Im April schien kaum ein Tag zu vergehen, an dem nicht von einer Verletzung oder Absage eines Teamspielers zu lesen war. Gerade dass nicht noch eine Nachricht von Mario Schaden oder Kurt Harand in Roger Baders Mailbox („Kann nicht kommen, aber alles Gute!“) aufpoppte.
Erodierte Center-Achse
Unerfreulich und nicht unbedingt zu erwarten, dass sowohl Marco Kasper als auch Marco Rossi trotz NHL-Einsätzen bis zum letzten Spieltag absagten bzw. keine Freigabe erhielten. Beide zusammen wären ein Novum in einem WM-Kader gewesen, aber ohne beide verwaisten die Top-Center-Plätze.
Die Absage von Lukas Haudum nach der besten Vereinssaison seiner Karriere (und die durchgehend als Mittelstürmer) war der nächste Schlag ins Kontor.
Nicht nur in der Spitze schwierig
Doch nicht nur von oben schrumpfte die Center-Achse: Ali Wukovits und Lukas Kainz fielen schon länger aus, Oliver Achermann und Benjamin Baumgartner mussten nach langwierigen Krankheiten bzw. Verletzungen ihre Versuche in den Camps abbrechen.
Logischer Ersatz für eine Viertlinien-Rolle wäre Felix Maxa gewesen, der meldete sich aber auch zu Beginn der Vorbereitung verletzungshalber ab.
Dadurch kamen schon länger absente Cracks in den Fokus Baders: Patrick Obrist sagte von sich aus wegen der Nachwirkungen seiner Lymphdrüsenkrebs-Erkrankung ab. Mehrmalige Telefonate mit Raphael Herburger brachten auch kein positives Ergebnis.
Schon früh war klar, dass einige Cracks der letzten U20-WMs ihre Chance bekommen könnten: Johannes Neumann schaute für ein Training in Feldkirch vorbei, um dann wieder verletzungsbedingt abzureisen. Vasily Zelenov musste nach den Frozen Four auf Geheiß seines Teams eine Operation durchführen lassen.
Raffl-Brüder fehlen ebenso
Die Center-Achse also völlig ausgedörrt, am Flügel wars nicht ganz so arg. Brian Lebler ließ es bei einem einmaligen Teamcomeback bewenden, Thomas Raffl – seit Jahren ein sicherer Wert – sagte aus familiären Gründen ab.
Bei beiden (37 bzw. 39 Jahre alt) hätte Bader bei Vollbestand aber ein realistisches Urteil darüber abgeben müssen, ob ihre Beinarbeit noch WM-Anforderungen erfüllt hätten.
Raffl-Bruder Michael wurde mitunter auch als Ausfall gelistet, was aber weniger ernstzunehmen ist: Seine letzte WM-Teilnahme datiert aus dem Jahr 2019. Bei Manuel Ganahl (36) hatten beide Seiten Zweifel daran, ob die zu erwartende Eiszeit ein Comeback gerechtfertigt hätte.
Von der letzten WM nicht mehr dabei: Dominique Heinrich, Luis Lindner, Niki Kraus und Lukas Kainz.
Die neue und alte Hierarchie
Im Tor änderte sich nichts, Atte Tolvanen und David Kickert können heuer jenes Wechselspiel vornehmen, das letztes Jahr aufgrund von Tolvanens früher Abreise unmöglich wurde. Österreich wird zwei starke Goalies benötigen, KAC-Backup Florian Vorauer ist die Nr. 3.
In der Abwehr rücken durch Heinrichs Karriereende vor allem im PP einige Cracks um jeweils einen Spot nach vorne, das Aufgebot ist aber im Vergleich zum letzten Jahr ziemlich deckungsgleich.
Ein jüngerer Heinrich findet sich nicht so recht, großartiger Puckmover und -träger stehen nicht im Aufgebot, was allerdings auch für andere Teams gilt.
Cracks wie Thimo Nickl oder Bernd Wolf sollten solide Werte sein, David Maier tat sich nach einigen Verletzungspausen heuer zuletzt schwer. Paul Stapelfeldt und Gregor Biber (vor einer Unterschrift bei den Utah Mammoth) sollten vor allem in Unterzahl für körperliche Präsenz sorgen.
Ramon Schnetzer (kann die Scheibe gut aus engen Lagen bewegen) spielte letztes Jahr solide, Dominic Hackl absolviert mit 29 Jahren erst seine zweite WM.
Leistungserhaltung bzw. eine leichte Steigerung gilt für diese Crew hier, große (offensive) Ausbrüche würden überraschen.
Mit Reinbacher war nie wirklich zu rechnen
Eine Teilnahme von David Reinbacher war nie realistisch. Dazu hätten sowohl Laval als auch Montreal früh ausscheiden und er selbst gesund bleiben müssen – nur eines dieser drei Szenarien traf ein.
Nash Nienhuis sagte sowohl im Februar (verletzt) als auch jetzt (familiär) ab – kein guter Start für eine eventuelle Nationalteam-Karriere.
Die Center-Rangordnung
Die Center-Achse ist eben das große Fragezeichen und noch nicht finalisiert – Benjamin Nissner nimmt den Einser-Spot ein, gottseidank beendete er seine Teampause. Dahinter kommen aufgrund der angespannten Personallage Leon Wallner (WM-Debüt), Lucas Thaler und der umfunktionierte Mario Huber.
Was vor allem bei Huber gilt: Offensiv verwässern sich die Positionen schnell in F1, F2 und F3 und Flügel übernehmen sowieso auch immer mehr Faceoffs (je nach Seite des Anspiels).
Was heute Center von Wingern vor allem unterscheidet, ist die Arbeit im eigenen Drittel: Entweder die gesamte Breite zwischen den Faceoff-Dots bis zur Torlinie oder nur die jeweilige Seite von den Dots bis zur blauen Linie – je nach Wirkungsradius des gegnerischen Defenders – abdeckend.
Vereinfacht dargestellt, doch der Unterschied kann riesig und kräfteraubend ausfallen. Nicht nur Huber, sondern auch Thaler (spielt diese Position im Verein mitunter) und Wallner (kann spielstark, aber auch lethargisch wirken) sind hier extrem gefordert. Ian Scherzer tat sich damit schon in der Vorbereitung äußerst schwer und landete schnell am Flügel.
Es liegt an den Wingern
Bei den Wingern muss man bei Dominic Zwerger, Peter Schneider (nach seiner schwächsten ICE-Saison) und Paul Huber sowieso Maximal-Leistungen und Punkte voraussetzen, sonst wird es kritisch.
Kann sich Simeon Schwinger wie in der Liga auch scorertechnisch einbringen (sein Schuss war heuer eine Waffe)? Vom Rest sind am ehesten von Leon Kolarik Scorer-Beiträge zu erwarten, Henrik Neubauer definiert sich über seinen Speed, dazu kommen die Debütanten Maxi Rebernig, Ian Scherzer und Tim Harnisch, von denen keiner auf eine herausragende Saison zurückblicken kann.
Wo spielt Rohrer?
Noch offen: Wird Vinzenz Rohrer nach seiner späten Zusage als Winger oder in der Mitte eingesetzt? Die Personalnot und seine Erfahrung auf dieser Position beim Deutschland-Cup würden eine Center-Rolle logisch machen.
Sein Kommen sollte auf jeden Fall für zwei offensivstarke Reihen sorgen (ohne dass er selbst der große Scorer wäre). Überraschenderweise entschied sich Bader vorläufig für die Variante mit acht Defendern und 14 Stürmern, was bei einer frühen Verletzung eines Verteidigers schnell zum Problem werden könnte.
Solange aber nur 23 Spieler gemeldet werden, kann er sich noch anders entscheiden.
Die Special Units
Im PK setzt Bader und sein Trainerstab um Christoph Brandner und Kirk Furey wie immer auf eine breite Auswahl, neben fast allen Defendern sollten mindestens vier Forward-Paare zum Einsatz kommen.
Im PP hingegen ist auch eine neue Hierarchie notwendig geworden: Clemans Unterweger löst nicht nur hier Heinrich als Nr. 1 ab. Der Rest des ersten Blocks ist noch etwas offen, aber Zwerger dürfte Schneider auf dessen Stammposition an der linken Flanke ablösen. Nissner als Bumper ist gesetzt, Schneider wechselte zwischen down low und der rechten Halfwall.
Noch offen daher: Paul Huber hier down low oder Kolarik rechts – er könnte dabei seinen One-Timer als Linksschätze besser einbringen als Schneider, dessen Schussstärke etwas zu verloren gehen droht.
Im zweiten Unit gewann Nickl vorläufig das Rennen um den Platz an der blauen Linie – eine Position, die im Verein Unterweger, Maier sowie die Legionäre Jesper Jensen Aabo Jordan Murray und Josh Teves vor ihm ausübten.
Maier oder Wolf wären weitere (nicht allzu prickelnde) Varianten. Paul Huber könnte hier um das Tor herum agieren , dazu kommen noch Thaler (links) und Mario Huber als Bumper bzw. rechts sowie Rohrer, der aber vor allem im PK wichtig sein wird.
Die Schlüsselfaktoren
Die Voraussetzungen für eine erfolgreiche WM, sprich Klassenerhalt:
Solide Goalies
Dichte im eigenen Drittel, angefangen von stabilen Defendern bis zu gelungenen Übergaben an die Winger
Weniger Odd-Man-Breaks als zuletzt gegen Slowenien
Spieler die mit den gesteigerten Aufgaben nach oben tendieren (Thaler, Schwinger) oder WM-Debütanten, die entweder eisläuferisch und defensiv solide agieren oder sich sogar scorertechnisch einbringen können.
Die WM wird auch zur Nagelprobe des oftmaligen Sagers, dass die Spielerauswahl breiter geworden ist. Das stimmt unzweifelhaft, wenn man die letzten U20-WMs betrachtet. Doch die Unmenge an Forward-Ausfällen bedeutet, dass mehr Neulinge und Comebacker als geplant in die Bresche springen müssen. Die WM in Zürich könnte damit schon zu einem Ausblick in die Zukunft werden...