ÖSV-Skispringer: "Friss oder stirb" war einmal

 

Der Weltcup-Auftakt der Skispringer am Wochenende in Wisla ist in vielerlei Hinsicht anders. Es ist nicht nur der Startschuss in eine Saison im Bann der Corona-Pandemie, die überwiegend ohne Zuschauer stattfinden wird, bei Österreichs Skispringern beginnt auch die Ära von Cheftrainer Andreas Widhölzl.

Der Team-Olympiasieger von 2006 ist nach dem Rücktritt von Andreas Felder zum "Oberadler" im ÖSV aufgestiegen. Zuvor war "Swider" schon Co-Trainer von Alexander Pointner und Heinz Kuttin sowie Chef des Kontinentalcup-Teams.

"Ich freue mich auf den Auftakt. Wir haben alles getan, was möglich war, es wird spannend", sagt Widhölzl. Der 44-Jährige sieht in seiner neuen Tätigkeit "viel Verantwortung", besonders wichtig ist ihm eine gute Stimmung im Team.

"Nachdem wir sehr viele Tage im Jahr zusammen unterwegs sind fällt es leichter, wenn man sich gut versteht. Das macht das Arbeiten einfacher. Erzwingen kann man es so und so nicht, aber ich finde, dass die Mannschaft sehr gut zusammengewachsen ist, das war mir schon wichtig", sagt der Cheftrainer.

Widhölzl: "Es wird keinem der Kopf abgerissen"

Widhölzl, ein diplomierter Sozialpädagoge, tritt für offene Kommunikation und direktes Ansprechen von auftretenden Problemen ein.

"Jeder hat die Freiheit, zum Trainerteam zu kommen und Sachen anzusprechen, die vielleicht nicht so fein sind, dadurch werden Probleme schneller gelöst. Ich spreche ja auch die Sachen an, die mir nicht so taugen. Mir war wichtig, das Positive zu stärken, die Stärken der Athleten zu forcieren und die Baustellen übers Jahr hin anzugehen. Es ist eine Dynamik entstanden, die positiv ist. Und es ist auch dann eine gute Stimmung, wenn es auf der Schanze nicht ganz so gut läuft", sagt der Tiroler aus Fieberbrunn, der inzwischen mit seiner Familie (drei Kinder) in Mieming lebt.

Das Leben habe schließlich mehr Facetten als nur das Skispringen.

"Damals gab es die Friss-oder-stirb-Taktik vom Trainer: Entweder du machst das oder du hast ein Problem. Das will ich nicht, denn die Athleten bringen die Leistungen, ich bin der Wegbegleiter und unterstütze sie, damit sie erfolgreich sind. Wenn es ihnen gut geht, geht es mir auch gut."

Widhölzl über seine Rolle als Trainer

Widhölzl betont, dass bei Kritik "keinem der Kopf abgerissen wird". Zu seiner aktiven Zeit sei das Verhältnis zwischen Trainer und Athleten nicht immer so harmonisch gewesen.

"Damals gab es die Friss-oder-stirb-Taktik vom Trainer: Entweder du machst das oder du hast ein Problem. Das will ich nicht, denn die Athleten bringen die Leistungen, ich bin der Wegbegleiter und unterstütze sie, damit sie erfolgreich sind. Wenn es ihnen gut geht, geht es mir auch gut und das ist mir einfach wichtig."

Die gute Stimmung bei den ÖSV-Adlern wird auch von allen Springern hervorgehoben. Stefan Kraft kennt Widhölzl schon lange und weiß um seine Kompetenzen: "Er ist sehr lustig und unkompliziert. Man kann gut mit ihm reden, er hält das Team super zusammen. Es ist ein sehr schönes Miteinander und ich glaube, das ist heuer noch einmal wichtiger, wenn wir so viel unterwegs sind und nur in unserem kleinen Kreis bleiben dürfen."

Zudem sei Widhölzl bei Sprungtechnik und Material "up to date". "Er kennt sich in diesem Bereich super aus, das ist ganz wichtig", merkt der zweifache Gewinner des Gesamtweltcups an.

Michael Hayböck schlägt in die gleiche Kerbe. "Wir sind alle sehr happy, wie es mit Swider läuft. Wir kennen uns ja schon lange, der Unterschied ist nur, dass er jetzt der ist, der sagt, wo es lang geht. Er hat von Anfang an gesagt, dass er keiner ist, der irgendwo auf Fehlern rumreitet und in die Wunde reindrückt. Für ihn ist das Wichtigste, das man seine Stärken nicht vergisst und diese auch weiterentwickelt. Dieser Ansatz taugt mir irsinnig. Es ist sehr harmonisch, wir verstehen uns alle blendend und haben eine Gaudi", erzählt der Oberösterreicher.

VIDEO - Das sagen die ÖSV-Springer über Trainer Andreas Widhölzl:

(Text wird unter dem Video fortgesetzt)

Wo steht das ÖSV-Team im Vergleich zur Konkurrenz?

Eine "Gaudi" wollen Österreichs Skispringer natürlich nicht nur abseits sondern auch auf der Schanze haben. Beim Auftakt in Wisla, wo nach der Qualifikation am Freitag am Samstag ein Teambewerb und am Sonntag ein Einzelbewerb am Programm stehen, bilden neben Kraft und Hayböck zudem noch Philipp Aschenwald, Jan Hörl, Daniel Huber und Gregor Schlierenzauer das ÖSV-Team.

Dieses Sextett soll die ersten drei Stationen in einer vom Weltcup-Tross gebildeten "Blase" absolvieren. Nach der Rückkehr aus Polen geht es mit Charterflügen nach Ruka (FIN), von dort weiter nach Nizhny Tagil (RUS) und dann in die slowenische Hauptstadt Ljubljana und von dort zur Skiflug-WM in Planica.

Vergleiche mit der Konkurrenz gab es mit Ausnahme eines Sommer-GP-Bewerbs nicht, für den Coach ist es daher schwierig, den Leistungsstand seines Teams einzuschätzen. Die Athleten bräuchten Zeit, in den Wettkampf-Rhythmus zu finden.

Schlierenzauer, mit 53 Siegen erfolgreichste Springer im Weltcup, - Kraft hält mittlerweile bei 21 Erfolgen - erwartet "die üblichen Verdächtigen" vorne. Also neben seinen Teamkollegen die Polen mit Kamil Stoch und Dawid Kubacki, den Japaner Ryoyu Kobayashi, die Norweger, Slowenen sowie die Deutschen Karl Geiger (Weltcup-Zweiter) und den im Sommer starken Markus Eisenbichler (Weltmeister 2019).

"Wundertüte" Kraft mit hohen Zielen

Bei den ÖSV-Adlern liegen die größten Hoffnungen einmal mehr auf Stefan Kraft. Der Salzburger tritt nach seinem zweiten Gesamtsieg als Titelverteidiger an, doch der 27-Jährige sieht sich wegen Rücken-Problemen beim Start in Polen selbst als "Wundertüte". Die Ziele in der Saison mit Skiflug- und Nordischer WM hat er dennoch hoch gesteckt.

Der zweifache Gesamtsieger Schlierenzauer will sich der Spitze weiter annähern und sieht sich begleitet von Widhölzl und seinem Berater Werner Schuster auf gutem Weg. Dieser sei jedoch steinig. Aber auch nach sechs Jahren ohne Podestplatz ist die Motivation des 30-Jährigen groß. "Es ist nach wie vor sehr erfüllend für mich, ich will mich wieder zurückbeißen nach oben. Das ist nicht einfach, aber eine tolle Herausforderung für meine Geschichte, meine Karriere, aber auch als Mensch."

Als 29. ÖSV-Skispringer möchte sich in dem an Großereignissen reichen Winter der Tiroler Philipp Aschenwald in die Weltcup-Siegerliste eintragen. "Ein Einzelsieg im Weltcup ist mein erklärtes Ziel", betont der 25-jährige Zillertaler, der zur Nummer 2 im Team avanciert ist. Mit je einem zweiten und dritten Platz als besten Resultaten war er zuletzt Gesamt-Zehnter.

Einen Aufwärtstrend verzeichnete auch der fünffache Sieger Michael Hayböck. "Es ist noch ein breiter Weg zu regelmäßigen Top-Ten-Plätzen, aber ich traue es mir zu", erklärt der Zimmerkollege von Kraft. Nach versuchten Wechseln bei Trainingslagern bleibt im Winter bei der Zimmereinteilung doch alles beim alten. "Wir sind einfach sehr gut zusammengewachsen", sagt Hayböck, der seit Ende August im eigenen Haus in Rif nahe der Trainingsstätte wohnt.

Daniel Huber legte sein Augenmerk auf mehr Konstanz und Stabilität der Sprünge. "Das soll mir zu mehr Punkten und Top-Ten-Plätzen verhelfen", meint der Salzburger. Sein Landsmann Jan Hörl glaubt aus der Erfahrung des vergangenen Winters, als er nach dem dritten Platz in Engelberg "alles zerreißen" wollte und in ein Tief schlitterte, gelernt zu haben.

Mit der von der FIS verordneten Materialänderung hin zu reglementierten Keilen, die hinten in die Sprungstiefel gesteckt werden, hatte der 22-Jährige mehr Probleme als seine Teamkollegen. Vor dem Auftakt gibt er sich aber zuversichtlich. "Ich brauche mich auf keinen Fall zu verstecken, ich fahre mit gutem Gefühl nach Wisla."

Textquelle: © LAOLA1.at/APA

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