Joao Victor - "Am Anfang war er halt nur schnell"

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Von der 2. Liga über die Bundesliga in die deutsche Bundesliga zum VfL Wolfsburg - Joao Victor hat in Österreich eine wahre Bilderbuch-Karriere hingelegt.

Die Freude beim LASK über die Transfer-Einnahmen ist groß, doch auch beim Kapfenberger SV ist man stolz auf die Entwicklung des Flügelflitzers.

Kurt Russ, damals wie heute Trainer der Obersteirer, erinnert sich bei LAOLA1: "Dass er es in die deutsche Bundesliga schaffen wird, habe ich auch nicht geahnt. Aber ich war felsenfest überzeugt, dass er in Österreich überall spielen kann. Es sind Vereine an ihm dran gewesen, die das eben nicht so geglaubt haben, die sich jetzt sicher ein bisschen in den Hintern beißen werden."

Denn es sei nicht so gewesen, dass der KSV seinen Spieler nicht angeboten hätte: "Wir haben ihn überall angetragen, weil wir mit ihm Geld verdienen wollten, aber eigentlich haben alle geglaubt, dass es sich nicht ausgehen wird. Eigentlich haben nur wir gesagt: Er schafft es sicher."

Russ wollte Joao Victor nach Mattersburg holen

Der LASK hat sich im Sommer 2017 - trotz Dopingsperre - drübergetraut und wurde erst sportlich und nun finanziell dafür belohnt.

Russ, zwischenzeitlich als Co-Trainer beim SV Mattersburg aktiv, leistete im Burgenland vergeblich Lobbying-Arbeit: "Als ich nach Mattersburg gekommen bin, habe ich gesagt: 'Den müssen wir unbedingt holen, der kann uns helfen.' Leider sind sie mit der Ablöse nicht zusammengekommen. In meinen Augen hat man damals schon gesehen, dass er nicht zum Aufhalten sein wird."

Aller Anfang war jedoch schwer, was vielleicht auch die Skepsis mancherorts begründet. Eingefädelt hat das Engagement in Kapfenberg der damalige Sportdirektor Herbert Wieger auf Vermittlung eines Beraters, der immer wieder Spieler aus Brasilien zum Probetraining gebracht hat.

"Der Spieler ist drei, vier Tage da und du musst entscheiden: Entweder du nimmst ihn oder er fährt woanders hin", erinnert sich Russ, der Joao Victor anfangs nur sporadisch in der Kampfmannschaft einsetzte und ihm eher in der zweiten Mannschaft zu Spielpraxis verhalf.

Die menschlichen Qualitäten

"Er war körperlich noch nicht so weit. Du hast gesehen, dass er technisch gut und schnell ist. Du konntest ihn jedoch nicht gleich in die Erste tun, sondern hast ihn erst einmal aufbauen müssen. Aber: Du hast das Talent gesehen - und das ist ja das Wichtigste."

"Joao Victor ist auch sehr stolz, dass er in Kapfenberg im Prinzip alles gelernt hat - denn als er gekommen ist, war er halt nur schnell."

Kurt Russ

Zwei Brasilianer waren es, die 2015 in Kapfenberg anheuerten. Schon vor Joao Victor kam Jorge Elias, der in 47 Zweitliga-Spielen 23 Tore schießen sollte, aber anfangs ebenfalls eher ein Projekt war.

"Elias hatte Übergewicht auch noch, aber bei ihm war es anders. Er war ein richtiger Mittelstürmer und ein bisschen lauffaul, deswegen hatte er auch Übergewicht", schmunzelt Russ und betont: "Beide mussten sehr viel in die körperliche Arbeit investieren."

Arbeit, die sich bekanntlich ausgezahlt hat. Unter Oliver Glasner, der ihn jetzt mit nach Wolfsburg nimmt, hat die Offensivkraft den nächsten großen Sprung gemacht. Russ schwärmt nicht nur von der Entwicklung seines ehemaligen Schützlings, sondern auch von dessen menschlichen Qualitäten:

"Immer, wenn wir uns sehen, ist es ein schönes Wiedersehen, weil er komplett am Boden geblieben ist. Unser Masseur Thomas Kern hat noch viel Kontakt und auch immer wieder Freikarten gekriegt. Joao Victor ist auch sehr stolz, dass er in Kapfenberg im Prinzip alles gelernt hat - denn als er gekommen ist, war er halt nur schnell."

Der nächste Rohdiamant

Rohdiamanten zu schleifen, zählt zu den Hauptaufgaben des KSV, der sich als Sprungbrett in höhere Ligen positioniert. Mit dem 18-jährigen Thomas Sabitzer könnten in diesem Transfer-Sommer Einnahmen generiert werden (Transfer-Aktie Sabitzer).

Mit Paul Mensah wiederum steht ein Spieler im aktuellen Kader, dessen Werdegang an Joao Victor erinnert. Für den 19-Jährigen aus Ghana ist der KSV die erste Station in Europa, Russ strich schon im Sommer dessen Potenzial hervor ("Solche Spieler sucht Österreich").

Besagter Diamant ist jedoch noch nicht fertig geschliffen, auch wenn der KSV-Trainer spekuliert: "In einer noch besseren Mannschaft, als wir sie haben, würde er sich vielleicht leichter tun, weil er noch freier ist und mit seiner Schnelligkeit und seiner sensationellen Technik am Ball vielleicht noch mehr zur Geltung kommt als bei uns. Bei uns ist es ja so, dass wir nicht die weltbesten Fußballer haben. Aber wir haben Fußballer mit sehr viel Herz und Leidenschaft."

Ein Umfeld, das zur Eingewöhnung in einer fremden Kultur vielleicht nicht das schlechteste ist. Sechs Tore und fünf Assists hat Mensah in dieser Saison bislang zu Buche stehen. Ein wenig würde er dennoch noch brauchen.

Mensah "steht kurz davor, dass er explodiert"

Aktuell würde jedoch der taktische Reifeprozess Zeit in Anspruch nehmen: "Das ist eine Umstellung. Bei uns muss er taktisch auch etwas machen, dadurch hat er das, was ihn auszeichnet, den Instinktfußball, ein bisschen verloren. Das ist aber ganz normal, wenn du an deine taktischen Aufgaben denken musst. Aber du siehst trotzdem: Wenn er in die Tiefe geht, ist er ein Riesen-Fußballer. Vor dem Tor muss er noch ein bisschen ruhiger werden. Diese Sicherheit kommt mit den Trainings und Spielen. Ich glaube, dass er nächstes Jahr ganz stark wird."

Früher oder später sollten sich taktisches Verständnis und Instinkt perfekt ergänzen. In manchen Spielen sei Mensah schon jetzt sensationell, weshalb Russ glaubt:

"Er steht kurz davor, dass er explodiert. Ein paar Tore gehen ihm halt ab, damit er für andere Vereine noch interessanter wird. Er hat sicher ein großes Potenzial, aber das müssen wir selbst noch mehr wecken, denn ich glaube, dass er noch mehr kann."

Wie einst Joao Victor passt nun auch Paul Mensah in die Kapfenberger Strategie, Experimente mit Perspektivspielern zu wagen: "Wir haben uns gesagt, wir holen uns immer ein, zwei Spieler, von denen wir glauben, dass wir sie entwickeln und dann auch ein bisschen Geld verdienen können. Und das ist für beide Seiten gut - die Spieler kommen in andere Sphären und können super leben, und der KSV verdient ein bisschen etwas daran."

Textquelle: © LAOLA1.at

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