LAOLA1: Wenn du schon von Schulschluss sprichst: Welche Note würdest du dem ÖSV-Team für diese Saison geben?
Christian Mitter: Es wäre vermessen, eine Note für alle auszugeben. Wenn ich zum Beispiel ein Befriedigend vergeben würde, wäre das ungerecht einer Julia Scheib gegenüber. Wir haben – wenn man bei der Schulmetapher bleibt – ja acht verschiedene Fächer, die kann man nicht alle über einen Kamm scheren. Wir wissen, dass wir noch Hausaufgaben zu erledigen haben, dass wir nicht in allen Bereichen kompakt genug aufgestellt sind. In anderen Bereichen haben wir wiederum kompakte, starke Teams. Es hat mich gefreut, dass wir Siege und Podestplätze – dafür sind wir ja im Endeffekt auch da – gefeiert haben und dass es wieder in eine gute Richtung geht. Bei Olympia haben wir in allen Rennen mitgemischt. Das zeigt auch wieder, was für Kaliber wir mental und technisch haben. Dieses Ski-Nations-Denken, das ich bei meinem Amtsantritt angesprochen habe, ist schon da. Auch wenn was schiefläuft, sind wir trotzdem konkurrenzfähig – auch im Weltcup. Das haben nicht viele Ski-Nationen.
LAOLA1: Werfen wir einen genaueren Blick auf die einzelnen "Fächer". In der Abfahrt der Männer hat Vincent Kriechmayr die ÖSV-Ehre gerettet.
Mitter: Vincent Kriechmayr hatte eine solide Abfahrtssaison. Raphael Haaser pirscht sich in der Abfahrt still und heimlich heran. Daniel Hemetsberger hat schon gute Leistungen gezeigt, aber schwankend. Da müssen wir einfach schauen, dass wir breiter aufgestellt sind. Aber ich bin guten Mutes, weil wir Leute wie einen Marco Schwarz haben, Lukas Feurstein versucht man aufzubauen. Ich freue mich schon, wenn Stefan Eichberger wieder zurück ist. Manuel Traninger hat einen Fixplatz im Europacup geholt, auch ein Vincent Wieser hat das gut gemacht. Aber ich möchte wirklich nichts schönreden. Wir müssen schauen, dass wir den Weg verkürzen, dass es auch wirklich richtig Spaß macht, Abfahrer zu sein. Wir müssen jetzt einfach die Richtung halten und solange graben, bis wir durch sind. In so einer Situation ist es natürlich gut, einen Athleten wie Kriechmayr zu haben, der sozusagen ein bisschen den Schirm aufspannt, damit nicht immer alles so aufs Silbertablett gelegt wird. Aber im Europacup haben wir ein paar Baustellen, da müssen wir schauen, dass wir weiterkommen.
Wir müssen aufpassen, dass wir den Athleten in unserem System nicht zu früh einen Stempel aufdrücken und in Speed und Technik einteilen.
LAOLA1: Was ist in der Ebene unter dem Weltcup konkret das Problem?
Mitter: Wir müssen aufpassen, dass wir den Athleten in unserem System, bei Frauen und Männern, nicht zu früh einen Stempel aufdrücken und in Speed und Technik einteilen. Weil die Techniker driften uns ein bisschen in den Slalom ab und die Riesentorläufer, die einen Mut haben, zu schnell in die Abfahrt. Wir müssen auf beide Schienen schauen und auch Wege offenhalten, damit man nicht irgendwen abdrängt oder vielleicht in der Entwicklung ein bisschen stört.
LAOLA1: Du hast die wichtige Rolle von Vincent Kriechmayr schon angesprochen. Musst du jetzt Überzeugungsarbeit leisten und seine Forderungen erfüllen, damit er seine Karriere fortsetzt?
Mitter: Ein Karriereende ist so ein großer Einschnitt im Leben, da ändert sich einfach alles. Das kann und will ich auch nicht beeinflussen. Aber wir hatten beim Weltcup-Finale ein sehr gutes und langes Gespräch auf Augenhöhe – mit allen Athleten -, wo wir ein bisschen aufgezeigt haben, wie es im kommenden Jahr zum Beispiel von den Gruppen her aussehen kann. Es war ein kleiner Ausblick. Was im Zentrum stehen muss: Wie können sich die Athleten entwickeln und welches Umfeld brauchen sie, damit sie Rennen gewinnen können? Hier ist der Austausch sehr gut.
LAOLA1: Du sprichst die Gruppen-Konstellationen an: Medienberichten zufolge soll die zweite Abfahrts-Gruppe von Werner Franz aufgelöst werden. Stimmt das?
Mitter: Nein, das ist Spekulation. Wir müssen schon auch Respekt vor den Leistungen der Athleten haben, die vielleicht nicht ganz vorne sind. Man kann nicht einfach sagen, man löst die Gruppe auf – friss oder stirb.
LAOLA1: Wie erfreut bist du über die Entwicklung im Riesentorlauf der Männer?
Mitter: Wir haben zwei Sieger, sind Vierter und Fünfter im RTL-Weltcup. Da wäre wahrscheinlich mehr gegangen, wenn wir die eine oder andere Down-Phase ausgelassen hätten. Aber das ist natürlich kein Wunschkonzert. Was mich freut, ist die Entwicklung von Joshua Sturm. Er hat sozusagen in zwei Disziplinen seine Hauptarena in den Weltcup verschoben.
LAOLA1: Im Slalom war es hingegen für alle eine schwierige Saison. Woran lag das?
Mitter: Genau, das war irgendwie eine "komische" Saison. Wir hatten gute Resultate mit dem Sieg von Manuel Feller in Kitzbühel und der Olympia-Silbernen von Fabio Gstrein. Michael Matt ist jetzt zum Schluss auch anständig unterwegs gewesen. Aber wir müssen schauen, dass wir die Schwankungen rausbringen bzw. die Abhängigkeit von Kurssetzungen oder Schneeverhältnissen.
Marco muss im Slalom rund acht Zehntel aufholen, wenn er wieder aufs Podium fahren oder gewinnen will.
LAOLA1: Marco Schwarz scheint zwischen Slalom und Abfahrt hin- und hergerissen. Was wäre dein Wunsch, wohin soll er sich in Zukunft orientieren?
Mitter: Ich sehe das pragmatisch. Er muss im Slalom rund acht Zehntel aufholen, wenn er wieder aufs Podium fahren oder gewinnen will. Also muss man sich fragen: Wie viele gute Trainingstage im Slalom braucht es, damit das gelingt? Wie bringt man das Slalom-Training mit seinen Kerndisziplinen – RTL und Super-G – zusammen, damit das andere nicht darunter leidet? Wie viele Abfahrts-Trainings braucht man, wenn man um den Super-G-Weltcup mitfahren will? Wenn man dann merkt, dass man vielleicht irgendwo nur zehn Slalom-Trainingstage reinquetschen kann, kann man wahrscheinlich sagen, es ist gescheiter, wir sparen uns das. Wenn man allerdings sagt, okay, das geht sich aus, dann passt es.
LAOLA1: Wie fällt deine Bilanz zur Speed-Saison bei den Frauen aus?
Mitter: In der Abfahrt haben wir vier Athletinnen, die aufs Podest gefahren sind. Mit Ariane Rädler hat eine fünfte daran gekratzt, sie hat dafür bei Olympia zugeschlagen. Wir haben eine starke Mannschaft, aber die Leistungen haben auch sehr geschwankt. Es gab Rennen, die haben uns ein bisschen Rätsel aufgegeben, da müssen wir auch noch genau hinschauen. Es ist eine starke Speed-Mannschaft, die es punktuell zeigt. Vielleicht können wir es in Zukunft flächendeckend zeigen.
LAOLA1: Im Riesentorlauf hat Julia Scheib alles überstrahlt. Hinter ihr wird es dann aber dünn, was Top-Athletinnen betrifft.
Mitter: Wird es, ja. Aber es sind Pflänzchen da. Nina Astner hat sich in dieser Saison in den Weltcup reingefahren, bei Stephanie Brunner ist es beim Finale auf einmal auch wieder gelaufen. Wir müssen jetzt schauen, warum sie die Leistungen nicht immer zeigen können. An Julia Scheib sieht man, wie schnell es gehen kann. Was sie heuer gezeigt hat, war schon extrem stark. Vor der Saison hatte sie erst einen Podestplatz und keinen Sieg. Mit starken technischen Leistungen und mentaler Stärke hat sie das dann hinbekommen. Sie hatte keine Schwächephase. Das war wirklich stark.
LAOLA1: Kann man das Erfolgsmodell von Julia Scheib auch auf andere Athlet:innen übertragen?
Mitter: Bei Julia war das ein Prozess, den sie durchgemacht hat. Sie hat immer an ihrem Schwung gearbeitet und ist über diesen Grad hinweggekommen, wo man dann weiß: Mein Schwung funktioniert so, dass, wenn ich meine eigene Leistung bringe, ich halbwegs weit vorne bin. Das ist dann schon mal ein gutes Gefühl. Und da möchte man eigentlich mit mehreren Athlet:innen hin. Dass man keine wilden Ausflüge machen muss in sonstige Wissenschaften oder in fast Casino-artige Voll-Risiko-Geschichten. Sondern dass man sagt: Ich verbessere meinen Schwung soweit, dass mich nicht mehr viele schlagen. Das ist, wo wir hinwollen. Da kann man sich von July einiges abschauen, aber es gibt natürlich kein Rezept.
Man muss sich fragen, ob das Skifahren auf Weltcup-Niveau nicht mit zu vielen Märchen und Sagen belegt ist.
LAOLA1: Im Slalom ist zumindest Katharina Truppe konstant an der Spitze mitgefahren.
Mitter: Da ist uns Katharina Liensberger natürlich abgegangen, das muss man schon sagen. Aber Katharina Truppe hat das wirklich tadellos gemacht, hat das Podium in der Gesamtwertung knapp verpasst. Sie hat eine gute Technik, bringt die Schlüsselpunkte gut hin und ist jetzt voll in der Weltspitze drin. Bei Katharina Huber und Katharina Gallhuber ist die Stabilität ein Thema. Was im Slalom aber erfreulich ist: Wir haben eine Mannschaft dahinter, wo wirklich ein paar dieser oft gefragten Jungen schon recht gute Leistungen im Europacup, aber auch im Weltcup gebracht haben.
LAOLA1: Du hast oft die Schwankungen angesprochen. Wo muss man ansetzen, um diese abzustellen?
Mitter: Es gibt mehrere Ansätze. Man muss sich die Frage stellen: Was müssen wir im ÖSV-System machen, damit wir stabile Rennfahrer herbringen, die Werkzeuge haben, um mit verschiedenen Situationen umgehen zu können? Da müssen wir uns auch kritisch hinterfragen. Sind die Trainingsumfänge in jungem Alter ausreichend, dass man es kompensieren kann, wenn mal Trainings ausfallen, es kleine Verletzungen oder sonst etwas gibt? Meiner Meinung nach ist die Übung brutal wichtig, weil wir die Bewegung lernen müssen. Und man muss sich fragen, ob das Skifahren auf Weltcup-Niveau nicht mit zu vielen Märchen und Sagen belegt ist. Ist der Weltcup in Österreich so groß, dass er manche überwältigt? Alle diese Punkte zielen darauf ab, dass sich die Athleten gut vorbereiten, ein gutes Umfeld schaffen und einfach ihren Schwung fahren. Wir müssen sicher auch ein bisschen mehr auf die Stärken schauen, nicht immer nur auf die Schwächen.
LAOLA1: Du bist gerade dabei, einen neuen Frauen-Cheftrainer zu suchen. Hast du ihn schon gefunden? Wenn ja, wird es eine ÖSV-interne Lösung?
Mitter: Wir haben super Leute im ÖSV, gute Gruppentrainer. Mir ist die Sprache wichtig, es geht darum, dass man auch soziale Sachen aufschnappt und einfach in einer gemeinsamen Sprache daheim ist. Das ist ein wichtiger Punkt. Wir sind schon recht weit, aber manchmal muss man eine Nacht oder zwei darüber schlafen. Ich schaue, dass ich mich nicht zu sehr stressen lasse. Andererseits wollen wir bald mal eine Entscheidung haben, vielleicht bis zu den Österreichischen Meisterschaften.