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Alex Ovechkin und seine "zwei Geburtstage"

Bernd Freimüller über spezielle Momente in der Karriere des Superstars:

Alex Ovechkin und seine Foto: © getty

Die Washington Capitals sind erstmals Stanley-Cup-Champions.

Endlich, muss man sagen, denn sie waren in den letzten Jahren schon immer gut aufgestellt. Vor allem dank ihres Superstars Alex Ovechkin.

LAOLA1-Experte Bernd Freimüller wirft einen Blick auf spezielle Momente in der Karriere des russischen Snipers.

Sein Draftjahr

Sein Draftjahr
Foto: © getty

Ovechkin war natürlich einer jener Spieler, die auch jeder Eishockey-Fan hätte scouten können – zu augenscheinlich war sein Talent. Solche Sätze waren typisch für meine insgesamt zwölf Reports: "Früher Favorit für Nr.-1-Pick in 2004." "Niemand, der klar in der Birne ist, würde an ihm vorübergehen." "Würde nur nicht Nr. 1 werden, wenn er einer Sekte beitritt oder in den Wäldern um Moskau verlorengeht."

Ovechkin war ja auch kein Spieler, der erst im Draft-Jahr die Bühne betrat – als "spätes" Geburtsdatum (wurde zwei Tage zu spät geboren, um schon 2003 draft-fähig zu sein) spielte er natürlich schon früh in den Junioren-Nationalteams und in der Kampfmannschaft von Dynamo Moskau. In Letzterer hatte er zu Beginn natürlich noch physische Nachteile, die er aber bald aufholte. In jedem Bericht zu lesen: Ein Hinweis auf sein "Shooting-Arsenal", vor allem seinen gewaltigen One-Timer, die er vor allem im Powerplay einzusetzen wusste.

In seinen Interviews vor dem Draft kam er auch immer gut rüber – keine der typischen russischen Maschinen mit einsilbigen Antworten, sondern so wie sein Landsmann Ilya Kovalchuk mit einem selbstbewussten und lebensfreudigen Auftreten. Daran änderte auch nichts, dass er wie viele seiner Landsleute kein Wort Englisch sprach. "Red Flags", also Warnzeichen auf Eigenschaften, die seine Karriere negativ beeinflussen könnten, gab es keine. Einzig sein Defensivverhalten auf dem Eis war immer ein kleines Fragezeichen.

Die verrückte Idee der Panthers

Die verrückte Idee der Panthers
Foto: © getty

Die Washington Capitals mussten am Draft-Tag 2004 natürlich nicht zweimal nachdenken, um Ovechkin als Nr. 1 auszurufen. Auch wenn klar war, dass Evgeny Malkin ebenfalls ein NHL-Superstar werden würde, war Ovechkin eigentlich immer die Nr. 1, auch wenn man jetzt schöne Diskussionen damit füllen kann, die Karrieren der beiden zu vergleichen.

Die Florida Panthers wollten aber schon ein Jahr zuvor das Rennen um "Ovi" für sich entscheiden. Wie bereits erwähnt – sein Talent war bereits vor seinem Draft-Jahr klar ersichtlich und sein Geburtsdatum (17. September) lag nur zwei Tage nach dem Cut-Off-Date (15. September).

Die Panthers-Argumentation, die vor allem von Eigentümer Alex Cohen getragen wurde: Aufgrund der Schaltjahre in Ovechkins Leben könne er bereits jetzt gedrafted werden, sein "bereinigtes" Geburtsdatum wäre ja eigentlich der 13. September.

Hanebüchen natürlich, vergleichbar vielleicht mit der Idee von Islanders-Eigentürmer Charles Wang, einen Sumo-Ringer ins Tor zu stellen, um dieses völlig auszufüllen.

Doch als GM kann man seinem Chef natürlich nur schwer fragen, ob er irgendwo angelaufen wäre, und Rick Dudley musste sich dann auch pflichtbewusst dieser Aufgabe widmen. Die NHL ließ die Panthers aber gar nicht erst Ovechkins Namen in die Draft-Database eingeben. Dudley war auch mein Chef später in Atlanta – er ist zwar in manchen Dingen etwas exzentrisch, doch diese Sache war ihm überaus peinlich. Daher will er sich heute auch nicht darüber äußern, ob er diesen Schachzug nur einmal in der letzten Runde oder mehrere Male probieren musste.

Die NHL war jedenfalls "not amused" und erstickte diesen Unsinn im Keim.

Von einem Flügel zum anderen

Von einem Flügel zum anderen
Foto: © getty

So wie sein Können war auch seine Position lange unumstritten: Schon in Juniorentagen war Ovechkin ein linker Flügel, der wie Kovalchuk oder Patrik Laine gerne zur Mitte zieht, um vor dort durch die Verteidiger und Goalies durchzuschießen. Auch seinen One-Timer im Powerplay kann er von seinem "Off Wing" natürlich besser anbringen, wobei die Postionen in Überzahl neu gemischt werden.

Am Beginn der Saison 2012/13 hatte Coach Adam Oates aber die Idee, seinen Sniper auf den rechten Flügel zu stellen. Mit Saisonen mit 32 bzw. 38 Toren lag Ovechkin zuvor unter seinen Möglichkeiten und Oates war der Meinung, dass sein Star zu wenig in Puckbesitz war. Schon in seinem Vorstellungsgespräch mit GM George McPhee äußerte Oates diese Idee und zog diese dann nach seinem Job-Antritt auch durch. Ovechkin war davon zu Beginn wenig begeistert, einige Zeit pendelte er dann auch zwischen den beiden Wings. Doch egal ob wegen oder trotz dieser Maßnahme – Ovechkin fand seinen Scoring-Touch im vollen Umfang wieder, wohl auch dadurch bedingt, dass sich sein Set-Up-Center Nicklas Bäckström nach einer Gehirnerschütterung wieder zurückmeldete. Ovechkin beendete die Saison 12/13 mit 32 Toren in 48 Spielen (Lockout!), mit 51 Toren in 78 Spielen meldete er sich im Jahr darauf endgültig zurück.

Inzwischen ist Ovechkin wieder ein linker Flügel, auch wenn Oates-Nachfolger Barry Trotz die Idee nicht gleich ad acta gelegt hatte. Doch im heutigen Eishockey sind die Übergänge zwischen den Positionen ohnehin fließend und spielen am ehesten noch in der Defensivzone eine Rolle. Egal ob links oder rechts – gerade heuer fand Ovechkin wieder genug Platz für seinen Schuss und zeigte sich darüber hinaus passfreudiger und dadurch schwerer auszurechnen als zuvor.

Der Patriot

Der Patriot
Foto: © getty

Ovechkin trat in unglaublichen zwölf aufeinanderfolgenden A-WMs an, erst eine Verletzung im Frühjahr 2017 stoppte diese Serie, bevor er heuer natürlich wegen des Stanley-Cup-Runs der Capitals unabkömmlich war. Egal ob Washington die Playoffs gar nicht schaffte (dreimal in seiner Karriere) oder in den Conference-Viertel- oder Semifinals ausschied – ein Nicht-Antreten bei der WM war für Ovechkin nie ein Thema.

Hinter vorgehaltener Hand wurde aber schon ab und zu gefragt, wo seine Präferenzen denn eigentlich lägen. Vor allem sein Flug zur WM in Prag 2015 zum Semifinale gegen die USA stieß einigen Leuten in Washington sauer auf, lagen zwischen Spiel 7 gegen die Rangers (1:2 nach Overtime) und seinem Abflug nicht einmal 24 Stunden. Saß er da schon auf gepackten Koffern? Allerdings war er im Spiel gegen die Rangers auch der einzige Capital, der getroffen hatte.

Der heute 32-Jährige hat in seiner Vita bisher drei WM-Siege stehen, dazu kommen noch zwei Silber- und drei Bronzemedaillen. Bei Olympia ging es ihm aber weniger gut – drei Turniere, keine Medaille.

Schafft er noch die Aufnahme in den Triple Gold Club? Nun, nach den WM-Titeln ist er nun auch Stanley-Cup-Sieger, doch bei den nächsten Olympischen Spielen wäre er schon 35. Als erstmals die Rede davon war, dass die heurigen Spiele in PyeongChang ohne NHL-Profis ablaufen würden, zeigte er sich noch als Rebell und sprach immer davon, auf jeden Fall dort anzutreten. Doch als die NHL endgültig "Nyet" sagte, war auch von Ovechkin außer einem letzten Aufbegehren nichts mehr zu hören, er war wie alle seiner Ligakollegen außen vor. Ob Beijing 2022 für ihn und die andere NHL-Profis noch ein Happy End bringen und er seine großartige Karriere endgültig krönen kann?


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