Wendepunkt kam mit der Heim-EM
Nach der Heim-WM 1954 folgten für die Schweiz schwierige Jahrzehnte. Zwar qualifizierte man sich 1962 und 1966 nochmals für Weltmeisterschaften, über die Gruppenphase kam man jedoch nicht hinaus.
Erst 1994 gelang die Rückkehr auf die große Fußballbühne. Das WM-Achtelfinale gegen Spanien war zwar Endstation, dennoch markierte dieses Turnier den Beginn einer neuen Entwicklung.
Den endgültigen Wendepunkt sehen die Schweizer allerdings in der Heim-Europameisterschaft 2008.
Hier geht es wirklich darum, Zeit zur Entwicklung zu geben. Dass Spieler nicht zu früh das System verlassen, ist ein extrem wichtiger Punkt.
"Der Schweizer Weg, den wir in der Nachwuchsarbeit betreiben, hat in der Vorbereitung auf die Heim-EM 2008 begonnen. Da haben wir unsere Nachwuchsförderung professionalisiert", erklärt Patrick Bruggmann, Direktor der Fußballentwicklung beim Schweizer Fußballverband.
Die Auswirkungen ließen nicht lange auf sich warten. Bereits ein Jahr später wurde die Schweiz sensationell U17-Weltmeister. Spieler wie Granit Xhaka, Ricardo Rodriguez oder Haris Seferovic bildeten später das Gerüst der A-Nationalmannschaft.
Footeco: Der Schlüssel zum Erfolg
Mit der Professionalisierung folgte wenig später der nächste entscheidende Schritt. Der Verband führte das Nachwuchsprogramm Footeco ein – ein System, das vor allem Spieler zwischen elf und 14 Jahren fördert.
Die Grundidee ist dabei ungewöhnlich: Nicht möglichst früh aussortieren, sondern möglichst lange entwickeln.
"Wir wissen, dass in diesem Altersbereich das biologische Alter nicht zwingend mit dem chronologischen Alter übereinstimmt. Spieler wie Ruben Vargas, Manuel Akanji oder Dan Ndoye waren in ihrer körperlichen Entwicklung spät dran. Unser System hat aber dafür gesorgt, dass sie sich trotzdem weiterentwickeln konnten", sagt Bruggmann.
Spätentwickler profitieren
Deshalb gehe es bei Footeco vor allem um Vertrauen und Geduld.
"Hier geht es wirklich darum, Zeit zur Entwicklung zu geben. Dass Spieler nicht zu früh das System verlassen, ist ein extrem wichtiger Punkt."
Während viele Länder Talente bereits früh nach ihrer aktuellen Leistungsfähigkeit beurteilen, versucht die Schweiz bewusst, auch sogenannte Spätentwickler im System zu halten.
Partnervereine im ganzen Land
Ein weiterer Unterschied zu Österreich liegt in der Organisation der Nachwuchsarbeit.
Während in Österreich 15 Nachwuchsakademien den Spitzennachwuchs ausbilden, setzt die Schweiz auf ein Netzwerk aus Partnerschaften und Leistungszentren.
"Wir haben insgesamt 14 Partnerschaften im Nachwuchsspitzenfußball. In jeder Partnerschaft gibt es einen Lead-Verein sowie mehrere regionale Partnervereine", erklärt Bruggmann.
Wer alle vier Jahre das System verändert, fängt auch alle vier Jahre wieder neu an.
Dieses Modell soll verhindern, dass junge Spieler bereits früh ihr gewohntes Umfeld verlassen müssen.
"Die Struktur hilft dabei, das Umfeld des Spielers zu schützen. Sobald ein Spieler mit elf Jahren in eine Partnerschaft eintritt, weiß er, wie sein Athletenweg aussieht. Er ist nicht ständig dem Risiko ausgesetzt, alle zwei Jahre den Verein wechseln zu müssen."
Dadurch bleiben Schule, Familie und soziales Umfeld möglichst stabil, während die besten Spieler und Trainer regional gebündelt werden.
Konstanz und langfristige Stratgien
Dass die Schweiz mittlerweile regelmäßig bei Großturnieren überzeugt, sieht Bruggmann als Ergebnis dieser langfristigen Strategie.
Seit der verpassten Europameisterschaft 2012 war die "Nati" bei jedem großen Turnier vertreten. Bei den Europameisterschaften 2021 und 2024 erreichte sie jeweils das Viertelfinale, bei der Weltmeisterschaft nun sogar erneut die Runde der letzten Acht.
Für Bruggmann ist das kein Zufall.
"Der Erfolg im Nachwuchs entsteht nicht in kurzen Perioden, sondern über Zyklen von zehn bis fünfzehn Jahren. Wer alle vier Jahre das System verändert, fängt auch alle vier Jahre wieder neu an."
Gerade diese Kontinuität sieht er als einen der größten Unterschiede im internationalen Vergleich.
"Es geht nur um Spielzeit"
Trotz der jüngsten Erfolge sieht Bruggmann keinen Anlass, sich zurückzulehnen.
Als größte Herausforderung bezeichnet er den Übergang vom Nachwuchs- in den Profifußball.
Bis zur U19 funktioniere die Ausbildung sehr gut, danach erhielten viele Talente jedoch zu wenig Einsatzzeit in der Super League.
"Es geht nur um Spielzeit", betont Bruggmann.
Als Beispiel nennt er Johann Manzambi. Der Mittelfeldspieler wechselte bereits mit 18 Jahren zum SC Freiburg und schaffte dort den Durchbruch im Profifußball.
Talente kommen nach
Trotz des nahenden Karriereendes von Führungsspielern wie Granit Xhaka oder Ricardo Rodriguez blickt der Schweizer Verband optimistisch in die Zukunft.
Mit Talenten wie Ardon Jashari oder Manzambi sieht Bruggmann genügend Qualität nachkommen. Entscheidend werde jedoch sein, den jungen Spielern möglichst früh Spielminuten auf höchstem Niveau zu ermöglichen.
Das Schweizer Ausbildungssystem müsse dafür nicht neu erfunden werden. Vielmehr gehe es darum, den eingeschlagenen Weg konsequent weiterzugehen und die individuelle Entwicklung der Talente in den Mittelpunkt zu stellen.
Gelingt das, sieht Bruggmann keinen Grund, warum die Schweiz ihre bemerkenswerte Konstanz bei großen Turnieren nicht auch in den kommenden Jahren fortsetzen sollte.