Internationale Sternstunden
In diesem Artikel soll es vor allem darum gehen, was in Anderlecht im letzten Jahrzehnt schief lief, sodass ein dermaßen erfolgreicher Verein zu einem solch mittelmäßigen wurde. Deshalb hier nur ein kurzer Abriss der durchaus bewegten, fast 120 Jahre langen Geschichte des Klubs:
Gegründet wurde der violett-weiße Brüsseler Vorortsverein im Mai 1908 als SC Anderlechtois. Zum 25. Geburtstag durfte man sich - wie damals in Belgien üblich - einen "königlichen" Zusatz an den Vereinsnamen heften und heißt seither Royal Sporting Club Anderlecht.
Quasi mit Ende des Zweiten Weltkriegs begann RSCA, den belgischen Fußball zu dominieren. Zwischen dem ersten Meistertitel 1947 und dem 16. vergingen nur 27 Jahre.
Rund um diese Zeit, also in den 70ern, setzten auch die großen internationalen Erfolge ein. Ab 1976 bis inklusive 1990 spielte Anderlecht sechs Europacup-Finali, wobei 1983 der UEFA-Cup-Triumph sowie 1976 und 1978 der Gewinn des Europapokals der Pokalsieger davon getragen werden konnte.
Letzterer Titel wurde mit einem 4:0-Finalsieg gegen die Wiener Austria rund um einen damals 22-jährigen Herbert Prohaska eingefahren. Dazu kommen zwei Triumphe im UEFA Super Cup 1976 und 1978.
Finanziell über den Verhältnissen gelebt
Wie viele Vereine ähnlicher Größenordnung konnte Anderlecht spätestens ab dem Bosman-Urteil 1995 international nicht mehr mit der finanzstärkeren Konkurrenz aus den Top-Ligen mithalten, immerhin blieb man in Belgien aber die stärkste Kraft. Zumindest bis 2017.
Zu diesem Zeitpunkt war Anderlecht schon bei weitem nicht mehr so dominant wie noch zu Beginn des Jahrtausends. "Es gab bereits Zeichen, dass ihre Dominanz zu Ende geht. Der Klub war finanziell in keinem guten Zustand, er hat über seinen Verhältnissen gelebt", berichtet Sportjournalist Malice.
In Schieflage gebracht wurde der Traditionsverein von Roger Vanden Stock. Dessen Vater, Constant Vanden Stock, der selbst vor dem Zweiten Weltkrieg für Anderlecht spielte und nach jenem jahrzehntelang das Anderlechter Heimstadion benannt war, übernahm den Klub 1971 und übergab ihn 1996 an seinen Filius.
Dieser wiederum wollte "Les Mauves et Blancs" wieder ins internationale Rampenlicht führen und ging dabei ein finanzielles Risiko ein. "Ich habe das viel mehr getan als mein Vater. Warum? Weil ich es musste; ich musste als Präsident erfolgreich sein. (...) Ich wollte ein europäisches Finale erreichen. Das hat nicht geklappt, aber wir sind nicht bankrott gegangen", ließ sich Roger Vanden Stock im Frühjahr 2018 in belgischen Medien zitieren.
Ein Pharma-Milliardär kommt - und der Erfolg verschwindet
Bankrott ging der Verein zwar nicht, allerdings schrieb er zu diesem Zeitpunkt bereits zehn Jahre in Folge stets ein operatives Minus; im Winter 2018 mussten Spieler dringend verkauft werden, um die Bilanz wiederherzustellen und keine Lizenzverweigerung zu riskieren.
Es war dies das letzte Transferfenster in der Verantwortung von Vanden Stock. Im Jänner 2018 kaufte der belgische Pharma-Milliardär Marc Coucke 75 Prozent der Klubanteile um 59,2 Millionen Euro und übernahm damit die Führung im Verein. Ob Coucke beim Kauf falsche finanzielle Kennzahlen vorgelegt wurden und er deshalb um mehrere Millionen Euro zu viel bezahlte, ist übrigens eine Frage, die die belgische Justiz in den kommenden Monaten beschäftigen wird.
Klar ist jedenfalls: Mit Couckes Einstieg begann der sportliche Abstieg Anderlechts.
"Auf sportlicher Ebene hat die vorige Führung Fußball besser verstanden, hatte bessere Verbindungen und wusste, wie man einen Klub an der Spitze behält. Sie haben verstanden, was die Identität des Klubs ausmacht. Für Coucke und seine Leute hat das sehr lange gedauert", erklärt Malice.
Instabilität, finanzielle Probleme, schlechte Transferentscheidungen
Zu einem gewissen Zeitpunkt gab es so viele Funktionäre, dass man nicht mal wusste, wer was tut. Du hattest einen Sportdirektor, einen Head of Sports, einen Manager, einen CEO - du hast nicht gewusst, wer wem untersteht.
Die folgenden Transferfenster seien "desaströs" gewesen, so der RSCA-Experte. Coucke und Co. wirft er eine Art Habererwirtschaft vor; es sei sich mehr auf die Meinung von dubiosen Spielerberatern als auf datengetriebenes Scouting verlassen worden. So seien etliche durchschnittliche Spieler um viel zu viel Geld verpflichtet und dann auch noch mit langen, hochdotierten Verträgen ausgestattet worden.
Zudem sei die schlimme personelle Instabilität abseits des Spielersektors ein Grund für den Niedergang. 13 verschiedene Trainer waren seit dem letzten Titel 2017 am Werk, dazu kamen ständige Veränderungen in der Führungsriege.
"Zu einem gewissen Zeitpunkt gab es so viele Funktionäre, dass man nicht mal wusste, wer was tut. Du hattest einen Sportdirektor, einen Head of Sports, einen Manager, einen CEO - du hast nicht gewusst, wer wem untersteht", so Malice. Es sei nie Ruhe im Verein eingekehrt.
Sein Fazit zur sportlichen Misere lautet: "Instabilität, finanzielle Probleme, schlechte Transferentscheidungen - all das hat dazu geführt, dass der Klub abgestürzt ist. Dazu ist der Aufstieg von anderen Klubs wie Club Brügge und Union Saint-Gilloise, aber auch Gent und Genk gekommen. Der Fußball in Belgien ist homogener geworden."
Neid auf den Stadtrivalen
Union Saint-Gilloise ist hierbei ein gutes Stichwort. Der aktuelle Klub von ÖFB-Legionär Raul Florucz zeigt nämlich, dass Brüssel im belgischen Fußball sehr wohl noch oben mitspielen kann.
Der extrem traditionsreiche Verein kehrte 2021 - dank finanzkräftiger Unterstützung von Brighton-Besitzer Tony Bloom - nach 48 Jahren in der sportlichen Bedeutungslosigkeit ins belgische Oberhaus zurück und platzierte sich seither jedes Jahr vor Anderlecht in der Endtabelle; 2025 konnte Union gar den ersten Meistertitel seit exakt 90 Jahren bejubeln.
"Als ich Student war und Union noch in der dritten oder vierten Liga war, war es hip, Union schauen zu gehen. Als Union zurückkam, war jeder glücklich, weil der Klub viel Geschichte hat - sogar die Anderlecht-Fans. Zunächst gab es viel Sympathie, Union wurde wie ein kleiner, netter Bruder angesehen. Es war so eine schöne Geschichte, aus den Tiefen des Amateurfußballs zurück in den Profibereich zu kommen", rekapituliert Malice.
Mittlerweile hat sich die Meinung der violett-weißen Anhänger über Union, das in Sachen Transfers und Kontinuität all das richtig machte, was beim Brüsseler Rivalen zuletzt falsch lief, geändert: "Als der Erfolg einsetzte, hat die Sympathie nachgelassen. Ich glaube, dass die Anderlecht-Fans ein bisschen neidisch sind. Es macht sie krank, dass jeder Union als Vorbild herbeizieht."
Adel verpflichtet
Generell ist Anderlecht ein extrem stolzer Klub, vielleicht sogar ein etwas arroganter, so Malice: "In dieser Hinsicht sind sie sehr niederländisch. Sie haben auch eine gute Verbindung zu Ajax Amsterdam, die Mentalität ist sehr ähnlich."
Der jahrzehntelange Erfolg habe ein gewisses Anspruchsdenken im und rund um den Klub entstehen lassen, das noch heute - nach all der Zeit in der Mittelmäßigkeit - vorhanden ist. Dazu passend wurde vor rund zwei Jahren das offizielle Klubmotto "Noblesse Oblige" (zu Deutsch: "Adel verpflichtet") vorgestellt.
Als Anderlecht-Spieler müsse man eine gewisse Eleganz in seiner Spielweise mitbringen, so Malice: "Manchmal passt das nicht mehr zum modernen Fußball. Wir hatten so viele elegante, technisch starke Spieler, aber in einem Team in der Krise brauchst du auch den Kampfgeist."
Er führt aus: "Anderlecht kann sich nicht mehr leisten, einfach nur schön zu spielen. Wenn sie einen Titel gewinnen, ohne schön zu spielen, wird sich niemand beschweren."
Eine der besten Fußballakademien der Welt
Diese Eleganz wird den Anderlecht-Kickern von der Pike auf beigebracht. In der renommierten "Neerpede Akademie" wird ein durchgängiger Spielstil gepflegt; in den letzten Jahren wurde das belgische Nationalteam großteils von Neerpede-Absolventen geprägt, die etwa Jeremy Doku, Romelu Lukaku oder Vincent Kompany hießen.
Letzterer hat bei Anderlecht übrigens nicht nur seine Spieler- sondern auch seine Trainerkarriere begonnen. 2019 kehrte der aktuelle Bayern-Erfolgscoach zu seinem Jugendklub zunächst als Spielertrainer und, nach seinem Ende als Aktiver, als regulärer Übungsleiter zurück.
Unter Kompany bekam RSCA wieder eine klare Identität, der ehemalige Weltklasse-Innenverteidiger setzte auf viele - laut Meinung von Malice zu viele - junge Eigenbauspieler.
"Aber es waren die Anfänge von Vincent Kompany als Trainer, er war damals nicht der Vincent Kompany, der jetzt mit Bayern großartige Erfolge einfährt. Er war noch grün als Coach, hat einfache Fehler gemacht und heißköpfige Entscheidungen getroffen", so Malice.
Die Resultate blieben auch unter der Klublegende aus, so musste Kompany im Sommer 2022 gehen, "was der größte Fehler des Klubs in den letzten Jahren war", findet Malice. In der Folgesaison landete Anderlecht auf dem historisch schlechten elften Tabellenrang.
Das wird Salzburg erwarten
Wenn du sie ihren Fußball spielen lässt, könnte es schwierig für Salzburg werden, weil sie in der Lage zu allem sind - auch dazu, 90 Minuten schlecht zu spielen.
Seither geht die sportliche Entwicklung immerhin wieder tendenziell nach oben. Die neue Anderlechter Führungsriege versucht, etwas Stabilität zurück in den Klub zu bringen. Zudem hat die Eleganz am Spielfeld nicht mehr höchste Priorität, es sind nun auch dreckige Siege erlaubt.
Dennoch wird es für den belgischen Rekordmeister ein schwieriges Unterfangen, das volle titellose Jahrzehnt noch abzuwenden.
Im belgischen Pokal hat man sich schon im Sechzehntelfinale gegen Zweitligist Beerschot verabschiedet, in der Liga weist man bereits acht Punkte Rückstand auf Tabellenführer Club Brügge auf - das ist vor allem deshalb ein Problem, weil in Belgien (so wie in Österreich) zu dieser Saison die Punkteteilung abgeschafft wurde. In der Europa League hält Anderlecht erst bei einem Sieg aus drei Spielen.
"Es steckt sehr viel Talent in der Mannschaft, aber dieses Talent weiß nicht immer, wie es zusammenspielen muss und ist nicht immer auf der richtigen Position am Feld. Die Spieler müssen ein bisschen aufwachen", analysiert Malice.
Die Chancen des FC Salzburg am Donnerstag schätzt er folgendermaßen ein: "Wenn du sie unter Druck setzt, werden sie Probleme bekommen. Die Frage ist, ob Salzburg gut genug ist, sie unter Druck zu setzen. Wenn du sie ihren Fußball spielen lässt, könnte es schwierig für Salzburg werden, weil sie in der Lage zu allem sind - auch dazu, 90 Minuten schlecht zu spielen."
Und wer weiß, vielleicht ist Anderlecht in der Zukunft ja auch mal wieder in der Lage, Titel zu gewinnen.