Rapidler über Aufstieg: Joelinton sang CL-Hymne

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Vieles lernt man erst zu schätzen, wenn man es nicht mehr hat.

Diese Redewendung könnte durchaus auf den SK Rapid umgemünzt werden. Ein Blick auf die deutsche Bundesliga genügt, um bei den Grün-Weißen Wehmut aufkommen zu lassen.

Plötzlich blühte ein Spieler im blau-weißen Trikot der TSG Hoffenheim auf, avancierte zum Stammspieler und Shootingstar, sammelte fleißig Scorerpunkte und strafte aller Kritiker vergangener Tage Lügen - die Rede ist von Joelinton Cassio Apolinário de Lira, kurz Joelinton.

Eigentlich wäre der 22-jährige Stürmer gerne bei Rapid geblieben, dort, wo er aufgrund seiner schwachen Torausbeute oft ins falsche Licht gerückt wurde. Doch eine von Ex-Sportchef Andreas Müller ausgehandelte und für Rapid unleistbare Kaufoption nach der Leihe machten die Rückkehr perfekt.

Im Nachhinein ein Glücksfall für den Brasilianer und Hoffenheim, während Rapid durch die Finger schaut. LAOLA1 hörte sich bei Spielern und dem Trainer von damals um, die genau wussten, dass Joelinton weit mehr ist als jener viel kritisierte Chancenvernebler aus Rapid-Zeiten.

"Haben gute Stürmer, aber sie treffen nicht" - Djuricin fühlt sich bestätigt

Acht Tore und sieben Assists, vier bzw. fünf davon in der deutschen Bundesliga, hat der Kicker vom Zuckerhut binnen weniger Monate gesammelt, auch wenn er in den letzten Spielen schon ausgelassen hat.

Mit neun Scorerpunkten mischt er in seiner neuen Wahlheimat ganz vorne mit, belegt Rang elf hinter Größen wie Marco Reus, Robert Lewandowski und Timo Werner, aber vor großen Namen wie Thomas Müller, Kevin Volland und Mario Gomez.

Unter Trainer Julian Nagelsmann war er der große Gewinner der Vorbereitung, spielte sich in die Startelf und gab diesen Platz nie ab. “Rapid hat mit Joelinton viel richtig gemacht, Österreich hat ihm gut getan. Er hat sich super entwickelt und bei uns sofort einen guten Eindruck gemacht. Er ist unangenehm zu bespielen und wie torgefährlich er ist, hat er heute gezeigt", meinte der Hoffenheim-Trainer bereits nach der 1. DFB-Pokal-Runde Mitte August. Bisher stehen 16 Bundesliga-, fünf Champions-League- und zwei DFB-Pokal-Einsätze zu Buche - Joelinton ist aus Hoffenheims System nicht wegzudenken.

"Mich überrascht es schon ein bisschen, aber er war ja sehr gut bei uns zum Schluss. Er hat nur das Tor nicht getroffen. Die Leute haben gelacht bei meinem Interview, als ich gesagt habe: 'Wir haben gute Stürmer, aber sie treffen nicht.' Jetzt weiß der eine oder andere, was ich gemeint habe", gönnt sein Ex-Trainer bei Rapid, Goran Djuricin, seinem damaligen Schützling gegenüber LAOLA1 den Erfolg.

"Die Leute haben gelacht bei meinem Interview, als ich gesagt habe: 'Wir haben gute Stürmer, aber sie treffen nicht.' Jetzt weiß der eine oder andere, was ich gemeint habe."

Djuricin über Joelintons Aufstieg

Was ihm damals bei den Hütteldorfern noch gefehlt hat? "Gar nichts, er hat viel mehr Qualität dort. Er wird besser eingesetzt und lernt von Monat zu Monat. Er ist ein 96er Jahrgang, der diese zwei Jahre bei Rapid gebraucht hat. Wir haben ihn ausgebildet für Hoffenheim, haben ihm viel beigebracht und jetzt ernten die anderen die Früchte unserer Arbeit", muss "Gogo" zugeben.

Traum erfüllt! Joelinton sang schon bei Rapid die CL-Hymne 

Nicht nur der auf Jobsuche befindliche Wiener, auch Joelintons Ex-Kollegen haben weiterhin eine hohe Meinung vom Aufstieg des Brasilianers, der sich schon damals abgezeichnet hatte.

"Mich persönlich freut es richtig für ihn, weil er ein super Mensch, ein super Typ ist", schwärmt Kapitän Stefan Schwab. "Wir haben zwei Jahre mit ihm verbracht, die wirklich viel Spaß gemacht haben. Er ist ein absoluter Teamplayer! Deswegen hat er es sich verdient. Er hat wirklich hart gearbeitet hier in Wien, hat alles dem Fußball untergeordnet, hat in jedem Training Gas gegeben. Er ist auch viel kritisiert worden, weil er viele Chancen vernebelt hat. Aber vom ersten Tag an im Training hat jeder einzelne von uns gesehen, was er für ein Potenzial hat. Ich habe es damals schon gesagt und ich sage es auch heute: Es wird nur eine Frage der Zeit sein, bis er auch in der Selecao aufläuft."

Die brasilianische Nationalmannschaft ist noch Joelintons großes Ziel. Jenen Traum von der deutschen Bundesliga hat er sich längst erfüllt, auch jener von der Champions League ist in Erfüllung gegangen.

In dieser Hinsicht hat Schwab eine passende Geschichte parat, die ganz gut beschreibt, mit welcher Leidenschaft der brasilianische Ex-Kollege an seine Aufgaben herangeht und wie viel Herzblut er für den Fußball investiert.

"Ich kann mich erinnern, dass er immer mit Thomas Murg im Zimmer war. Als wir internationale Spiele gehabt haben, war natürlich am Dienstag und Mittwoch immer Champions-League-Zeit. Und wenn wir dann auswärts gespielt haben und wir waren am Mittwoch im Hotel, ist er immer bei der Champions-League-Hymne aufgestanden und hat mitgesungen. Er hat immer schon gesagt, dass er das erleben will. Jetzt hat er das heuer schon erleben dürfen, das ist wirklich eine coole Geschichte", erzählt Schwab.

"Er macht andere Spieler besser" 

Alle, auch Torhüter Richard Strebinger, sind sich einig, dass Joelintons Leistungen bei Rapid falsch bewertet wurden. Nicht sein großes Talent, seine technischen Fähigkeiten und seine Arbeit für das Team wurden hervorgehoben, sondern vor allem seine schlechte Trefferquote zum Thema gemacht.

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Für die Wiener kam der Angreifer auf 21 Tore und neun Assists in insgesamt 79 Pflichtspielen, jeweils sieben bzw. acht Tore davon erzielte er in den Saisonen 2017/18 und 2018/19 in der Bundesliga.

"Bei uns ist erwartet worden, dass wir einen Stürmer vorne drin haben, der verlässlich 25 Tore macht. Joey ist halt einer, der nicht nur in der Box ist, sondern der außen herum viel arbeitet und vielleicht einen an der Seite braucht, der nur im Strafraum lauert. Das ist bei Hoffenheim der Fall und deshalb kann er jetzt seine Qualitäten extrem gut abrufen", beschreibt Strebinger Joelintons Stärken.

Schwab sieht es ähnlich: "Ich glaube, er ist jetzt nicht der prädestinierte Goalgetter, von dem man erwarten kann, dass er 30 Saisontore erzielt. Aber er macht andere Spieler absolut besser. Durch ihn können andere Spieler in Positionen kommen, wo sie ihre Stärken ausspielen können. Er hat letztes Jahr sehr viele Bälle gehalten, wo zum Beispiel ich oder auch Thomas Murg nachrücken konnten, sich Räume geöffnet haben, wo wir Chancen auf unserer Seite gekriegt haben. Da hat er wirklich sehr viel für die Mannschaft getan. Deshalb hat er es sich verdient, dort zu sein, wo er jetzt ist."

Nicht umsonst wurde Joelintons Vertrag nach nur wenigen Monaten bis 2022 verlängert. Ein Beweis für seinen Stellenwert bei Hoffenheim, wo er sich entfalten darf, mehr Freiheiten genießt und gar nicht so viel anders macht als bei seiner Leihstation in Wien.

Kritik in Österreich: "Dort wird viel mehr geschätzt, was er macht"

Einer der großen Unterschiede ist auch, dass sich der junge Ausnahmekönner nicht für jeden Fehler rechtfertigen muss. Zwei vergebene Chancen und schon war er im Westen Wiens der Buhmann. Obwohl das Niveau in Deutschland höher ist, wird mit Kritik gespart und das Selbstvetrtrauen nicht Woche für Woche angekratzt.

"Joey hat auch dort schon Torchancen vergeben, aber dort wird es ihm nicht ganz so übel genommen wie bei uns. Da wird viel mehr geschätzt, was er überragend macht", bricht Strebinger eine Lanze für den ehemaligen Mannschafts-Kollegen.

"Joey hat auch dort schon Torchancen vergeben, aber dort wird es ihm nicht ganz so übel genommen wie bei uns. Da wird viel mehr geschätzt, was er überragend macht."

Strebinger über Kritik an Joelinton

Der Torhüter sieht die Stärken ganz klar im Dribbling, "wo er sich durch die Abwehrreihen wühlt, ohne dass ihm wer den Ball abnehmen kann". Ansonsten die Fähigkeit, Bälle "unglaublich gut zu sichern".

"Ich denke, es ist bei uns einfach nicht so geschätzt worden, weil sich viele halt denken, dass die österreichische Liga nicht so hohe Qualität hat. Aber man sieht einfach, dass er das auch in Deutschland abrufen kann. Ich denke, das ist nur ein kleines Zeichen, dass die österreichische Liga nicht so schlecht ist, wie sie immer betitelt wird", lässt Strebinger wissen.

Sogar RBS-Coach Marco Rose lobte Joelinton 

Etwas überraschend äußerte sich auch Salzburgs Meister- und Erfolgstrainer Marco Rose zuletzt über Joelinton. Denn der Deutsche wurde in einem "Sky"-Interview gefragt, welche Spieler ihn in Österreich in seiner Zeit besonders beeindruckt haben.

Abseits seiner eigenen Schützlinge verdiente sich vor allem der Ex-Rapidler großes Lob, da auch Rose in ihm unheimliche Qualität ortete, die in Österreich nicht allzu oft zu sehen ist. Möglicherweise arbeiten Joelinton und der jetzige RBS-Coach ja schon bald zusammen, nämlich dann, wenn Rose Hoffenheim tatsächlich im Wort ist.

Bis dahin wird Joelinton das Vertrauen von Nagelsmann genießen und weiter hart an seiner Entwicklung arbeiten. Für seine Einstellung und seinen Einsatz wurde er schon bei Rapid gelobt. Noch bei seinem Abschied meinte er: "Die Zeit in Wien hat mich als Spieler und Mensch reifen lassen", oder: "Ich bin traurig. Ich habe hier viel gelernt und war immer gerne bei Rapid" und "I bin a Wiener." Mit seinem Aufstieg hat er sich aber seitdem mehr als nur belohnt. 

Und wer weiß, vielleicht geht nach dem Schritt in die deutsche Bundesliga und der Premiere in der Champions League auch noch sein großer sportlicher Wunsch für die Zukunft in Erfüllung: Die Einberufung ins brasilianische Nationalteam, die Selecao.

Textquelle: © LAOLA1.at

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