"Salzburg Neu" hat eine Achillesferse

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RB Salzburg hat tatsächlich eine Achillesferse, es ist verwundbar.

Man hätte es fast nicht für möglich gehalten, bei all den Rekordserien, der erfolgsverwöhnten Mannschaft, die von Sieg zu Sieg eilte und bei all der Selbstverständlichkeit, die damit einherging.

Aber vorneweg sei gleich einmal betont: Auch wenn Cican Stankovic nach dem 1:4-Debakel im Sechzehntelfinal-Hinspiel bei Eintracht Frankfurt die Stimmung im Team beschrieb, "als wäre die Welt untergegangen", sind zwei Pflichtspiel-Niederlagen für RBS auch kein Beinbruch und verkraftbar. Es ist nur etwas Neues, was ein Überdenken des eigenen Handelns nach sich ziehen wird.

Es macht die Mozartstädter menschlich, mehr nicht. Denn von der Qualität her ist wohl klar, dass Salzburg wieder auf die Erfolgsspur zurückkehren wird. Allerdings gibt es momentan Probleme, die weit über jene Ankündigung von Trainer Jesse Marsch hinausgehen. "Wir brauchen Männer", meinte dieser. Wenn Top-Talente jedoch zu schnell erwachsen werden müssen, kann es schon einmal zu Komplikationen kommen.

Haaland und Minamino gehen ab - auch wenn das keiner hören will

Schon die Niederlage gegen den LASK hat Salzburg sehr wehgetan. Plötzlich nicht mehr Tabellenführer zu sein, war Neuland für den einen oder anderen Youngster und auch für gestandene Spieler - schließlich lief davor ja alles wie geschmiert.

Allerdings hatte "Salzburg Neu" genau ein Pflichtspiel im Cup gegen Amstetten, um sich für den Showdown zu wappnen und zwei, um danach bei einem Top-Klub der deutschen Bundesliga wie Eintracht Frankfurt zu bestehen und aufgrund der hohen Erwartungshaltung am besten auch noch ein Europacup-Wunder zu liefern.

Auch wenn Salzburg den Fakt unter den Tisch kehrt: Spieler wie Erling Haaland und Takumi Minamino sind eben nicht vom einen auf den anderen Tag zu kompensieren. Zwar ist man gewappnet, die nächsten Jungen kommen bereits nach. Dass diese aber nicht sofort auf Anhieb funktionieren und ein Ausnahmetalent wie Haaland nicht sofort ersetzen können, ist alles andere als überraschend.

"Klar ist es ein bisschen eine neue Gruppe", war es auch Marsch bewusst. Aber wir haben im Trainingslager und im Training gut gespielt, nur nicht heute Abend. Mein Fokus gehört dieser Truppe", will sich der US-Amerikaner nicht mehr zu viel mit der Vergangenheit beschäftigen.

Sind die Nachfolger noch nicht so weit?

Wenn man einen Blick zurück wirft: Auch Haaland wurde nicht vom einen auf den anderen Tag aus dem Hut gezaubert. Auch der nun 19-jährige Norweger wurde langsam herangeführt, spielte vergangene Saison noch keine große Rolle, um dann so richtig zu explodieren.

Momentan hat Salzburg jedoch die Realität eingeholt, dass sich Spieler sofort international ins Rampenlicht gespielt haben und Top-Klubs Schlange stehen. Das ist ein Verdienst des Vereins, jedoch gleichzeitig auch ein Tanz auf der Rasierklinge, das Team ständig neu aufzustellen, auch wenn dies gut entlohnt wird.

In Frankfurt reagierte Marsch auf die drohende Pleite mit den Einwechslungen der jungen und noch relativ unerfahrenen Sekou Koita (20), Mohamed Camara (20) und Karim Adeyemi (18) - für Letzteren, das viel gepriesene Riesen-Talent, war es sogar das Debüt. Vertrauen ist gut, allerdings muss man sich auch einmal eingestehen, dass einige Spieler vielleicht noch nicht so weit sind.

"Die Leistung war nicht unser Maximum. Wir müssen mutiger spielen. Teilweise sind sie bereit für ihre beste Leistung in großen Spielen. Aber das war ganz klar nicht ihre beste Leistung", kritisierte Marsch.

Marsch hinterfragt sich: "Trainer ist der Beste, wenn Situation schwierig ist"

Normalerweise glänzte seine Mannschaft mit der richtigen Einstellung, der hundertprozentigen Umsetzung des Matchplans und wuchs vor allem im Europacup über sich hinaus. Diesmal nicht.

Deshalb hinterfragt sich auch der Trainer, warum es so weit kam. "Es ist nicht nur ein Kopfproblem, es ist mehr als Mut und Selbstvertrauen. Aber wir brauchen in dem Moment Männer - zuerst ich, dann die ganze Truppe. Es ist nicht einfach jetzt, aber das ist Profifußball", so Marsch. Diese Männer sind aber erst dabei, Männer zu werden.

Bisher lief alles nach Plan. Marsch kam, trat in die Fußstapfen von Marco Rose und setzte den Erfolgslauf fort. Doch nun sind seine wahren Qualitäten gefragt, wenn es erstmals um Krisen-Management geht.

"Für mich ist es wichtig, dass ein Trainer der Beste ist, wenn die Situation schwierig ist. Wir sind alle gute Trainer, wenn es einfach ist. Ich muss genau verstehen, was der nächste Schritt mit unserer Truppe ist und jedem einzelnen Spieler helfen. In dem Moment ist das Ergebnis egal. Wir brauchen mehr unsere Idee von Fußball und mehr Mut zum Spielen."

Defensive bleibt Salzburgs großes Manko

Abseits von der nicht hundertprozentigen Herangehensweise einzelner Akteure in einem Spiel dieser Größenordnung gab es auf dem Feld schon auch entscheidende Probleme, die zu dieser Niederlage geführt haben.

Kapitän Andreas Ulmer weiß: "Es waren einige Probleme. Vor allem in den Duellen, müssen wir stärker dagegenhalten halten, offensiv und defensiv, bei der Verteidigung unser Box. Im Angriffsdrittel müssen wir Chancen kreieren können, da waren wir nicht so gut, da müssen wir besser werden."

Das größte Problem stellt aber weiterhin die Defensive dar. In den letzten zwei Spielen kassierte man sieben Gegentore. Schon in der Champions-League-Gruppenphase war man zwar mit der Anzahl an geschossenen Toren (16) ganz vorne dabei bei den Top-Klubs, jedoch bei den erhaltenen Toren (13) unter ferner liefen.

Fehlt in der Offensive nach den Abgängen von Haaland und Minamino die Selbstverständlichkeit, immer für ein Tor gut zu sein, werden diese Spiele aufgrund von Defensivfehlern dann auch verloren. Diese kosteten schlussendlich auch den Aufstieg in der Champions League.

Harmonie und Eingespieltheit müssen erst wieder reifen

In Frankfurt war die Viererkette schlichtweg überfordert. Patrick Farkas war rechts auf verlorenem Posten, Jerome Onguene patzte, Maximilian Wöber war noch der Aktivste und verhinderte eine Vielzahl an weiteren Möglichkeiten, und selbst der routinierte Andreas Ulmer ließ sich von der Verunsicherung anstecken.

Während auf den offensiveren Positionen immer wieder neue Gesichter nachkommen, muss sich Salzburg schon auch die Frage gefallen lassen, ob man in der Abwehr nicht nachrüsten hütte müssen. Andre Ramalho war wieder nur Ersatz in einem großen Spiel, mit Marin Pongracic passte es einfach nicht und man bekam durch den Wolfsburg-Wechsel noch Millionen in die Kasse gespült.

Doch auch davor kann Dominik Szoboszlai seine Vorschusslorbeeren schon länger nicht mehr zurückzahlen, auch Masaya Okugawa ist noch nicht so ins Spiel integriert, wie man sich das wünscht.

An vorderster Front vergab Patson Daka gegen den LASK einige Sitzer, gegen Frankfurt war wenig von ihm zu sehen. Auch wenn er im Herbst mit 14 Bundesliga-Toren aufgezeigt hat, ist er noch kein Haaland - kann es aber mit mehr Geduld noch werden. International traf er bisher erst einmal. Auch Hee-Chan Hwang fehlt scheinbar mit Minamino sein kongenialer Partner. Und Noah Okafor war Salzburg viel Geld wert, doch auch er wird nicht auf Anhieb einschlagen können.

Offensichtlich auch: Das hohe Pressing funktionierte nicht. War die erste Pressing-Linie überspielt, fand Salzburg keine Ordnung mehr, um den Angriffen der Frankfurter Herr zu werden. Auch hier fehlen kleine Details, die von der davor eingespielten Mannschaft meist routiniert umgesetzt wurden - wenn auch wie immer beim hohen Attackieren mit Risiko.

Moment der Schwäche: Salzburg hat sich die Messlatte selbst hoch gelegt

Es ist ein kleiner aber feiner Umbruch, der die Köpfe bei den Bullen rauchen lässt. In puncto Kopfsache stimmten Marsch nicht alle zu. Enock Mwepu zum Beispiel antwortete auf die Frage, ob es sich um ein mentales Problem handle: "Nicht wirklich!"

Es spüren somit auch die Spieler, dass im Moment etwas nicht passt. Doch Salzburg wäre nicht Salzburg, wenn sie dafür keine Lösung finden würden. Zeit ist ein kostbares Gut. Schon am Sonntag geht es zur Austria, für die einiges auf dem Spiel steht.

Und kommenden Donnerstag steht schon das Rückspiel gegen Frankfurt auf dem Spiel. Gegen einen Gegner, gegen den man durchaus verlieren kann, nur die Art und Weise gab im Hinspiel zu denken. Außerdem hat RBS selbst die Messlatte durch tolle Leistungen - vom Einzug ins Semifinale angefangen bis zu Top-Auftritten in Liverpool oder gegen Neapel - selbst sehr hoch gelegt.

Daran werden sie nun gemessen, was gerade in dieser neuen Situation nicht unbedingt förderlich ist. Salzburg hat eine Achillesferse, Salzburg ist verwundbar. Doch wenn die Mozartstädter die derzeitigen Probleme ernst nehmen, werden sie noch stärker zurück in die Spur finden.

Textquelle: © LAOLA1.at

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