Fehlende Werte? Kraft macht’s wie Kasai

 

Stefan Kraft trägt die große Last auf seinen Schultern, Österreichs bester Skispringer der Gegenwart zu sein. Dementsprechend hoch sind die Erwartungen vor der am Wochenende im polnischen Wisla beginnenden Weltcup-Saison.

Der spezielle Corona-Winter hält mit der Skiflug-WM in Planica (10. bis 13. Dezember), Vierschanzen-Tournee (Auftakt am 28./29.12. in Oberstdorf) und der Nordischen WM in Oberstdorf (23.2. bis 7.3.) gleich drei Highlights parat.

Diese Last war es aber nicht, die dem Rücken des zweifachen Gesamtweltcup-Siegers in den letzten Monaten hart zusetzte. Im Sommer ist es ihm mehrmals im Rücken "eingeschossen", erzählt Kraft und spricht von einer "harten Zeit".

"Fast nicht geschafft, die Socken anzuziehen"

"Es ist mir im vergangenen Winter schon einmal passiert, da ist es mir in Zakopane im Rücken eingeschossen. Da habe ich es fast nicht mehr geschafft, mir die Socken selber anzuziehen. Wir haben das dann mit einer Spritze wieder hingebracht, aber jetzt ist mir das gleiche beim Trainingskurs in Villach, einmal beim Springen in Ramsau und einmal in der Kraftkammer passiert. Bei den österreichischen Meisterschaften ist es mir dann wieder eingeschossen“, schildert Kraft.

Als Ursache wurde eine Überbelastung ausgemacht. Durch eine zu hohe Spannung der Muskulatur drückt es einen Nerv im Rücken ab, was die Schmerzen verursacht.

Die Folge: Der Salzburger musste das Krafttraining zurückschrauben und hat in der Saison-Vorbereitung 200 bis 300 Sprünge weniger als seine Teamkollegen absolviert.

Ungewissheit

Sorgen, dass er bis zum ersten Saison-Höhepunkt – der Skiflug-WM Anfang Dezember in Slowenien – nicht bei 100 Prozent ist, hat Kraft nicht. Aber: "Es ist ein bisschen ungewiss, wie viel Substanz ich aufgebaut habe."

Bei den jüngsten Trainingskursen vor dem Weltcup-Auftakt spulte der 27-Jährige Sprung um Sprung ab und das ohne Einschränkungen. "Die wenigen Sprünge, die ich gemacht habe, waren zum Glück sehr gut. Da hat man auch gesehen, dass ich nichts verlernt habe. Derzeit bin ich happy, ich hoffe, dass es so bleibt", meint der Pongauer.

Ob das im Laufe der Saison mit weniger Regenerationszeit und vielen Stunden im Auto oder Flugzeug so bleibt, wird sich erst herausstellen.

Den Rückstand im Krafttraining sieht Kraft aktuell nicht als störend. "Die Schnellkraft-Werte sind sicher nicht so da wie in den letzten Jahren, aber die Frage ist, ob es die braucht. Noriaki Kasai hat es schon oft bewiesen, der hat mit 48 sicher auch nicht mehr die besten Werte", grinst Kraft. "Ich fühl mich soweit gut, aber die Frage ist, wie es im Februar oder März ausschaut."

"Wieder einer der besten Skispringer sein"

Bisher hat ihm das Krafttraining immer geholfen, die gesamte Saison gut durchzuhalten. Das war einer der großen Vorzüge Krafts, der in den sechs Saisonen seit 2013/14 nie schlechter als Gesamt-Sechster war und damit in der so diffizilen Sportart mit zahlreichen Veränderungen eine Sonderstellung einnimmt.

"Sicher will ich wieder einer der besten Skispringer sein und bei den vielen Großereignissen um Siege und Medaillen kämpfen."

Auch in die neue Saison startet Kraft trotz der Rückenprobleme in der Vorbereitung mit hohen Ansprüchen und viel Selbstvertrauen. "Ich will an der Vorsaison anschließen", stellt der Gesamtweltcup-Sieger klar. "Sicher will ich wieder einer der besten Skispringer sein und bei den vielen Großereignissen um Siege und Medaillen kämpfen. Das ist ganz klar das große Ziel."

Spielte Kraft seine Stärken bisher eher im weiteren Verlauf der Saison aus - nur einer seiner 21 Weltcup-Siege gelang ihm vor dem 29. Dezember - so ist diesmal ein guter Start gefragt. Denn mit der Skiflug-WM in Planica wartet der erste Höhepunkt schon in wenigen Wochen vom 10. bis 13. Dezember.

"Voll cool, dass eine Skiflug-WM im Dezember stattfindet, da muss man gleich gut in die Saison starten und schauen, dass man in Form kommt", weiß der Skiflug-Bronzemedaillen-Gewinner 2016 im Einel und mit dem Team am Kulm im steirischen bad Mitterndorf. "Denn Skifliegen ohne in Form zu sein, das geht leicht einmal in die Hose. Man muss von Anfang an voll da sein."

Kraft über Materialänderung: "Sie haben mich dazu gezwungen"

Von einer neuerlichen Materialänderung lässt sich Kraft nicht aus dem Tritt bringen. Eine Änderung bei den Anzügen war nicht wesentlich, die Reglementierung der zur Stabilisierung des Fluges hinten in die Sprungschuhe gesteckten Keile verlangte aber Anpassungen.

Warum die Änderungen bei Kraft genau das bewirkt haben, was die FIS eigentlich vermeiden wollte, erzählt der Salzburger im folgenden Video:

(Text wird unter dem Video fortgesetzt)

Kraft: "Vielleicht bleibt man in Russland hängen und verpasst die WM"

In Sachen Material sieht sich Kraft trotz der Änderungen gut aufgestellt, dem ÖSV-Team attestiert er in dieser Hinsicht gute Arbeit.

Wie die Entwicklung seines körperlichen Zustands - er kündigte an, gegebenenfalls einzelne Trainings oder Probe-Durchgänge auszulassen - sieht Kraft auch die Situation in der Corona-Pandemie ungewiss.

"Es wird sicher einiges passieren, wer weiß, ob jemand einmal einen positiven Test abgibt, ob man einmal in einem Hotel sitzen bleibt, ob man zehn Tage in Russland hängenbleibt und die Skiflug-WM verpasst. Da können sicher schlimme Sachen passieren. Wir müssen echt aufpassen", gibt die Nummer 1 im ÖSV-Team zu bedenken.

Doch der Optimismus überwiegt: "Ich glaube, dass wir einen schönen Weltcup zusammenbringen, ohne Zuschauer halt, das ist traurig, aber lieber so als gar nicht."

Diese Bedenken hat Kraft wegen der Corona-Pandemie:

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang »

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