LAOLA1: Dein Name taucht dieser Tage wieder öfter in den Medien auf. Julia Scheib könnte die erste österreichische RTL-Kugel-Gewinnerin seit dir werden. Was macht das mit dir?
Eva-Maria Brem: Ich freue mich in erster Linie für Julia und die Mannschaft. Ich fühle mich zwar ein bisschen geschmeichelt, wenn sich die Leute zurückerinnern, aber ich brauche das nicht. Es ist Julias großer Moment, die Aufmerksamkeit sollte ganz ihr und der Mannschaft gelten.
LAOLA1: Wie präsent ist dein Erfolg von damals noch?
Brem: Ich denke nicht jedes Mal daran, wenn ich an der Kugel vorbeigehe. Oft schaue ich wochenlang gar nicht hin. Aber ab und zu, so wie jetzt, erinnert man sich zurück. Prinzipiell lebe ich aber schon im Hier und Jetzt.
LAOLA1: Hat sich deine Karriere mit jener von Julia Scheib eigentlich überschnitten?
Brem: Ja, ich kenne sie noch als Teamkollegin. Ich glaube, wir sind noch eine oder zwei Saisonen gemeinsam gefahren.
LAOLA1: Hast du damals schon Potenzial bei Julia gesehen?
Brem: Das Potenzial haben wir alle gesehen, das war immer da. Aber um es ganz nach oben zu schaffen, um Weltcup-Siege zu feiern und um eine Kugel mitzufahren, gehört so viel mehr dazu. Ein schneller Schwung allein reicht nicht. Man muss langfristig fit sein, das Material muss passen und so weiter – es müssen so viele Faktoren zusammenstimmen. Die muss man sich auch zusammenbauen.
LAOLA1: Es macht den Eindruck, als hätte Julia Scheib in dieser Saison die Puzzlestücke erfolgreich zusammengebaut.
Brem: Material, Körper, Gesundheit – das sind alles Bereiche, die muss man der Reihe nach abarbeiten. Ich finde, Julia hat bei fast jedem Rennen eine gute Materialabstimmung. Man merkt das vor allem, wenn sie zwischen den Durchgängen etwas anpasst. Das braucht viel Erfahrung und einen guten Servicemann. Julia wirkt auf mich außerdem sehr gereift, erwachsen. Sie hat ja auch schwierige Zeiten erlebt. Das ist nicht einfach, gerade wenn das Potenzial so groß ist und man das Gefühl hat, man kann noch mehr. Das ist mental schon eine große Herausforderung. Ich finde, sie hat mittlerweile genug Erfahrung und kann alles wirklich gut einordnen.
Wenn man Jahre mit vielen starken Athletinnen hat, ist man als Verband gefordert, die nächste Generation quasi bei Laune zu halten. Damit die so lange durchhalten, bis sie ihre Chance bekommen.
LAOLA1: Du sprichst das Mentale an. Bei Olympia hat jeder eine Medaille von Julia erwartet, jetzt erwartet jeder die Kugel, sie selbst wahrscheinlich am meisten. Wie geht man als Athletin damit um?
Brem: Ich finde, Julia ist in einer brutal privilegierten Situation, weil sie es selbst in der Hand hat. Sie muss nicht auf Fehler der anderen hoffen, damit sie am Stockerl steht oder gewinnt. Im Riesentorlauf ist sie für mich momentan absolut die Beste. Bei Olympia ist im ersten Lauf ein Fehler passiert, dann war der Rückstand zu groß – okay, das ist abgehakt. Was die Kugel betrifft, ist alles möglich, wenn sie ihre Leistung bringt. Klar ist das Druck, den wird sie auch spüren. Aber ich habe das für mich immer versucht, positiv zu sehen. Ich habe mich in diesen druckvollen Zeiten daran zurückerinnert, wie lange ich darauf hingearbeitet habe, damit ich überhaupt in so eine Situation komme, dass ich die Chance auf eine Kugel habe. So eine Drucksituation kann auch total erfüllend sein. Ich hoffe, Julia kann das auch so sehen. Denn in Wahrheit ist sie jetzt da, wo sie immer sein wollte.
LAOLA1: Es hat jetzt zehn Jahre gedauert, bis wieder eine Österreicherin einen Weltcup-Riesentorlauf gewinnt und wahrscheinlich die Kugel gewinnt. Wie erklärst du dir diese Flaute?
Brem: Natürlich hat niemand damit gerechnet, dass es so lange dauert. Aber das sind immer auch Wellenbewegungen, was Erfolge betrifft. Nach der Generation Hosp, Zettel, Kirchgasser, Schild gab es ein bisschen eine Kluft. Meine Generation war so eine Zwischengeneration, aber da sind in den letzten zehn Jahren nicht mehr viele übrig geblieben.
LAOLA1: Wie ist diese Kluft entstanden?
Brem: Wenn man Jahre mit vielen starken Athletinnen hat, ist man als Verband gefordert, die nächste Generation quasi bei Laune zu halten. Damit die so lange durchhalten, bis sie ihre Chance bekommen, obwohl die Plätze im Weltcup vergeben sind. Wenn du zum Beispiel nie bei einem Großereignis dabei sein kannst, überlegst du irgendwann, ob es das wert ist. Die zweite Reihe zum Dabeibleiben zu bewegen und ihnen auch das Gefühl zu vermitteln, dass sie ihren Platz haben, ist das Schwierige. Wenn das nicht gelingt, verliert man einfach den Unterbau. Ich glaube, dass das ein großer Grund ist, warum diese Wellen vor allem bei großen Ski-Nationen entstehen.
LAOLA1: Wirst du dich bei Julia melden, sollte sie die Kugel fixieren?
Brem: Wir waren nach ihrem Sieg in Sölden schon kurz im Austausch und natürlich freut man sich mit und gratuliert gerne.