"Da helfen nicht einmal mehr die mitgebrachten Ohrstöpsel, die ich mir mit jedem vorbeizischenden Bike immer tiefer in meinen Gehörgang drücke."
Der Lärm ist erdrückend und wird ohrenbetäubend, als ich mich an die Boxenmauer stelle. Da helfen nicht einmal mehr die mitgebrachten Ohrstöpsel, die ich mir mit jedem vorbeizischenden Bike immer tiefer in meinen Gehörgang drücke.
Neben mir steht ein Yamaha-Mitarbeiter, er schmunzelt leicht. Ich frage ihn: "Wie gewöhnt man sich daran?" Die Antwort: "Gar nicht, genieß es einfach." Lässt sich auch leicht sagen, wenn man übergroße und schalldichte Kopfhörer aufhat.
Die bestehende Gefahr eines Tinnitus nehme ich liebend gerne auf mich. "Geil!", denke ich mir jedes Mal, wenn es im Ohr klingelt, weil auf der Start-Ziel-Gerade wieder auf über 300 km/h beschleunigt wird.
Auge in Auge mit den MotoGP-Stars
Weg von der Boxenmauer, Alex Marquez wird von einem Crew-Mitglied in Empfang genommen. Er fährt direkt an mir vorbei, Stille. Der Motor ist bereits abgestellt. Ich kann nicht anders, als ein kurzes Video zu machen. Das glaubt mir ja sonst niemand.
Direkt im Anschluss steuern Francesco Bagnaia und Marc Marquez die Ducati-Box an. Sofort eilen mehrere Mitarbeiter heraus, stabilisieren das Bike. Wieder stehe ich gleich daneben, perfekte Aussicht auf jeden kleinen Handgriff.
Und Bagnaia? Hätte er das Visier nicht runtergeklappt, könnte ich ihm direkt in die Augen sehen. Fokussiert marschiert er zu seinem Platz, der Helm wird abgezogen. Das Bike wird in der Zwischenzeit abgestellt, die Reifen gewechselt und kleine Anpassungen vorgenommen.
Mein Blick ist starr auf die Arbeiten gerichtet. Es ist faszinierend, was das Team rund um den Fahrer täglich leistet. Ich werde aus dem Bann rausgezogen, bei VR46 wird das Motorrad von Fabio Di Giannantonio aus der Box gerollt.
Per Anlasser wird der Motor gestartet, erst dann kommt Di Giannantonio und wirft sich auf seine Ducati. Wieder dieses Dröhnen im Ohr, aber auch Gänsehaut am ganzen Körper. Da schlägt das Herz höher!
Zwischen Sturz und Showtime
Ich gehe die Boxengasse hinab und lande bei KTM. Glück bringe ich keines mit, Sekunden später klappt bei Supertalent Pedro Acosta in Kurve 1 das Vorderrad ein. "Argh!", hallt es aus der Box.
Der Moto3- und Moto2-Weltmeister fährt das Bike eigenständig an die Box, der Schaden ist überschaubar. Ich gehe lieber wieder, bevor es noch einen weiteren Fahrer erwischt.
Bei Ducati wird eifrig gewerkt, die Zeit verstreicht. Ich schaue auf die Uhr: "Was, nur mehr 10 Minuten?!" Schöne Dinge vergehen eben viel zu schnell.
Deshalb nichts wie weiter, diesmal zu Aprilia. Hier ein Kameramann, da ein TV-Reporter, dort ein Fotograf - da tut sich etwas. Ein Mitarbeiter kommt heraus, Jorge Martin folgt kurz darauf. Der Weltmeister geht nochmal in die Kniebeuge, stretcht seinen Körper durch.
Das Ritual ist vollzogen, der Motor an. Und bei mir zieht wieder die Gänsehaut auf.
Dankbarkeit im Ohr, Sehnsucht im Herzen
Das Training neigt sich dem Ende zu, und damit auch mein Besuch in der Boxengasse.
Auf dem Weg zur ominösen Glastür komme ich nochmal bei Yamaha vorbei, hier werden schon die letzten Vorbereitungen für das Qualifying getroffen. Dessen Ende sollte enttäuschend sein, Ex-Weltmeister Fabio Quartararo wird als bester Pilot nur 16.
Bevor ich endgültig wieder Richtung Fahrerlager schreite, sauge ich ein letztes Mal diese unbeschreibliche Atmosphäre auf. Glastür auf, gefühlt blasen meine Ohren einmal kräftig durch und sind dankbar, dass es endlich vorbei ist.
Jede andere Faser meines Körpers schreit hingegen: "Ich will wieder raus!" Darf ich aber nicht. Was bleibt, sind Erinnerungen für die Ewigkeit, zum Glück kein Tinnitus sowie einige Videos auf meinem Handy, die wir aus rechtlichen Gründen leider nicht hier teilen dürfen.
Ein Gefühl dominiert letztendlich: Dankbarkeit. Dankbarkeit dafür, solche Momente erleben zu können. Und solche Geschichten für all unsere Leser:innen aufbereiten zu dürfen.
Nächstes Jahr auf ein Neues!