Kommentar: Flieg, Yusuf Demir, flieg!

Kommentar: Flieg, Yusuf Demir, flieg! Foto: © GEPA
 

Flieg, Vögelchen, flieg.

Irgendwann ist für Küken die Zeit gekommen, das gut behütete Nest zu verlassen, die Flügel zu spreizen und die Welt samt seiner Freiheiten zu erobern.

Die Tier-Welt ist schon etwas Beeindruckendes. Ehe man sich versieht, werden die Nachkommen flügge, machen ihre eigenen Erfahrungen und müssen sich auch gebremst durch Hindernisse in der Luft halten können. Wenn nicht komplett flügellahm, steht ihnen der Horizont offen.

Bei Fußballern ist das ein wenig anders. Das nötige Talent, der Einsatz, Wille und Mut entscheiden darüber, in welche Bahnen die Karriere gelenkt wird. Es obliegt aber schlussendlich dem zuständigen Verein, den richtigen Zeitpunkt zu wählen, um ihre "Küken" ins kalte Wasser zu werfen.

Bei Yusuf Demir steht der SK Rapid gerade vor dieser Zerreißprobe. Das 17-jährige, mit Vorschusslorbeeren überhäufte Super-Talent bringt alles mit, um unter schwierigen Umständen das Schwimmen zu erlernen, darf dies bisher aber viel zu wenig und wird stattdessen mit Schwimmreifen und -flügerln geschützt und in Watte gepackt. Die Verantwortlichen sind darauf bedacht, den von den größten Klubs Europas – von Barcelona, Real, bis hin zu Bayern und Manchester United - gejagten Rohdiamanten nicht zu verheizen, behutsam aufzubauen und ihm die jugendliche Leichtigkeit nicht zu nehmen.

Kein ausgereifter Spieler, aber wer erwartet das schon?

Nur 670 Minuten in 22 Pflichtspielen stehen zu Buche, und das, obwohl vor Meisterschaftsbeginn angenommen wurde, dass die Schonphase vorbei ist und Demir Rapids Saison prägen wird. Trotzdem trug sich der Youngster schon sechs Mal in die Torschützenliste ein, nicht nur seit seinem Traumtor beim späten Sieg gegen Ried schwärmen alle von seinem "Goldfuß". Der grün-weiße Eigenbauspieler bringt Fähigkeiten mit, die in dieser Form selten zu bestaunen sind, er ist kaum vom Ball zu trennen, strahlt stets Torgefahr aus und bringt einen Spirit ins Team, der allen zeigt "Ich mache euch besser".

Demir ist kein ausgereifter Spieler, das mag schon stimmen – das kann man in seinem Alter auch noch nicht erwarten. Hört man sich bei seinem Förderer und Ex-Talentemanager Steffen Hofmann, Nachwuchsleiter Willi Schuldes oder anderen Wegbegleitern um, ist er jedoch der Erste, der lernbegierig ist und sich nicht auf sein vielversprechendes Talent verlässt.

Rapid muss Schalter bei Demir umlegen

Körperliche Defizite gleicht er mit spielerischen Geniestreichen aus, verbesserungswürdiges Defensiv- und Pressingverhalten mit unerwarteten Aktionen im Aufbauspiel, zudem hat er das Auge für die Mitspieler und ist kaum vom Ball zu trennen. Als Joker ist er unverzichtbar, seine ausbaufähigen Leistungen, wenn er mal von Beginn an ran darf, werden sich durch das Vertrauen und mehr Startelf-Einsätze auch zum Positiven entwickeln.

Demirs Traumtor gegen Ried im VIDEO:
(Text wird unter dem Video fortgesetzt)

Deshalb wäre es für Rapid an der Zeit, den Schalter umzulegen und die Qualitäten Demirs bis zum letzten Tropfen auszukosten – so lange es noch geht. Dabei muss über kleine Defizite hinweggesehen, müssen diese im Team kompensiert werden, um Demir die nötigen Freiheiten zu geben, sein Können auf den Platz zu bringen. Dass "der Junge noch viel lernen muss", wie es Trainer Didi Kühbauer immer betont, um dessen Nicht-Berücksichtigung zu rechtfertigen, steht dabei ja außer Frage. Kritik oder Verbesserungsvorschläge können dabei aber für einen weiteren Leistungsschub sorgen, es allen beweisen zu wollen – sofern diese intern bleiben und der Spieler nicht wie Salzburgs Karim Adeyemi von Jesse Marsch öffentlich an den Pranger gestellt wird.

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Fingerspitzengefühl ist im Umgang mit jungen Talenten immer gefragt. Doch Demir wirkt trotz seines jungen Alters aufgrund der Rückendeckung seitens des Vereins, der Familie und seines Beraterteams so gefestigt, um den nächsten Schritt zu wagen. "Er will einfach nur Fußball spielen. Und das kann er sehr gut", meinte Schuldes mal bei LAOLA1.

Wann soll Demir Rapid Freude bereiten, wenn nicht jetzt?

Und auch Hofmann wusste damals nicht, wie oft man einen Spieler wie Demir bekommt. Auch ein Veli Kavlak, den Demir als jüngsten Rapidler mit einem Bundesliga-Einsatz ablöste, lernte schon in diesem Alter, sich dauerhaft durchzusetzen, bei Borussia Dortmund wird mit Youssoufa Moukoko ein erst 16-Jähriger forciert und bei Salzburg wird die Maschinerie in diesem Alter ebenfalls hochgefahren.

Deshalb ist es an der Zeit, denn nur die wenigsten können sich trotz stufenweisen Aufbaus und Karriereplan bei Rapid vorstellen, dass der ÖFB-U21-Teamspieler über den Sommer hinaus ein Grün-Weißer bleibt – oder wie Schuldes meinte: "Demir ist nicht aufzuhalten."

Dass man dem Spieler Gutes tun will, spricht für Rapid.

In dieser Hinsicht ist jedoch auch ein bisschen Egoismus gefordert. Denn wann soll Demir Rapid noch Freude bereiten, wenn nicht jetzt? Die Zukunft wird er in einer europäischen Top-Liga bestreiten, das steht außer Frage – wann auch immer das sein mag. Nun geht es für Rapid aber darum, mit Einsätzen nicht nur seinen Marktwert zu steigern, um sich finanziell zu sanieren, sondern auch noch sportlich die Früchte der jahrelangen Aufbauarbeit zu ernten und den Fans jenen jungen Mann nicht vorzuenthalten, der vielleicht bald bei Barcelona, Real, Bayern oder sonst wo auf Titeljagd geht.

Die Zeit ist gekommen: Flieg, Demir, flieg!

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang »

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