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WM-Reportage: Jahrzehntelanges Avocado-Verbot

Ein Monat USA. Äxte werden geworfen, Volunteers machen unwürdige Jobs und ein orangehäutiger Mann ist neu im Strafsenat.

WM-Reportage: Jahrzehntelanges Avocado-Verbot

Hochbetrieb im Store der Los Angeles Dodgers, ein Dutzend Menschen gustiert Shirts, Caps, etc.

Doch plötzlich ist das alles egal, alle schauen auf die beiden Fernseher im Shop und staunen. Erling Haaland hat gerade das erste seiner beiden Tore gegen Brasilien erzielt.

Und dann kam Trump...

Ich denke: "Irgendwie kannst du das alles hier nicht haten, auch wenn du vorher sehr skeptisch warst."

Minuten später lese ich am Handy die Nachrichten zu Donald Trumps erfolgreicher Intervention bei der FIFA bezüglich der Sperre von Folarin Balogun. Schlagartig wird das Turnier zur Farce. Land of the free, haha.

Es ist mein letzter Tag in den USA. Zeit, abzureisen. 33 Tage Dienstreise. Uber statt Ubahn, "Awesome" statt "ang’lehnt lassen", Pazifik statt Donau.

Jahrzehntelanges Avocado-Verbot

Nach acht Flügen erlege ich mir ein jahrzehntelanges Avocado-Verbot auf, um meinen CO2-Fußabdruck wieder halbwegs zu normalisieren. Was auf Google Maps wie ein Katzensprung aussieht, endet immer in einer 50-Dollar-Uberfahrt.

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Soccer-Fans, wollten anonym bleiben

Was wir Europäer mit unserem "Zu-Fuß-Gehen" haben, fragt ein Fahrer in Dallas. Es gäbe doch Uber. "That’s why we bombin‘ the whole world for oil", lacht er. Wahre Worte, gelassen ausgesprochen.

Großes Interesse

Er hasse Messi, weil er Chelsea-Fan sei, erklärt er. Argumentieren will er das aber nicht. Tatsächlich kommt hier niemand an der Fußball-WM vorbei, sie ist omnipräsent.

Jedes Kleidungs-Geschäft hat eine eigene WM-Linie am Start – USA, Mexiko, Kanada, Argentinien, Brasilien, Frankreich, England. Die Billboards sind voll mit Werbung für Soccer, nein Football. Fast alle, mit denen man spricht, korrigieren sich auf Football. Die haben verstanden, dass uns Europäern das offenbar wichtig ist.

Er hasst Red Bull

Und viele, sehr viele mehr als erwartet, interessieren sich wirklich dafür. Als wir am Tag nach Österreichs WM-Aus im Stadion bei den Dodgers sitzen, spricht uns die klassische US-Familie in der Reihe dahinter an, woher wir denn kämen.

Und dann sagt der Sohnemann: "I hate Red Bull. You got this 50+1-Rule, i love it." Schockstarre.

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Volunteers am Boden

Im von Latinos bevölkerten Kalifornien schaffst du keine drei Straßenecken, ohne ein Mexiko-Trikot zu sehen.

Und doch ist das Fußball-Erlebnis hier ganz anders. In allen Stadien gibt es Dosenbier, in vielen Rolltreppen. Letzteres gratis, Ersteres kostet so viel wie in anderen Bereichen der Welt eine neue Niere.

Aufzugsbeauftragte und robbende Mikro-Halter

Apropos Kosten. Weil die FIFA ja das Armenhaus unter den Sportverbänden ist, sich den Fans zuliebe durch den Verkauf von Billigst-Tickets in wirtschaftliche Krisen stürzt und sowieso die Welt jeden Tag ein riesengroßes Stück besser macht, setzt sie arbeitskräftetechnisch auf unbezahlte Volunteers. Wahrscheinlich, um sich nicht selbst jeden Tag einen Friedenspreis verleihen zu müssen.

Jedenfalls sind die Volunteer-Jobs unterschiedlicher Natur. Der ödeste ist mit Sicherheit jener des/der Aufzugsbeauftragten. Da stehst du rund sechs Stunden lang in einem Aufzug und drückst die Knöpfe der Stockwerke, in die die Pressemenschen und andere Volunteers müssen. In Dallas gab es im Lift wenigstens einen Mini-Fernseher zu Matchschauen.

Pressbox: Ort des Grauens

Der würdeloseste Volunteer-Job ist jener, bei dem du in der Mixed-Zone und bei der Pressekonferenz den fragestellenden Journalisten das Mikro reichst. Um kein Kamerabild zu stören, musst du das nämlich wahlweise kniend, hockerlnd oder robbend machen. Je nachdem, was die Kreuzbänder halt so hergeben.

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Fußball hinter Glas

Finanziell profitiert haben indes die Herren David Beckham, Zlatan Ibrahimovic und Christian Pulisic - sie haben gefühlt jeweils 47 Werbe-Deals abgegriffen, sind in jedem TV-Spot zu sehen.

Die größte Umstellung aus Journalisten-Sicht sind die Pressboxes in den Stadien. Du sitzt in einem geschlossenen Raum hinter einer Glaswand, um so das Spiel zu beobachten. Die Stimmung in den atemberaubenden Arenen ist gerade noch zu erahnen.

Dass wir jedes Mal bei den Presse-Verantwortlichen vor Ort vorstellig werden, um auf einen der wenigen Presseplätze im Freien umzubuchen, sorgt zu Beginn noch für Verwunderung, später nicht mehr. Ein Indiz dafür, dass auch Journalisten aus anderen Ländern mit dieser Gepflogenheit wenig anfangen können.

Give it a try

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Baseball, ein Selbstversuch

Weil es als Gast in einem fremden Land aber wichtig ist, sich dem jeweiligen Kulturkreis anzunähern, werden diverse Dinge ausprobiert.

Axtwerfen: Wenn ich eine Axt nach dir werfe, stirbst du maximal an stumpfen Verletzungen.

Baseball: 40 mp/h gehen gut, bei 60 mp/h bist du schon chancenlos, in der MLB pitchen sie mit 100 mp/h.

Baseball-Schauen: 24oz Bier kosten 18 Dollar, 12oz Bier kosten 4,5 Dollar. Fragt nicht.

Stau: Funktioniert zweispurig genauso gut wie sechsspurig.

Chicken Wings: Jedes einzelne faustgroß. Zehn bestellt, sechs bekommen, beschwert, dann zusätzlich zehn bekommen. Die nächsten zwei Tage nichts mehr gegessen.

Neuzugang im Strafsenat

Jetzt muss ich aber meinen Flug erwischen. Hier gibt es übrigens neun Boarding-Groups, um ein reibungsloses Einsteigen zu ermöglichen. Ich war jedes Mal in Group 8 – unabhängig davon, ob mittig oder ganz hinten im Flieger, ob Fenster-, Mittel- oder Gangplatz.

Man muss dieses Land nicht verstehen. Man muss es aber irgendwann wieder verlassen. Das sagt der orangehäutige Mann, der neuerdings auch im FIFA-Strafsenat sitzt.

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