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Auf "tödliche" folgt teure Mission: Der 120-Millionen-Eiskanal

In Cortina wurde für die Olympischen Spiele im Eiltempo um viel Geld eine neue, nicht unumstrittene Bahn errichtet. Während Medaillen vergeben werden, wird ringsum noch gebaut.

Auf "tödliche" folgt teure Mission: Der 120-Millionen-Eiskanal Foto: © GEPA

Ist man in Cortina, kommt man nicht an ihm vorbei: Dem Eiskanal.

Besonders bei Dunkelheit ist die hell erleuchtete Bahn ein Blickfang. Über 1.730 Meter schlängelt sie sich mit ihren 16 Kurven durch den Olympia-Ort. Das gesamte Areal erstreckt sich über rund 8 Hektar, umrahmt von der beeindruckenden Kulisse der Dolomiten.

Je nachdem, welchen Teil der Bahn man sehen will, muss man einen mehr oder weniger steilen Anstieg bewältigen. Richtige Zuschauer-Tribünen gibt es nur wenige, dafür gelangt man als Fan auch ins Innere des Kreisels, wo es Naturtribünen gibt. Sucht man sich den richtigen Platz, gibt’s die Athlet:innen fast zum "Anfassen".

Mit 120 km/h an der Baustelle vorbei

Für den ungeübten Eiskanal-Besucher ist es hingegen schon eine Challenge, den Schlitten optisch zu folgen, wenn sie mit Höchstgeschwindigkeiten von über 120 km/h an einem vorbeirauschen.

Das Geräusch der Kufen auf dem Eis wechselt sich mit den Anfeuerungen des Publikums ab. Neben italienisch wird an den ersten Bewerbstagen entlang des Eiskanals hauptsächlich Deutsch gesprochen. Deutschland hat im Rodeln bereits vier Medaillen geholt, Österreich ebenso wie das Gastgeberland drei.

Apropos Gastgeber: Diese haben es nicht ganz geschafft, das Areal rund um den Eiskanal bis zu den Spielen fertig zu stellen. Das Rundherum ist quasi eine große Baustelle. Zu Beginn der Wettbewerbe wurde vieles noch vom Neuschnee überdeckt, mit den steigenden Temperaturen treten immer mehr unfertige Flecken zutage.

Doch kein Fiasko?

Dass nicht alles perfekt sein würde, war allerdings schon länger klar. Der Eiskanal am Fuße der Dolomiten wurde erst für die Spiele 2026 gebaut – und zwar im Eiltempo.

Die alte, bereits 1923 gebaute Bahn, die Pista olimpica Eugenio Monti, die Schauplatz der Olympischen Spiele 1956 und für James Bonds "tödliche Mission" war, wurde 2008 geschlossen und 2023 abgerissen.

2024 gab es nach langem Hin und Her den Bauauftrag für das Cortina Sliding Centre, wie es jetzt heißt. Zuvor hatte das Internationale Olympische Komitee (IOC) eine Austragung auf einer bestehenden Bahn im Ausland (unter anderem war Innsbruck-Igls im Gespräch) favorisiert, Italien bestand aber auf einen eigenen Eiskanal. Das Projekt geriet sowohl wegen der kurzen Zeitspanne bis zu den Spielen als auch wegen der Umweltauswirkungen in die Kritik.

"Wir haben einen verwüsteten Berghang, eine echte Müllkippe unter freiem Himmel, wiederhergestellt und auch zehntausend Bäume gepflanzt", betonte Luca Zaia, Präsident der Region Venetien: "Das ist ein großartiges Ergebnis, auch gegenüber den vielen Skeptikern, die sagten, dass der Eiskanal ein Fiasko werden würde."

© GETTY
Das Cortina Sliding Centre: Ein Blickfang bei Nacht

Der Eiskanal wurde gerade rechtzeitig zu den Spielen fertig bzw. so gut wie fertig. Erst im November 2025 fanden die ersten Weltcup- und damit Test-Bewerbe statt.

Kostenpunkt: 118.424.000 Euro. Das sind fast 40 Millionen mehr, als ursprünglich veranschlagt. Medienberichten zufolge beschert der Eiskanal Cortina pro Jahr ein Minus von über 500.000 Euro.

Immerhin: Es ist die erste Olympia-Bahn, die auf eine umweltfreundliche Kühlung setzt, heißt es. Jede der 16 Kurven lässt sich einzeln eineisen.

Das nicht so imposante Ding hat seine Tücken

Optisch ist der Eiskanal in Cortina "nicht so ein imposantes Ding" wie zum Beispiel die Olympia-Bahn von 2022 in Peking, meint etwa der deutsche Olympiasieger Max Langenhan. Aber: "Wenn ich die Bahnen dieser Welt anschaue, glaube ich: Das ist von der Szenerie her eine der schönsten Bahnen. Ich glaube, am Ende kann keine andere Bahn mithalten."

Das Cortina Sliding Centre ist eine moderne Bahn, die vor allem im oberen Teil technisch schwierig ist. Die Kurven drei, vier und fünf sind Schlüsselstellen, ab der Kurve neun sorgt das Gefälle für mehr Geschwindigkeit. Mit der Ausfahrt aus der Kurve elf ist der erste Tiefpunkt der Bahn erreicht, mit der Schikane in der 12/13 folgt die erste von zwei Bergauf-Passagen.

"Die Bahn hat durchaus ihre Tücken. Vor allem der obere Bereich ist technisch anspruchsvoll, in den ersten Kurven muss die Linie zwingend passen. Im unteren Bereich ist dann mehr Speed drinnen. Hier musst du dich richtig lang machen, die Aerodynamik muss am Punkt sein", sagt Österreichs Silber-Rodler Wolfgang Kindl.

Mit zwei Mal Silber durch Jonas Müller im Einsitzer und Wolfgang Kindl/Thomas Steu im Doppelsitzer sowie Bronze durch Selina Egle/Lara Kipp waren Österreichs Rodler in Cortina anders als James Bond nicht auf tödliche, sondern auf erfolgreicher Mission.

Mit der Team-Staffel am Donnerstag (18:30 Uhr im LIVE-Ticker) steht noch eine Gold-Mission an.

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