Die Bahnen Nagano oder Turin gibt es heute nicht mehr. Und der Rodelsport hat generell einen schweren Stand: Gemäß IOC-Vorgaben gibt es auch einen Frauen-Doppelsitzer – aber nicht mehr Plätze. Rodelsportler aus Nicht-Wintersportnationen wie Argentinien oder Irland können dann nicht mehr teilnehmen. Mit den Exoten geht ein Hauch Olympia-Flair verloren, so Hackl im LAOLA1-Interview - und vielleicht das Rodeln an sich.
Sportlich gut unterwegs
Georg Hackl nimmt sich ausführlich Zeit für das Interview im Vorfeld der Spiele und spricht einmal über das Sportliche:
Österreich, so der Deutsche, habe gute Chancen: "Wir sind mit den Deutschen von der Leistung her gleichauf und gemeinsam die führenden Nationen. Vor vier Jahren war das rot-weiß-rote Team noch eher jung, mit ein paar erfahrenen Leuten. Die Jungen haben sich in die Weltspitze hinein entwickelt."
Österreichs Olympia-Teilnehmer 2026:
Teilnehmer | Disziplin | Bestes Saisonergebnis |
|---|---|---|
Selina Egle/Lara Kipp | Frauen-Doppelsitzer | Platz 1 (Lake Placid, Sigulda, Oberhof) |
Hannah Prock | Frauen-Einsitzer | Platz 1 (Winterberg x2) |
Lisa Schulte | Frauen-Einsitzer | Platz 2 (Sigulda, Oberhof x2) |
Dorothea Schwarz | Frauen-Einsitzer | Platz 3 (Winterberg) |
Juri Gatt/Riccardo Schöpf | Männer-Doppelsitzer | Platz 1 (Winterberg) |
Thomas Steu/Wolfgang Kindl | Männer Doppelsitzer | Platz 2 (Winterberg, Oberhof) |
Jonas Müller | Männer-Einsitzer | Platz 1 (Park City, Winterberg, Oberhof) |
Nico Gleirscher | Männer-Einsitzer | Platz 3 (Winterberg) |
Wolfgang Kindl | Männer-Einsitzer | Platz 3 (Lake Placid) |
Realistische Medaillen-Chancen haben vermutlich alle elf Österreicher und Österreicherinnen, die in Cortina d'Ampezzo am Start stehen.
Allerdings findet er die Frage nach konkreten Siegen "müßig und respektlos, vorher zu sagen, dass einer gewinnt und ein anderer nicht. Ein schlauer Mann sagte einmal: Sporting results are unpredictable." Damit wollte er erklären, dass Sport gerade wegen seiner Unvorhersehbarkeit beliebt ist.
Neben Deutschland sind es die Gastgeber aus Italien, die USA und Lettland, die zur Konkurrenz gehören. Die Letten hätten sich durch konzentrierte und zielgerichtete Arbeit in die erweiterte Weltspitze gearbeitet. Nicht dabei sind die früher starken Russen. Sportlich ein Verlust, so Hackl. Die jungen, unter neutraler Fahne antretenden Russinnen und Russen kommen an alte Größe nicht heran.
Das Problem ist, dass durchschnittliche Zuschauer nicht sofort sehen können, warum einer schneller oder langsamer ist.
Endlich im Fokus?
Wie viele andere kleinere Sportarten steht das Rodeln bei Olympia alle vier Jahre unter medialer Beobachtung wie sonst nicht. Zwar stellt man nach Ski Alpin (22) und Bob (12) die drittgrößte Abordnung, dass die Mediencoverage bei Sportarten wie Ski Alpin, Biathlon oder Skispringen größer ist und diese größere Zuschauermagneten sind, bestreitet er nicht.
"Wir sind im Rodelsport dennoch zufrieden mit der Medienpräsenz und der Wahrnehmung als kleinere Sportart", meint der Bayer, der auch weiß, was vielleicht etwas schwierig zu vermitteln ist: "Das Problem ist, dass durchschnittliche Zuschauer nicht sofort sehen können, warum einer schneller oder langsamer ist. Das liegt natürlich in der Natur des Rodelsports, aber wir arbeiten stets daran, die Performance sichtbarer und transparenter zu machen." Zudem sollen die Formate zuschauerfreundlicher gestaltet werden.
Der große Skibergsteig-Fan ist immerhin froh, dass es dem Rodeln nicht wie "Skimountaineering" geht. Dass dort das Sprint-Programm und keine ordentliche Tour mit 1.000 und mehr zu überwindenden Höhenmetern gemacht wird, ist für ihn unverständlich. Man hätte die Infrastruktur der Herrenabfahrt in Bormio nutzen können. Im Klartext:
"Ich finde, dass Skibergsteigen eine sehr tolle Sportart ist und schon längst dabei sein hätte sollen – und dann macht man so ein Format. Ich kenne ja viele Skibergsteiger und die sind nur mittelmäßig an Olympia interessiert, weil es ein reiner Sprint ist."
Sorgenfalten wegen Frauen-Zweier
Da haben die Rodler einen Vorteil: Man teilt sich die Infrastruktur mit Bob und Skeleton. Insgesamt werden auf einer Bahn mehr als zehn Disziplinen ausgetragen, die Infrastruktur wird also ausreichend genutzt. Die Bahn in Cortina ist mitten im Ort, "urbaner geht’s nicht". Sorgenfalten macht ihm die neue Disziplin Frauen-Zweierrodeln.
Nicht wegen der Geschlechtergleichstellung, sondern weil die Anzahl der Startplätze gleich bleibt. Damit steht für ihn die Gefahr im Raum, dass der olympische Gedanke verloren geht. 2022 schwenkten argentinische und irische Rodlerinnen die Fahne ihres Landes.
Bei David Gleischers Olympiasieg 2018 trug sich mit Shiva Keshavan ein Inder in die Ergebnisliste ein. 2014 nahm Bruno Banani für Tonga teil. Wenn die maximale Anzahl an Sportlerinnen und Sportlern nun gleich bleibt, könnten die Plätze für diese Athleten wegfallen.
"Wie es mit dem Rodelsport weitergeht, hängt stark davon ab, inwiefern das IOC den Sport fördern möchte, also das Kontingent erhöht. Wenn das nicht geschieht, muss der internationale Rodelverband sich in Zukunft überlegen, ob er sich den Arm oder das Bein abhackt. Ich weiß nicht, ob es sinnvoll ist, wenn irgendwann die kleinen Nationen, die Olympia so divers ausmachen, nicht mehr dabei sind. Sonst fahren nur noch fünf Länder um die Wette," befürchtet er. "Es fühlt sich jedenfalls so an, als ob man uns auf lange Sicht aus dem Programm bekommen möchte."
Ich bin seit fast 45 Jahren als Sportler oder Trainer nur unterwegs, feiere im Winter gerade einmal Weihnachten zuhause. Ich will nicht mehr jeden Tag neben der Bahn stehen.
Nach Olympia ohne Hackl
Nichtsdestoweniger ist er mit der generellen Entwicklung des Sports zufrieden. Dass viele ehemalige Olympiarennstrecken wie eingangs erwähnt nicht mehr betrieben werden, ist hingegen schlecht. Auch, dass man sich in Innsbruck-Igls verplant hat und die Bahn nicht zugelassen ist. Oder, dass seine Lieblingsbahn in Königssee seit letztem Jahr wieder in Betrieb sein sollte, es aber vielleicht auch nächstes Jahr nicht ist.
Der Sport macht indes, was er am besten kann: Aus Zipfelbobathleten echte Olympioniken formen.
"Unsere Nachwuchsförderprogramme setzen bereits in der Schule an, um den jungen Leuten die Möglichkeit zu geben, es auszuprobieren." Dann stellt sich schnell heraus, ob die Kinder daran Spaß haben: "Die, die davon begeistert sind, bleiben dabei und die brauchen wir."
Nach Olympia aber ohne ihn. Er weiß noch nicht, was er tun wird, aber genau, was er nicht tun wird: "Ich bin seit fast 45 Jahren als Sportler oder Trainer nur unterwegs, feiere im Winter gerade einmal Weihnachten zuhause. Ich will nicht mehr jeden Tag neben der Bahn stehen. Vielleicht gibt es Aufgaben im Weltverband oder in der Nachwuchsarbeit."
Und irgendwann wird er nichts mehr machen und zuschauen, wie sich die nächsten Hackls, Zöggelers und Procks um Tausendstel raufen. Denn gerade dafür ist Olympia da: Sportarten eine Bühne zu geben, die den Rest des Jahres kaum im Rampenlicht stehen.