Die 10 Skispringerinnen mit den meisten Weltcupsiegen
LAOLA1: Wie geht's dir aktuell?
Pinkelnig: Danke gut. Die Reha verläuft sehr gut, das Knie heilt gut. Auch seelische Wunden heilen. Ich bin hier im Olympiazentrum in Vorarlberg bestens betreut. Wir haben zusätzlich noch Experten in verschiedenen Bereichen dazu: Sportpsychologie, zusätzlich nochmal ein Physiotherapeut, Osteopathie und Neurathletik. Es ist ein volles Programm, das da organisiert wird. Ein Großteil wird für mich organisiert und einen Teil organisiere ich mir auch selber dazu. Es ist momentan mein Job. Es sind wirklich sechs bis acht Stunden am Tag. Also es ist viel Zeit, viel Energie, viel Know-How, das investiert wird in das Knie und es heilt echt gut. Aktuell schaut es so aus - ich spüre das auch - dass wirklich noch alles möglich ist.
LAOLA1: Du hast schon einige Verletzungen hinter dir, wie geht man mental an das Ganze heran und wie verarbeitet man Verletzungen beziehungsweise die Stürze?
Pinkelnig: Bei allen schweren Verletzungen war für mich sehr, sehr wichtig, mich direkt nach der Verletzung zurückzuziehen und Ruhe zu haben. Also wirklich in Stille - das heißt auch kein Handy, kein Scrollen, kein Netflix schauen oder ähnliches, sondern wirklich einmal abarbeiten. Dann habe ich bei jeder Verletzung den Kreis um mich noch enger gezogen. Und vielleicht war das jetzt schon ein neues Learning daraus. Wem kann ich wirklich vertrauen und wem nicht? Ich habe die ersten Wochen wirklich meine Reha im Olympiazentrum gemacht, bin auch dankbar für jeden Athleten, der hier ist und für alle Sportwissenschaftler, Physiotherapeuten, Ernährungsberater, die Scherze mit mir gemacht haben, die mir einfach viel Energie gegeben haben. Aber ansonsten wirklich Ruhe und nur die engste Familie, nur die engsten Freunde, mit denen ich Zeit verbracht habe - damit es einfach um die Eva geht. Nicht um die Skispringerin, sondern nur um die Eva.
LAOLA1: Es muss bestimmt auch eher schlechtere Tage gegeben haben?
Pinkelnig: Wenn wir still werden, dann hören wir erst mal, wie laut unser Innerstes ist. Und das ist ein Prozess, das ist manchmal gar nicht so einfach, weil das Innerste war sehr laut, das war sehr verletzt, es hat Rotz und Wasser geheult, es hat geschrien vor Wut, es waren wirklich dunkle Tage - aber ich habe das angenommen, bin auch bewusst durch den Prozess durch, damit es wieder heller wird. Und ich habe auch gewusst, die Sonne, die geht ja nicht für immer unter, sondern die geht wieder auf. Und durch die Nacht, da bin ich nicht allein. Ich weiß, es sind Familie, es sind Freunde da. Ich weiß, Gott hat mich in seiner Hand, ich werden nie tiefer fallen als in seine Hände. Und ich weiß, die Sonne wird wieder aufgehen. Genau so haben wir Tag für Tag gemacht. Es war nicht einfach, auch für dasUmfeld. Ich bin unglaublich dankbar, dass sie das so angenommen haben und da wirklich mit mir durch sind. Und ja, dementsprechend bin ich jetzt, vier Monate später, schon fast teilweise selber überrascht, wie quietschfidel ich schon wieder durchs Leben gehen kann.
LAOLA1: Ich habe gesehen, dass du mit Sarah Zadrazil den Weg nach der Operation beziehungsweise die Reha verbracht hast. Könnt ihr euch gegenseitig vielleicht noch mehr Kraft geben und euch unterstützen?
Pinkelnig: Sarah hat sich leider eine knappe Woche nach mir schwer verletzt und es hat mir unglaublich leid getan für sie. Auch wenn ich selbst gerade in der Situation war, haben wir ein bisschen hin und her geschrieben und dann eben gesagt, hey, komm, lass uns doch gegenseitig unterstützen. Also die kleinen Erfolge gegenseitig feiern, weil der andere kann es gerade richtig nachvollziehen, wie cool das ist, wenn die Krücken weg sind, wenn man wieder normal duschen kann, wenn die erste Kniebeuge geht. Aber auch die Schwierigkeiten austauschen - weil eine Spitzensportlerin zu sein, das ist ganz eine eigene Welt, das hat eigene Vorteile, aber auch eigene Challenges. Und diese Challenges sind manchmal schwierig für jemanden zu verstehen, der nicht selbest in der Position ist. Da haben wir uns einfach gegenseitig ausgetauscht und auch einen Kaffee getrunken zusammen, haben uns getroffen und waren dann total cool. Ich habe mich richtig gefreut, dass ich sie mitnehmen konnte zur Vierschanzentournee. Sie ist Wintersport-Fan und hat irgendwann gesagt, sie war noch nie beim Skispringen und ich habe gesagt, komm, das wir, ist doch cool.
LAOLA1: Wie schaut denn dein Plan für die nächste Zeit aus?
Pinkelnig: Jetzt ist einmal schon ein großer Block abgeschlossen. Anfang Februar habe ich eine Woche Reha-Urlaub. Da freue ich mich darauf. Ich würde sehr, sehr gerne Ende der Saison ein paar Schwünge Skifahren. Also ganz gemütlich blaue Piste. Natürlich mit dem Skilehrer, nicht einfach auf eigene Faust, sondern mit jemandem, der sich da richtig gut auskennt. Das wäre der Horizont, dass ich einfach ein bisschen Schneekontakt habe. Ich hatte jetzt schon Schneekontakt mit Winterspaziergängen, mit ein bisschen Lenkbobfahren. Und nachher geht es auch einfach mal Richtung schwerere Gewichte im Kraftraum, damit sich das weiterentwickelt. Ich habe mir auch so Zwischenziele gesetzt: Einfach mal Bergtouren wieder gehen, dass das Abwärtsgehen auch funktioniert. Im Sommer kann ich dann hoffentlich wieder von der Schanze springen. Wenn ich jetzt auch die Bewerbe bisschen anschaue, merke ich es schon in den Oberschenkeln, es juckt einfach. Ich würde gerne und das ist ja auch schön, weil das heißt, es bedeutet mir einfach noch etwas. Das schreibe ich mir dann auch fleißig auf, wenn dann wieder mal Tage kommen, in denen es nicht so ist, damit ich einfach weiß, das ändert sich.
"Ich würde schon gerne nochmal springen und glaube auch daran, dass das wieder möglich ist."
LAOLA1: Hast du zu anderen Skispringerinnen auch Kontakt?
Pinkelnig: Natürlich. Ich habe Kontakt zu den Mädels, unterschiedlich intensiv. Ich habe die Lisa (Anm. Eder) bei allen Erfolgen natürlich gefeiert. Das war richtig cool, vor allem nach ihrem Sieg. Bei den zweiten Plätzen habe ich ihr immer geschrieben, dein Tag kommt noch. Und als der Tag dann gekommen ist, habe ich sie natürlich gefeiert. Sie hatte ja auch schon eine schwere Knieverletzung, auch wenn sie ein Stück jünger ist. Ich war auch bei der Two-Nights-Tour zuschauen, habe den Mädels nichts gesagt, war dann einfach unten im Exit-Gate und es war sehr schön, vor allem auch die internationalen Emotionen zu sehen. Die Japanerinnen waren total süß, hatten Freudentränen in den Augen, dass sie mich überhaupt sehen und auch die Norwegerinnen waren sehr unterstützend. Ich habe mich schon sehr gefreut, dass ich das ganze Feld wieder mal gesehen habe.
LAOLA1: Wirst du die Olympischen Spiele generell verfolgen oder bist du sogar vor Ort?
Pinkelnig: Ich werde bei den Olympischen Spielen vor Ort sein, aber nicht beim Skispringen.
LAOLA1: Also schaust du dir auch einen anderen Bewerb an?
Pinkelnig: Genau, ich bin generell sehr sportbegeistert. Sowieso Wintersport, aber sehr breit aufgestellt. Vor allem den Vorarlbergern drücke ich die Daumen, Jonas Müller zum Beispiel. Es freut mich auch riesig, dass es das Bob-Team geschafft hat, wo der Kristian Huber dabei ist. Er hatte jetzt auch keine einfache Zeit. Genauso Ski Alpin - da bin ich einfach ein großer Fan und werde auch vor Ort sein. Ich freue mich darauf, die Olympischen Spiele jetzt als Zaungast zu erleben. Ich weiß, das wird ein richtig cooles Erlebnis und ich glaube, es hilft der Seele und dem Herz auch, das einfach mal so zu erleben.
LAOLA1: Deine Verletzung ist auf der Olympiaschanze passiert, du warst auch nicht die Einzige. Wie kann man in Zukunft verhindern, dass sich so viele Athletinnen auf einer Schanze verletzen?
Pinkelnig: Es ist Spitzensport, es ist Hochrisikosport. Schwere Verletzungen zu 100 Prozent zu verhindern, das wird nicht möglich sein. Wichtig ist, dass uns Frauen mehr Gehör geschenkt wird, was das Materialthema anbelangt, denn es war ja nicht nur die Schanze, sondern es war die Kombination aus dem Schanzenprofil, den Windverhältnissen und dem Material, das sie springen mussten.
LAOLA1: Glaubst du, fährt jemand mit einem unguten Gefühl zur Schanze? Sie wurde zwar leicht angepasst, aber macht das etwas aus?
Pinkelnig: Ich glaube, dass es nicht viel ausmacht. Sie können das Profil mit dem Schnee etwas anpassen. Das ist der Riesenvorteil im Winter. Sie haben ja auch schon die Spur angepasst, es gab Adaptionen. Und es ist praktisch auf jeder Schanze, die im Weltcup ist, schon einmal eine schwere Verletzung passiert.
LAOLA1: Dann noch kurz zu den österreichischen Skispringerinnen. Vor der Saison war die Lage mit den Verletzungen und Rücktritten etwas unklar. Wie würdest du die aktuelle Lage im ÖSV-Frauen-Team beschreiben?
Pinkelnig: Die Lisa (Anm. Eder) macht es unglaublich gut, auch die July (Anm. Mühlbacher) entwickelt sich sehr gut. Man hat gewusst, dass ein Generationen-Umbruch kommen wird - dass er jetzt so passiert und so schnell... Es bietet Chancen für Athletinnen, die sonst keine Chancen gehabt hätten. Und ich hoffe, dass sie die Chance nutzen.
LAOLA1: Wie glaubst du kann man noch mehr jüngere Springerinnen an die Weltspitze heranführen?
Pinkelnig: Das ist ein sehr komplexes Thema, eigentlich zu komplex für die Antwort. Ich weiß, wir haben auch bei den Frauen große Talente. Wir haben nicht die Masse, wie bei den Männern. Da gilt es, die jungen Talente mit Wertschätzung und Respekt an die Spitze heranzuführen.
LAOLA1: Du hast mit Mädchen ein Skisprung-Camp gemacht. Könntest du dir nach deiner aktiven Karriere vorstellen, den Trainerweg einzuschlagen?
Pinkelnig: Das war das Kinderschanzen-Camp von Ski Austria, das war total cool. Da sind richtig viele Nachwuchsathlet:innen dabei und wir freuen uns, dass immer mehr Mädchen dabei sind. Ich arbeite gern mit Menschen, arbeite auch gern mit Kindern. Ob es mich jetzt wirklich in den Trainerberuf zieht, kann ich noch nicht genau sagen. Das ist ja auch ein spezieller Beruf. Ich glaube, das Lehren liegt mir schon. Aber da gehört viel dazu. Mal schauen, was sich da entwickelt - oder welche Türen sich da öffnen.
LAOLA1: Danke für das Gespräch!