Das "Riesen"-Problem des ÖSV

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Beim diesjährigen Auftakt des Ski-Weltcups in Sölden war vieles anders als sonst: Rennläufer mit Mund-Nasen-Schutz, keine Fans, triste Atmosphäre.

So vorbildlich der Saison-Start vom ÖSV und den Veranstaltern in Sölden angesichts der Corona-Pandemie organisiert wurde, so wenig konnte das Drumherum von einem Faktum ablenken: Österreich hat ein "Riesen"-Problem.

Die glorreichen Zeiten, in denen der Riesentorlauf als starke Basisdisziplin der Österreicher galt, in der sich die Athleten den perfekten Schwung auch für Super-G und Abfahrt antrainierten, sind längst vorbei. Hermann Maier, Stephan Eberharter, Hans Knauss und Co. eilten in den 90er- und frühen 2000er-Jahren von Sieg zu Sieg. Danach begann die Ära von Marcel Hirscher.

Nach dem Rücktritt des Seriensiegers (31 Weltcupsiege im Riesentorlauf) 2019 wurde die ÖSV-Schwäche (vor allem) im Riesentorlauf offensichtlich. Die Kerndisziplin des Alpinen Skisports wurde im heimischen Skiverband jahrelang weitestgehend außen vor gelassen, was auch der Entwicklung im Weltcup weg von Allroundern hin zu Spezialisten geschuldet war. Nun mangelt es der Ski-Nation Nummer eins im "Riesen" an absoluten Top-Fahrern und vor allem am Nachwuchs, es klafft eine Riesenlücke zur Weltspitze.

Siege und Podestplätze der ÖSV-Herren im RTL seit 2010:

ÖSV-Gesamt Hirscher übriger ÖSV
Siege 31 30 1
Podeste 73 58 15
1. 2. 3.
Hirscher 30 18 10
Schörghofer 1 1 4
Raich 0 2 1
Reichelt 0 2 1
Mathis 0 0 2
Feller 0 1 0

Die Versäumnisse der letzten Jahre hat man mittlerweile auch beim ÖSV erkannt und darauf reagiert: Mit Hirschers ehemaligem Coach Mike Pircher sowie dessen Vater Ferdinand Hirscher wurde im Frühjahr ein neues Trainerteam für die RTL-Herren installiert.

Die ausgewiesenen Spezialisten schickten die ÖSV-Läufer quasi gleich einmal zurück in die "Skischule". Eine neue, stabilere Grundtechnik war das Ziel. Keine leichte Aufgabe, teils verletzungsgeplagten Spezialisten wie Roland Leitinger oder Stefan Brennsteiner nach Jahren eine neue Technik einzutrichtern. Noch schwieriger: Das neu Gelernte auch im Rennen umzusetzen.

"Das zu verstehen und zu trainieren, ist das eine. Es am Schnee umzusetzen, das andere", forderte Pircher Geduld mit seinen Schützlingen.

Dennoch waren bzw. sind die Hoffnungen auf eine Verbesserung im ÖSV-Lager groß. Der erhoffte erste Schritt aus der Krise im Riesentorlauf ist in Sölden jedoch ausgeblieben.

"Die Konkurrenz ist einfach besser als wir"

Platz 17 von Stefan Brennsteiner als bester Österreicher bedeutet das schlechteste Ergebnis in der Geschichte der Sölden-Rennen. Dass in Abwesenheit des Vorjahres-Besten in Sölden, Manuel Feller, neben Brennsteiner nur die beiden Speed-Spezialisten Vincent Kriechmayr (24.) und Matthias Mayer (25.) in den Punkten landeten, spricht für sich.

Zwar durfte man sich im Vorfeld des Rennens realistisch gesehen keine Top-Platzierungen erwarten, die Enttäuschung war dennoch groß. Zwei Läufer in den Top Ten und drei weitere in den Top 30 wären Pirchers Wunsch gewesen, auch wenn er mehrfach betonte, dass Sölden für seine Schützlinge noch zu früh komme.

"Man muss den Tatsachen ins Auge schauen. Wir sind im Riesen zurzeit nicht dabei, die Konkurrenz ist einfach besser als wir", sagt Herren-Cheftrainer Andreas Puelacher. Auch das Trainerteam um Pircher könne "kein Wunder vollbringen". "Unseren Hoffnungen waren eigentlich positiver, weil wir im Training mit Hadalin, Kranjec und den Norwegern eigentlich gut dabei waren. Die Trainingsleistungen waren im Vergleich mit der internationalen Konkurrenz eigentlich ok. Darum haben wir uns auch mehr erwartet", kann sich Puelacher das schlechte Ergebnis nicht ganz erklären.

Laut ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel wurden die ÖSV-Herren "unter Wert" geschlagen. Er habe Vertrauen in Läufer wie Brennsteiner und Leitinger, aber:

"Wenn nur zwei Abfahrer und ein RTL-Spezialist in den zweiten Durchgang kommen, ist das kein gutes Zeichen."

ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel

"Natürlich haben wir mit den Ergebnissen keine Freude. Es ist völlig unzufriedenstellend. Der RTL war in den letzten Jahren immer unsere schlechteste Disziplin. Man hat aber Ansätze gesehen, dass wir durchaus dabei sein können. Der Hang ist uns aber noch nie gelegen. Es hat der Hermann (Maier) gewonnen, es hat der Marcel (Hirscher) gewonnen. Aber auch dem Benni (Raich) ist es nicht gelungen. Das darf aber keine Ausrede sein", erklärte Schröcksnadel im ORF-Interview. "Wir sind nicht froh über das Resultat. Wir sind nicht dort, wo wir hinwollen. Wenn nur zwei Abfahrer und ein RTL-Spezialist in den zweiten Durchgang kommen, ist das kein gutes Zeichen."

Auch Damen hinken hinterher

Nicht viel besser lief es für Österreichs Damen beim Auftakt-RTL in Sölden. Beste war Slalom-Spezialistin Katharina Truppe auf Platz 15, Stephanie Brunner belegte bei ihrem Comeback nach 21-monatiger Verletzungspause Rang 17. Es war das schlechteste Sölden-Abschneiden der ÖSV-Damen in der Geschichte. Das bisher schwächste Ergebnis war Platz 10 von Alexandra Meissnitzer 1996 gewesen.

Die rot-weiß-roten Damen warten seit März 2016, als Eva-Maria Brem in Jasna gewann, auf einen Sieg im RTL. Katharina Liensberger bewies im Vorjahr als Lienz-Dritte, dass zumindest Podest-Plätze möglich sind. Davon, konstante Mitfavoriten zu sein, sind die ÖSV-Damen aber weit entfernt.

Cheftrainer Christian Mitter machte "Fehleinschätzungen" hauptverantwortlich für das magere Abschneiden beim Weltcup-Opening, dass einen italienischen Doppelsieg durch Marta Bassino und Federica Brignone erlebte.

Dass Italiens Damen etwas anders, nämlich besser, gemacht hätten in der Vergangenheit, lag auch für Mitter auf der Hand. "Italien war immer schon eine Riesentorlauf-Nation, auch bei den Herren. Im Slalom haben sie aber die gleichen Probleme wie wir im Riesen."

Sein Rezept, um die ÖSV-Damen besser zu machen? "Üben, üben, üben!" Gleiches gilt wohl auch für die ÖSV-Herren: "Wir haben noch viel Arbeit vor uns, damit wir das Loch schließen können", sagt Puelacher. 

Das "Riesen"-Problem wird den ÖSV also noch etwas länger beschäftigen. 

Textquelle: © LAOLA1.at

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