Martin Fraisl: Nicht weit vom ÖFB-Team weg?

 

Martin Fraisl hat sich beim SV Sandhausen etabliert.

Der Torhüter, seit kurzem 27 Jahre alt, schaffte in den letzten zwei Jahren den Sprung vom FAC über den FC Botosani in Rumänien in die 2. deutsche Bundesliga und machte sich mit bislang 27 Pflichtspiel-Einsätzen gleich zur klaren Nummer eins.

Die Sandhausner müssen sich im Finish der Saison zwar gegen den Abstieg wehren, Fraisls Zwischenfazit ist aber sehr positiv. Mittelfristig kann und soll der Klub aus Baden-Württemberg das Sprungbrett zur nächsthöheren Aufgabe einer interessanten "Selfmade-Karriere" werden.

Warum der ÖFB-Legionär in einer möglichen Krise nach Corona sogar die Chance auf persönliche Vorteile sieht, was er aus der Zeit in Rumänien mitgenommen hat und wie er zum Thema Nationalteam steht, erzählt Fraisl im LAOLA1-Interview:

LAOLA1: Nach einem guten Herbst ist Sandhausen im Frühjahr ins Stocken gekommen, auch das erste Spiel nach der Corona-Pause wurde verloren. Dazu sind 16 Gegentore in acht Frühjahrs-Spielen eine ganze Menge und ärgern dich sicher.

Martin Fraisl: Dass ich bislang im Frühjahr aus persönlicher Sicht nicht zufrieden bin, ist logisch. Aber Stück für Stück analysiert kann ich mir kaum was vorwerfen. Wir haben zum Teil unfassbare Gegentore bekommen. Das macht der Gegenspieler einmal in hundert Jahren so. Davon sind wir im Herbst noch verschont geblieben. Ich mache mich nicht verrückt. Es ist eine Frage der Zeit, dann kommen drei, vier Spiele in Serie, wo ich entscheidend eingreifen kann.

(Interview wird unter dem VIDEO fortgesetzt)

LAOLA1: 27 Spiele hast du im Tor von Sandhausen absolviert. Die Zwischenbilanz ist positiv.

Fraisl: Im Winter war sie sogar fantastisch. Auch im Training gibt es immer wieder Nuancen, bei denen ich mich verbessert habe. Ich kenne den deutschen Fußball jetzt besser. Nichtsdestotrotz bin ich auch ein sehr selbstkritischer Mensch und schaue auf die Dinge, bei denen noch Potenzial vorhanden ist. Es ist noch einiges im Tank und mehr möglich.

LAOLA1: Kannst du schon Highlights nennen, die dir in Erinnerung bleiben werden?

Fraisl: Mein Zweitliga-Debüt, das erste Spiel bei Holstein Kiel. Die Kieler waren vor der Saison extrem hoch eingeschätzt. Den ein oder anderen Ball hatte ich zu halten, wir sind mit einem Unentschieden rausgegangen. Ich bin echt zufrieden im Bus nach Hause gesessen - weil ich gemerkt habe, dass ich auf dem Niveau mit Sicherheit bestehen kann. Das zweite Highlight war Borussia Mönchengladbach im DFB-Pokal. Wir haben 0:1 verloren, aber waren über 90 Minuten die bessere Mannschaft. Die Bude war bummvoll, ein Flutlicht-Spiel bei Regen… es hatte alles, was ein Sportler sich wünscht. Die Spiele auf St. Pauli und bei Dynamo Dresden vor 30.000 lautstarken Fans waren auch echt cool. Gegen die zwei Großen, HSV und Stuttgart, waren wir zuhause ausverkauft und haben vier Punkte gemacht. In Summe würde ich die ganze Zeit bisher als Highlight betrachten. Es ist ein sehr großes Ziel für mich gewesen, in Deutschland zu spielen. 25 Spiele am Stück gemacht zu haben, bei denen es von der Leistung kaum Ausreißer nach unten, aber einige nach oben gegeben hat, ist schon sehr cool.

LAOLA1: Der Schritt von Rumänien nach Sandhausen war der goldrichtige.

"Du triffst einen Haufen unzufriedener Leute und merkst, die Gesamtstimmung ist nicht cool. Das hat mir geholfen, jeden Tag dankbar für das zu sein, was wir haben."

Über die Zeit in Rumänien

Fraisl: Zu zehntausend Prozent. Hier habe ich Gegebenheiten vorgefunden, die für die Entwicklung sensationell sind. Ich habe einen Torwart-Trainer, der auf Bundesliga-Niveau arbeiten kann und Dinge sieht, bei denen man sich fragt, wie er das erkennen kann. Wir haben einen Cheftrainer, der auf mich als Torwart und Typ baut, der es versteht, einen Goalie gut einzubinden und seine Stärken auch zu nutzen. Darüber hinaus ist es schön, dass wir eine super Gemeinschaft haben.

LAOLA1: Was nimmst du aus deiner Zeit in Rumänien mit? Inwiefern hat dich das geformt?

Fraisl: Die Zeit war wahnsinnig prägend. Ich habe dort ein Jahr lang gelebt wie in "Quarantäne". Ich war nur im Hotel und habe zwischendurch Fußball gespielt. Die Stadt war wirklich hässlich. Andererseits ist mir in der Zeit auch bewusst geworden, wie schön wir es tatsächlich in Österreich und Deutschland haben. Du kommst in ein Land, das irrsinnig arm ist, ein Lehrer lebt von 250 Euro. Die Preise, beim Einkaufen sind aber nicht viel niedriger. Du triffst einen Haufen unzufriedener Leute und merkst, die Gesamtstimmung ist nicht cool. Das hat mir geholfen, jeden Tag dankbar für das zu sein, was wir haben.

LAOLA1: Und aus sportlicher Sicht?

Fraisl: Du hast eine Viererkette, in der jeder eine andere Sprache spricht - das war enorm fordernd, was den Fokus betrifft. Ich habe mitgenommen, im Spiel immer hellwach zu sein und umzuschalten. Ich habe gelernt, wie man am Spielfeld besser antizipieren kann. Wenn du wenig verstehst und versuchen musst, die Körpersprache intensiver zu lesen – das hilft mir heute eine Ebene höher, das Spieltempo zu lesen, die Situationen zu erahnen und einen Ball abzulaufen, bevor der Gegner in die gefährliche Zone des Angriffs kommt. Für mich war dann klar, dass ich mich irrsinnig schnell adaptieren kann. Und dass ich schon Fähigkeiten habe, die eventuell für ganz oben reichen, wenn ich ein paar Wochen Vorbereitung habe. Was passiert da? Wie tickt dieser Fußball? Das gibt ein gutes Gefühl, sollte es irgendwann in meiner Karriere noch einen Schritt weiter gehen.

LAOLA1: Du bist 27 Jahre alt und bist weit gekommen, ohne jemals in einer Akademie gewesen zu sein. Ist das eine besondere Genugtuung?

"Ob das bei einem Verein ist, der um den Titel spielt oder einem im Abstiegskampf, hat gar nicht die große Bedeutung. Ich habe schon die Erfahrung gesammelt, dass man im Abstiegskampf als Spieler und Person enorm reifen kann, weil so viel am Spiel steht."

Deutsche Bundesliga ist das Ziel

Fraisl: Ich bin stolz darauf, mich ohne Akademie oder Förderung in der Jugend so im Profi-Fußball bewiesen zu haben. Ich habe vieles hart erarbeiten müssen, aber habe das auch gern gemacht, weil ich besessen von dem bin, was ich mache. Und wenn ich mich für etwas entscheide, ziehe ich das mit allem, was ich habe, durch. Da gibt es keinen Blick nach links oder rechts. Als 17-Jähriger habe ich das Ziel gehabt, ein Spiel im Profi-Fußball zu machen. Und diese Ziele habe ich Jahr für Jahr nach oben korrigiert. Vor zwei Jahren habe ich gesagt, der nächste Schritt ist über die 2. Liga in Deutschland oder England. Das ist auch so passiert. Ich habe es immer wieder geschafft, kleine Nachteile zum Vorteil zu machen, indem ich kreativ war und neue Wege gesucht habe, die mich von anderen abgehoben haben. Es macht mir Freude, dass ich schon so weit gekommen bin. Jetzt habe ich tagtäglich ein sensationell gutes Training, das sollte mich auf die nächste Ebene hieven.

LAOLA1: Was ist die nächste Ebene?

Fraisl: Das ist auf der Hand liegend, wenn man in einer 2. Liga spielt – in eine erste Liga zu kommen. Man sieht in der Krisenzeit, dass der deutsche Profi-Fußball in Europa noch mit der stabilste ist. Wenn man alle Teilbereiche zusammenzählt: Fußball, Wirtschaft, Privatleben - da sind wir in Deutschland in einem hochgelobten Land. Die Menschen leben den Fußball, die Stadien sind geil und man kann richtig viel Geld verdienen. Ich kann für mich heute schon sagen: Wenn die Möglichkeit besteht, in Deutschland die nächsten Schritte machen zu können, werde ich das versuchen.

LAOLA1: Mit Sandhausen?

Fraisl: Ich möchte mich über zwei Jahre etablieren und in der Zeit auch kontinuierlich weiterentwickeln, damit man danach weiterplanen kann. Im Fußball kann man selten etwas ausschließen, aber mein persönlicher Plan ist, auch die kommende Saison in Sandhausen zu spielen. Ich habe bekanntlich noch zwei Jahre Vertrag, dementsprechend liegt nicht alles an mir.

LAOLA1: Meister in einer Top-Liga, Champions League spielen… Wie nahe bist du an diesen Zielen dran? Was braucht es noch, um diese Träume zu verwirklichen?

Fraisl: Meister in einer Top-Liga wirst du nicht im Vorbeigehen. Ich muss ehrlich sagen, dass das nie so ein konkretes Ziel für mich war. Auch Champions League spielen hat für mich nicht den gleichen Stellenwert, wie in der Bundesliga konstant zu spielen. Woche für Woche zu performen und Spiel für Spiel zu sammeln, damit ich irgendwann nach meiner Karriere auf eine tolle Bilanz zurückblicken kann. Und wenn dann in der Bundesliga die meisten Spiele stehen würden, wäre es das schönste. Fast gleichgestellt mit den anderen Top-Vier-Ligen. Ich bin ein absoluter Fan des deutschen Bundesliga-Sports. Aber ob das bei einem Verein ist, der um den Titel spielt oder einem im Abstiegskampf, hat gar nicht die große Bedeutung. Ich habe schon die Erfahrung gesammelt, dass man im Abstiegskampf als Spieler und Person enorm reifen kann, weil so viel am Spiel steht.

LAOLA1: Machst du dir angesichts der Krise Sorgen um deine Zukunft?

Fraisl: Ich habe einen Dreijahres-Vertrag bei einem gesunden Verein, wir sind nicht insolvenzgefährdet, das hat uns der Präsident bestätigt. Ich habe über die gesamte Saison meine Leistung gebracht, auch der Transfermarkt wird sich verändern. Vielleicht wird nicht mehr mit solchen Summen wie bisher jongliert. Und vielleicht kann ich sogar einer der Profiteure sein, weil ich bei einem kleineren Verein auffällig Leistung gezeigt habe, Vereine besser scouten und in einer unteren Liga zugreifen müssen. Das sind die Szenarien, die in meinem Kopf herumschwirren. Wenig Angst und eher die Chance in der Krise.

LAOLA1: Welchen Reiz hätte denn für dich das Nationalteam?

2018 noch FAC-Matchwinner
Foto: © GEPA

Fraisl: Viel, aber das kann ich mir ja nicht aussuchen. Du musst konstant lang auf hohem Niveau spielen. Wenn man sich die Torhüter-Situation in Österreich anschaut, gibt es mit Alexander Schlager und Cican Stankovic zwei Torhüter in Österreich, die sich ein bisschen von den anderen abgesetzt haben. Im letzten Lehrgang wäre Heinz Lindner dabei gewesen, der spielt auch bei uns in der Liga. Insofern glaube ich, dass ich nicht so unfassbar weit davon entfernt bin.

LAOLA1: Alexander Schlager ist "Krone Fußballer des Jahres" geworden. Mit ihm hast du eine kurze gemeinsame Vergangenheit beim FAC. Hat man damals schon gesehen, was er für einen Weg nehmen kann?

Fraisl: Ich habe mich für ihn enorm gefreut, weil er ein Mensch ist, der versucht, mit allen Situationen positiv umzugehen. Er ist ein Strahlemann und guter Typ. Auch sehr erfolgshungrig. Als Torhüter haben wir uns die Spiele beim FAC in etwa gleich aufgeteilt, da war ich nicht so ein großer Fan davon, wie er gespielt hat. Er war konstant und sauber, hat aber selten eine Partie wirklich gewonnen und Bälle rausgezogen, von denen man geglaubt hat, die sind schon drin. Mir hat gefehlt, dass er über das Limit geht. Besonders das zeichnet ihn in dieser Saison aus, dass er das immer wieder gemacht, aber die Konstanz dabei nicht verloren hat. Und dieser Schritt, in regelmäßigen Abständen krasse Ausreißer nach oben zu haben, was man bei ihm als Stärke vermerken kann, war damals nicht vorhersehbar. Es würde mich freuen, wenn wir uns irgendwann wieder matchen können – vielleicht auf Nationalteam-Ebene.

LAOLA1: Du wirst Papa – wie sehr ist das Flattern schon da?

Fraisl: Ich bin noch ganz ruhig, ich habe eine starke Frau an meiner Seite, die das gut handhabt und mich auch in der sportlichen Zeit immer unterstützt. Ihr geht es körperlich und seelisch gut, das Kind ist gesund, das ist das Wichtigste. Wenn es dann da ist und mich in der Nacht mal aufweckt, wird mir vielleicht bewusster, was das alles heißt. Aber ich bin schon gut darauf eingestellt und weiß, was uns alles erwarten wird. Die Vorfreude überwiegt!

Textquelle: © LAOLA1.at

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