David Alaba übt diesen Job seit Jahrzehnten aus. Er macht ihn nicht nur gut, er macht ihn, am Erfolg gemessen, besser als jemals ein Österreicher zuvor.
Sein "once in a lifetime"-Moment
In diesen Wochen übt er seinen Job aber nicht aus. Er lebt seinen Kindheitstraum. Als Kapitän des österreichischen Nationalteams bei einer Weltmeisterschaft – für den Wiener ist das ein "once in a lifetime"-Moment.
Dass er ihn erlebt, ist keine Selbstverständlichkeit – von den Mühen der Qualifikation mal ganz abgesehen.
Die langen Leiden des David A.
Die Leidensgeschichte des hochdekorierten Kickers kennt hierzulande jeder, der einen Elfmeter von einem Freistoß unterscheiden kann.
Schwere Knieverletzung im Dezember 2023, EURO 2024 verpasst, Spekulationen über ein Karriereende, ständige Zweifel, wenige Spiele. Doch jetzt, wo es wirklich drauf ankommt, ist er da.
Die vergangene Saison Alabas stand de facto ganz im Zeichen dieser WM. Es galt, bei Real Madrid genug Spielpraxis zu sammeln, um bereit für das größte Turnier seines Lebens zu sein.
Nur ist Real Madrid halt keine Aufbaustation für Fußballer, deren Körper alters- und verletzungshistorienbedingt nicht mehr in der Regelmäßigkeit funktionieren, in der sich das Sportdirektoren und Trainer wünschen. Das ist der Eigendefinition nach der größte und beste Klub der Welt.
Alaba kämpfte immer wieder mit Wadenproblemen. Es wäre übertrieben, zu schreiben, er lief gelegentlich für das "weiße Ballett" auf. Sechs Mal Startelf, in Summe 575 Spielminuten.
Der letzte Tanz, alle Songs
Zur Einordnung: In den Länderspielen seit Sommer 2025 war der ÖFB-Star nur zwölf Minuten weniger im Einsatz – und selbst da hat er drei Partien verpasst und kam in einem nur als Einwechselspieler.
Vor diesem Hintergrund ist es erstaunlich, dass der Familienvater in allen drei Gruppenspielen als Kapitän das ÖFB-Team aufs Feld geführt hat, sich keine Pause gönnt, sich durchbeißt.
Aber gut, realistisch gesehen ist es sein letzter großer Tanz mit diesem Nationalteam. Da lässt du keinen Song aus.
Der Leader und sein Stellenwert
Nach dem Auftakt gegen Jordanien sprach er von einem "wirklich sehr, sehr speziellen Tag".
In allen drei Gruppenspielen war für den Mann, der vor dem Algerien-Spiel seinen 34. Geburtstag feierte, nach rund einer Stunde Schluss. Mehr gibt die Wade derzeit nicht her.
Dass der Leader dieses Teams seine Kollegen besser macht, steht außer Zweifel. Abseits des Rasens sowieso – der erfahrene Anführer, der in seiner Karriere schon so viel erlebt hat, seine Kollegen emotional und mit Schmäh packen kann.
Ob er diese Mannschaft auch am Feld noch weiterbringt, darüber wurde in den vergangenen Monaten oft diskutiert. Interessanterweise aber anscheinend nur außerhalb des Teams. Für Ralf Rangnick scheint zu gelten: Ist David fit, spielt er.
Ein Blick auf die Zahlen nach der WM-Gruppenphase gibt dem Teamchef recht.
Progression mit Pässen
Der Routinier ist Österreichs spielstärkster Innenverteidiger. Weder Philipp Lienhart noch Kevin Danso gelang es bisher, in dieser Qualität Linien zu überspielen – 78,9 Prozent von Alabas Line-Break-Versuchen waren erfolgreich (Lienhart 75,7%, Danso 70%).
Und das, obwohl Alaba mehr Risiko als seine Kollegen nimmt, die Bälle nicht nur hinter die erste Linie spielt, sondern auch direkt vor oder hinter die letzte Verteidigungslinie des Gegners. Man erinnere sich nur an den Zuckerpass auf Marko Arnautovic vor dessen Tor gegen Algerien.
Insofern ist es schon erstaunlich, dass seine Passquote von 91 Prozent genauso hoch ist wie jene der anderen Innenverteidiger, nimmt er doch mehr Risiko.
Positionierung im Ballbesitz
Interessant ist auch seine Positionierung, wenn ein Mitspieler den Ball hat.
Zwar haben Ausflüge ins Mittelfeld bei dieser WM Seltenheitswert, dennoch bietet er sich mal vor dem Ball, mal zwischen den Linien, mal mit Einrückbewegungen an, um neue Passwinkel zu schaffen.
Dass es der 116-fache Internationale mit dem Ball kann, ist keine neue Erkenntnis. Aber wie sieht es bei gegnerischem Ballbesitz aus? Ist Alaba den physischen Herausforderungen des Rangnick'schen Pressings noch gewachsen?
Eroberte Bälle und Pressingsequenzen
Auf der einen Seite sind da nackte Zahlen, die dafür sprechen. 18,2 zweite Bälle pro 90 Minuten erobert er – und liegt damit weit vor Danso (13,3 und Lienhart 12).
Auch im "nach vorne Verteidigen" ist er seinen Kollegen überlegen.
Spieler | Pushing On/90 | Into Pressing/90 |
|---|---|---|
Alaba | 7,2 | 4,3 |
Lienhart | 3,0 | 1,5 |
Danso | 3,6 | 1,8 |
Pushing On: Aktives Herausrücken aus der Abwehrkette, um den Raum vor der Defensive zu schließen oder einen Gegner früh unter Druck zu setzen.
Pushing On into Pressing: Aktives Herausrücken aus der Abwehrkette mit anschließendem direktem Anlaufen bzw. Attackieren des ballführenden Gegners.
Auch in Sachen abgeblockte und abgefangene Bälle macht Alaba keiner etwas vor. Mit seiner Routine und Klasse antizipiert er viele Situation ausgezeichnet, muss sich nur selten auf direkte Zweikämpfe einlassen.
Ein Teil der Wahrheit ist aber auch, dass Alaba einen sehr kräfteschonenden Spielstil an den Tag legt. Während Lienhart und Danso pro 90 Minuten 29 Sprints anziehen, sind es bei Alaba nur 18,2.
Lienhart absolviert auch fast doppelt so viele Läufe im Bereich zwischen 15 und 20 km/h.
Spannend, dass der bei der WM gemessene Top-Speed bei allen drei ÖFB-Innenverteidigern praktisch auf einem Niveau liegt.
Spieler | Höchstgeschwindigkeit |
|---|---|
Lienhart | 32,1 km/h |
Danso | 31,8 km/h |
Alaba | 31,2 km/h |
Nun lässt sich die These aufstellen, dass das ÖFB-Team ein wenig tiefer steht, als es stehen müsste, um Alaba in der Restverteidigung zu viele intensive Läufe zu ersparen, und deshalb nicht so intensiv pressen kann, wie es vielleicht angemessen wäre.
Ob dieses etwaige Manko den Verzicht auf die Spielstärke und das Leadership des Kapitäns rechtfertigen würde? Wohl kaum. So sehen es aktuell offenbar auch Rangnick und Co.
Und Alaba lebt seinen Kindheitstraum auf den Spielfeldern der USA aus.
Ein Fingerzeig an alle Interessenten
Diese Wochen sind auch ein Fingerzeig an etwaige Interessenten, die sich zuletzt die Frage gestellt haben, ob eine Verpflichtung des vierfachen Champions-League-Siegers Sinn macht.
Nach seinem Vertragsende bei Real Madrid ist Alaba ablösefrei zu haben und will weiterhin in Europa kicken.
Denn in wenigen Wochen wartet dann wieder die ständige Wiederholung, das Hamsterrad. Die Frage ist nur: Wo?