Milletich: Kein Diener der Landespräsidenten

Milletich: Kein Diener der Landespräsidenten Foto: © GEPA
 

Vergangenen Oktober wurde Gerhard Milletich offiziell zum ÖFB-Präsidenten gewählt.

Mit der Bestellung von Ralf Rangnick zum ÖFB-Teamchef, an welcher der Burgenländer maßgeblich beteiligt war, hat der 66-Jährige einen ersten spürbaren Akzent gesetzt.

Wie seine eigene Wahl und generell diverse Personalentscheidungen in jüngerer Vergangenheit wurde auch der Prozess der Teamchef-Findung von diversen Zwischenrufen aus dem ÖFB-Präsidium, sprich von manchen Landespräsidenten, begleitet.

Ist es nicht höchste Zeit, dieses Gremium zu modernisieren und vor allem mit mehr Sport-Kompetenz auszustatten?

Eine der Fragen, mit denen sich Milletich im LAOLA1-Interview auseinandersetzt.

Darüberhinaus geht es etwa um die Rolle von Peter Schöttel. Milletich gehört zu jenen, die dem Sportdirektor 2017 ins Amt verholfen haben. Legt er deswegen stets seine schützende Hand über ihn?

Wie schaut es zudem beim Dauer-Thema Infrastruktur aus? Warum Milletich den "Lieferanten-Eingang" zum ÖFB schnellstmöglich schließen möchte, und wieso er fürchtet, dass das Nationalteam in Wien bald keine Spiele mehr abhalten darf.

Bei der EM soll das ÖFB-Team "aufmischen"
Foto: © GEPA

LAOLA1: Hat Ralf Rangnick in seinem ersten Lehrgang binnen zwei Wochen aufgezeigt, dass sich Österreichs Nationalteam davor selbst unter Wert verkauft hat?

Gerhard Milletich: Das würde ich nicht sagen, aber es ist sicher so, dass durch das Engagement von Ralf Rangnick die Situation jetzt anders ist. Ich durfte beim ersten Lehrgang erleben, wie er der Mannschaft mit klaren Worten kommuniziert hat, wie er sich den Fußball der Nationalmannschaft vorstellt. Vereinfacht formuliert haben die Spieler erkannt: Entweder man trägt dieses Konzept mit und ist dabei. Oder man zieht nicht mit und ist eben nicht dabei. Man konnte spüren, wie wirklich alle Spieler interessiert zugehört haben. Es ist ja auch der Sinn seines Engagements, dass wir jemanden gesucht und gefunden haben, der in der Branche so anerkannt ist, dass die Spieler auch daran glauben, was er sagt. Das ist entscheidend.

LAOLA1: Rund um Rangnicks Bestellung fiel immer wieder das Ziel, dass man bei der EURO 2024 "aufmischen" wolle. Was verstehen Sie konkret darunter?

Milletich: Ralf Rangnick verfolgt in erster Linie sportliche Ziele und nicht wirtschaftliche für seine Person. Er hat natürlich den Ehrgeiz – und das halte ich für selbstverständlich –, dass wir bei der EURO 2024 dabei sind. Und natürlich möchte er im eigenen Land auch erfolgreich sein. Ob ich das "erfolgreich sein wollen" nenne oder aufmischen, ist nebensächlich.

"In Österreich denken wir aus unserer Erfahrung heraus bescheidener, was Erfolg betrifft, weil wir es gewohnt sind, im Fußball nicht unbedingt ganz vorne zu sein. Ralf Rangnick sieht das anders."

LAOLA1: Alles in allem legt er die Latte höher, Understatement ist out. Kann es auch intern zu Situationen kommen wie on air für Rainer Pariasek, wenn man zu klein denkt?

Milletich: In besagter Situation, denke ich, war die Enttäuschung sehr groß. In Österreich denken wir aus unserer Erfahrung heraus bescheidener, was Erfolg betrifft, weil wir es gewohnt sind, im Fußball nicht unbedingt ganz vorne zu sein. Ralf Rangnick sieht das anders. Es ist sicher eine seiner großen Stärken, dass er sehr erfolgsorientiert agiert.

LAOLA1: Das A-Team genießt natürlich Rangnicks Priorität, aber inwiefern ist er auch als Change Manager innerhalb des ÖFB gedacht?

Milletich: Mit der U19 haben wir uns nicht für die U20-WM qualifiziert, auch die U21 war zuletzt nicht so erfolgreich, wie wir uns das gewünscht haben. Es gibt also natürlich Dinge, bei denen man im sportlichen Bereich genau hinterfragen und analysieren muss, warum es nicht funktioniert hat. Man kann zum Schluss kommen, dass "Faktoren" im Spiel waren, die man nicht beeinflussen konnte. Es mag viele Gründe geben. Aber anschauen muss man sich das schon genau.

LAOLA1: Man muss oder Ralf Rangnick soll?

Milletich: Step by step. In erster Linie ist hier einmal Peter Schöttel gefragt. Zuerst muss der Sportdirektor mit den zuständigen Trainern von U21 und U19 grundsätzlich die Situation analysieren. Wir werden jedoch sicher nicht um Herrn Rangnick herumschiffen, sondern ihn mit einbauen. Wir wären schlecht beraten, wenn wir seine Expertise nicht einholen würden.

Milletich mit Rangnick und Schöttel
Foto: © GEPA

LAOLA1: Diversen Beobachtern fehlt die Fantasie, wie die Zusammenarbeit zwischen Rangnick und Schöttel funktionieren soll. Die beiden wirken inhaltlich wie Feuer und Eis. Wie funktioniert es bisher?

Milletich: Einwandfrei. Sportdirektor Peter Schöttel möchte erfolgreich sein, Ralf Rangnick auch, der gesamte ÖFB ebenso. Wir verfolgen also grundsätzlich das gleiche Ziel. Dass es bei der einen oder anderen Geschichte zu unterschiedlichen Auffassungen kommen kann, ist so, aber im Fokus steht immer nur der Erfolg für Österreich und das Nationalteam.

LAOLA1: Verstehen Sie die Zweifel, ob das mit den beiden funktionieren kann?

Milletich: Ich bin überzeugt, dass es funktionieren kann, weil ich ja sehe, dass es funktioniert. Beide begegnen sich mit Respekt, wie es auch angebracht und notwendig ist. Ich glaube nicht, dass es hier zu Komplikationen kommt, sondern im Gegenteil zu befruchtenden Ideen, mit denen man sich hochlizitieren kann.

"Ich bin fest von Sportdirektor Peter Schöttel überzeugt. Aus meiner Sicht macht er seine Sache gut. Wenn jemand Zweifel an ihm hat, soll er sie haben. Entscheidend ist, wie wir das im ÖFB sehen"

Gerhard Milletich

LAOLA1: Ob berechtigt oder unberechtigt: Schöttels Herangehensweise wird immer wieder öffentlich diskutiert. Welche seiner Visionen für den österreichischen Fußball ist Ihnen eigentlich die liebste?

Milletich: Wir denken alle an die Entwicklung unserer Mannschaften. Wir haben ja nicht nur das A-Team der Männer, sondern auch das Frauen-Team und sämtliche Nachwuchs-Teams bei Frauen und Männern. Die Herausforderung, der wir uns in den nächsten Jahren stellen müssen, ist eine große. Das beginnt bei der Ausbildung bis zur konkreten Umsetzung in den Nationalteams. Hier weiß ich, dass Sportdirektor Peter Schöttel gemeinsam mit seinem Team sehr engagiert arbeitet, damit das funktioniert.

LAOLA1: Schöttel hat, gerade das Team in seiner Abteilung betreffend, Akzente gesetzt. Verkauft er sich einfach schlecht?

Milletich: Ich bin fest von Sportdirektor Peter Schöttel überzeugt. Aus meiner Sicht macht er seine Sache gut. Wenn jemand Zweifel an ihm hat, soll er sie haben. Entscheidend ist, wie wir das im ÖFB sehen. Ich möchte auch noch mal bekräftigen: Das Engagement von Ralf Rangnick hat er super professionell abgehandelt. Das Gleiche gilt für andere Dinge. Irgendetwas wird man bei jeder Person finden. Aber nichts davon wäre so wichtig, um alles in Frage zu stellen.

LAOLA1: Sie loben Schöttel generell bei jeder Gelegenheit. Müssen Sie ihn auch deswegen schützen, weil Sie 2017 bei seiner umstrittenen Bestellung durchaus beteiligt waren?

Milletich: Ich bekenne mich zum Sportdirektor, aber damit hat das nichts zu tun. Ich war bei seiner Bestellung dabei und trage das mit. Genauso wie ich mittrage, wie der jetzige Teamchef heißt. Das ist selbstverständlich. Aber es ist nicht der Grund, dass ich jemanden schützen möchte. Die handelnden Personen sind deswegen in ihren Jobs, weil ich – und nicht nur ich – überzeugt bin, dass sie die Richtigen für die jeweilige Position sind.

Milletich mit dem Tiroler Präsidenten Josef Geisler
Foto: © GEPA

LAOLA1: Personal-Bestellungen im ÖFB sorgten in jüngerer Vergangenheit immer wieder für Aufregung, was auch daran liegt, dass das Präsidium nicht gerade als Einheit auftritt und einzelne Mitglieder diese Uneinigkeit mitunter auch öffentlich austragen. Wie schlecht für das ÖFB-Image ist das?

Milletich: Lassen Sie mich in diesem Zusammenhang bitte noch einmal die Teamchef-Bestellung erklären. Ich habe bei meinem Amtsantritt kommuniziert, wie wichtig es mir ist, dass nicht aus dem Präsidium direkt entschieden wird, wer das A-Team betreuen soll, sondern dass diese Entscheidung aus dem Sport kommen soll, und das Gremium diese bestätigt. Ich hatte ein Gespräch mit Peter Schöttel, in dem ich ihn gebeten habe, er soll sich in seinem Bereich umschauen, wem er sportlich vertraut. Ich wollte, dass aus dieser Sport-Community heraus unter der Führung von Peter Schöttel ein Teamchef namhaft gemacht wird. Ich hatte diesbezüglich auch ein Gespräch mit Christoph Freund.

Klar ist: Das hat im Präsidium natürlich nicht nur Freude verbreitet. Aber ich war vom ersten Augenblick an davon überzeugt und bin es auch heute noch, dass es der richtige Weg ist, dass der Sport maßgeblich entscheiden soll, wer Teamchef wird und nicht Funktionäre. Dass das Präsidium die Entscheidung letztlich bestätigen muss, weil es auch um wirtschaftliche Fragen geht, ist klar.

LAOLA1: Den Teamchef aus dem Sport heraus zu finden, ist natürlich ein sinnvoller Gedanke, vor allem wenn dem Präsidium als Entscheidungs-Gremium die sportliche Kompetenz fehlt. Aber ist es nicht geradezu ein Auftrag, für die Zukunft diese Herangehensweise offiziell zu gestalten und die Strukturen so zu ändern, dass es mehr Sport-Kompetenz in der Führungsriege gibt?

Milletich: Nein, das glaube ich nicht. Man hat gesehen, dass es funktionieren kann. Dass man das in der öffentlichen Wahrnehmung manchmal anders sieht, mag so sein. Ich glaube, dass das jetzt nicht das Wichtigste ist. Das Wichtigste ist, dass man es sachlich fundiert und professionell abhandelt. Ob das dem einen oder anderen Medium gefällt, ist ein Aspekt, aber nicht entscheidend.

"Wenn es Kritik gibt, gibt es sie. Aber ich bin nicht Diener der Landespräsidenten. Ich bin engagiert und eingesetzt, um den ÖFB und den Fußball weiterzubringen."

Gerhard Milletich

LAOLA1: Ob die Wahl von Präsident, Sportdirektor und Teamchef 2017, die Begleitumstände des Abgangs von Leo Windtner, ihre eigene Wahl im Vorjahr oder nun die Wortspenden vor der Rangnick-Bestellung – ohne interne Grabenkämpfe und folgende Negativ-Schlagzeilen ging es nicht. Ist das kein Auftrag, mögliche Änderungen von Strukturen zumindest zu evaluieren?

Milletich: Es gibt ein Präsidium, das sich aus den in den neun Landesverbänden gewählten Präsidenten plus der Bundesliga zusammensetzt. Wenn jemand der Meinung ist, dass irgendetwas nicht so ist, wie er es gerne hätte, dann wird er es kommunizieren. Jeder darf seine Meinung äußern. Es hat doch überhaupt keinen Sinn, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Es ist nicht mein Bestreben, das Beste für die Präsidiums-Mitglieder zu machen, sondern das Beste für den ÖFB und den österreichischen Fußball. Das hat bei mir Priorität. Wenn ich der Meinung bin, ich gehe in eine Richtung und bekomme dafür die Mehrheit im Präsidium, werde ich das tun. Wenn es Kritik gibt, gibt es sie. Aber ich bin nicht Diener der Landespräsidenten. Ich bin engagiert und eingesetzt, um den ÖFB und den Fußball weiterzubringen.

LAOLA1: Von außen hagelt es immer wieder Kritik, etwa von Experten wie Marc Janko. Setzt ihr euch intern damit inhaltlich auseinander beziehungsweise mit der Außendarstellung des Präsidiums?

Milletich: Im Fußball wissen wir doch, wie viel Kritik es geben kann. Wenn man sich nach jeder öffentlichen Kritik hinterfragt, werden wir nicht fertig werden (schmunzelt). Die Strukturen sind so, wie sie aufgrund ihrer Geschichte mit den Landespräsidenten und der Bundesliga sind. Wir entscheiden über viele Dinge, logischerweise sind da auch mal nicht alle einer Meinung. Aber auf alle Zurufe von außen zu reagieren – Tschuldigung, aber das geht sich bei mir sicher nicht aus!

LAOLA1: Haben Sie den Eindruck, dass in den Monaten Ihrer Amtszeit die Einigkeit innerhalb des Gremiums gestiegen ist – etwa durch eine Maßnahme wie die Rangnick-Verpflichtung?

Milletich: Gute Frage. Ich glaube nicht, dass die Einigkeit gestiegen ist. Es gibt im Präsidium sicher Mitglieder, die mit mir nicht zufrieden sind. Oder welche, die mit dem Teamchef nicht zufrieden sind – auch die gibt es. Aber das ist halt so. Wir haben freie Meinungsäußerung. Ich brauche keinen zu überzeugen, dass er falsch liegt. Also sehe ich da grundsätzlich kein Problem.

LAOLA1: Außer Sie streben eine Wiederwahl an.

Milletich: Um Gottes Willen, das ist für mich wirklich noch kein Thema!

"Wenn man heute einen Termin im Büro des ÖFB hat, glaubt man, man ist bei einem Lieferanten-Eingang und nicht beim Empfang des ÖFB. Entschuldigung, aber das kann ja nicht der Anspruch des ÖFB sein!"

Gerhard Milletich

LAOLA1: Egal wann, wie wollen Sie den ÖFB übergeben: Gut verwaltet oder geht es Ihnen darum, neben Rangnick noch weitere Akzente zu setzen, die eine spürbare Veränderung darstellen?

Milletich: Wir müssen einiges ändern und weiterbringen! Im sportlichen Bereich haben wir das jetzt mal mit der Teamchef-Bestellung versucht. Aber wir müssen auch was die Infrastruktur betrifft im ÖFB viel machen. Wir haben mit dem Kompetenzzentrum in Aspern ein großes Projekt laufen, und es ist mein großes Ziel, hier etwas weiterzubringen. Ich bin diesbezüglich in engem Kontakt mit der Stadt Wien und dem Sportminister.

Wenn man heute einen Termin im Büro des ÖFB hat, glaubt man, man ist bei einem Lieferanten-Eingang und nicht beim Empfang des ÖFB. Entschuldigung, aber das kann ja nicht der Anspruch des ÖFB sein! Hier muss und soll eine spürbare Änderung erfolgen. Das ist mein Bestreben. Auch hier gibt es Widerstände aus dem Präsidium, in dem einige der Meinung sind, das brauchen wir nicht. Aber ich bin überzeugt davon und werde alles daran setzen, dass wir das umsetzen können. Gehen Sie davon aus, dass ich Veränderung möchte. Aber wir sind demokratisch aufgestellt. Wenn es nicht so sein sollte, dann ist es so.

LAOLA1: Wie ist der Zwischenstand bezüglich Trainingszentrum/ÖFB-Hauptquartier? Sehen Sie das Projekt so auf Schiene, wie Sie es gerne hätten?

Milletich: Ich sehe es auf Schiene. Wir haben aber natürlich weltweit eine Situation, die nicht nur uns betrifft. Die Preissteigerung gerade im Bau schmerzt, das wird auch uns Schwierigkeiten bereiten. Aber wir haben eine Übersicht der Kosten und setzen alles daran, das unter einen Hut zu bringen. Ich bin überzeugt, dass uns die Finanzierung gelingen wird und wir das umsetzen können.

Wann gehen im Happel-Stadion endgültig die Lichter aus?
Foto: © GEPA

LAOLA1: Das Infrastruktur-Thema ist beim ÖFB immer auch mit dem Nationalstadion verbunden. Können hier Stromausfall und Loch im Rasen beim Dänemark-Spiel kurioserweise sogar helfen?

Milletich: Beim ÖFB geht es aus wirtschaftlichen Gründen sicher nicht, beide Baustellen aufzumachen. Unsere Konzentration gilt dem Trainingszentrum in Aspern mit einem neuen Bürogebäude für den ÖFB und einem Kleinstadion, damit wir endlich adäquate Trainingsbedingungen schaffen. Wenn ich an Rückflüge von Länderspielen denke, sitzt der Teamchef neben mir und beschwert sich: "Es ist ein Wahnsinn, wir haben keinen Platz zum Trainieren, der exklusiv für uns da ist." Das kann man doch nicht vom Tisch wischen und sagen: "Na, dann geht’s halt irgendwohin trainieren…!" Das ist nicht State of the Art! Wir müssen wirklich versuchen, eine Heimat zu bekommen, wo unsere Teams auf Plätzen trainieren können, die top sind und auf die sie jederzeit Zugriff haben. Und natürlich brauchen wir ein Büro, in das man Kunden einladen kann, ohne dass sie sich fragen, wo sie da gelandet sind.

"Der dänische Präsident hat mir bei seiner Ansprache garantiert, dass sie genug Licht und keine Löcher im Rasen haben. Das musst du leider schucken."

Gerhard Milletich

LAOLA1: Absolut verständlich, aber warum streben Sie nicht wie Ihr Vorgänger Leo Windtner sowohl das ÖFB-Zentrum als auch ein Stadion an? Eine reine Kostenfrage?

Milletich: In Aspern sind wir wirtschaftlich dabei. Es gibt Zuschüsse vom Bund und der Stadt Wien, Grund und Boden beziehungsweise Anlage wären im Besitz des ÖFB. Das wäre ein großes Asset. Man darf nicht vergessen, dass es um eine Investition in der Größenordnung von 60 bis 70 Millionen Euro geht. Wir investieren ein Drittel und bekommen 100 Prozent, also drei Drittel – das ist wirtschaftlich und in der Vermögensstruktur des ÖFB ein ganz wichtiger Faktor. Mir ist wichtig, dass ich das für den ÖFB und seine Zukunft sichere. Das heißt, abgesehen von einer entscheidenden Verbesserung der Trainings-Situation und der Büro-Infrastruktur ist es auch eine vermögensbildende Aktion. Daher habe ich auch wenig Verständnis, wenn man sagt, das will man nicht und hält man nicht für notwendig. Beim Stadion andererseits kann der ÖFB selbst nichts tun…

LAOLA1: …außer für eine multifunktionale Arena zu lobbyieren.

Milletich: Genau. Aber das Stadion wäre nicht Eigentum des ÖFB. Wir wären nur fünf bis sieben Mal im Jahr Mieter. Hier muss man sich überlegen: Wie kann man mit der Wirtschaft zusammenarbeiten? Dass wir ein Stadion brauchen, ist unumstritten. Darüber brauchen wir gar nicht zu diskutieren! Alleine wenn man zuletzt die Euphorie in den Fußball-Stadien in Wales oder Dänemark erlebt hat, tut es weh, dass wir das in Wien nicht haben. Denn es gibt keinen besseren Standort für das Stadion als den jetzigen. Aber hier hängt sehr viel von der öffentlichen Hand ab.

Der Stromausfall und das Loch im Rasen wurden uns in Dänemark beim Retourspiel vom dänischen Präsidenten ironisch unter die Nase gerieben. Er hat mir bei seiner Ansprache garantiert, dass sie genug Licht und keine Löcher im Rasen haben. Das musst du leider schucken. Auch wenn es nicht das Angenehmste ist, halten wir das schon aus (schmunzelt). Aber wir wollen und sollten daran arbeiten, ein Nationalstadion zu bekommen. Wir können jedoch lediglich lobbyieren und auf die Notwendigkeit hinweisen, aber wirtschaftlich nichts beitragen. Das ist die Herausforderung. Deshalb ist in erster Linie einmal Aspern wichtig. Aber keine Frage, wenn ein Nationalstadion parallel dazu gehen würde, wäre es fantastisch für den heimischen Fußball.

Die Politik kommt gerne ins Stadion. Baut sie auch eines?
Foto: © GEPA

LAOLA1: Im Moment erscheint die Gegenwehr noch größer als vor einigen Jahren. Orten Sie die Chance auf ein Umdenken seitens der Politik?

Milletich: Wir können nur mit dem Bund, der Stadt Wien oder welchem Bundesland auch immer reden – vielleicht gibt es ja Alternativen zu Wien. Aber grundsätzlich wissen wir, dass der jetzige Standort der ideale ist.

LAOLA1: Können Sie sich vorstellen, der Stadt Wien irgendwann eine Deadline zu setzen, beziehungsweise die Gespräche etwa mit dem Burgenland oder Niederösterreich zu intensivieren, wenn sich Wien nicht bewegt?

Milletich: Wir können der Stadt Wien nicht vorschreiben, wie sie an die Sache herangeht. Wir können nur unseren Standpunkt kommunizieren und konstruktiv arbeiten. Wenn gleichzeitig Niederösterreich, das Burgenland oder ein anderes Bundesland an uns herantritt und Interesse bekundet, ein Nationalstadion zu errichten, sind wir die Letzten, die Nein sagen.

"In den anderen beiden Stadien in Wien können wir nicht spielen, weil wir unerwünscht sind. Das ist halt so, das müssen wir zur Kenntnis nehmen."

Gerhard Milletich

LAOLA1: Das Stadion-Thema ist schon lange ein Dauerbrenner. Für die Heim-EURO 2008 wurde die große Chance auf ein Nationalstadion in Wien verpasst. Seither sind inzwischen auch schon wieder knapp 15 Jahre vergangen. Weitere 15 Jahre Happel-Stadion sind kaum vorstellbar. Haben Sie einen Zeitrahmen im Kopf, in dem Fußball-Österreich ein Nationalstadion erleben könnte?

Milletich: Wir alle wissen, dass wir das Stadion gerne hätten und unbedingt brauchen. Ich habe die große Befürchtung, dass wir irgendwann im Happel-Stadion – und das wird nicht mehr so lange dauern – aufgrund der Infrastruktur gar keine offiziellen UEFA-Spiele mehr abhalten dürfen und sowieso nach Klagenfurt, Salzburg oder Innsbruck ausweichen müssen. In den anderen beiden Stadien in Wien können wir nicht spielen, weil wir unerwünscht sind. Das ist halt so, das müssen wir zur Kenntnis nehmen. Es besteht also die konkrete Gefahr, dass wir als Nationalmannschaft irgendwann nicht mehr in Wien spielen können. Also wird diese Frage in der Stadt Wien im Sinne dessen aufpoppen, dass man sich bewusst machen muss: Will man es angehen oder nicht?

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang »

LAOLA Meins - Tags folgen

KOMMENTARE