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Lernen aus 2016: Was jetzt beim ÖFB gefragt ist

Keine Euphorie? Kein Drama. Jetzt muss man beweisen, dass man aus 2016 gelernt hat:

Lernen aus 2016: Was jetzt beim ÖFB gefragt ist Foto: © GEPA

Haben wir eigentlich schon Euphorie?

Immer noch nicht so richtig, oder?

Das muss gar nicht mal so schlecht sein.

Das ist zwar zugegeben sehr schade für die aktuelle ÖFB-Generation, die seit Juni nun wirklich keine schlechte Arbeit geleistet hat. Für das große Ganze muss es aber nicht einmal ein Nachteil sein, wenn nicht das ganze Fußball-Land ähnlich hyperventiliert wie 2016.

Sind Vergleiche mit der Teilnahme an der EURO vor vier Jahren eigentlich zulässig? Jein.

Einerseits sind sie in manchen Bereichen müßig, weil die Ausgangsposition inzwischen eine andere ist, genau wie teilweise das handelnde Personal. Andererseits sind sie auch extrem wichtig, was die Lerneffekte aus damaligen Beobachtungen betrifft.

Auch damit wird sich diese Einordnung beschäftigen, aber zuerst einmal ein Versuch, die doch nach wie vor spürbare Skepsis gegenüber dieser Truppe von Franco Foda abseits der eher emotionalen Debatte über Zuschauer-Zahlen, Ticketpreise oder Infrastruktur zu diskutieren.

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Denn ich bleibe dabei: Ich wäre mir nicht sicher, dass das Israel-Match vor vollem Haus stattgefunden hätte, wenn die Karten billiger gewesen wären. Gleichzeitig bin ich relativ sicher, dass diese Partie vor vier Jahren bei ähnlichen Preisen relativ flott ausverkauft gewesen wäre, sprich dass sich 48.000 Zuschauer gefunden hätten, die bereit sind, den vom ÖFB ausgerufenen Preis zu löhnen.

Damals war das Gefühl, etwas zu versäumen, wenn man das Nationalteam nicht im Stadion unterstützt, präsenter als jetzt. Die Herzen einer größeren Masse erreicht das aktuelle Team noch nicht so recht. Auf diese Feststellung kann man sich vermutlich einigen, auch wenn man es nicht zwingend verstehen muss.

Damals hatten die Stammelf-Mitglieder auch einen ganz anderen Posterboy-Charakter als jetzt, auch darauf kann man sich vermutlich einigen. Eine breite Öffentlichkeit wusste, wer dieser „Zladdi“, wer dieser „Basti“, wer dieser „Fuchsl“ ist, dass dieser „Robert“ keine Spielpraxis braucht, dieser „Marc“ gerne viele Tore schießt und dieser „Hanno“ unser Lieblings-Ösi-Piefke ist. Aktuell muss man der nur am Rande am Fußball interessierten Mitzi-Tant möglicherweise erklären, wer denn dieser Andreas Ulmer und dieser Stefan Posch überhaupt sind und warum man diesen Marcel Sabitzer, über den wir im ÖFB-Dress jahrelang gejammert haben, plötzlich doch ganz gut finden kann.

Damals vereinte sich auch die Fußball-Nation geschlossen hinter dem Ziel, es endlich erstmals aus eigener Kraft zu einer EM-Endrunde zu schaffen, sich erstmals nach 18 Jahren wieder für ein Turnier zu qualifizieren, ohne es zu veranstalten und dabei blöderweise zu vergessen, ein Finalstadion zu bauen.

Das war schon super. Dass es mit neun Siegen und einem Remis in zehn Spielen gelang, war richtig geil. Dass darunter auch einige Zittersiege und gar nicht mal so souveräne Auftritte waren (man denke nur an Moldawien), war wurscht.

Und das kann man auch gelten lassen. Fußball-Österreich brauchte dieses kollektive Erfolgserlebnis dringend.

Dass in diesem Rausch der Sinne einige Dinge entglitten sind – zum Beispiel die Fähigkeit zur wirklichen Selbstkritik beim Team oder Realismus in einer breiten Öffentlichkeit –, half dabei mit, für ein eher ungutes Erwachen zu sorgen.

Kann sein, dass das ÖFB-Team nach wie vor dafür bezahlt.

Das bittere EM-Aus, die verpasste WM-Qualifikation oder das peinliche ÖFB-interne Laien-Theater im Herbst 2017 ließen den Kredit des Nationalteams bei vielen Fans schrumpfen. Da half im Nachhinein wohl auch die beeindruckende Testspiel-Serie zu Beginn der Amtszeit von Foda wenig.

Und ja, der Betriebsausflug nach Israel im März 2019 hat in der öffentlichen Wirkung wohl noch mehr kaputt gemacht, als man anfangs befürchten musste.

Aber: Die Reaktion der Mannschaft auf diese „Scheiß-Situation“ war derart konsequent und willensstark, dass es durchaus angebracht ist, ihr wieder mehr öffentlichen Respekt und Bonus entgegenzubringen.

Es muss ja nicht gleich ein Hype sein. Das soll es um Himmels Willen auch nicht!

Genau jetzt ist der Moment, an dem es am sinnstiftendsten wäre, die Dinge mit Gelassenheit einzuordnen und mit einem guten Mix aus Selbstbewusstsein und Vernunft die weiteren Ziele und Visionen zu definieren.

Nein, noch ist Österreich nicht fix bei der EURO 2020. Aber ja, dennoch darf man sich schon halbwegs intensiv damit beschäftigen, denn wenn man diese Ausgangsposition noch aus der Hand geben würde, würde es ohnehin derart heftig rumpeln, dass dies einige im ÖFB lieber nicht erleben wollen.

Ja, es ist für Österreich immer noch etwas Besonderes, sich für ein Turnier zu qualifizieren und nicht jener Alltag, den man richtigerweise anstrebt – soll heißen, es dürfen sich schon alle sehr darüber freuen und auch ein bisschen Party machen, wenn es so weit ist. Nein, nur weil man jetzt ein paar Spiele hintereinander gut bestritten hat, braucht man sich nicht in die Rolle des Geheimfavoriten drängen lassen, wie dies 2016 teilweise geschehen ist – damals werden vermutlich einige in ihrem Umfeld Leute gehabt haben, die gedanklich schon im Halbfinale waren, also den sechsten Schritt vor dem ersten getätigt haben.

Und ja, bei aller notwendigen Bescheidenheit ist das Hauptziel schon das Turnier selbst und nicht die Qualifikation dafür, die eher ein Zwischenziel darstellen sollte. Nein, man kann nur schwer leugnen, dass 2016 nach geschaffter Quali ein Spannungsabfall aufgrund des Erreichens des großen Ziels spürbar war, anstatt eines Spannungsaufbaus im Hinblick auf die EM.

Ja, lieber ÖFB, das Thema Turniererfahrung ist wichtig und diesmal möge man sich diesem Thema bitte intensiver stellen, damit nicht wieder selbst dem einen oder anderen Starspieler auf ungewohnter Bühne das Herz in die Hose rutscht. Österreich hat nicht ausreichend Gegenwarts-Tradition bei Turnieren, diese Endrunden-DNA gilt es schrittweise zu entwickeln.

Nein, das heißt nicht, dass dabei sein alles ist und man sich keine vernünftigen Ziele setzen sollte.

Wie wäre es mit folgendem? Es wird höchste Zeit, dass Fußball-Österreich mal wieder einem K.o.-Duell bei einem Turnier entgegenfiebern darf – das letzte hat vermutlich kaum ein Leser dieser Zeilen bewusst miterlebt, schließlich war es 1954 auf dem Weg zum dritten WM-Rang. Ja, auch 1978 und 1982 überstand man die Gruppenphase, aber damals folgte eine Zwischenrunde – und auch das ist inzwischen schon wieder so lange her, dass man schon deutlich über 40 sein muss, um daran noch eine persönliche Erinnerung zu haben.

Soll heißen: Eh logisch, dass man weiterkommen will, aber das Wort „EM-Finale“ sollte in den kommenden Monaten mal weniger Verwendung im allgemeinen Sprachgebrauch finden.

Ja, auch wir Medien sollten im kommenden halben Jahr nicht in den Hochjubel-Modus verfallen, wie es 2016 teilweise der Fall war, als die ÖFB-Kicker im Vorfeld der EURO auf Händen getragen wurden. Und nein, das heißt nicht, dass die ÖFB-Spieler nicht empfänglich für aufkeimende Kritik sein dürfen – 2016 wurden Hinweise auf mögliche Probleme gerne damit abgetan, dass in Frankreich dann schon wieder alles funktionieren wird, wenn man den Schalter umlegt und wieder im Pflichtspiel-Modus ist. Hat’s leider nicht.

Nein, man muss den ÖFB-Kader während eines Turniers nicht zwingend abseits jeder Zivilisation abschotten und man muss nicht bis auf das vorgeschriebene Maß die medialen Rollbalken runterlassen. Ja, auch wir Medien können Verständnis dafür haben, dass das Team bisweilen seine Ruhe braucht.

Nein, man muss nicht jede Kopfbewegung während eines Trainings als große Geste analysieren. Ja, man kann von Seiten des ÖFB drüberstehen, wenn es ein Medium doch tut.

Ja, und darauf kommt es besonders an: Wir sollten es als nächste Chance sehen, im Umgang mit einem Turnier bei aller Emotion eine gewisse Normalität einkehren zu lassen und diesbezüglich weiter zu lernen.

Das gilt für den ÖFB genauso wie für uns Medien und die Fans.

Ist diese Forderung langweilig? Ja eh. Ist sie auch sinnvoll? Man möge zumindest darüber nachdenken.

Die Arbeit in Fußball-Österreich ist gut genug, dass eine Qualifikation für ein Turnier vorerst nicht die Ausnahme bleiben wird – diese Forderung ist inzwischen nicht mehr überheblich, sondern realistisch. Alles andere wäre eine Enttäuschung und eine Verschwendung dieser und der nachrückenden Spieler-Generation.

Die nächsten Lerneffekte 2020 können im Idealfall vielleicht 2022 oder 2024 hilfreich sein. Wenn es schon 2020 besser als erhofft wird – auch super, niemand wird sich dagegen wehren. Dann können wir alle gemeinsam noch früh genug eskalieren, sollte dies tatsächlich eintreten.

Aber das erscheint mir derzeit ohnehin nicht die öffentliche Erwartungshaltung zu sein. Stichwort Skepsis, Stichwort verhältnismäßig eher geringe Euphorie.

Möglicherweise könnte es unter dem Strich, dann wenn es bei der Endrunde zählt, sogar der Vorteil dieser ÖFB-Elf im Vergleich zu 2016 sein, dass sie den Weg zur EURO auf die harte Tour antreten musste.

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