ÖFB-Team im Baumgartlinger-Dilemma?

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Die ÖFB-Kreuzfahrt ins ereignisreiche Jahr 2021 geht vorerst einmal ohne den standesgemäßen Kapitän Julian Baumgartlinger über die Bühne, das Schiff sticht ohne den unumstrittenen Führungsspieler in See.

Das steht nach Bekanntwerden der Kreuzband-Operation des Leverkusen-Legionärs definitiv fest. Das bedeutet, dass die Auswahl von Teamchef Franco Foda die WM-Quali im Frühjahr ohne den 33-jährigen Routinier in Angriff nimmt. Ein Comeback wird frühestens für Mai vorausgesagt, je nach Heilungsverlauf.

Und sofort klammern sich Foda und Co. an den letzten Strohhalm, dass Baumgartlinger vielleicht doch noch rechtzeitig vor dem großen Highlight des Jahres, der am 11. Juni beginnenden EM, fit wird und für Österreich auflaufen könnte.

Aber ist das verbissene Bangen um den Captain in der aktuellen Situation aufgrund der Erfahrungen der letzten Jahre überhaupt sinnvoll und notwendig? Nicht um jeden Preis.

Nicht die selben Fehler wie bei EURO 2016 machen

Über den Status und die Bedeutung Baumgartlingers im ÖFB-Spiel braucht man nicht zu diskutieren. Der defensive Mittelfeld-Akteur gibt der Offensive den nötigen Rückhalt, beruhigt das Spiel, ist die erste Schaltstelle im Umschaltspiel sowie ein Kilometerfresser und Zweikampfmonster. Dabei stand er im vergangenen Jahr in allen acht Spielen auf dem Platz (als einziger Akteur neben Martin Hinteregger), hat seit 2009 82 Länderspiele auf dem Buckel und ist einer der wenigen ins Alter gekommenen Routiniers, die den Umbruch zur immer jüngeren Generation "überlebt" haben.

Doch Österreich ist ein gebranntes Kind, wenn man einen Flashback zur EM 2016 wagt. Noch heute wird Marcel Koller vorgeworfen, dass das Vorrunden-Aus in Frankreich vermeidbar gewesen wäre. Der Teamchef hielt an seiner "Stammelf" fest, die grandios die Qualifikation geschafft hatte, einige Spieler reisten jedoch teils verletzungs- teils fitnessbedingt nicht in Top-Form zur EURO mit und konnten dann nicht im Rahmen ihrer Möglichkeiten das Maximum abrufen.

Die Hoffnung auf Baumgartlinger ist legitim - allerdings wohl nur vertretbar, wenn dieser seine Fitness zu hundert Prozent wieder erlangt hat und im Mai auch noch in den Genuss von Spielpraxis kommt, um der ÖFB-Auswahl wirklich weiterhelfen zu können. Mit einem Kreuzband-Abriss wäre diese Diskussion leider längst beendet, eine zumindest sechsmonatige Zwangspause wäre unumgänglich.

Doch der Leader hatte Glück im Unglück, der Teilabriss des Kreuzbandes lässt die Causa nun zum Fotofinish werden. Dabei sollte man aus ÖFB-Sicht dann aber nicht aus allen Wolken fallen, sollte es sich nicht ausgehen. Viel mehr sollten die vorhandenen Alternativen so aufgebaut und durchs Frühjahr geführt werden, um den drohenden Ausfall verkraftbar zu machen.

Alternativen stehen bereit, auch Laimer bangt

Baumgartlinger ist in der vergangenen Dekade nicht aus dem ÖFB-Spiel wegzudenken, und trotzdem gab es immer wieder einmal verletzungsbedingte Ausfälle, die kompensiert werden mussten und konnten. Zuletzt war dies im Juni 2019 der Fall, als der Wahl-Leverkusener die beiden EM-Quali-Spiele gegen Slowenien (1:0) und Mazedonien (1:4) verpasste.

Damals beerbten ihn Stefan Ilsanker, Xaver Schlager und Konrad Laimer im zentralen Mittelfeld, zwei dieser Alternativen stünden auch heute noch als mögliche Ersatzmänner parat, nur Laimer bereitet aktuell Sorgen. Der Leipzig-Legionär ist nach einer Knie-Operation bereits seit Mitte September out, hat in dieser Saison noch kein einziges Spiel bestritten, zudem ist das Comeback nicht absehbar.

Ilsanker ist eine gestandene Größe im Nationalteam, derzeit bei Eintracht Frankfurt unter Trainer Adi Hütter jedoch nicht gesetzt. Die meiste Spielpraxis bringt Schlager mit, der in Oliver Glasners Wolfsburg-Elf als Fixstarter gilt und derzeit maßgeblichen Anteil am Höhenflug mit Platz vier in der deutschen Bundesliga hat. Allerdings fühlt er sich ein wenig offensiver wohler als noch weiter zurückgezogen in der Baumgartlinger-Rolle.

Ähnliches gilt für Peter Zulj, der sich seit längerem im erweiteren Kader wiederfindet, sich jedoch erst bei seinem neuen Klub Göztepe zurecht finden muss. Hoffenheims Florian Grillitsch wäre in Top-Form wohl eine naheliegende Option, doch der 25-Jährige konnte in der jüngeren Vergangenheit verletzungsbedingt selten seine Chancen im ÖFB-Team nützen und hat auch aktuell Probleme. Auch LASK-Kapitän Gernot Trauner, der sich im Team schon in der Innenverteidigung beweisen konnte, kann eine Position davor spielen.

Von diversen, bereits getesteten Experimenten mit Hinteregger, Dragovic oder Alaba auf der Sechs ist aufgrund der eingespielten Abwehr wohl eher abzuraten, auch Raphael Holzhauser oder Stefan Schwab hatten schon Kurzauftritte. Vielleicht ist es aber auch ein Anlass, um für neuen Schwung durch bisher nicht einberufene Spieler wie Rapids Dejan Ljubicic, Sturms Ivan Ljubic oder aktuelle U21-Kräfte zu sorgen.

ÖFB-Rückkehr von Junuzovic?

Vielleicht kommt es aufgrund der neuen Vorzeichen tatsächlich sogar zur Rückkehr von Zlatko Junuzovic. Der 33-jährige Salzburg-Regisseur erklärte mit dem Aus von Koller den Rücktritt aus dem ÖFB-Team, damals allerdings aus bestimmten Gründen. Erst vor wenigen Monaten erneuerte er seine Bereitschaft für ein Comeback - sollte Foda sich bei ihm melden.

"Es waren andere Umstände, die mich veranlasst haben, vom Nationalteam zurückzutreten. Es war meine Entscheidung und zum damaligen Zeitpunkt wahrscheinlich auch die richtige. Aber so, wie es sich danach entwickelt hat und ich auch körperlich wieder meine Stabilität gefunden habe, war es nicht vorherzusehen", sagte der Steirer Ende November in der "Kleinen Zeitung".

Mit seinen Leistungen in Salzburg hat er viele Kritiker überrascht und der jungen Mannschaft mit seiner Routine wichtige Impulse gegeben. Da er aus jener Generation wie Baumgartlinger stammt, wäre er ein möglicher 1:1-Ersatz, der bei den Bullen zudem auch immer defensiver für Glanzlichter sorgte als früher bei Bremen oder im ÖFB-Team.

Gezielter Aufbau Richtung EM ohne Baumgartlinger

Die Kaderbekanntgabe für die drei richtungsweisenden WM-Quali-Duelle in Schottland (25. März) sowie dem Wien-Doppelpack gegen Färöer (28.3.) und Dänemark (31.3.) kann somit mit Spannung erwartet werden. Garantiert von Vorteil wird es sein, die Mannschaft im Frühjahr so breit aufzustellen und Alternativen aufzubauen, um schlagkräftig in die im Juni startende EM zu gehen.

Der zielgerichtete Aufbau und die Vorbereitung auf das Großereignis findet somit ohne den defensiven Abräumer statt. Gleichzeitig ist es auch eine Vorbereitung auf die Zeit nach Baumgartlinger, da der 33-jährige "Oldie" auch nicht jünger wird und die Belastungen mit deutscher Bundesliga und Nationalteam ihre Opfer fordern wird.

Sollte sich Baumgartlinger dann doch noch rechtzeitig fit für die EM melden, darf dies durchaus als Bonus gewertet werden. Allerdings müssen jetzt schon die Weichen gestellt werden, um ein Deja-vu und eine böse Überraschung wie 2016 zu vermeiden.

Textquelle: © LAOLA1.at

Das sagt Teamchef Franco Foda zur Operation von Baumgartlinger

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