Als Salzburg die Bayern zerlegte

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Gerade einmal 110 Kilometer Luftlinie liegen zwischen dem Zuhause des FC Salzburg, der Red Bull Arena in Wals-Siezenheim, und der Allianz Arena des FC Bayern München.

Vor dem Duell der beiden Serienmeister aus Österreich und Deutschland am dritten Spieltag der Champions-League-Gruppenphase ist der sportliche Abstand zwischen den "Bullen" und den Bayern dafür ungemein größer.

Die Münchner kommen als vielleicht beste Klub-Mannschaft der Welt und in absoluter Top-Form am Dienstag nach Salzburg (21:00 Uhr im LIVE-Ticker, OUT OF THE BOX ab 20:45 Uhr) und gelten als klarer Favorit.

Als die Bayern allerdings letztmals den kurzen Weg über die deutsch-österreichische Grenze zurücklegten, mussten sie mit einer Schlappe die Heimreise nach München antreten. In einem Testspiel im Jänner 2014 kassierten die Bayern - heute wie damals amtierender Champions-League-Sieger - eine 0:3-Niederlage in der Mozartstadt.

LAOLA1 lässt das Spiel von vor fast sieben Jahren Revue passieren, klärt auf, warum ein gescheitertes Experiment in Salzburg Pep Guardiola lange begleitete und beschreibt den weiteren Karriere-Weg der damaligen Salzburger Sensations-Kicker.

Salzburg bis 2014 ein No-Name

Roger Schmidt (l.) und Ralf Rangnick
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Anno 2014 hatte der FC Red Bull Salzburg bei Weitem noch nicht den Ruf, den er sich aktuell erarbeitet hat. Anstelle von herausragender Nachwuchsarbeit und einem durchgängigen Pressing-Spielsystem waren die Mozartstädter in den ersten Jahren nach der Red-Bull-Übernahme vor allem für gescheiterte Star-Trainer sowie als Karriere-Endstation alternder Kicker bekannt. Auch sportlich konnte sich Salzburg seit 2005 kaum einen Namen in Europa machen.

Zwar wurden die "Bullen" von Beginn an immer wieder mal österreichischer Meister, international sorgten sie außer mit Blamagen in der Champions-League-Qualifikation sowie einer makellosen Gruppenphase in der Europa League 2009 aber kaum für Schlagzeilen. Kein Wunder also, dass die "Süddeutsche Zeitung" vor dem Testspiel der Bayern in Salzburg sich zu folgender Passage hinreißen ließ: "(...) Außerdem stand nur ein Testspiel bei RB Salzburg an, einem ambitionierten, sportlich jedoch eindeutig zweitklassigen Team aus Österreich."

Zur Saison 2012/13 wurde in Salzburg allerdings alles anders. Im Sommer 2012 übernahm überraschend Ralf Rangnick die Geschicke in der Mozartstadt, nachdem zwei Wochen zuvor Erfolgs-Trainer Ricardo Moniz gestanzt wurde. Statt holländischem Ballbesitz-Fußball kehrte deutsche Disziplin und eine zukunfsträchtige Philosophie, die sich vor allem auf die Arbeit gegen den Ball fokussierte, in die Mozartstadt ein. Rangnick brachte mit Roger Schmidt einen in Österreich zu diesem Zeitpunkt völlig unbekannten Coach aus Deutschland mit, Interims-Trainer Niko Kovac wurde schnell verabschiedet.

Rangnick stellte Verein neu auf

Rangnick krempelte als Sportdirektor nicht nur das komplette Trainer-Team, sondern gleich den ganzen Verein samt Nachwuchsausbildung um. Pressing hieß das Stichwort, wonach sich künftig der gesamte Klub ausrichten sollte. Von frühester Jugend an wurden die Salzburger Akademie-Kicker darauf gedrillt. Kicker, die nicht ins Profil passten, mussten den Verein verlassen. So ließen die "Bullen" 2013 etwa das hochgejubelte kroatische Talent Ante Coric völlig überraschend zurück nach Zagreb ziehen, weil sich der damals 16-Jährige als selbsternannter Spielmacher im neuen System nicht wohlfühlte und die Arbeit gegen den Ball nicht zu seinen Stärken zählte. Mittlerweile kickt das einstige Wunderkind bei VVV Venlo in Holland.

Um den Systemumschwung so schnell wie möglich umzusetzen, ging Rangnick im Sommer 2012 auf große Shoppingtour und nahm dabei ordentlich viel Geld in die Hand. Für Sadio Mane, Kevin Kampl, Havard Nielsen, Valon Berisha, Isaac Vorsah, Zymer Bytyqi und Bright Edomwonyi machte Didi Mateschitz über 15 Millionen Euro locker. Auffallend dabei: Bis auf Rangnick-Ziehsohn Vorsah waren alle Neuzugänge auf der großen Fußballbühne bis dahin gänzlich unbekannt und unter 21 Jahre alt. Alternde Stars wie Stefan Maierhofer oder Mendes da Silva wurden schnellstmöglich abgegeben.

Der neu entdeckte "Jugendwahn" zahlte sich zunächst noch nicht aus, im Jahr 2013 verpassten die "Bullen" die Meisterschaft und mussten mit der Wiener Austria zum bis heute letzten Mal in der Bundesliga einem anderen Team den Vortritt lassen. Im Schmidtschen 4-4-2 steigerte sich die Pressingintensität zur Saison 2013/14 aber auf ein bis heute nicht erreichtes Niveau und die "Bullen" überrannten einen Gegner nach dem anderen. Mit erneut sechs Siegen aus sechs Gruppenspielen überwinterten die Mozartstädter in der Europa League und luden unter anderem zur Vorbereitung auf den Sechzehntelfinal-Kracher gegen Ajax Amsterdam - die Holländer erlebten nur wenige Wochen später ihr blaues "Bullen"-Wunder - am 18. Jänner 2014 den großen FC Bayern zum Testspiel nach Wals-Siezenheim ein.

Guardiola: "Habe noch nie gegen so ein intensives Team gespielt"

Sadio Mane (M.) spielte sich ins Rampenlicht
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Salzburg verstand den Anpfiff vor vollem Haus in der Red Bull Arena als Signal zur Attacke. Die "Bullen" pressten gegen überrumpelte Bayern wie verrückt an, die Münchner wirkten völlig überrascht vom Salzburger Forechecking und konnten sich zu keinem Zeitpunkt davon befreien.

"Ich habe in meiner Karriere noch nie gegen eine Mannschaft gespielt, die mit so einer hohen Intensität gespielt hat wie Red Bull Salzburg", sagte Pep Guardiola - damals in seinem ersten Vertragsjahr bei den Bayern - nach der Partie. Schnell ging Salzburg in Führung, nach einem Ballgewinn an der Mittellinie schalteten die "Bullen" im Schnellgang um: Über Sadio Mane und Christoph Leitgeb kam die Kugel zu Kevin Kampl, der sich einmal um die eigene Achse drehte und Mane in die Gasse zwischen Dante und Javi Martinez schickte. Der schnelle Senegalese war nach 13 Minuten auf und davon und überwand Manuel Neuer mit einem Linksschuss.

Nur sechs Minuten später wiederholte sich die Situation: Mane war diesmal nach einem Ilsanker-Schupfer von Dante nicht mehr einzuholen und der Brasilianer musste sich eines Fouls am damals noch international völlig unbekannten Mane behelfen. Der fällige Strafstoß war natürlich die Angelegenheit für Jonatan Soriano, die katalanische Salzburg-Legende vollendete eiskalt. Noch vor der Pause gelang den Salzburgern sogar das 3:0. Wieder war es Mane, der die hochklassig besetzte Bayern-Abwehr schlecht aussehen ließ.

Der damals 21-Jährige überdribbelte auf links Jerome Boateng, brachte die Flanke zur Mitte und der gerade erst von der SV Ried in die Mozartstadt gewechselte Robert Zulj nahm den Ball in Minute 44 per Direktabnahme - Tor. Auch im zweiten Durchgang war Salzburg trotz einiger Wechsel gegen die Bayern spielbestimmend und hätte nach einem Foul von Boateng an Florian Klein auf 4:0 stellen können, doch Kampl vergab vom Punkt gegen Neuer, zudem scheiterte Mane mit einem Kopfball an die Latte.

Mane und Co. ließen Pep-Experiment scheitern

Für die Bayern, für die die Partie in Salzburg die letzte vor dem Bundesliga-Restart gegen Borussia Mönchengladbach darstellte, ging an jenem Samstag-Nachmittag vor fast sieben Jahren nicht nur die Generalprobe für den Frühjahrsauftakt daneben. Guardiola, der am Tag des Testspiels seinen 43. Geburtstag feierte und gleichzeitig seine bis zu diesem Zeitpunkt höchste Niederlage als Coach der Bayern hinnehmen musste, wollte gegen Salzburg eine neue taktische Formation für den Ernstfall proben: Die Dreierkette.

Der Katalane ließ den deutschen Rekordmeister im Winter-Trainingslager in Doha 2014 das 3-4-3 trainieren, der heutige Manchester-City-Trainer erhoffte sich durch den extra Spieler im Mittelfeld noch mehr Dominanz im Ballbesitz - doch die Salzburger zeigten dem Weltklasse-Coach schnell die Grenzen des Systems auf. Defensiv agierte die damals aus den besten drei Innenverteidigern im Kader gebildete Dreierkette inferior, gegen die schnellen Salzburger wirkten Martinez, Dante und selbst der einst so sprintstarke Boateng völlig überfordert.

Auch Guardiola musste schnell einsehen, dass dieses Experiment gescheitert war. Schon nach 25 Minuten stellte der Katalane wieder auf Viererkette um und beließ es dabei auch fast bis zum Rest der Saison. Erst im DFB-Pokal-Finale 2014 gegen Borussia Dortmund kam die Dreierkette wieder zum Einsatz - und die Bayern blieben beim 2:0-Sieg nach Verlängerung sogar ohne Gegentor.

Erst zur Saison 2014/15 traute sich Guardiola wieder ernsthaft an die Dreierkette ran, bildete unter anderem erstmals David Alaba zum Innenverteidiger um und griff häufiger und meist mit Erfolg zu einem 3-5-2-System. Eine Woche nach der Niederlage in Salzburg, nachdem die Bayern Borussia Mönchengladbach zum Start ins Frühjahr 2014 mit 2:0 besiegen konnten, bedankte sich Guardiola bei den "Bullen". "Wir haben aus der großen, großen Niederlage unsere Lehren gezogen. Deshalb haben wir heute gegen einen unglaublichen Gegner gut gespielt. Ich freue mich über unsere starke Leistung", sagte der Katalane damals. Noch in der gleichen Saison führte der heute 49-Jährige die Bayern zum Double aus Pokal und Meisterschaft sowie ins Halbfinale der Champions League.

Was wurde aus Soriano, Mane, Kampl und Co.?

Diese RBS-Elf (kranker Alan fehlt) sorgte 2014 für Furore

Mittlerweile ist Guardiola bei den Bayern aber längst Geschichte, und auch bei Salzburg blieb seither kaum ein Stein auf dem anderen. Erfolgscoach Roger Schmidt verließ die Mozartstadt nach Saisonende Richtung Bayer Leverkusen und ist mittlerweile in Holland bei PSV Eindhoven engagiert, Ralf Rangnicks Abgang folgte ein Jahr später. Der "Fußballprofessor" kümmerte sich ab 2015 vor allem um seinen Job in Leipzig und ist seit diesem Sommer auf der Suche nach einer neuen Aufgabe.

Am Spielersektor machte zu dieser Zeit vor allem das "magische Viereck" in der Offensive der Salzburger auf sich aufmerksam. Der absolute Schlüsselspieler hieß damals Jonatan Soriano. "El Capitan" kam 2012 aus der zweiten Mannschaft des FC Barcelona in die Mozartstadt und machte sich mit 174 Treffern für die "Bullen" sowie einer unglaublichen Ausstrahlung in Salzburg legendär. 2017 wechselte Soriano um 15 Millionen Euro nach China, nach Stationen in Saudi-Arabien und zuletzt in der zweiten spanischen Liga ist der heute 35-Jährige mittlerweile vereinslos.

Anstelle des gegen die Bayern krankheitsbedingt ausgefallenen Sturm-Partners von Soriano Alan, der Salzburg bereits 2015 ebenfalls mit dem Ziel China den Rücken kehrte, nahm Robert Zulj am 18. Jänner 2014 die zweite Position im Sturm ein. Der damals 21-jährige Oberösterreicher konnte sich in Salzburg aber trotz des Traumstarts gegen die Bayern mit einem schönen Volley-Tor nie richtig behaupten und musste die Mozartstadt nach nur einem halben Jahr schon wieder in Richtung zweite deutsche Bundesliga verlassen, wo der 28-Jährige nach einem kurzen Bundesliga-Intermezzo noch heute kickt. Hinter den Spitzen nahmen Kevin Kampl und Sadio Mane die Halbpositionen am Flügel ein. Kampl wechselte 2015 zu Borussia Dortmund, konnte dort aber ebenso wenig seine enormen Qualitäten am Ball präsentieren wie bei seinem Jugendklub Bayer Leverkusen. Mittlerweile ist der Slowene eine Schlüsselfigur bei RB Leipzig. Mane zählt indes aktuell zu den besten Spielern weltweit. Nach einem unrühmlichen Abgang aus Salzburg im Sommer 2014 kam der Senegalese 2016 über die Zwischenstation Southampton beim FC Liverpool unter und gewann mit den "Reds" 2019 die Champions League.

Nur zwei Salzburger sind noch dabei

Die beiden "Arbeiter-Positionen" im Mittelfeld gehörten 2013/14 Christoph Leitgeb und Stefan Ilsanker. Leitgeb, der als der kreativere der beiden galt und die Schnittstelle zwischen Defensive und Offensive darstellte, kickte bis 2019 in Salzburg, kehrte für ein Jahr zu seinem Jugendklub Sturm Graz zurück und hat mittlerweile die Schuhe an den Nagel gehängt. Weit vom Karriereende entfernt ist Ilsanker, der nach viereinhalb Jahren in Leipzig, wohin er 2015 wechselte, mittlerweile bei Eintracht Frankfurt den Sechser gibt und sowohl in der deutschen Bundesliga als auch im Nationalteam eine gewichtige Rolle einnimmt.

Einer von Ilsankers Team-Kameraden in Frankfurt ist der in Salzburg ausgebildete Martin Hinteregger, der schon als damals 21-Jähriger ein unglaublich hohes Niveau in seinem Spiel zeigte und mittlerweile zu einem der besten Innenverteidiger der deutschen Bundesliga zählt. Auf rechts verteidigte mit Christian Schwegler einer der wenigen Kicker, die vor der Rangnick-Ära verpflichtet wurden. Der Schweizer zog 2017 nach acht Jahren aus Österreich ab, um zum FC Luzern zurückzukehren, für den der 36-Jährige noch heute aktiv ist. Im Tor war Peter Gulacsi die Nummer eins. Der von Liverpool gekommene Ungar wagte 2015 den Sprung zu RB Leipzig und wird mittlerweile als einer der besten Keeper Deutschlands angesehen.

Von den eingewechselten Spielern sind vor allem Valon Berisha, der etwas später zur Salzburger Schlüsselfigur avancierte und mittlerweile in Frankreich kickt, sowie Valentino Lazaro relevant. Letzterer war beim Testmatch gegen die Bayern gerade Mal 17 Jahre alt und wurde als Wunderkind gefeiert. Diesem Aspruch konnte der 24-jährige ÖFB-Teamspieler bis jetzt noch nicht zu 100 Prozent gerecht werden. Nach Stationen in Deutschland, Italien und England schloss sich Lazaro zu dieser Saison leihweise Borussia Mönchengladbach an, wo er sich aktuell von einer Verletzung zurückkämpft. Witziges Detail am Rande: Rapid-Goalgetter Taxiarchis Fountas bekam gegen die Bayern einen seiner wenigen Einsätze im Salzburg-Trikot - und zwar für wenige Minuten als Außenverteidiger.

Die einzigen beiden Salzburger, die 2014 in der Startelf gegen die Bayern standen und dies auch sehr wahrscheinlich am Dienstag tun werden, heißen Andre Ramalho und Andreas Ulmer. Während Ramalho Salzburg zwischenzeitlich Richtung Deutschland verließ und seit seiner Rückkehr 2018 den Abwehrchef der "Bullen" gibt, hat Ulmer seit seinem Wechel aus Ried im Winter 2009 nie bei einem anderen Verein als Salzburg gekickt. Der seit Samstag 35-Jährige hat sich mittlerweile die Kapitänsschleife erarbeitet, auf der Linksverteidiger-Position ist der ÖFB-Teamspieler auch im höheren Fußballer-Alter unverzichtbar.

Alaba warnt vor Salzburg

Gleich fünf Spieler der Bayern von 2014 könnten auch 2020 wieder dabei sein

Etwas mehr Konstanz hat es in den letzten sieben Jahren bei den Bayern gegeben. Gleich fünf Spieler aus der damaligen Startelf stehen noch heute beim deutschen Rekordmeister unter Vertrag. Manuel Neuer, Javi Martinez, Jerome Boateng, Thomas Müller und natürlich David Alaba gelten am Dienstag - bis auf Martinez - als heiße Startelf-Kandidaten bei den Münchnern, die sich wohl kein zweites Mal in der Mozartstadt überraschen lassen werden. "Sie sind ein gefährlicher Außenseiter, eine Mannschaft, die alles andere als zu unterschätzen ist. Ich verfolge diesen Klub seit Jahren, sie spielen seit langer Zeit sehr guten Fußball und ziehen ihre Linie durch. Uns ist bewusst, dass wir zu 100 Prozent vorbereitet und konzentriert sein müssen", warnt etwa Alaba vor Salzburg.

Der 28-Jährige muss es ja wissen. In der Red Bull Arena ist Alaba nämlich schon einmal sprichwörtlich von den "Bullen" überrannt worden.

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang »

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