Toto Wolff sieht "eine neue Zeitrechnung"

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Drei Rennen und kein Sieg. So lange blieb Mercedes in der Formel 1 seit Einführung der Hybrid-Motoren im Jahr 2014 noch nie ohne Grand-Prix-Erfolg.

Ist das ungewöhnlich? Haben die Silberpfeile zu große Fehler begangen? Oder ist das einfach nur der Lauf der Zeit, weil der Rennstall über die Jahre seinen Antriebs-Vorteil einbüßt?

Zu diesen und weiteren Fragen hat sich Motorsportchef Toto Wolff vor dem Grand Prix von Aserbaidschan ausführlich in Wien geäußert.

Der Wiener erklärt die Patzer der Silberpfeile, spricht über die Form von Weltmeister Lewis Hamilton und beantwortet die Frage, ob die Mercedes-Ära jetzt vorbei ist.

Toto Wolff über...

...den Weg von Mercedes aus dem "Niemandsland" (Zitat: Hamilton): Ich bin ja der Ober-Selbstkritiker, aber man muss die Kirche trotzdem im Dorf lassen. Wir führen die Konstrukteurs-Meisterschaft an und sind in der Fahrer-WM Zweiter und Dritter mit neun Punkten Rückstand. Wir brauchen also nicht in Depression zu verfallen. Mindestens zwei Rennen hätten wir gewinnen sollen, nämlich in Melbourne und in Bahrain. Insofern ist noch gar nichts passiert. Trotzdem ist es noch nicht gut genug, was wir gemacht haben. Wir nehmen uns da selbst an der Nase und wissen, was wir verbessern müssen. Wenn du diese Meisterschaft gewinnen willst, dann musst du weitestgehend fehlerfrei bleiben. Die beiden anderen da vorne schenken dir nichts. Wir wissen, was in Shanghai falsch gelaufen ist, aber Baku ist ganz anders. Die Strecke hat ein ganz anderes Layout, einen glatten Asphalt, enge Gassen und eine lange Gerade, wo es um Topspeed geht. Vielleicht ist der Lerneffekt aus Shanghai noch nicht so ganz in Baku umsetzbar, aber in weiterer Folge dann in Barcelona.

...die Fehler, die Mercedes in China begangen hat: Wir haben uns mit unseren Setup-Annahmen und Simulationen verlaufen und haben sehr stark auf den Wetterumschwung gesetzt. Am Sonntag war die Streckentemperatur fast um 20 Grad wärmer. Dadurch, dass die Reifen ganz neu sind, müssen wir daraus noch lernen. Man darf aber nicht vergessen, dass wir mit Valtteri in Führung waren. Nach dem Safety-Car und dem mutigen Wechsel von Red Bull war es so, dass der Medium-Reifen nie wieder auf Temperatur gekommen ist. Er war plötzlich eine halbe Sekunde langsamer als vor dem Safety Car und der Soft war eine halbe Sekunde schneller als in unseren Annahmen. Daher sind die Red Bulls Kreise um alle anderen gefahren.


In der 6. Ausgabe von "LAOLA1 On Air - der Sportpodcast" geht es um den aktuellen Umbruch in der Formel 1. ORF-Kommentator Ernst Hausleitner spricht über seine Eindrücke der Königsklasse unter der Führung von Liberty Media und Ferdinand Habsburg spricht offen über seine Ziele und schwere Stunden. Hier anhören:


...die weitere Entwicklung der Saison: Ich würde uns vom Gesamtpaket her schon sehr konkurrenzfähig sehen. Der Ferrari ist ein schnelles Auto, das sehr stark verbessert wurde. Beim Testen haben sie gar nicht gut ausgesehen, da hat es überall an Kurvenspeed gefehlt. Und jetzt ist ihr Auto von der Motorenpower her das Stärkste und auch durch die Kurven gut. Der Red Bull ist Chassis-seitig sowieso immer top gewesen und ist auch in diesem Jahr dort sehr stark. Insofern wird sich das Bild von Strecke zu Strecke verändern. Der, der auf seinen guten Strecken gewinnt und auf seinen schlechten Strecken den Schaden begrenzt und wenig Fehler macht, wird am Ende die Meisterschaft gewinnen.

...die immer größere werdende Bedeutung der Strategie im Rennen: Es ist eine Zeitrechnung. Man hat gesehen, wie sich Ferrari mit Vettel im letzten Rennen vertan hat. Sie waren drei Sekunden vorne und in der normalen Welt reicht das, um einen Undercut zu vermeiden. Es war aber nicht genug, weil die Inlap von Valtteri genial war, weil der Stopp der schnellste der Saison war und einer der schnellsten überhaupt. Und weil die Outlap sensationell war bzw. die Reifen bei Sebastian abgebaut haben. Das alles passierte in einer Runde! Das zeigt, wie eng es ist und dass du einfach keine Fehler machen darfst.

...die Herangehensweise der Top-Teams aufgrund des engeren Mittelfelds: Das ändert relativ viel. In Melbourne war Haas Vierter und Fünfter und ständig in unserem Pit-Window und wir wussten, wenn wir hinter Haas stoppen, ist das vielleicht nicht ganz so einfach, wie wenn der Ferrari hinter dem Haas stoppt. Da kommst du dann in eine Position, wo es um Positionen und viele Punkte geht. Da kannst du nicht verlangen, dass so jemand sich einfach wegbeamt. Das enge Mittelfeld müssen wir in unserer Strategie wesentlich mehr berücksichtigen als in der Vergangenheit, als du mit neuen, besseren Reifen herausgekommen bist und Kreise um die anderen gefahren bist. Das ist jetzt nicht mehr der Fall.

...mögliche Tricksereien wie an Vettels Lenkrad, die den Unterschied ausmachen könnten: Es gibt keinen einzelnen Grund, warum man gewinnt oder nicht. Du musst alles zusammenfügen. Es gibt keinen einzelnen Faktor, der dir drei Zehntel bringt. Wenn du optimierst, gewinnst du vielleicht ein Zehntel. Aber dadurch wirst du nicht vom mittelmäßigen Team zum Seriensieger. Pedal bei Ferrari hin oder her, die haben ein richtig gutes Auto mit einem Motor, der richtig Dampf hat.

...die Rollenverteilung der Piloten bei Red Bull, die nicht so klar ist wie bei Ferrari und Mercedes: Es ist interessant zu beobachten, wie das dort abgeht. Max wird ein Großer werden, das ist völlig klar. Er geht jetzt durch diese Lernkurve, wie sie viele von den späteren Superstars gehabt haben. Das kostet jetzt noch Rennen und vielleicht eine Meisterschaft, aber wenn der einmal die Dinge zusammenfügt, dann wird das ein Großer. Und Daniel ist ein Racer, der so viel Energie hat und alles gibt und deswegen auch in der Lage ist, Rennen zu gewinnen und um Meisterschaften zu fahren.

...die Form von Lewis Hamilton: Lewis Hamilton ist der beste Rennfahrer der modernen Formel 1. Er hat auch in der Vergangenheit immer wieder mal schlechte Tage gehabt, weil niemand ständig auf seinem optimalen Niveau operieren kann. Wenn du bedenkst, dass er in Melbourne und Bahrain hätte gewinnen müssen, dann ist es okay, dass einmal ein Wochenende nicht so super war. Es war das Team nicht so super und die Gesamtleistung nicht so super. Den darf man nicht abschreiben, der kommt bärenstark zurück.

...die Annahme, dass die Mercedes-Ära vorbei ist: Wir haben immer gesagt, dass die letzten vier Jahre Ausreißer waren. Jetzt haben wir eine Situation, dass drei Teams um eine Meisterschaft fahren. Das ist das Beste, was der Formel 1 passieren kann. Uns taugt das richtig, deswegen sind wir in diesem Sport. Unser Ziel ist es weiterhin, zu gewinnen. Genauso wie bei den anderen. Jetzt sind mehrere Teams auf Augenhöhe.

Textquelle: © LAOLA1.at

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