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"In der NFL ist es kein Vorteil, wenn du Arzt werden willst"

Der Ex-NFL-Export verrät im exklusiven Interview seine weitere Karriereplanung und ob eine Olympia-Teilnahme für ihn infrage kommt.

Foto: © GEPA

Zwischen Football-Feld und Hörsaal hat sich das Leben von Sandro Platzgummer in den letzten zehn Jahren abgespielt. Als erster österreichischer Feldspieler überhaupt stand er bei einem NFL-Team unter Vertrag, der große Durchbruch blieb ihm aber schließlich verwehrt.

Mittlerweile ist der 28-jährige Running Back wieder zurück in Europa und spielt in der ELF für die Frankfurt Galaxy. Eine Knöchelverletzung zwingt den Tiroler aktuell zum Zuschauen.

Neben seiner sportlichen Karriere hat Platzgummer ein Medizin-Studium absolviert. Im Interview blickt er auf seine Zeit in New York zurück, verrät, warum Bernhard Raimanns Weg nichts für ihn gewesen wäre und gibt Einblicke in seine weitere Karriereplanung.

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LAOLA1: Hallo Sandro! Die wichtigste Frage vorab: Wie geht es deinem Knöchel? Wie läuft der Genesungsprozess?

Sandro Platzgummer: Es läuft eigentlich so weit, so gut. Ich mache gerade den ganzen Reha-Prozess standardmäßig durch. Ich bin aber ein, zwei Wochen voraus, weil alles sehr gut verlaufen ist, obwohl ich jetzt nichts gepusht habe. Es war ein kleiner operativer Eingriff, und es war sehr gut, dass wir das gemacht haben. Ich bin mit meinem Arzt und dem ganzen Prozess sehr zufrieden. Hätten es die Frankfurt Galaxy in die Playoffs geschafft, hätte ich vielleicht im Halbfinale oder Finale noch spielen können. Jetzt hat sich das aber leider erledigt.

LAOLA1: Es ist jetzt knapp über zwei Jahre her, dass du deine Zelte in New York abgebrochen hast und nach Europa zurückgekehrt bist. Wie hat sich dein Leben seither verändert?

Platzgummer: Man lernt in der NFL viel fürs Leben. Es ist ein drastisches Business und man lernt, dass das Leben nicht immer fair ist. Der Übergang zu meinem Leben in Europa war gut. Ich habe mein Medizin-Studium relativ schnell fertig gemacht – unter Mindeststudienzeit. Aus Football-Sicht habe ich hier in Frankfurt auch noch einmal viele Erfahrungen gemacht. Man sieht die Dinge aus einem anderen Winkel, wenn man einmal höher gespielt hat. Natürlich ist es immer ein bisschen schade, wenn man zurückdenkt, denn es war schon eine coole Zeit in den USA.

Von 2020 bis 2022 stand der Tiroler bei den New York Giants unter Vertrag
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LAOLA1: Bei den New York Giants standest du zweimal ganz knapp vor dem Sprung vom Practice Squad in den Kader. Trauerst du der verpassten Chance, in der NFL zu spielen, noch nach oder bist du damit im Reinen?

Platzgummer: Nach meinen Verletzungen könnte ich jetzt, glaube ich, gar nicht mehr auf dem Level spielen. Jetzt ist es zu spät. Daher bin ich damit im Reinen. Wenn ich jetzt die Pre-Season in der NFL verfolge, gibt es schon immer wieder Momente, in denen ich mir denke: Da sind Spieler dabei, die eigentlich eine Spur schlechter sind als ich. Aber die haben eben am College gespielt. Wenn ich die gleichen Chancen hätte haben wollen, hätte ich College-Football spielen müssen. Das war immer klar. Ich bin den unkonventionellen Weg gegangen, aber ich bin damit im Reinen. Bernhard Raimann zum Beispiel hat alles auf eine Karte gesetzt und ich freue mich extrem für ihn, dass es so aufgegangen ist und wünsche ihm nur das Beste, aber ich glaube, das wäre nicht mein Weg gewesen.

LAOLA1: Wie intensiv verfolgst du die Giants und die NFL noch? Bist du ab und zu noch im MetLife Stadium zu Gast und hast du noch Kontakt zu Spielern, Trainern oder dem Staff?

Platzgummer: Ich war letztes Jahr einen Monat in New York, war aber nicht beim Team. Beim Munich Game der Giants vergangene Saison war ich allerdings dabei. Ich bin mit vielen Spielern und Coaches noch in Kontakt, die meisten davon sind aber auch nicht mehr bei den Giants.

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LAOLA1: Du hast trotz deines Bestrebens, NFL-Profi zu werden, nie deine akademische Karriere vernachlässigt und bist mittlerweile fertiger Arzt. Wie kräfteraubend war diese Doppelbelastung und wie hast du sie bewältigt?

Platzgummer: Während ich in der NFL war, war ich eigentlich kein Student. Wenn ich zwischendurch mal ein Monat in Österreich war, habe ich eine Prüfung geschrieben, aber das war's. Daher war die Zeit in der NFL für mich eigentlich die entspannteste. Ich habe früher schon immer Football gespielt und nebenbei studiert und noch viele andere Dinge gemacht. Die Zeit jetzt bei Frankfurt war eigentlich die stressigste, weil ich Vollzeit als Arzt gearbeitet habe und trotzdem Import-Spieler bei den Galaxy bin.

Wenn man keinen Plan B hat, geht man mit einer ganz anderen Nervosität an die Sache, weil man weiß, dass man arbeitslos ist, wenn man den Kader-Spot nicht schafft.

Sandro Platzgummer

LAOLA1: Dein Karriereweg ist jetzt nicht der klassische. Inwieweit siehst du dich als Vorbild für andere Sportlerinnen und Sportler, die ihren Karriere-Plan-B abseits des Spielfeldes während der aktiven Zeit vorantreiben?

Platzgummer: Mir hat es immer sehr geholfen, weil ich dieses Mindset hatte, dass ich nichts zu verlieren habe. Fast alle Spieler haben keinen Plan abseits vom Football. Es gibt auch in Europa genug Spieler, die gerade einmal so viel verdienen, dass sie über die Runden kommen und sich dann irgendwann verletzen oder zu alt werden und sich etwas Neues suchen müssen. Ich habe auch in der NFL das Mindset gehabt, dass ich mein Bestes gebe und alles mache, um meine Chance zu kriegen. Aber es hat mir immer geholfen zu wissen, dass ich, wenn es nicht klappt, zurückgehe und eben Arzt werde. Wenn man keinen Plan B hat, geht man mit einer ganz anderen Nervosität an die Sache, weil man weiß, dass man arbeitslos ist, wenn man den Kader-Spot nicht schafft.

LAOLA1: Siehst du da auch die Vereine in der Pflicht, um für die Karriere nach der Karriere vorzusorgen oder muss diese Motivation von einem selbst kommen?

Platzgummer: Es gibt schon gewisse Wege, aber ich denke, dass es in den USA und der NFL generell eher verpönt ist. Da will keiner, dass jemand weiß, dass man einen Plan B hat und sich vielleicht nicht zu hundert Prozent auf den Sport fokussiert. Ich habe schon das Gefühl gehabt, es war kein Vorteil, dass alle wussten, dass ich später Arzt werden möchte und schon fast mit dem Studium fertig bin. Wenn sich jemand nebenher auf etwas anderes konzentriert, würden die Trainer eher denken, der möchte eigentlich nicht mehr Football spielen. In Europa denke ich aber schon, dass es eigentlich der Sinn der Sache ist. Man verdient auch nicht so viel, dass man später davon leben kann. Vielen Import-Spielern werden auch Deutschkurse gezahlt, damit sie später einmal in den Städten arbeiten können.

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LAOLA1: Stimmt es, dass deine Leidenschaft für den Arzt-Beruf erstmals entfacht wurde, als du dich mit 13 Jahren beim Footballspielen am Sprunggelenk verletzt hast und die medizinische Behandlung selbst so spannend fandest?

Platzgummer: Das stimmt. Lustigerweise war meine erste Verletzung sogar die gleiche, die ich jetzt habe – nur nicht so ganz so schlimm. Ich habe natürlich bei mir selbst viel miterlebt, aber auch bei Teamkollegen und das hat mich immer schon sehr interessiert. Das war sicher ein Riesen-Grund, warum ich mich für das Studium entschieden habe und ich denke auch, dass mir das später noch sehr viel weiterhelfen wird.

LAOLA1: Welche Parallelen kannst du zwischen deiner Arbeit als Arzt bzw. dem Footballspielen ziehen?

Platzgummer: Auf jeden Fall der Aspekt Teamwork. Als Arzt muss man sich quasi mit den anderen Ärzten im Team koordinieren, so wie beim Football mit seinen Running-Back-Kollegen. Die Patienten sind so ein bisschen die Gamedays, man muss schauen, dass sie zufrieden sind – sprich man muss ein Spiel gewinnen (lacht). Man hat dann aber auch die Defense, die man nicht so ganz kontrollieren kann als Offense-Spieler. Das ist dann auf der Klinik die Pflege, mit der man auch zusammenarbeiten muss. Es gibt sehr viele Parallelen zwischen dem Beruf als Arzt und jenem als Footballspieler. Ich denke generell, dass Sport sehr underrated ist. Man lernt sehr viel Disziplin und Struktur, die für mich im Arztberuf zum Beispiel sehr wichtig ist.

Es ist nie leicht, in Pension zu gehen, für jeden, der seinen Job gern gemacht hat – gerade dann, wenn man noch nicht einmal 30 Jahre alt ist.

Sandro Platzgummer

LAOLA1: Sehr schöne Metaphern. Du bist jetzt 28 Jahre, die Facharzt-Ausbildung steht vor der Tür und du hast in den letzten drei Saisons zwei "season ending injuries" hinter dir. Werden wir dich je wieder auf einem Football-Feld sehen?

Platzgummer: Eigentlich war mir fast bewusst, dass heuer die letzte Saison sein wird. Im Oktober möchte ich beim Nationalteam-Duell gegen Deutschland noch dabei sein. Das sollte sich ziemlich sicher ausgehen. Falls es dann vorbei ist, ist das in Ordnung für mich. Aber es ist nie leicht, in Pension zu gehen, für jeden, der seinen Job gern gemacht hat – gerade dann, wenn man noch nicht einmal 30 Jahre alt ist.

Das Nationalmannschafts-Duell mit Deutschland im Oktober könnte das letzte Spiel von Sandro Platzgummer (hier mit AFBÖ-Coach Max Sommer) sein
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LAOLA1: Eine fixe Entscheidung hast du also noch nicht getroffen?

Platzgummer: Nein, ich möchte nichts überstürzen. Man kann es ja theoretisch auch machen wie Tom Brady und sagen, ich trete jetzt einmal zurück und falls es mir doch wieder taugt, fange ich wieder an. Ich denke aber, ich bin eher so, dass ich sage: Wenn ich retired bin, möchte ich retired sein. Da will ich nicht die Medien pushen (lacht). Es hängt aber auch ein bisschen davon ab, wie es um meine Jobmöglichkeiten als Arzt steht. Wenn ich aktuell nichts bekomme, muss ich es mir fast noch einmal überlegen. Aber ich lasse es auf mich zukommen und möchte nichts überstürzen.

LAOLA1: Dazu kommt ja noch, dass bei den Olympischen Spielen 2028 Flag Football erstmals im Programm sein wird. Es wird mit der Teilnahme zahlreicher NFL-Stars spekuliert. Österreich kämpft noch um die Qualifikation, aber falls diese gelingt, wäre das in irgendeiner Form ein Thema für dich?

Platzgummer: Das war eigentlich lange kein Thema für mich. Ich habe es immer so gesehen, dass ich Running Back bin und eigentlich kein Flag-Football-Spieler und mich das eigentlich nicht so interessiert. Aber ich muss schon sagen, dass das Verletzungsrisiko einfach viel geringer ist. Allein deshalb würde Flag Football in Zukunft mehr Sinn machen für mich als Tackle Football. Ich glaube auch, dass es mir sehr liegen würde. Ich bin immer vielseitig eingesetzt worden. Und gerade in der zweiten Hälfte meiner Karriere konnte ich viel mehr als Receiver agieren. Mein Skillset, mit meiner Schnelligkeit und meiner Beweglichkeit plus der Fähigkeit Bälle zu fangen, könnte man sehr gut translaten auf Flag Football. Es ist eine Überlegung wert. Bevor ich ernst mache, müsste ich, glaube ich, noch ein bisschen abnehmen (lacht).

LAOLA1: Und Olympia als Event wäre auch reizvoll für dich?

Platzgummer: Auf jeden Fall. Der Olympia-Faktor macht das Ganze schon noch einmal spannender. Gerade auch deshalb, weil dadurch das generelle Niveau des Flag Football auch höher werden sollte. Ich bin nämlich nicht so der Typ, der auf unterstem Niveau noch Bauernliga spielt, weil Football gerade noch Spaß macht. Ich glaube, das ärgert mich dann eher, wenn viele Dinge nicht mehr möglich sind, weil das Level einfach zu schlecht ist.

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LAOLA1: Nochmal zurück in die Gegenwart: Du hast jetzt drei Jahre in der ELF gespielt. Wie beurteilst du das Niveau der Liga bzw. wie viel Unterschied zur NFL besteht wirklich?

Platzgummer: Der größte Unterschied zur NFL ist definitiv die Kaderbreite. Von einem Backup zum Starter ist in der NFL maximal ein geringer Unterschied. In der ELF gibt es teilweise Spieler, wo ich sagen würde, die können in der NFL spielen – zumindest als Backup. Und würden eher positiv als negativ auffallen. Aber dann gibt es auch Spieler, die sogar Starter sind und eigentlich nicht einmal in der ELF spielen sollten. Deshalb setzen viele Teams auch bewusst einen guten Spieler auf einen schlechten. Wenn einmal ein Starter ausfällt, kann der Drop-Off riesig sein. Und man sagt im Football ja, man ist nur so gut, wie der schlechteste Spieler am Feld.

LAOLA1: In welche Richtung wird sich die ELF deiner Meinung nach entwickeln? Die Zukunft scheint ja spätestens seit dem Abgang von Commissioner Patrick Esume ziemlich unklar zu sein.

Platzgummer: Der Schritt zu einer gesamteuropäischen Liga war enorm wichtig. Es ist wichtig, die nationalen Ligen beizubehalten, aber wenn alle Länder, die infrage kommen, ihre Kräfte bündeln und jeweils ein bis zwei Profi-Teams zusammenstellen, hat man schon eine richtig coole Liga. Im Vergleich haben wir – wenn man vom Fußball absieht – so gute Einschaltquoten und Zuschauerzahlen in den Stadien in Europa wie kaum eine andere Sportart. Das ist fast schon ein bisschen ein Luxus. Football ist auf einem guten Weg. Man muss schauen, dass man die Liga nicht zu eng hält, damit sie weiter wachsen kann, aber auch nicht zu weit, damit die Qualität hoch bleibt. Die Zusammenarbeit mit den nationalen Ligen sollte noch besser werden. In Europa wird gefühlt viel zu viel gestritten. Für den europäischen Football wäre es wünschenswert, dass so eine Liga bleibt. Ich glaube schon, dass das Interesse da ist, aber es bleibt abzuwarten.

LAOLA1: Und wer macht heuer das Rennen in der ELF?

Platzgummer: Wien ist sicher der Favorit momentan. Ich glaube, dass sie gute Karten haben. Interessant wird auch noch zu sehen, wie gut Nordic Storm wirklich ist. Es ist auf jeden Fall spannender heuer, weil es ein bisschen ausgeglichener ist. Das Playoff-Rennen war sehr spannend.

Seinem Ex-Team, den New York Giants, traut Platzgummer in der kommenden NFL-Saison eher weniger zu
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LAOLA1: Du hast in der Pre-Season dein Debüt als Experte bei Servus TV mit Christopher De Ryan gegeben. Wie gefällt dir die Rolle und kannst du dir sowas in Zukunft öfter vorstellen?

Platzgummer: Durchaus. Es hat Spaß gemacht. Ich habe ja bei Puls 4 früher auch schon einmal kommentiert. Ich vergesse oft, dass ich durch die Jahre in der NFL, Football schon aus einem anderen Winkel sehe. Ich würde es schade finden, wenn ich alles, was ich über Football gelernt habe, in einer Kiste versperre und sage: Das war Football für mich (lacht). Ich würde mich freuen, wenn Regular-Season-Spiele wieder im TV in Österreich übertragen werden. Wenn alles hinhaut, könnte ich mir durchaus vorstellen, das öfter zu machen.

LAOLA1: Die neue NFL-Saison steht vor der Tür. Was traust du deinen "G-Men" mit Neo-Quarterback Russell Wilson zu?

Platzgummer: Ich glaube, sie werden es eher wieder schwierig haben. Aber man kann es nie wirklich einschätzen. 2022 hätte, glaube ich, auch niemand gedacht, dass wir bis in die zweite Runde der Playoffs kommen. Aber Washington und Philadelphia sehe ich schon klar über den Giants und als Dritter in der Division kommst du eigentlich nicht weiter.

LAOLA1: Und wer zählt für dich heuer zu den heißesten Anwärtern auf die Super Bowl?

Platzgummer: Die Eagles sind für mich der Favorit. Ich glaube, dass sie noch einmal stärker sein werden als letzte Saison. Die Chiefs muss man auch immer am Zettel haben, auch wenn ich glaube, dass Mahomes zwar immer noch ein Top-Quarterback ist, aber aktuell nicht so die Weapons zur Verfügung hat. Auch auf die Lions wird man wieder aufpassen müssen.

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