posch sieht auch eine Chance: "Wenn eine Mannschaft so extrem auf einen Mann aufgebaut ist, der in 75 Prozent der Angriffe die Entscheidungen macht und der Go-To-Guy ist, kann das auch in die Hose gehen. Gegen die Ukraine hat er zwar den entscheidenden Treffer gemacht, aber davor drei verworfen."

Besonders für die Youngster im Team soll es ein Ansporn sein, so eine Größe auf der Gegenseite zu bespielen, so Bauer: "Das war mein Reiz in der Jugend. Es gibt nichts Größeres, als so einen Spieler zu zermürben, ihm das Spiel kaputtzumachen. Er muss den Spaß am Handball verlieren und darf nach dem Spiel noch nicht in den Top sieben der Allzeit-Liste sein."

Gefährlich wird Lazarov auch durch das Zusammenspiel mit Kreisläufer Stojanche Stoilov, dem einzigen Spieler von CL-Sieger Vardar Skopje im Aufgebot - mit 110 Kilogramm auf 1,91 Meter ein echtes "Bröckerl": "Das ist die Achse, die uns richtig wehtun kann", warnt Tobias Wagner.

2. Lehren ziehen und Abwehr verbessern

Offensiv lässt das ÖHB-Team bislang kaum Wünsche offen: Nach zwei Spieltagen war Österreich dank 66 Toren gleichauf mit Europameister Spanien das treffsicherste Team. Raum zur Kritik ließ bislang eher die Defensiv-Arbeit, und das nur phasenweise.

Eine Verbesserung in diesem Bereich hätte auch dem glücklosen Thomas Bauer die Arbeit erleichtern können: "Aber es ist Handball und kein Wunschkonzert. Die Spieler wissen selber, wo sie Schwächen gezeigt haben, und sind selbstkritisch genug, das zu verbessern. Bei mir braucht sich keiner entschuldigen", winkt der Keeper ab.

Stojanche Stoilov
Foto: © GEPA

Eine "Aufwärmphase" zu Beginn, wie in den ersten beiden Auftritten, sollte aber tunlichst vermieden werden.

Gegen die Ukraine kam der hohe Fokus des Gegners auf den zusätzlichen Feldspieler erschwerend hinzu: "Das ist schwer zu verteidigen und kostet Energie, überhaupt gegen so große Spieler. Daher war ich mit der Abwehrleistung eigentlich schon zufrieden", so Teamchef Ales Pajovic.

Ob die Nordmazedonier angesichts guter Erfahrungen gegen Österreich auch öfter einen siebten Mann auf das Parkett holen werden, war vom ÖHB-Trainer noch nicht abzuschätzen.

Auch im Sechs-gegen-Sechs wird das Spiel wieder physisch fordernd. "Sie sind in der Abwehrreihe recht groß, haben schwere Leute, die müssen wir in Bewegung bringen und gleichzeitig unsere Werfer in Position bringen. Einfach variabel spielen", fordert Fabian Posch.

Der Kreisläufer sieht aber keine unlösbare Aufgabe: "Sie haben sich gegen die Ukraine schwer getan und gegen Tschechien verloren. Die Papierform hat sich schon in Luft aufgelöst."

3. Die Torhüter müssen sich steigern

Tschechien gelang der Sieg über Nordmazedonien vor allem dank Martin Galia: Der Torhüter hielt 14 der 38 Schüsse auf seinen Kasten und trieb die Nordmazedonier in der zweiten Halbzeit zur Verzweiflung. Er war das Rückgrat der Wende.

Foto: © GEPA

Nach einem guten Auftakt von Thomas Eichberger gegen die Tschechen fand Thomas Bauer auch gegen die Ukraine nicht in die Spur, während sein Grazer Kollege zumindest sechs Mal entscheidend im Weg stand. Ein Punkt, auf dem es gegen Nordmazedonien eine klare Steigerung brauchen wird.

"Natürlich wünsche ich mir, dass es für mich persönlich wieder besser läuft, aber ich weiß, dass 'Eichi' da ist. Das gibt mir das Gefühl, dass wir als Mannschaft gut funktionieren", wischt "Einser" Bauer, dem gegen die Ukraine nach der Auswechslung schon Frust anzumerken war, seinen schlechten Turnierstart weg.

Damit sich der Routinier steigern kann, nehmen sich auch seine Vorderleute in die Pflicht: "Wir haben Tommy ziemlich in Stich gelassen. Die meisten Tore waren freie Würfe aus sechs, sieben Metern. Da kann er vielleicht etwas halten, aber es ist kein Muss. Wir müssen besser stehen", weiß Wagner.

Bauer verweist zudem auf die anderen Voraussetzungen gegen Nordmazedonien: "Es werden nicht 13, 14 Schützen auf mich zukommen, sondern eine Handvoll Schlüsselspieler, die Entscheidungen treffen. Wenn ich Lazarov in der ersten Halbzeit ein paar Bälle wegnehme, wird er weiterschießen, aber keine zehn Tore machen."

4. Keine Rechenspiele anfangen

"Das Problem an Rechenspielen ist: Die Handball-Geschichte hat gezeigt, dass sie brutal in die Hose gehen können. Es gab schon alles: Champions-League-Spiele, die zuhause mit zehn Toren gewonnen wurden - um im Rückspiel eine 14-Tore-Niederlage zu bringen. Wenn wir glauben, einen Polster zu haben, wird der sehr schnell weg sein."

Thomas Bauer

Die Rechnung an sich ist gar nicht so schwer: Sollte Österreich gegen Nordmazedonien nicht zumindest einen Punkt holen, der den Gruppensieg ohnehin fixieren würde, wäre eine Niederlage mit bis zu drei Toren Unterschied für den Aufstieg noch "erlaubt". Bei vier Toren Differenz muss das ÖHB-Team zumindest 25 Tore erzielen. Geht das Duell höher verloren, darf Tschechien im Anschluss gegen die Ukraine nicht voll punkten.

Dass Rechenspiele und Taktierereien keine Option sein dürfen, wurde in ÖHB-Reihen aber seit dem ersten Sieg gegen Tschechien betont. "Das Problem an Rechenspielen ist: Die Handball-Geschichte hat gezeigt, dass sie brutal in die Hose gehen können. Es gab schon alles: Champions-League-Spiele, die zuhause mit zehn Toren gewonnen wurden - um im Rückspiel eine 14-Tore-Niederlage zu bringen. Wenn wir glauben, einen Polster zu haben, wird der sehr schnell weg sein", ermahnt Bauer.

Zumal bei einem Sieg sicher zwei Punkte in die Hauptrunde mitkommen würden: "Ziel ist ein Sieg, ohne Wenn und Aber, das hört man auch von uns nicht anders."

Das Problem an der Sache: Die Nordmazedonier haben ihre Rechenspiele sehr wohl im Kopf und werden dementsprechend auftreten. Sie brauchen den klaren Sieg über Österreich. "Sie werden von Anfang an rennen, beißen, kratzen, zwicken, schlagen. Da müssen wir dagegenhalten. Aber ich denke, dass wir noch mehr Körner haben - sie sind die ältere Mannschaft, wir noch jung", schätzt Wagner.

Gleich zu Beginn wegzuziehen, könnte aber eine schwierige Aufgabe für Österreich werden. Eine weitere Nervenschlacht droht: "Das ist zwar für die Zuschauer spannend, aber für das Nervenkostüm anstrengend. Die Spiele gewinnt man in den Schlussminuten, das haben wir gezeigt. Trotzdem müssen wir zeigen, wer der Herr im Haus ist, und schon von Beginn weg konsequenter sein als zuletzt", hofft Bauer.

5. Die Fans müssen ihren Teil beitragen

Viel Rot und Gelb in Wien
Foto: © GEPA

Der Heimvorteil lieferte in den ersten beiden Spielen einen nicht zu unterschätzenden Vorteil in den heißen Schlussphasen. Gegen Nordmazedonien wird auch auf die Zuschauer ein anderes Kaliber als "Gegner" warten: Die Südeuropäer haben viele Fans mit nach Wien genommen, beim Duell mit Tschechien überschritt der Lautstärke-Pegel beinahe jenen der Österreich-Spiele.

Gegen die Nordmazedonier wird der Heimvorteil also nicht in Stein gemeißelt sein. Manch einer freut sich darauf - etwa Tobi Wagner: "Es ist einfach geil, wenn es zwei riesige Fan-Lager gibt, die sich gegenseitig aufschaukeln werden und übertrumpfen wollen. Dafür spielen wir alle Handball."

Das muss auch von der ersten Minute kommen - bislang nahmen sich Österreichs Fans in der Stadthalle in den Anfangsphasen noch etwas Aufwärmzeit. "Das liegt definitiv auch an uns, wie wir in ein Spiel starten. Und wenn wir in den ersten Minuten Schockmomente für die Nordmazedonier schaffen, gehen auch die Fans sofort mit. Dann haben wir in den ersten zehn Minuten ein echtes Feuerwerk, welches wir 60 Minuten aufrechterhalten müssen. Das sollten wir schaffen mit 9.000 Fans im Rücken", hofft Bauer.

Und Posch appelliert auch an den Ehrgeiz: "Wir hoffen schon, dass die Österreicher an ihrer Ehre gepackt werden, wenn sie sehen, wie viele Nordmazedonier da sind."

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang »

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